232. Der unfruchtbare Feigenbaum

(Mt 21,Mk 11)

 

I Jesus verflucht den unfruchtbaren Feigenbaum

Als Er frühmorgens1 in die Stadt zurückkehrte, hungerte Ihn. Da sah Er am Weg einen Feigenbaum.2 Er ging auf ihn zu, fand aber nur Blätter an ihm,3 denn es war gerade nicht die Zeit der Feigen.4

Jesus begibt sich von Bethanien nach Jerusalem. Ihm steht ein arbeitsreicher Tag bevor, und Er beginnt ihn damit, daß Er seinen Jüngern eine geheimnisvolle Lehre erteilt.

Wie kommt es, daß Jesus hungert und daß Er sich nicht scheut, es offen zu bekennen? Er will uns zeigen, daß Er als Mensch auch unsere Bedürfnisse teilt. Da Er wirklich arm ist, ist Er mit den Entbehrungen, denen die Armen ausgesetzt sind, vertraut. Sein Seeleneifer hat Ihn schon in früher Morgenstunde hinausgetrieben, unbekümmert um Speise und Trank. Die Sorge um unsterbliche Seelen läßt Ihn alles andere vergessen.

Betrachte den Feigenbaum, dem der Heiland sich nähert! Bedenke, daß auch deine Seele gleich dem Feigenbaum Gott wohlgefällige Früchte bringen soll. Aber der Baum, an dem Jesus Früchte sucht, bringt nur Blätter, und deshalb spricht Er den Fluch über ihn aus: «In Ewigkeit soll an dir keine Frucht mehr wachsen!» Und alsbald verdorrte der Baum. Du siehst, wie Jesus in heiliger Entrüstung das Geschöpf, welches seinen Erwartungen nicht entsprochen hat, verflucht. Reicher Blätter- und Blütenschmuck schützt den Feigenbaum nicht vor dem Fluch Gottes, da er seine Bestimmung, Früchte zu tragen, nicht erfüllt.

Der Feigenbaum in seinem reichen Blätterschmuck ist ein Bild jener Menschen, die ihre Lebenskraft in müßigen Wünschen und Vorsätzen erschöpfen. Nicht dazu gibt und erhält die göttliche Weisheit den Menschen das Leben. Es genügt nicht, von der Vollkommenheit zu träumen, wir müssen energisch danach streben. Das will uns Jesus durch seine symbolische Handlung lehren. Auch uns erwartet ein gleiches Schicksal, wenn wir uns diese Warnung nicht zu Herzen nehmen. Er straft den Baum, um den Menschen zu schonen.

1 Am Gründonnerstag.

2 Jedenfalls auf der steinigen Landstraße, die vorn südlichen Abhang des Ölberges nach Bethphage hinaufführt.

3 Jeder Reisende hatte das Recht, von den Obstbäumen zu pflücken, die am Rand des Weges standen, um seinen Hunger zu stillen.

4 Die Feigenbäume Palästinas tragen zweimal im Jahr Früchte, und zwar grüne Feigen gegen Ende Juni, und Sommerfeigen, die zwei Monate später reif sind.

 

II Jesus preist die Macht des Glaubens

Am andern Tag kamen sie in der Frühe an dem Feigenbaum vorbei und sahen, wie er bis auf die Wurzel verdorrt war. Als die Jünger das sahen, fragten sie voll Verwunderung: «Wie konnte der Feigenbaum auf der Stelle verdorren?»

Tritt mit den Jüngern hinzu, um die furchtbare Folge des göttlichen Fluches zu betrachten. Auf das Wort Jesu hin ist der unfruchtbare Baum sofort erstorben.

Mahnt der verdorrte Baum dich nicht an die ewige Unfruchtbarkeit der Verdammten, die keine Macht wieder zum Leben erwecken kann, nachdem Gottes Urteilsspruch sie dem ewigen Tod überliefert hat?

Die Jünger rufen voller Staunen: «Wie ist er so schnell verdorrt!» Jesus benützt diese Gelegenheit, ihren Glauben zu stärken, da jegliche Fruchtbarkeit im geistlichen Leben von der Kraft des Glaubens abhängt. Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: «Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht nur das zustandebringen, was an dem Feigenbaum geschehen ist, sondern wenn ihr zu dem Berg dort sagt: Heb dich und stürze dich ins Meer! so wird es geschehen.» — Durch den Glauben wird der Mensch allmächtig, denn Gott kann einem starken Glauben nichts versagen.

Die Worte des göttlichen Meisters geben dir Aufschluß über den Grund deiner Schwäche und deines Unvermögens zum Guten. Du glaubst zwar; aber dein Glaube ist zu menschlich, ihm fehlt das Übernatürliche. Der übernatürliche Glaube stützt sich einzig auf das Wort Gottes, der menschliche sucht allzusehr nach Vernunft- und Wahrscheinlichkeitsgründen, die nur eine schwankende gebrechliche Grundlage sind. Bitte Jesus um den Glauben, der Berge versetzt. Demütige dich wegen aller Zweifel, durch die du je sein göttliches Herz betrübt und sein belebendes Wort unfruchtbar gemacht hast.

Ein weiterer Grund deines geringen Vertrauens ist dein Mangel an kindlicher Liebe, der Gott nichts versagen kann. Wie würdest du glauben und vertrauen, wenn du dich so ganz als Kind Gottes fühltest.