36. Nikodemus bei Jesus

(Joh 3)

 

I Jesus nimmt Nikodemus auf

Unter den Pharisäern war ein jüdischer Ratsherr namens Nikodemus. Dieser kam des Nachts zu Ihm.

Suche mit dem furchtsamen Jünger das Haus auf, wo der göttliche Meister wohnt.1 Dort erwartet Er auch dich, um deinen Glauben zu vermehren und zu stärken. Wer ist Nikodemus? Er ist ein Pharisäer. Die Umgebung, in der er bisher gelebt hat, ist für die Annahme des göttlichen Wortes nicht günstig: falsche Religionsbegriffe, hartnäckige Vorurteile, eifersüchtige Zänkereien, Erörterungen ohne Ende. Trotzdem ist das göttliche Wort auf guten Boden gefallen und hat Früchte getragen. Nikodemus ist, wenn auch furchtsam, doch ernst und aufrichtig. Er ist ganz erfüllt von dem, was er gesehen und gehört hat. So wenig er auch davon verstanden hat, so wird doch durch Nachdenken in ihm das lebhafte Verlangen geweckt, weiter vom Heiland belehrt zu werden. Er begnügt sich nicht mit der halben Wahrheit, er will sie ganz besitzen.

Mußt du nicht dasselbe Verlangen hegen nach allem, was du gesehen und gehört hast? Bitte den Heiland, alle deine Zweifel und Schwierigkeiten zu lösen.

Wie verhält sich Nikodemus? Er sprach zu Ihm: «Meister, wir wissen, daß Du ein Lehrer bist, der von Gott gekommen ist; denn niemand kann die Wunder wirken, die Du wirkst, außer Gott ist mit ihm. — Ich glaube und bekenne, daß Du ein Gesandter Gottes bist, deine Wunder haben mich überzeugt.» Mehr sagt er nicht. Er wartet ohne Zweifel auf das Wort der Wahrheit; er öffnet Ihm sein Herz. Noch ist sein Geist in der Finsternis des Irrtums befangen, aber seine Gelehrigkeit ist die beste Vorbereitung für die Gnade des Glaubens. Gott allein kann in den Seelen, die Er unterweist, diesen Glauben wecken und zur Entfaltung bringen. Bitte Ihn demütig, in dir zu deinem geistlichen Fortschritt seine göttliche Wirksamkeit auszuüben.

1 Es war während des Aufenthaltes Jesu in Jerusalem, nach dem Osterfest, im Monat April.

 

II Jesus erklärt die Notwendigkeit der Wiedergeburt zu einem neuen Leben

Jesus entgegnete ihm: «Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht wiedergeboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht schauen. ... Wenn jemand nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem Heiligen Geiste, so kann er in das Reich Gottes nicht eingehen.»

Bemühe dich, die geheimnisvolle Sprache Jesu zu verstehen. «Der Mensch muß wiedergeboren werden», sagt Er. «Wenn du dahin gelangen willst, wohin ich dich führen soll, so mußt du wiedergeboren werden zu einem Leben, das ganz verschieden ist von jenem, das du bis jetzt geführt hast. Ich bin gesandt, dich zu Gott zu führen, dir sein Leben mitzuteilen, dich in sein Reich aufzunehmen und dich seiner Güter teilhaftig zu machen. Deswegen mußt du wiedergeboren werden. Unmöglich kannst du Gott von Angesicht zu Angesicht schauen und Ihn in seinem Reich besitzen, wenn du dich nicht dazu verstehst, dem bisherigen Leben der Sinne und der verkehrten Leidenschaften abzusterben. Du mußt allem entsagen, was keinen Wert für die Ewigkeit hat.»

Erkennst du die zwingende Folgerichtigkeit dieser Sprache? Nimm sie von deinem Meister an. Laß dich durch das Widerstreben des natürlichen Menschen nicht beirren. Der Sohn Gottes will, daß du deine gefallene Natur abtötest, um diesen Preis wirst du das wahre Leben erwerben. Biete dich großherzig zu allen Opfern der Entsagung an. Ziehe den irdisch gesinnten Menschen aus und nimm die Gesinnungen eines Kindes Gottes an.

 

III Jesus löst die Zweifel des Nikodemus

Nikodemus fragte: «Wie ist das möglich?» Jesus antwortete ihm: «Du bist Lehrer in Israel und verstehst das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und wir bezeugen, was wir gesehen haben; aber ihr nehmt unser Zeugnis nicht an.»

Noch zweifelnd fragt Nikodemus: «Wie kann das geschehen?» So sprechen jene, die erst anfangen, Jesus kennenzulernen und bei denen die Kenntnis über Ihn noch unvollkommen ist. Jesus ist die unendliche Weisheit und Allmacht. Mit einem Wink besiegt er jede Schwierigkeit, mit einem Wort klärt er die unfaßbaren Geheimnisse auf. Diese Überzeugung will Jesus unserer Seele tief einprägen.

Höre, wie der Herr sein Erstaunen über die Unwissenheit des Nikodemus äußert. Jesus betrachtet seine Lehre, von der sein nächtlicher Besucher nichts versteht, als eine Grundwahrheit. Er macht dem Gesetzeslehrer den Vorwurf, daß er nicht weiß, was der geringste Gläubige wissen muß. Verdienst nicht auch du diesen Vorwurf? Müßtest du nicht schon lange durch deine feste Glaubensüberzeugung die Stütze der Schwachen, das Licht der Unwissenden, der Führer jener sein, welche die Wahrheit suchen? Wie bist du in deiner Überzeugung oft noch schwach und unbeständig!

Stärke deinen Glauben und schenke Jesus Vertrauen! Wir sollen seinen Worten glauben, eben weil Er, die ewige Wahrheit, zu uns spricht. «Ich rede, was ich weiß», erklärt Er, «und bezeuge, was Ich gesehen habe. Wenn Ich euch sage, daß Gott euch liebt, daß Er euch an Kindesstatt annehmen will und daß Er euch einen Anteil an seinem himmlischen Erbe hinterlegt hat, so teile Ich euch nur mit, was der Vater Mir zu verkünden aufgetragen hat. Glaubt meinen Worten!» Solchen Glauben verlangt Jesus von den Seinen. Beuge dich in Ehrfurcht vor seiner allerhöchsten Autorität. Bekenne dich zu seinen Anhängern. Bete kniend dein Credo.