230. Der Sieg des Kreuzes

(Joh 12)

 

I Jesus bittet seinen himmlischen Vater um Beistand zu dem Werk der Erlösung

«Jetzt ist meine Seele tief erschüttert. Was soll ich sagen! Vater, bewahre mich vor dieser Stunde. Doch gerade deshalb ist diese Stunde über mich gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen.»

Vernimm die Klage des göttlichen Meisters! Beim Gedanken an seine kommenden Leiden bemächtigen sich Schmerz und Trostlosigkeit seiner Seele. Jesus hat soeben den Weg des Fortschritts im geistlichen Leben gezeigt. In seiner Nachfolge muß man sterben, um zu leben und anderen das Leben zu vermitteln. Aber der Heiland weiß auch, wie schwer es ist, zu sterben, und zwar in Schmach und Schmerz zu sterben. Er nimmt die Last, die Er uns auferlegt, zuerst auf seine eigenen Schultern und findet sie so schwer, daß Er uns seine Erschöpfung nicht verheimlicht. Er zeigt uns aber auch durch sein Beispiel, wie wir erfolgreich gegen alle Erschlaffung und Entmutigung ankämpfen können. Was tut Jesus? Er betet; Er erhebt seine Augen zu seinem himmlischen Vater, der ja die Stärke der Schwachen ist. Er wirft sich vertrauensvoll in seine Arme, denn Er weiß, daß sein Vater Ihn liebt, und daß Er Ihn nicht verlassen wird, wenn es sich darum handelt, seine Sendung zu erfüllen. Er bestärkt sich in dem Entschluß, seine Aufgabe ganz zu erfüllen, und Er bietet sich bereitwilliger denn je zum Opfer an. So sollst auch du in Stunden der Entmutigung handeln.

 

II Der himmlische Vater verherrlicht seinen Sohn vor allem Volk

Da erscholl eine Stimme vom Himmel: «Ich habe ihn verherrlicht und will ihn noch weiter verherrlichen.» Das Volk, das dabeistand und dies hörte, meinte, es habe gedonnert. Andere sagten: «Ein Engel hat mit Ihm geredet. Jesus aber sprach: «Nicht meinetwegen erscholl diese Stimme, sondern euretwegen.»

Horche auf die Stimme vom Himmel, die den Zweifelnden und Schwankenden Gewißheit bringt. Gott ist bereits in seinem eingeborenen Sohn verherrlicht worden durch die Lehre und Wunder seines öffentlichen Lebens, aber Er wird sich in noch augenscheinlicherer Weise in Ihm offenbaren. In dem geheimnisvollen Tod des Sohnes soll die Ehre des Vaters im hellsten Glanz erstrahlen, und in diesem Licht betrachtet die ewige Weisheit alle Verdemütigungen und Leiden. Wenn wir den Kreuzestod des Herrn recht beurteilen wollen, müssen auch wir uns auf diesen Standpunkt stellen. Die Umstehenden vernehmen die geheimnisvolle Stimme und verstehen sie nicht. Sie fragen einander, was geschehen sei, und in dem Lärm und der Aufregung erfaßt keiner den Sinn der Worte. Erhebe dich über dieses unruhige Treiben und lausche, denn Gott der Vater spricht für uns, um die Kleinmütigen zu ermutigen und die Eifrigen anzuspornen. Vor allem aber will Gott die Herzen vorbereiten, Frucht aus dem Leiden Jesu zu ziehen und Ihm dadurch neue Triumphe sichern. Die Stimme Gottes will die Stimme des Hochmuts zum Schweigen bringen und alle Herzen rückhaltlos für Christus erobern.

 

III Jesus sagt seinen endgültigen Sieg über die Feinde Gottes voraus

«Jetzt ergeht das Gericht über die Welt, jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen. Ich aber werde, wenn ich von der Erde erhöht bin, alles an mich ziehen.» Mit diesen Worten wollte Er andeuten, welchen Todes Er sterben werde. Folge den Worten deines Meisters! Die entscheidende Stunde naht. Jesus wirft einen Blick in die Zukunft und sagt dir, was Er schaut. Er sieht die höllischen Gewalten gefesselt und die Welt besiegt; Er sieht, wie die Völker ob seines Triumphes frohlocken, und sein göttliches Herz jubelt. Nimm teil an dieser Freude!

«Jetzt ergeht das Gericht über die Welt», sagt der Heiland. «Alle Irrtümer und alle verderblichen Grundsätze der Welt werden verurteilt werden. Von meinem Licht erleuchtet, werdet ihr die Welt beurteilen, wie sie es verdient, und ihre lügnerische Bosheit und Verderbnis in ihrer ganzen Häßlichkeit erkennen. Dann wird es euch nicht mehr schwerfallen, mit ihr und ihren Anhängern zu brechen.» Das ist die Frucht seines Todes, die Jesus uns am Baum des heiligen Kreuzes zeigt. Und Er fährt fort: «Ich werde alles an mich ziehen.» — Im Augenblick seiner größten Schmach wird der göttliche Meister durch seine Liebe dich so an sich ziehen, daß du Ihm nicht widerstehen kannst. Freue dich also auf den Augenblick, da du mit Ihm den Kalvarienberg hinaufsteigen wirst. Bereue es nicht, den steilen Pfad gewählt zu haben, der dort hinaufführt. Eile seinem Gipfel zu, und suche Schutz unter dem Freiheitsbaum des Kreuzes, den Jesus dort aufrichtet. Sprich zu Ihm im Namen aller, die dir lieb und teuer sind: «O heiliges Kreuz, laß auch auf uns jene himmlische Kraft ausströmen, die alle Seelen zu dem hinzieht, der an dir stirbt.»