278. Die falschen Zeugen

(Mt 26, Mk 14)

 

I Falsche Anklagen wider Jesus

Die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat suchten nach einem falschen Zeugnis wider Jesus, damit sie Ihn zum Tode verurteilen könnten. Doch fanden sie keines, trotz der vielen falschen Zeugen, die auftraten.

Siehe Jesus, den Sohn Gottes, mitten unter seinen Anklägern! Er, der Richter der Lebendigen und der Toten, läßt sich vor den Richterstuhl der ungerechtesten Richter der Welt stellen. Das tut Er, damit du eines Tages Barmherzigkeit findest vor dem Richterstuhl Gottes. Durch die ungerechten Anschuldigungen, deren Gegenstand Er ist, will Er uns befreien von den gerechten Anklagen, die beim Letzten Gericht gegen uns vorgebracht werden. Stelle dich nahe zum göttlichen Heiland und höre alles, was verletzter Stolz, Rachsucht, Selbstsucht, Heuchelei, Menschenfurcht, Gefallsucht und alle menschlichen Leidenschaften, die das Evangelium verdammt, gegen den Heiligsten der Heiligen vorbringen!

Zahlreiche Belastungszeugen gegen Jesus sind durch die Aussicht auf Lohn gewonnen worden. Aber sie widersprechen einander. Wer könnte auch gegen die ewige Weisheit Recht behalten? Sie ist Mensch geworden, um die gottgewollte Ordnung in der Schöpfung wiederherzustellen, und wird beschuldigt, Aufruhr zu entfesseln. Angesichts dieser Verleumdungen bezeige du dem Heiland deine Ehrfurcht. Bekenne, daß Er die unfehlbare Wahrheit ist, und stelle dich unerschrocken auf seine Seite! Halte fest an seiner Lehre im Glauben und im Werk!

 

II Jesus schweigt und rechtfertigt sich nicht

Da erhob sich der Hohepriester, trat in die Mitte und richtete an Jesus die Frage: «Hast Du nichts zu erwidern auf das, was diese gegen dich vorbringen?» Jesus aber schwieg und gab keine Antwort.

Verehre dieses Schweigen des Heilands angesichts der Verleumdung. Welche Gedanken mögen Jesus in diesem Augenblick beschäftigen? Er denkt an dich, meine Seele! Zu deinem Heil und zu deiner Belehrung schweigt Jesus. Wenn Er sich rechtfertigte, würdest du nicht erlöst werden. Er zieht es vor, zu schweigen und zu sterben. Wie willst du Ihm soviel Liebe vergelten?

«Antwortest Du nichts?» fragt der Hohepriester. «Weshalb antwortest Du nichts?» Jesus antwortet nicht, um uns bei erlittenem Unrecht schweigen zu lehren. Er schweigt, um in uns den Entschluß zu befestigen, Gott das Opfer unserer Eigenliebe und unserer unberechtigten Ansprüche zu bringen. Er schweigt, um uns zu sagen, daß, wenn alle Menschen uns anklagen, uns im Himmel ein Verteidiger bleibt.

Dringe, so tief du es vermagst, in das Herz des göttlichen Meisters ein! Der neidische Haß seiner Feinde hat nicht die geringste Bitterkeit oder Empfindlichkeit darin hervorgerufen. Man will Ihn durchaus schuldig erklären; Er willigt ein, es zu scheinen. — Wenn die Rechtfertigung vergeblich ist, ist Schweigen die würdigste Verteidigung, zumal ein Schweigen, das beseelt ist von Liebe, die verzeiht und vergißt.

Wenn du das Schweigen Jesu vor seinen Richtern betrachtest, wirst du die Kraft finden, dem Schwarm der unzufriedenen Gedanken und Klagen Einhalt zu tun, die manchmal nutzlos den Frieden des Herzens stören und dich um das Verdienst der Geduld und Demut bringen. Vergiß auch du wie dein Erlöser alles, was du je von der Eifersucht anderer durch Lüge und üble Nachrede zu ertragen hattest. Wenn du unter der Ungerechtigkeit der Menschen zu leiden hast, so klage es einzig dem Heiland und vereinige alles mit seinem Opfer!