Word:  Alle Evangelien

 

Alle Evangelien

Das jeweilige Evangelium ist
an diesen Farben zu erkennen:

Das Evangelium nach Matthäus

Das Evangelium nach Markus

Das Evangelium nach Lukas

Das Evangelium nach Johannes

 

 Die heiligen vier Evangelien

Evangelium bedeutet „Frohbotschaft“. Daß Gott seine Verheißungen erfüllt und in Christus der Welt den Erlöser geschenkt hat, ist die froheste Kunde für die gesamte Menschheit. Diese Botschaft allen Geschöpfen zu bringen, war der Auftrag des scheidenden Erlösers an seine Jünger. Nachdem die Apostel zuerst jahrelang mündlich die Frohbotschaft Jesu Christi verkündet hatten, gingen einzelne Männer daran das Wichtigste davon aufzuschreiben. Aber nur vier aus der größeren Zahl schriftlicher Darstellungen (Lk 1, 1) hat die Kirche als kanonisch, als zur göttlichen Offenbarung gehörend, anerkannt. Die Verfasser sind Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, zwei Apostel und zwei Apostelschüler. Wir besitzen in diesen vier Schriften in jeder Hinsicht glaubwürdige geschichtliche Urkunden, deren einwandfreie Überlieferung wir von den Tagen der Apostel bis heute nachweisen können. Jeder Evangelist hat uns die eine und einzige Frohbotschaft des Heils überliefert, aber jeder unter einem besonderen Gesichtspunkt ausgewählt, geordnet und dargestellt, je nach dem Ziel, das er im Auge hatte, und nach dem Leserkreis, an den er sich wandte. Wie wenn vier tüchtige Maler dieselbe Person nach dem Leben malen und trotz aller Selbständigkeit im Farbton und in der Hervorhebung bestimmter Charakterzüge doch ein wahres Bild der Person schaffen, so hat der Geist Gottes uns durch die Künstlerhand der vier Evangelisten das wahre Christusbild zeichnen lassen. Matthäus schildert Christus als den Messias, an dem sich die Weissagungen des Alten Bundes erfüllt haben; Markus denselben Christus als den großen Wundertäter und Bezwinger der Dämonen; Lukas den barmherzigen Heiland, den Freund der Armen und der reuigen Sünder; Johannes endlich den auf Erden erschienenen eingeborenen Sohn Gottes, aus dessen Fülle wir alle empfangen Gnade um Gnade, Licht und Leben.

Die vier Evangelien sind die Krone der ganzen Bibel. Nie feiert die Kirche das heilige Meßopfer, ohne einen Abschnitt aus einem Evangelium zu verlesen, und sie umgibt diese Lesung mit besonders eindrucksvollen Zeremonien. Sie ehrt das Evangelienbuch wie den gegenwärtigen Christus. In der griechischen Kirche liegt es stets neben der heiligen Eucharistie auf dem Altare. Bei Gott und seinem heiligen Evangelium schwört der gläubige Christ den feierlichen Eid. Darum sollte jeder bestrebt sein, von allen Büchern der Heiligen Schrift die vier Evangelien am eifrigsten zu lesen, zu betrachten und sein Leben danach zu formen.

 

 

Das Evangelium nach Matthäus

 

Einleitung:

Der Evangelist Matthäus gehört zum Apostelkollegium. Er hieß auch Levi, Sohn des Alphäus, und wurde bei Kapharnaum von seiner Zollstätte aus zum Apostel berufen. Der verachtete Zöllnerstand war für diese Auszeichnung eines seiner Mitglieder dankbar (Mt 9,9-13). Nach der Himmelfahrt des Herrn wirkte Matthäus zunächst unter seinen Landsleuten in Palästina. Über sein weiteres Leben fehlen uns geschichtliche Zeugnisse. Die Legende hat ihn oft mit Matthias verwechselt. Seine Tätigkeit als Apostel in Äthiopien (Abessinien) erscheint am meisten beglaubigt. Die Kirche feiert sein Fest am 21. September und verehrt seine Gebeine im Dom zu Salerno.

 

Bis in die apostolische Zeit hinauf reichen die Nachrichten, daß Matthäus der Verfasser eines Evangeliums in aramäischer Sprache ist. Es wurde bald in die griechische Weltsprache übersetzt, in der die übrigen Schriften des Neuen Testaments abgefaßt sind, und ist uns nur in dieser Übersetzung erhalten geblieben. Schon die älteste Überlieferung weiß, daß das Matthäusevangelium zunächst für gläubige judenchristliche Leser und gegen ungläubige Juden geschrieben wurde. Der Evangelist weist ihnen nach, daß Jesus Christus der von Gott verheißene Messias und seine Kirche das wahre „Königreich der Himmel“, das messianische Reich ist. Deshalb zitiert er oft Stellen aus dem Alten Testament, die in Christus sich erfüllt haben. Nach kurzer Schilderung der Kindheitsgeschichte (1,1-2,23) und der Vorbereitung des öffentlichen Wirkens (3, 1-4, 11) berichtet Matthäus ausführlicher über die Tätigkeit Jesu in Galiläa (4, 12-18, 35). Daran schließen sich ausgewählte Begebenheiten und Reden auf der Reise nach Jerusalem (19,1-20,34) und in der Hauptstadt (21,1-25,46). Die Darstellung der Leidens‑ und Verklärungsgeschichte bildet den Schlußteil (26, 1-28, 20). Die Einzelheiten sind nicht immer in der strengen geschichtlichen Aufeinanderfolge erzählt, sondern oft nach literarischen und sachlichen Gesichtspunkten gruppiert. Als Zeit der Abfassung kommen wohl noch nicht die vierziger, sondern die fünfziger Jahre in Betracht, als Ort Palästina.

 

Aus der Kindheitsgeschichte Jesu

1 Stammbaum. Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abra­hams. Von Abra­ham stammte Isaak ab, von Isaak Jakob, von Jakob Judas und seine Brüder. Von Judas und der Thamar stammten ab Phares und Zara, von Phares Esron, von Esron Aram. Von Aram stammte Aminadab, von Aminadab Naasson, von Naasson Salmon. Von Salmon und der Rahab stammte Booz, von Booz und der Ruth Obed, von Obed Jesse, von Jesse aber David der König. Von David, dem König, und der, die des Urias Weib gewesen, stammte Salomon. Von Salomon stammte Roboam, von Roboam Abias, von Abias Asa. Von Asa stammte Josaphat, von Josaphat Joram, von Joram Ozias. Von Ozias stammte Joatham, von Joatham Achaz, von Achaz Ezechias. 10 Von Ezechias stammte Manasses, von Manasses Amon, von Amon Josias. 11 Von Josias aber stammten ab Jechonias und seine Brüder um die Zeit der Wegführung nach Babylon.

12 Und nach der Wegführung nach Babylon wurde Jechonias der Stammvater des Salathiel, von Salathiel stammte Zorobabel ab. 13 Von Zorobabel stammte Abiud, von Abiud Eliakim, von Eliakim Azor. 14 Von Azor stammte Sadok, von Sadok Achim, von Achim Eliud. 15 Von Eliud stammte Eleazar, von Eleazar Mathan, von Mathan Jakob. 16 Von Jakob aber stammte ab Joseph, der Mann Mariä, von der geboren wurde Jesus, der Christus genannt wird. 17 So sind es im ganzen von Abra­ham bis auf David vierzehn Geschlechter, von David bis zur babylonischen Gefangenschaft vierzehn Geschlechter und von der babylonischen Gefangenschaft bis auf den Messias vierzehn Geschlechter. 1-17 Der Stammbaum zählt zwar die Ahnen Josephs, des gesetzlichen Vaters Jesu, auf; aber auch die Mutter des Herrn stammte von Abra­ham (Gal 3, 16; 4, 4) und David ab (Lk 1, 27; Röm 1, 3; 2 Tim 2, 8). Nur völlige Mißachtung aller geschichtlichen Zeugnisse kann zu der Behauptung führen, Jesus sei arischer Herkunft. Der Evangelist will durch die nicht lückenlose, schematisch gegliederte Ahnenreihe (V. 17) dartun, daß von Anfang an die gesamte Geschichte Israels auf Christus hingeordnet ist. Von den außer Maria genannten vier Frauen sind drei nur durch Sünde Stammütter des Messias geworden: Thamar, Rahab und die Frau des Urias; die vierte wurde aus dem heidnischen Moabitervolk berufen. Aber nichts von den sündigen Erbanlagen ist auf Jesus übergegangen; denn bei Joseph hört die männliche Reihe auf. Maria aber ist ohne Erbsünde ins Leben getreten und durch ein Wunder ohne Mitwirken eines menschlichen Vaters die Mutter des Gotteskindes geworden, wie der folgende Abschnitt (18-25) zeigt.

 

Geburt Jesu. 18 Mit der Geburt Jesu Christi aber verhielt es sich also: Als seine Mutter Maria mit Joseph verlobt war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, daß sie empfangen hatte vom Heiligen Geiste. 19 Joseph aber, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht in üblen Ruf bringen wollte, gedachte sie heimlich zu entlassen. 20 Während er mit diesem Gedanken umging, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traume und sprach: Joseph, Sohn Davids, scheue dich nicht, Maria, dein Weib, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist vom Heiligen Geiste. 21 Sie wird einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden. 22 Dies alles ist geschehen, damit in Erfüllung gehe, was vom Herrn durch den Propheten gesagt worden: 23 Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und man wird ihm den Namen Emmanuel geben, das heißt: Gott mit uns (Is 7, 14). 24 Joseph stand vom Schlafe auf und tat, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm sein Weib zu sich. 18-24: Aus Bescheidenheit schweigt Maria über das Wunder ihrer jungfräulichen Mutterschaft. Joseph kommt dadurch in peinlichste Verlegenheit. Bei gerichtlicher Anzeige wäre Maria wie eine treulose Braut gesteinigt worden. In schonender Liebe will ihr Joseph ohne viel Aufsehen den Scheidebrief ausstellen. Da greift Gott ein und weiht Joseph in das Geheimnis der Menschwerdung ein. 25 Aber er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar [den Erstgeborenen]. Und er nannte seinen Namen Jesus. 25: Das Wörtchen „bis“ besagt nicht, Maria sei später auf natürliche Weise Mutter anderer Kinder geworden (vgl. 1 Mos 8, 7; 2 Sm 6, 23; Mt 12, 20; 28, 20). Der Zusatz „den Erstgeborenen“ fehlt in den wichtigsten Handschriften des griechischen Textes. Er setzt keine nachgeborenen Kinder voraus, sondern hat rechtlichen Sinn. So nennen wir den Erstgeborenen eines regierenden Fürsten Kronprinz, auch wenn er keine Geschwister hat. .

 

2 Die Weisen. Als Jesus zu Bethlehem in Judäa in den Tagen des Königs Herodes geboren wurde, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenlande nach Jerusalem 1: Die Geburt Jesu fällt etwa 6-7 Jahre früher, als unsere seit dem 6 Jahrhundert übliche „christliche Zeitrechnung“ annimmt, sonst hätte Herodes, der nachweislich um Ostern des Jahres 4 vor Beginn dieser Zeitrechnung starb, nicht mehr das Gotteskind verfolgen können. und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern beim Aufgehen gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten. 2: Die Weisen oder Magier sind keine Könige, sondern sternkundige Männer gewesen. Erst spätere Zeit hat sie im Hinblick auf Is 60, 1-6 und Ps 72, 10-11 (vgl. Epistel und Offertorium der Festmesse am 6. Jan.) zu Königen gemacht und den dreifachen Gaben entsprechend ihre Zahl auf drei festgelegt. Sie sind die ersten Christusverehrer aus der Heidenwelt und deuten an, daß Christi Reich katholisch, d. h. allumfassend sein werde, nicht auf Israel beschränkt. Als der König Herodes dies hörte, erschrak er und ganz Jerusalem mit ihm. Und er versammelte alle Oberpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Messias geboren werden sollte. Sie aber sprachen zu ihm: Zu Bethlehem in Judäa, denn so steht geschrieben beim Propheten: Und du Bethlehem im Lande Juda, bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird hervorgehen ein Fürst, der mein Volk Israel regieren soll (Mich 5, 2). Nun ließ Herodes die Weisen heimlich zu sich kommen und erforschte von ihnen genau, wann ihnen der Stern erschienen sei. Dann schickte er sie nach Bethlehem und sagte: Gehet hin und forschet genau nach dem Kinde, und wenn ihr es gefunden habt, so zeiget es mir an, damit auch ich komme, es anzubeten. Nachdem sie den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie beim Aufgehen gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Orte, wo das Kind war, ankam und stille stand. 10 Da sie aber den Stern sahen, hatten sie eine überaus große Freude. 11 Und sie gingen in das Haus, fanden das Kind mit Maria, seiner Mutter, fielen nieder und beteten es an. Sie taten auch ihre Schätze auf und brachten ihm Geschenke dar: Gold, Weihrauch und Myrrhe. 11: Die Magier fanden das Kind nicht mehr in der Krippe, sondern in dem Hause, in das die Heilige Familie nach der Darstellung Jesu im Tempel übergesiedelt war. 12 In einem Traumgesicht erhielten sie die Weisung, nicht mehr zu Herodes zurückzukehren; darum zogen sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.

 

Flucht nach Ägypten. 13 Als sie weggezogen waren, siehe, da erscheint ein Engel des Herrn dem Joseph im Traume und spricht: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten und bleibe dort, bis ich es dir sage. Denn Herodes hat im Sinne, das Kind suchen zu lassen um es zu töten. 14 Er stand auf, nahm das Kind und seine Mutter bei Nacht und zog fort nach Ägypten. 15 Und er blieb daselbst bis zum Tode des Herodes. So sollte sich erfüllen, was von dem Herrn durch den Propheten gesagt worden ist: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn berufen (Os 11, 1) 13-15: Joseph ist ein herrliches Vorbild des schweigenden und pünktlichen Gehorsams. Den echten Christen erkennt man weniger am Reden als am Tun.

 

Bethlehemitischer Kindermord. 16 Als Herodes sich von den Weisen hintergangen sah, wurde er sehr zornig und ließ in Bethlehem und der ganzen Umgebung alle Knäblein von zwei Jahren und darunter umbringen, nach der Zeit, die er von den Weisen erforscht hatte. 17 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremias: 18 Eine Stimme ward gehört zu Rama, großes Weinen und Wehklagen. Rachel beweint ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen, weil sie nicht mehr sind (Jer 31,15). 16-18 Wenn in Bethlehem und der Umgebung damals etwa 3000 Menschen lebten; so hat Herodes ungefähr 70-80 Kinder ermorden lassen. Rachels Grab am Wege von Bethlehem nach Jerusalem erinnerte den Evangelisten an die Worte des Propheten.

 

Rückkehr nach Nazareth. 19 Nachdem aber Herodes gestorben war, siehe, da erscheint ein Engel des Herrn im Traume dem Joseph in Ägypten 20 und spricht: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel; denn die dem Kinde nach dem Leben trachteten, sind gestorben. 21 Da stand er auf, nahm das Kind und seine Mutter und zog in das Land Israel. 22 Als er aber hörte, daß Archelaus an Stelle seines Vaters Herodes in Judäa regiere, fürchtete er sich, dorthin zu ziehen. Und nachdem er im Traume eine Weisung erhalten hatte, begab er sich in die Landschaft Galiläa. 19-22 Joseph dachte zunächst an die Niederlassung in Bethlehem, der Stadt seiner Ahnen.. 23 Dort angekommen, ließ er sich nieder in einer Stadt mit Namen Nazareth, damit erfüllt würde, was durch die Propheten gesagt ist: Er wird ein Nazarener heißen. .

 

Vorbereitung der öffentlichen Wirksamkeit

3 Johannes der Täufer. In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und predigte in der Wüste von Judäa also: Bekehrt euch, denn das Himmelreich ist nahe. 2: Wörtlich: „Denket um, denn das Königreich der Himmel ist herangenaht.“ Aufrichtige Gesinnungsänderung, Abkehr vom Irdischen und Hinkehr zum Ewigen tut not. „Reich der Himmel“ nennt Matthäus mit Vorliebe das messianische Reich Gottes, weil die Juden den Gebrauch des Namens Gottes zu vermeiden suchten. Dieses Reich beginnt hienieden, vollendet sich aber im Jenseits. Dieser ist es, von dem der Prophet Isaias geweissagt hat: Stimme eines Herolds in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht gerade seine Pfade (Is 40, 3). Johannes trug ein Kleid von Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften. Seine Nahrung aber waren Heuschrecken und wilder Honig. Da ging Jerusalem zu ihm hinaus und ganz Judäa, besonders die ganze Gegend am Jordan. Sie ließen sich von ihm taufen im Jordan und bekannten dabei ihre Sünden. Als er aber viele Pharisäer und Sadduzäer zu seiner Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gelehrt, dem kommenden Zorne zu entgehen? So bringet denn würdige Früchte der Bekehrung! Maßet euch nicht an, bei euch zu sagen: Wir haben Abra­ham zum Vater; denn ich sage euch: Gott kann dem Abra­ham aus diesen Steinen hier Kinder erwecken. 10 Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt. Ein jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. 11 Ich taufe euch mit Wasser zur Bekehrung; der aber nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin nicht würdig, ihm die Schuhe nachzutragen; dieser wird euch mit dem Heiligen Geiste und mit Feuer taufen. 12 Die Wurfschaufel hat er in seiner Hand und wird seine Tenne reinigen, den Weizen wird er in seine Scheune sammeln, die Spreu aber in unauslöschlichem Feuer verbrennen. 7-12: Der ernste Bußprediger durchschaut die selbstgerechten Pharisäer ebenso wie die freidenkerischen Sadduzäer. Jene pochten auf Rasse und Blut und auf die buchstäbliche Erfüllung des Gesetzes; diese glaubten an kein Fortleben der Seele. So meinten beide Parteien, das künftige Gottesgericht nicht fürchten zu müssen. Der Messias aber wird die Scheidung der Geister herbeiführen und jeden nach den Früchten seines Lebens beurteilen. 1-12: Vgl. Mk 1,2-8; Lk 3,1-18; Jo 1,19-28.

 

Taufe Jesu. 13 Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. 14 Doch Johannes wollte ihn abhalten und sagte: Ich habe nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir? 15 Jesus antwortete ihm: Laß es nur zu, denn so ziemt es uns, daß wir jegliche Gerechtigkeit erfüllen. Da gab er ihm nach. 16 Als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf; und siehe, der Himmel öffnete sich ihm, und er sah den Geist Gottes herabsteigen wie eine Taube und auf sich zukommen. 17 Und siehe, eine Stimme vom Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe. 13-17: Vgl. Mk 1,9-11; Lk 3,21-22. Nicht aus Schuldbewußtsein läßt Jesus sich taufen, sondern weil es zur „Gerechtigkeit“, zur vollen Erfüllung des göttlichen Willens gehörte, daß der Messias den Menschen bei allem Guten Vorbild war. Er will nicht unnötige Ausnahmen machen. Bei dieser feierlichen Einführung in sein messianisches Wirken tritt die ganze hochheilige Dreifaltigkeit in Erscheinung.

 

4 Fasten und Versuchung Jesu. Da wurde Jesus vom Geiste in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn zuletzt. Da trat der Versucher heran und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, daß diese Steine Brot werden. Er antwortete: Es steht geschrieben: Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt (5 Mos 8, 3). Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so stürze dich hinab; denn es steht geschrieben: Er hat seinen Engeln deinetwegen befohlen, daß sie dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest (Ps 91, 11 f). Jesus entgegnete ihm: Es steht auch geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen (5 Mos 6, 16). Wieder nahm ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weiche, Satan! Denn es steht geschrieben: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen (5 Mos 6 13). 11 Alsdann verließ ihn der Teufel, und siehe, Engel traten herzu und bedienten ihn. 1-11 Vgl. Mk 1,12-13, Lk 4,1-13. Nur von außen her konnte Christus versucht werden. Der Teufel will ihn unter geschickter Ausnutzung der irdisch-nationalen Messias­erwartungen der Juden vom opfervollen Weg des Erlöserberufes ablenken. Jesus lehnte jeden Kompromiß mit dem Zeitgeist ab und duldet keinen Mißbrauch der Bibel. Er lehrt uns durch sein Beispiel, wie wir selbst die Versuchung zur Sünde abwehren sollen.

 

Jesus in Galiläa

Jesus in Kapharnaum 12 Als Jesus gehört hatte, daß Johannes eingekerkert sei, zog er sich zurück nach Galiläa. 13 Er verließ [die Stadt] Nazareth und kam nach Kapharnaum am See, im Gebiet von Zabulon und Nephthalim, und nahm dort Wohnung. 14 So sollte sich das Wort des Propheten Isaias erfüllen: 15 Das Land Zabulon und das Land Nephthalim, das zum See hin liegt, jenseits vom Jordan, das heidnische Galiläa, 16 das Volk, das im Finstern sitzt, sah ein großes Licht, und denen, die im Lande des Todesschattens sitzen, ist ein Licht aufgegangen (Is 8, 23; 9, 1. 2). 17 Von dieser Zeit an begann Jesus öffentlich zu lehren mit den Worten: Bekehrt euch, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 12-17 Kapharnaum wird der Leuchter, von dem das Licht des Messias weit ins dunkle Land hinausstrahlt.

 

Die ersten Jünger. 18 Als Jesus am galiläischen See hinwandelte, sah er zwei Brüder, den Simon, der Petrus genannt wird, und dessen Bruder Andreas, wie sie das Netz in den See auswarfen; denn sie waren Fischer. 19 Er sprach zu ihnen: Folget mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen. 20 Sie verließen sogleich ihre Netze und folgten ihm. 21 Von da ging er weiter und sah zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes, wie sie im Schifflein mit ihrem Vater Zebedäus die Netze ausbesserten. Und er berief auch sie. 22 Sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten ihm nach. 18-22: Vgl. Mk 1,16-20; Lk 5,1-11.

 

Jesus als Lehrer und Heiland 23 Jesus zog nun in ganz Galiläa umher, lehrte in ihren Synagogen, verkündete die Frohbotschaft vom Reiche und heilte alle Krankheit und jedes Gebrechen unter dem Volke. 24 Und sein Ruf verbreitete sich über ganz Syrien, und man brachte zu ihm alle Leidenden mit allerlei Krankheiten und Plagen. Besessene, Mondsüchtige, Gelähmte, und er heilte sie. 25 Und es begleiteten ihn große Scharen aus Galiläa, aus den Zehn-Städten, aus Jerusalem, aus Judäa und aus der Gegend jenseits des Jordan. 23-25: Vgl. Mk 1, 39; Lk 4, 15. 44 Apg 10, 38. Jesu Lehre ist „Evangelium“, gute Mär, Frohbotschaft vom Gottesreich. Seine Religion fordert viel, gibt aber auch edelste Freude.

 

Die Bergpredigt

5 Die acht Seligkeiten. Als er aber die Volksscharen sah, stieg er auf den Berg. Als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm. Und er tat seinen Mund auf und lehrte sie also: Selig sind die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Land besitzen. Selig sind, die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Kap. 5-7: Vgl. Lk 6, 20-49. Die Bergpredigt gehört zu den wichtigsten Abschnitten des Neuen Testaments. Matthäus gibt darin in gedrängter Zusammenfassung und Auswahl die Gedanken wieder, die Jesus seinen Jüngern und dem Volke in längeren Ausführungen vorgetragen hat. Einiges hat der Evangelist aus anderem Zusammenhang eingefügt. Selig sind, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott anschauen. Selig sind die Friedensstifter; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden. 10 Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen; denn ihrer ist das Himmelreich. 11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen schmähen und verfolgen und alles Böse fälschlich wider euch aussagen um meinetwillen. 12 Freuet euch und frohlocket, denn euer Lohn ist groß im Himmel. Denn so haben sie auch die Propheten vor euch verfolgt. 1-12: Vgl. Lk 6,20-26.

 

Ermahnungen an die Jünger. 13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz seine Kraft verliert, womit soll man dann salzen? Es taugt zu nichts mehr, als daß es hinausgeworfen und von den Leuten zertreten werde. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben. 15 Auch zündet man ein Licht nicht an, um es unter den Scheffel zu stellen, sondern auf den Leuchter, damit es allen leuchte im Hause. 16 So leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. 13-16: Vgl. Mk 9,50; 4,21; Lk 14,34-35; 8,16; 11, 33. Christusjünger sollen mit dem Salz übernatürlicher Werte andere vor sittlicher Fäulnis bewahren, ihnen aber nicht das Leben versalzen. Ihr Licht soll leuchten, nicht blenden.

 

Jesus und das alte Gesetz. 17 Glaubet nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, aufzuheben, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, wird nicht ein Strichlein oder ein Häkchen vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. 19 Wer also eins von diesen geringsten Geboten auflöst und so die Menschen lehrt, der wird der Geringste heißen im Himmelreich. Wer aber es befolgt und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. 20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht vollkommener sein wird als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. 17-20: Vgl. Lk 16, 17. Die alttestamentliche Offenbarung hat im Neuen Testament ihre Geltung nicht verloren, sondern ihre Vollendung gefunden. Wer sie ablehnt, trennt Krone und Stamm von der Wurzel.

 

Vom fünften Gebot. 21 Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll dem Gerichte verfallen sein. 22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, der wird des Gerichtes schuldig sein. Wer aber zu seinem Bruder sagt: Dummkopf, wird dem Hohen Rate verfallen sein. Wer jedoch sagt: Du Narr, wird dem höllischen Feuer verfallen sein. 23 Wenn du also deine Gabe zum Altare bringst und dich dort erinnerst, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so laß deine Gabe dort vor dem Altare und geh hin und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe. 25 Versöhne dich mit deinem Widersacher ohne Verzug, solange du mit ihm auf dem Wege bist, damit dich nicht der Widersacher dem Richter übergebe und der Richter dem Gerichtsdiener, und du in den Kerker geworfen werdest. 26 Wahrlich, ich sage dir: Du wirst von da nicht herauskommen, bis du den letzten Heller bezahlt hast. 21-26: Vgl. Lk 12, 57-59. An sechs Beispielen zeigt Jesus mit gesetzgebender Vollmacht, daß im Neuen Bund das Gottesgesetz in seinem wahren ursprünglichen Sinn zu beobachten ist (21-48). Er fordert eine Religion der Gesinnung und Tat.

 

Vom sechsten Gebot. 27 Ihr habt gehört, daß [zu den Alten] gesagt worden ist: Du sollst nicht ehebrechen. 28 Ich aber sage euch: Jeder, der ein Weib lüstern ansieht, der hat schon Ehebruch mit ihr begangen in seinem Herzen. 29 Wenn dein rechtes Auge dir Ärgernis gibt, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengehe, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde. 30 Und wenn deine rechte Hand dir Ärgernis gibt, so haue sie ab und wirf sie von dir; denn es ist für dich besser, daß eines deiner Glieder verlorengehe, als daß dein ganzer Leib in die Hölle fahre. 27-30 Wer die schlechte Tat meiden will, muß die Begierde zügeln. Die ungeordnete Begierde reizt zum lüsternen Blick; der lüsterne Blick stachelt zur bösen Tat an. 31 Es ist ferner gesagt worden: Wer sein Weib entlassen will, der soll ihr einen Scheidebrief geben. 32 Ich aber sage euch: Jeder, der sein Weib entläßt, abgesehen vom Fall der Unzucht, macht, daß sie die Ehe bricht; und wer eine Entlassene zur Ehe nimmt, bricht die Ehe. 31-32 Vgl. Lk 16, 18. Die Religion Jesu läßt unter keinen Umständen nach gültig geschlossener und vollzogener Ehe eine Wiederverheiratung zu Lebzeiten beider Ehegatten zu, auch nicht bei Ehebruch. Das ist der wirksamste Schutz der Familie und der Frauenwürde. Unter bestimmten Voraussetzungen kann es erlaubt werden, daß die Ehegatten voneinander getrennt leben. Das Band ihrer Ehe aber bleibt bestehen. Nur der Tod vermag es zu lösen

 

Vom Eide. 33 Wiederum habt ihr gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht falsch schwören, sondern du sollst dem Herrn halten, was du geschworen hast. 34 Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören, weder bei dem Himmel, weil er der Thron Gottes ist, 35 noch bei der Erde, weil sie der Schemel seiner Füße ist, noch bei Jerusalem, weil es die Stadt des großen Königs ist. 36 Auch bei deinem Haupte sollst du nicht schwören, weil du nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz machen kannst. 37 Euer Jawort sei vielmehr ein Ja, euer Nein ein Nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen. 33-37 Der Eid bleibt erlaubt. Jesus selber hat vor Gericht geschworen (Mt 26, 63-64). Wo aber die innere und äußere Wahrhaftigkeit herrscht, wie er sie fordert, ist kein Eid mehr nötig.

 

Wiedervergeltung. 38 Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Aug um Aug, Zahn um Zahn. 39 Ich aber sage euch: Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen, sondern wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, so halte ihm auch die andere hin. 40 Und will jemand mit dir vor Gericht streiten und dir deinen Rock nehmen, so laß ihm auch den Mantel. 41 Und wer dich nötigt, eine Meile mitzugehen, mit dem mache einen Weg von zwei. 42 Wer dich um etwas bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, von dem wende dich nicht ab. 38-42 Vgl. Lk 6,29-30. Wir dürfen unser Recht suchen (vgl. Jo 18,22-23) Höher jedoch als kaltes Recht steht die Bruderliebe.

 

Versöhnlichkeit. 43 Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 43-48: Vgl. Lk 6,27-28. 32-36. Das Gebot, den Feind zu hassen, hatten die Gesetzeslehrer widerrechtlich beigefügt. Feindesliebe ist nicht charakterlose Schwäche, sondern heldische Seelenkraft und Nachahmung des göttlichen Vorbildes. 44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; [tut Gutes denen, die euch hassen,] und betet für die, welche euch verfolgen [und verleumden], 45 auf daß ihr Kinder eures Vaters im Himmel seid, der seine Sonne über Gute und Böse aufgehen und über Gerechte und Ungerechte regnen läßt. 46 Wenn ihr nämlich nur die liebet, welche euch lieben, was sollt ihr da für einen Lohn haben? Tun dies nicht auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßet, was tut ihr da Besonderes? Tun dies nicht auch die Heiden? 48 Ihr also sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. .

 

6 Almosengeben. Habet acht, daß ihr eure Gerechtigkeit nicht übet vor den Menschen, um von ihnen gesehen zu werden, sonst habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du daher Almosen gibst, so laß es nicht vor dir herposaunen wie die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon empfangen. Wenn du aber Almosen gibst, so soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut, damit dein Almosen im Verborgenen bleibe, und dein Vater, der es im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten. 1-4 Stilles Wohltun aus Gottesliebe leistet auf die Dauer am meisten, weil es aus inneren Quellen fließt, nicht aus verkappter Selbstsucht oder Zwang.

 

Vom Gebet. Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken herumstehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon empfangen. Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Türe und bete zu deinem Vater im Verborgenen, und dein Vater, der es im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten. Wenn ihr aber betet, so sollt ihr nicht plappern wie die Heiden. Denn diese meinen, erhört zu werden, wenn sie viele Worte machen. Macht es also nicht wie sie. Euer Vater weiß ja schon, was ihr brauchet, ehe ihr ihn bittet. Ihr aber sollt also beten: Vater unser, der du bist in dem Himmel! Geheiligt werde dein Name. 10 Zu uns komme dein Reich. Dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. [Amen.]

 

14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch [eure Sünden] vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Sünden auch nicht vergeben. 5-15: Vgl. Lk 11,1-4. Nicht das öffentliche Bekenntnis des Glaubens noch das gemeinsame Beten tadelt Jesus, sondern die eitle Schaustellung. Im Vaterunser hat er uns das herrlichste Gemeinschaftsgebet gelehrt. Wer zu stolz ist, um mit andern zusammen zu Gott zu beten, wird es auch bald nicht mehr in stiller Kammer allein tun.

 

Vom Fasten. 16 Wenn ihr fastet, so sollt ihr nicht trübselig dreinschauen wie die Heuchler. Sie entstellen ihr Angesicht, damit die Leute sehen, daß sie fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon empfangen. 17 Du aber, wenn du fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, 18 damit die Leute nicht sehen, daß du fastest, sondern nur dein Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der es im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten. 16-18 Jesus setzt voraus, daß wir fasten; aber wir sollen es in rechter Meinung tun.

 

Vom rechten Schätzesammeln. 19 Sammelt euch keine Schätze auf Erden, wo sie Motte und Rost (Wurm) verzehren, und wo Diebe einbrechen und stehlen, 20 sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo sie weder Motte noch Rost (Wurm) verzehren, und wo Diebe nicht einbrechen und stehlen. 21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. 22 Die Leuchte deines Leibes ist dein Auge. Ist dein Auge gesund, so wird dein ganzer Leib licht sein; 23 ist aber dein Auge krank, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun aber das Licht in dir Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein! 19-23: Vgl. Lk 12,33-34; 11,34-36. Was das Auge für den Leib bedeutet, das ist die reine Gesinnung im religiösen Leben.

 

Unnützes Sorgen. 24 Niemand kann zwei Herren dienen; denn er wird den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. 25 Darum sage ich euch: Sorget nicht ängstlich für euer Leben, was ihr essen werdet, noch für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist das Leben nicht mehr als die Speise, und der Leib nicht mehr als die Kleidung? 26 Seht hin auf die Vögel des Himmels; sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen, und euer himmlischer Vater ernähret sie. Seid ihr nicht viel mehr als sie? 27 Wer unter euch kann mit seinen Sorgen seiner Lebenslänge auch nur eine Elle zusetzen? 28 Und warum sorget ihr ängstlich für die Kleidung? Betrachtet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht und spinnen nicht, 29 und doch sage ich euch: Selbst Salomon in all seiner Pracht war nicht gekleidet wie eine von ihnen. 30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Felde, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, also kleidet, wieviel mehr euch, ihr Kleingläubigen? 31 Sorget euch also nicht ängstlich und saget nicht: Was werden wir essen, was werden wir trinken, was werden wir anziehen? 32 Denn nach all dem trachten die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß ja doch, daß ihr dies alles brauchet. 33 Suchet also zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch dazugegeben werden. 34 Sorget darum nicht ängstlich für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner Plage. 24-34: Vgl. Lk 16,13; 12,22-31. Jeder ist vor die Entscheidung gestellt, ob er Gott dienen will oder nicht. Geht er im Diesseits auf, so wird das Geld sein Götze. Sorglosigkeit um Irdisches darf aber nicht aus Bequemlichkeit entspringen. Wer sich um sein Fortkommen plagt, als komme alles auf ihn an, dabei aber kindlich auf Gott vertraut, als hänge alles von dessen Hilfe ab, bleibt innerlich frei und froh. .

 

7 Warnung vor freventlichem Urteil. Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit dem Urteil, mit dem ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehst du aber den Splitter in dem Auge deines Bruders, und den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie magst du zu deinem Bruder sagen: Laß mich den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, in deinem Auge ist ein Balken? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und dann sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest. 1-5: Vgl. Lk 6,37-38. 41-42. Der Pharisäergeist, den Jesus hier geißelt, ist unter Christen doppelt häßlich. Niemand soll glauben, er sei fromm, wenn er lieblos ist im Urteil über andere.

 

Ehrfurcht und Selbstachtung. Gebet das Heilige nicht den Hunden und werfet eure Perlen nicht den Schweinen vor, damit sie nicht etwa mit ihren Füßen sie zertreten, sich umkehren und euch zerreißen. 6: Zur Religion gehört Ehrfurcht und Selbstachtung. Unfähigkeit, das Heilige zu achten, steht oft im Bunde mit Gehässigkeit gegen jede Religion und ihre Vertreter.

 

Vom Beten. Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; wer anklopft, dem wird aufgetan werden. Oder ist wohl ein Mensch unter euch, der seinem Sohne, wenn er um Brot bittet, einen Stein gäbe? 10 Oder, wenn er um einen Fisch bittet, wird er ihm eine Schlange darreichen? 11 Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten! 7-11: Vgl. Lk 11,9-13. Wozu die eigene Kraft nicht ausreicht, das sollen wir in demütigem Gebet erflehen. 12 Alles also, was ihr von den Leuten erwartet, das sollt ihr ihnen ebenso tun; denn das ist das Gesetz und die Propheten. 12: Vgl. Lk 6,31. Das ist mehr, als wenn einer dem andern das nicht antut, was ihm selber unangenehm wäre. Diese „goldene Lebensregel“ faßt kurz zusammen, was das Alte Testament von den Pflichten der Nächstenliebe sagt.

 

Von den zwei Wegen. 13 Gehet ein durch die enge Pforte, denn weit ist das Tor und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind es, die da hineingehen. 14 Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und nur wenige sind es, die ihn finden.

 

Falsche Propheten. 15 Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber reißende Wölfe sind. 16 An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Sammelt man denn Trauben von Dornen oder Feigen von Disteln? 17 So bringt jeder gute Baum gute Früchte, der schlechte Baum aber bringt schlechte Früchte. 18 Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein schlechter Baum kann nicht gute Früchte bringen. 19 Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. 20 An ihren Früchten also werdet ihr sie erkennen. 13-20: Vgl. Lk 13,24; 6,43-45. Wer den rechten Weg zum ewigen Glück finden will, darf nicht mit der Masse laufen, die meist opferscheu ist, und darf sich keinen Führern anvertrauen, die anders handeln als reden.

 

Kennzeichen des wahren Christen. 21 Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut [der wird in das Himmelreich eingehen]. 22 Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen prophetisch geredet? Haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder gewirkt? 23 Alsdann werde ich ihnen offen erklären: Niemals habe ich euch gekannt! Weichet von mir, ihr Übeltäter! 24 Jeder also, der diese meine Worte hört und sie befolgt, ist gleich einem weisen Manne, der sein Haus auf einen Felsen gebaut hat. 25 Da fiel der Platzregen, es kamen die Ströme, es bliesen die Winde und stürmten ein auf jenes Haus, aber es fiel nicht zusammen, denn es war auf dem Felsen gegründet. 26 Wer diese meine Worte hört und sie nicht befolgt, der gleicht einem törichten Manne, der sein Haus auf den Sand gebaut hat. 27 Da fiel der Platzregen, es kamen die Ströme, es bliesen die Winde und stießen an jenes Haus, und es stürzte ein, und sein Fall war groß.

28 Und es geschah, als Jesus diese Reden vollendet hatte, da staunten die Volksscharen über seine Lehre; 29 denn er lehrte sie wie einer, der Macht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten [und Pharisäer]. 21-29: Vgl. Lk 6,46-49; 13,26-27. Nicht aufs fromme Reden kommt es an, sondern auf das Leben nach Gottes Gebot. Ohne dies nutzt einem sogar die Wunderkraft nichts.

 

Jesus, der große Wundertäter

8 Heilung des Aussätzigen. Als Jesus vom Berge herabstieg, folgten ihm große Volksmassen. Und siehe, ein Aussätziger kam, fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen. Jesus streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will, werde rein! Und sogleich wurde sein Aussatz rein. Jesus sprach zu ihm: Sieh zu, daß du es niemandem sagest; geh vielmehr hin, zeige dich dem Priester und opfere die Gabe, die Moses befohlen hat, ihnen zum Zeugnisse (3 Mos 14, 2). 1-4: Vgl. Mk 1,40-44, Lk 5,12-14.

 

Heilung des kranken Knechtes. Als er aber in Kapharnaum eingezogen war, trat ein Hauptmann zu ihm und bat ihn: Herr, mein Knecht liegt zu Hause gelähmt und leidet arge Schmerzen. Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Der Hauptmann antwortete: O Herr, ich bin nicht würdig, daß du eingehest unter mein Dach aber sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Wenn ich auch nur ein Mensch und der Obrigkeit unterworfen bin, so habe ich doch Soldaten unter mir. Und sage ich zu einem: Geh, so geht er, und zu einem andern: Komm, so kommt er, und zu meinem Knechte: Tu das, so tut er's. 10 Da Jesus das hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm folgten: Wahrlich, ich sage euch, solch großen Glauben habe ich in Israel bei niemand gefunden. 11 Ich sage euch aber: Viele werden vom Osten und Westen kommen und mit Abra­ham, Isaak und Jakob im Himmelreiche zu Tische sitzen; 12 die Kinder des Reiches aber werden hinausgeworfen in die Finsternis draußen; da wird Heulen und Zähneknirschen sein. 13 Dann sprach Jesus zu dem Hauptmann: Gehe hin, wie du geglaubt hast, so soll dir geschehen. Und zur selben Stunde ward der Knecht gesund. 5-13: Vgl. Lk 7,1-10. Der heidnische Hauptmann findet in demütigem Glauben den Weg zum Gottesreich, die auf ihre Rassenvorzüge pochenden Juden dagegen werden ausgeschlossen. Die Sorge um seinen Knecht und das Verhältnis zu seinen Untergebenen sind vorbildlich.

 

Heilung der Schwiegermutter des Petrus. 14 Als Jesus in das Haus des Petrus kam, sah er dessen Schwiegermutter fieberkrank darniederliegen. 15 Er nahm sie bei der Hand, und das Fieber verließ sie, sie stand auf und bediente ihn. 16 Als es aber Abend geworden war, brachte man zu ihm viele Besessene, und er trieb die Geister aus durch sein Wort und machte alle Kranken gesund. 17 So sollte in Erfüllung gehen, was durch den Propheten Isaias gesagt ist: Er hat unsere Gebrechen auf sich genommen und unsere Krankheiten getragen (Is 53, 4). 14-17: Vgl. Mk 1,29-34 Lk 4,38-41.

 

Erfordernisse der Nachfolge Christi. 18 Als Jesus viel Volk um sich her sah, befahl er, ans andere Ufer zu fahren. 19 Da trat ein Schriftgelehrter hinzu und sprach zu ihm: Meister, ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst. 20 Jesus erwiderte ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wohin er sein Haupt lege. 21 Ein anderer, einer seiner Jünger, sprach zu ihm: Herr, laß mich zuvor hingehen und meinen Vater begraben. 22 Jesus entgegnete ihm: Folge mir nach und laß die Toten ihre Toten begraben. 18-22: Vgl. Lk 9,57-62. Die Nachfolge Christi fordert Heldensinnn. Weichliche und unentschlossene Charaktere taugen nicht dazu.

 

Der Sturm auf dem Meere. 23 Als er in das Schifflein stieg, folgten ihm seine Jünger. 24 Und siehe, es erhob sich ein großer Sturm auf dem See, so daß das Schifflein von den Wellen bedeckt wurde. Er aber schlief. 25 Da traten sie zu ihm, weckten ihn und riefen: Herr, rette uns, wir gehen zugrunde! 26 Jesus sprach zu ihnen: Was seid ihr furchtsam, ihr Kleingläubigen? Dann stand er auf, gebot den Winden und dem See, und es ward große Windstille. 27 Die Leute aber staunten und sprachen: Wer ist doch dieser, daß ihm sogar die Winde und das Meer gehorchen? 23-27: Vgl. Mk 4,35-41; Lk 8,22-25.

Die Besessenen. 28 Als er über den See in das Gebiet der Gerasener gekommen war, liefen ihm zwei Besessene entgegen, die kamen aus den Grabhöhlen und waren überaus wild, so daß niemand auf jenem Wege vorbeigehen konnte. 29 Und siehe, sie schrien: [Jesus,] Sohn Gottes, was willst du von uns? Bist du hierher gekommen, uns vor der Zeit zu quälen? 30 Es war aber nicht weit von ihnen eine große Schweineherde auf der Weide. 31 Und die bösen Geister baten ihn: Wenn du uns von da austreibst, so laß uns in die Schweineherde fahren. 32 Er antwortete ihnen: Fahret hin! Sie fuhren aus und fuhren in die Schweine und siehe, die ganze Herde stürmte den Abhang hinab in den See und kam im Wasser um. 33 Die Hirten aber flohen und erzählten in der Stadt alles, auch das, was sich mit den Besessenen zugetragen hatte. 34 Und siehe, die ganze Stadt zog hinaus, Jesus entgegen; und als sie ihn sahen, baten sie ihn, er möge sich entfernen aus ihrem Gebiet. 34: Die Heilung ihrer Mitbürger hätte den Gerasenern den Verlust der Schweineherde aufwiegen und sie zum Glauben führen müssen; aber dem Diesseitsmenschen sind ein paar Schweine mehr wert als die Güter der Übernatur. 28-34: Vgl. Mk 5,1-20; Lk 8,26-39. Besessenheit ist keine Nervenkrankheit, sondern Besitzergreifung der physischen und psychischen Kräfte eines Menschen durch den Teufel, so daß der Teufel wie ein zweites Ich von den Organen und Fähigkeiten des Besessenen auch gegen dessen Willen Gebrauch macht oder ihre normalen Funktionen stört. Sie ist an und für sich unabhängig vom sittlichen Zustand des Menschen. Zur Zeit Jesu trat diese Erscheinung häufiger auf, kommt aber auch heute noch vor. Die Macht Jesu über die bösen Geister war ein besonders wirksamer Beweis seiner göttlichen Sendung (Mt 12, 28).

 

9 Heilung eines Gelähmten. Hierauf stieg er in das Schifflein, fuhr über und kam in seine Stadt. Siehe, da brachte man zu ihm einen Gelähmten, der auf einem Bette lag. Da Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei getrost, mein Kind, deine Sünden sind dir vergeben. Siehe, einige der Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Der lästert Gott. Da Jesus ihre Gedanken durchschaute, sprach er: Warum denket ihr Böses in euren Herzen? Was ist leichter zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben, oder zu sagen: Steh auf und wandle? 5: Beides mit Erfolg zu sagen, erfordert göttliche Macht, aber bei dem einen läßt sich die Wirkung kontrollieren. Damit ihr aber wißt, daß der Menschensohn Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben — da sprach er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause. Und er stand auf und ging nach Hause. Als aber die Volksscharen dies sahen, wurden sie von der Furcht ergriffen und priesen Gott, der solche Macht den Menschen gegeben. 1-8: Vgl. Mk 2,1-12, Lk 5,17-26.

 

Berufung des Matthäus. Als Jesus von da wegging, sah er einen Mann an der Zollstätte sitzen, mit Namen Matthäus. Er sprach zu ihm: Folge mir nach! Da stand dieser auf und folgte ihm. 10 Und es begab sich, als er im Hause zu Tische saß, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und setzten sich mit Jesus und seinen Jüngern zu Tische. 11 Da die Pharisäer dies sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Warum ißt euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12 Jesus, der dies hörte, sprach: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 13 Gehet hin und lernet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer; denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder. 13: Ohne barmherzige Liebe sind Opfer wertlos. Die Gerechten bedürfen keiner besonderen Einladung. 9-13: Vgl. Mk 2,13-17; Lk 5,27-32.

 

Fasten. 14 Hierauf traten die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer [so viel], deine Jünger aber fasten nicht? 15 Jesus antwortete ihnen: Können denn die Hochzeitsleute trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen wird, alsdann werden sie fasten. 16 Niemand aber setzt einen Lappen aus ungewalktem Tuch auf ein altes Kleid. Denn der Fleck reißt vom Kleide ab, und der Riß wird schlimmer. 17 Auch gießt man nicht neuen Wein in alte Schläuche, sonst zerreißen die Schläuche, und der Wein läuft aus, und die Schläuche gehen zugrunde. Vielmehr füllt man neuen Wein in neue Schläuche, dann bleibt beides erhalten. 14-17: Vgl. Mk 2,18-22; Lk 5,33-39. Das neue Tuch und der neue Wein bedeuten die Lehre des Erlösers, das alte Kleid und die alten Schläuche bedeuten die pharisäischen Gesetzesauslegungen, die mit der neuen Lehre nicht mehr vereinbar sind. Daß Jesus nicht das Fasten als solches verurteilt, beweist sein eigenes Fasten. Echte Frömmigkeit schafft zwischen Christus und den Gläubigen ein Verhältnis beglückender Liebe und Freude wie zwischen Bräutigam und Braut.

 

Heilung der Blutflüssigen und Erweckung der Tochter des Jairus. 18 Während er so zu ihnen redete, siehe, da trat ein Vorsteher herzu, fiel ihm zu Füßen und sprach: [Herr,] meine Tochter ist eben zum Sterben gekommen. Aber komme doch, leg ihr die Hand auf, so wird sie leben. 19 Jesus erhob sich und folgte ihm mit seinen Jüngern. 20 Und siehe, eine Frau, die seit zwölf Jahren am Blutflusse litt, trat von hinten hinzu und berührte die Quaste seines Gewandes. 21 Denn sie dachte: Wenn ich nur sein Gewand berühre, so werde ich gesund. 22 Jesus aber wandte sich um, sah sie und sprach: Tochter sei getrost, dein Glaube hat dir geholfen! Und die Frau ward gesund von jener Stunde an. 23 Als Jesus in das Haus des Vorstehers kam und dort die Flötenspieler und die lärmende Menge sah, 23: Lärmende Totenklage galt als Zeichen großer Trauer. 24 sprach er: Geht fort! Denn das Mädchen ist nicht tot, sondern schläft. Da verlachten sie ihn. 25 Nachdem die Menge hinausgeschafft war, trat er ein, nahm es bei der Hand, und das Mädchen stand auf. 26 Die Kunde hiervon verbreitete sich in jener ganzen Gegend. 18-26: Vgl. Mk 5, 21-43; Lk 8,40-56. Mit Demut und Vertrauen bittet der Vater für sein einziges Kind.

 

Heilung zweier Blinden und eines Besessenen. 27 Als Jesus von da weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrien: Erbarme dich unser, Sohn Davids! 28 Da er in das Haus gekommen war, traten die Blinden zu ihm, und Jesus sprach zu ihnen: Glaubet ihr, daß ich dies tun kann? Sie sprachen zu ihm: Ja, Herr! 28 „Sohn Davids“ ist einer der gebräuchlichsten Titel für den Messias. 29 Da berührte er ihre Augen und sprach: Nach eurem Glauben geschehe euch! 30 Und ihre Augen öffneten sich. Jesus aber gebot ihnen strenge: Sehet zu, daß es niemand erfahre! 30 Jesus hat nie Wert darauf gelegt, auf die Massen Eindruck zu machen. 31 Sie aber gingen hinaus und verbreiteten die Kunde von ihm in jener ganzen Gegend. 32 Nachdem sie fort waren, siehe, da brachte man zu ihm einen Stummen, der besessen war. 33 Und da der böse Geist ausgetrieben war, redete der Stumme. Die Volksscharen riefen voll Staunen: Noch nie ist so etwas vorgekommen in Israel! 34 Die Pharisäer aber sagten: Durch den obersten der Teufel treibt er die Teufel aus!

 

Rückblick auf Jesu Wirken. 35 Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete die Frohbotschaft vom Reiche und heilte alle Krankheiten und Gebrechen. 36 Als er aber die Volksscharen sah, empfand er Mitleid mit ihnen. Denn sie waren abgehetzt und ganz verwahrlost, wie Schafe, die keinen Hirten haben. 37 Dann sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist zwar groß, aber der Arbeiter sind wenige. 38 Bittet daher den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende).

 

Aussendung der Apostel 10 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Gewalt, die unreinen Geister auszutreiben und jede Krankheit und jedes Gebrechen zu heilen. Die Namen der zwölf Apostel aber sind: Der erste Simon, der Petrus genannt wird, und sein Bruder Andreas; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes; 2: Petrus ist bereits der Führer des Jüngerkreises Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; Simon der Eiferer, und Judas Iskariot, der sein Verräter wurde. Diese zwölf sandte Jesus aus mit dem Auftrag: Auf einen Weg zu den Heiden gehet nicht und eine Samariterstadt betretet nicht. Vielmehr gehet zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. 5-6: Später hat Jesus die Heidenmission ausdrücklich befohlen (Mt 28, 19). Zunächst sollte den Israeliten das Heil angeboten werden. Gehet hin und predigt: Das Himmelreich ist nahe! Heilet Kranke, wecket Tote auf, macht Aussätzige rein, treibet böse Geister aus. Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebet! Verschafft euch nicht Gold noch Silber noch Kupfergeld in eure Gürtel, 10 auch keine Reisetasche, keine zwei Röcke, keine Schuhe, keinen Stab, denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert. 10: Während hier und Lk 9,3 der Stab verboten ist, ist die Mitnahme nach Mk 6,8 ausdrücklich erlaubt. Der gewöhnliche Wanderstab zum Schutz und zur Stütze war erlaubt, aber nicht der vielfach übliche überflüssige Zierstab. 11 Wenn ihr in eine Stadt oder in ein Dorf kommet, so fraget, wer darin würdig sei; dort bleibet, bis ihr weiter geht. 12 Wenn ihr aber das Haus betretet, grüßet es [mit den Worten: Friede diesem Hause]! 13 Und ist das Haus würdig, so wird euer Friede darauf kommen; ist es aber nicht würdig, so wird euer Friede auf euch zurückkehren. 14 Wo man euch nicht aufnimmt und auf eure Worte nicht hört, da gehet hinaus aus dem Hause oder der Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. 15 Wahrlich, ich sage euch: Es wird dem Lande Sodoma und Gomorrha am Tage des Gerichtes erträglicher ergehen als einer solchen Stadt. 1-15: Vgl. Mk 3,13-19; Lk 6,12-16; Mk 6,7-13; Lk 9,1-6.

 

Voraussage der Verfolgung. 16 Sehet, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe. Seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! 17 Nehmet euch in acht vor den Menschen. Denn sie werden euch den Gerichten ausliefern und in ihren Synagogen euch geißeln. 18 Und vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinet willen, um vor ihnen und den Heiden Zeugnis zu geben. 19 Wenn sie euch ausliefern, so macht euch keine Sorge, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. 20 Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eures Vaters redet durch euch. 19-20: Vgl. Mk 13 11, Lk 12, 11-12. 21 Es wird aber der Bruder den Bruder in den Tod liefern und der Vater das Kind; und Kinder werden sich auflehnen gegen die Eltern und sie in den Tod bringen. 22 Ihr werdet gehaßt sein von allen um meines Namens willen. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden. 23 Wenn man euch verfolgt in dieser Stadt, fliehet in eine andere. Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet noch nicht fertig sein mit den Städten Israels, bis der Menschensohn kommt. 24 Der Jünger steht nicht über dem Meister und der Knecht nicht über seinem Herrn. 25 Der Jünger muß zufrieden sein, wenn er wird wie sein Meister, und der Knecht, wenn er wird wie sein Herr. Haben sie den Hausvater Beelzebul geheißen, wieviel mehr seine Hausgenossen! 16-25: Vgl. Mt 24,9-14; Mk 13,9-13; Lk 21,12-19. Die Zugehörigkeit zu Christus fordert Bekennermut.

 

Vertrauen und Ausdauer. 26 Fürchtet sie also nicht! Denn nichts ist verborgen, das nicht offenbar, und nichts geheim, das nicht bekannt werden wird. 27 Was ich euch im Finstern sage, das saget im Lichte, und was euch ins Ohr geflüstert wird, das verkündet auf den Dächern. 27: Auf den flachen Dächern wurden Neuigkeiten verkündet. 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, aber die Seele nicht töten können. Fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib in der Hölle zu verderben vermag. 29 Verkauft man denn nicht zwei Sperlinge um ein paar Pfennige? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar alle Haare des Hauptes gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht. Ihr seid mehr wert als viele Sperlinge. 32 Jeder nun, der sich zu mir bekennt vor den Menschen, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel. 24-33 Vgl. Lk 6, 40: 12, 1-9 34 Glaubet nicht, daß ich gekommen bin, Frieden auf die Erde zu bringen! 35 Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert! Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter, die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. 36 Und die Feinde des Menschen werden seine Hausgenossen sein. 37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. 38 Und wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. 39 Wer sein Leben findet, wird es verlieren; und wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. 40 Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. 41 Wer einen Propheten aufnimmt, weil er Prophet ist, wird Prophetenlohn empfangen; und wer einen Gerechten aufnimmt wegen seiner Gerechtigkeit, wird den Lohn eines Gerechten empfangen. 42 Und wer einem von diesen Kleinen nur einen Becher frischen Wassers zu trinken reicht wegen seines Jüngernamens, wahrlich, ich sage euch: Er wird seinen Lohn nicht verlieren. 34-42: Vgl., Lk 12,51-53; 14,25-27; 10, 16; Mk 9,41. Jesus fordert seine Jünger auf, den Frieden mit Gott und der Kirche höher zu stellen als den Frieden mit den Anverwandten, seine Nachfolge höher als die Furcht vor Schmerz und Tod, das Leben der Seele höher als das des Leibes. Er will keinen Unfrieden in die Familie bringen, der aus Lieblosigkeit und Eigennutz entsteht; er will aber auch keinen faulen Frieden unter Verletzung der Gewissenspflicht.

 

Widerspruch gegen Jesus

11 Jesus und der Täufer. Als Jesus die Unterweisung an seine zwölf Jünger vollendet hatte, ging er von da weg, um in ihren (der Galiläer) Städten zu lehren und zu predigen. Johannes aber hörte im Gefängnis von den Taten des Messias und sandte [zwei] von seinen Jüngern und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete ihnen: Gehet hin und meldet dem Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird die Heilsbotschaft verkündet (Is 35, 5. 6; 61, 1. 2). Und selig ist, wer an mir nicht Anstoß nimmt.

 

Während sie aber weggingen, fing Jesus an, zu den Volksscharen über Johannes zu reden: Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen zu sehen? Ein Rohr, vom Winde hin und her bewegt? Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Menschen in weichlichen Kleidern? Sehet, die weichliche Kleider tragen, findet man in den Palästen der Könige. Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist noch mehr als ein Prophet. 10 Denn dieser ist's, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesichte her, der deinen Weg vor dir bereiten soll (Mal 3, 1). 11 Wahrlich, ich sage euch: Unter denen, die von Weibern geboren wurden, ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer. Aber der Geringste im Himmelreiche ist größer als er. 12 Seit den Tagen Johannes des Täufers bis jetzt leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt gebrauchen, reißen es an sich. 13 Denn alle Propheten und das Gesetz bis auf Johannes haben es geweissagt, 14 und wenn ihr es annehmen wollet: Er ist Elias, der da kommen soll. 15 Wer Ohren hat, der höre.

 

16 Womit aber soll ich dieses Geschlecht vergleichen? Es ist den Kindern gleich, die auf dem Markte sitzen und ihren Gespielen zurufen: 17 Wir haben euch aufgespielt, aber ihr habt nicht getanzt. Wir haben Klagelieder gesungen, aber ihr habt nicht an die Brust geschlagen. 18 Denn es kam Johannes, der aß und trank nicht, und sie sagen: Er hat einen bösen Geist. 19 Es kam der Menschensohn, er ißt und trinkt, und sie sagen: Seht, ein Schlemmer und Weintrinker, ein Freund von Zöllnern und Sündern. Aber die Weisheit hat ihre Rechtfertigung gefunden in ihren Taten. 2-19: Vgl. Lk 7,18-35. Jesus stellt den charaktervollen Vorläufer seinen Hörern als Vorbild hin. Sie sind wie eigensinnige Kinder, denen es niemand recht machen kann. V. 12 kann bedeuten: Nur mit Anstrengung und Kampf kommt einer ins Himmelreich; oder aber: Das Reich des Messias wird von seinen Feinden bekämpft und vergewaltigt. V. 19 lautet am Schluß in manchen Textzeugen: „Aber die Weisheit ward als gerecht erkannt von ihren Kindern.“

 

Wehe über die Städte. 20 Darauf begann er die Strafrede an die Städte, in denen seine meisten Wunder geschehen waren, weil sie sich nicht bekehrt hatten. 21 Wehe dir, Korozain, wehe dir, Bethsaida! Denn wenn zu Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären, die bei euch geschehen sind, längst hätten sie in Sack und Asche Buße getan. 22 Doch ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher gehen am Tage des Gerichtes als euch. 23 Und du, Kapharnaum, wirst du etwa bis in den Himmel erhoben werden? Du wirst bis in die Hölle hinunterfahren. Denn wenn zu Sodoma die Wunder geschehen wären, die in dir geschehen sind, es stünde noch bis heute. 24 Doch ich sage euch: Dem Lande Sodoma wird es am Tage des Gerichtes erträglicher gehen als dir. 20-24: Vgl. Lk 10,13-16. Große Gnaden erhöhen die Verantwortung.

 

Lobgebet Jesu. 25 In jener Zeit hub Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dieses vor Weisen und Klugen verborgen, Kleinen aber geoffenbart hast. 26 Ja, Vater, denn also ist es wohlgefällig gewesen vor dir. 27 Alles ist mir von meinem Vater übergeben; und niemand kennt den Sohn als der Vater; und auch den Vater kennt niemand als der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will. 28 Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken. 29 Nehmet mein Joch auf euch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Bürde ist leicht. 25-30: Vgl. Lk 10,21-23. Dieses herrliche Selbstzeugnis widerlegt die Behauptung, in den älteren Evangelien spreche Jesus nicht von seiner göttlichen Würde.

 

12 Der Sabbat. Zu jener Zeit ging Jesus am Sabbat durch die Saaten. Seine Jünger aber waren hungrig und fingen an, Ähren abzupflücken und zu essen. Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat zu tun nicht erlaubt ist. Er entgegnete ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David getan, als ihn und seine Gefährten hungerte? (1 Sm 4 21, 6). Wie er in das Haus Gottes ging und sie die Schaubrote aßen, die ihm und seinen Gefährten zu essen nicht erlaubt war, sondern nur den Priestern? (3 Mos 24, 9.) Oder habt ihr nicht gelesen im Gesetze, daß die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen und doch ohne Schuld sind? (4 Mos 28, 9.) Ich sage euch aber: Hier ist ein Größerer als der Tempel. Hättet ihr erkannt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer, niemals hättet ihr die Schuldlosen verurteilt. Denn Herr ist der Menschensohn [auch] über den Sabbat. 1-8: Vgl. Mk 2,23-28; Lk 6,1-5. Solches Abpflücken war nach 5 Mos 23, 26 jedem Volksgenossen erlaubt. Die Pharisäer sahen darin einen Verstoß gegen das Gebot der Sabbatruhe.

 

Heilung am Sabbat. Er ging weiter von da und kam in ihre Synagoge. 10 Und siehe, da war ein Mann mit einer verdorrten Hand. Sie fragten ihn: Darf man auch am Sabbat heilen? Sie wollten ihn nämlich verklagen. 11 Er sprach zu ihnen: Wenn einer von euch ein einziges Schaf hat und es fällt am Sabbat in eine Grube, wird er es nicht ergreifen und herausziehen? 12 Wieviel mehr als ein Schaf ist ein Mensch wert! Also ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun. 13 Dann sprach er zu dem Manne: Strecke deine Hand aus! Er streckte sie aus, und sie ward hergestellt und gesund wie die andere. 14 Die Pharisäer aber gingen hinaus und hielten Rat wider ihn, wie sie ihn umbringen könnten. 9-14: Vgl. Mk 3,1-6; Lk 6,6-11. 15 Jesus aber merkte dies und entfernte sich von dort; viele folgten ihm, und er machte sie alle gesund. 16 Er gebot ihnen strenge, von ihm nicht öffentlich zu reden. 17 So sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Isaias gesagt worden ist: 18 Siehe, das ist mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Liebling, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich will meinen Geist auf ihn legen und er wird den Völkern das Recht verkünden. 19 Er wird nicht zanken noch schreien, noch wird jemand seine Stimme auf den Gassen hören. 20 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen, bis er das Recht zum Siege gebracht hat. 21 Und die Völker werden auf seinen Namen hoffen. (Is 42,1-4).

 

Heilung eines Besessenen. 22 Da brachte man zu ihm einen Besessenen, der blind und stumm war. Und er heilte ihn, so daß der Stumme redete und sah. 23 Und alle Volksscharen gerieten außer sich und sprachen: Ist dieser nicht am Ende der Sohn Davids? 24 Da es aber die Pharisäer hörten, sprachen sie: Dieser treibt die Teufel bloß aus durch Beelzebul, den obersten der Teufel! 25 Jesus kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das in sich gespalten ist, wird verwüstet werden, und jede Stadt oder jedes Haus, das in sich gespalten ist, wird nicht bestehen. 26 Wenn nun der Satan den Satan austreibt, so ist er wider sich selbst entzweit. Wie wird aber dann sein Reich bestehen? 27 Und wenn ich durch Beelzebul die Teufel austreibe, durch wen treiben dann eure Söhne sie aus? Also sind sie selbst eure Richter. 28 Wenn ich aber durch den Geist Gottes die Teufel austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen! 29 Oder wie kann jemand in das Haus des Starken eingehen und seine Habe rauben, wenn er nicht vorher den Starken gebunden hat? Dann erst kann er sein Haus plündern. 30 Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. 22-30: Vgl. Mk 3,23-27; Lk 11,14-23. Die Macht Jesu über die Dämonen konnten die Gegner nicht leugnen. Die widersinnige Erklärung sollte den starken Eindruck seiner Wunder auf das Volk verhüten. 31 Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben, aber die Lästerung wider den Geist wird nicht vergeben werden. 32 Wer ein Wort redet wider den Menschensohn, dem wird vergeben werden, wer aber wider den Heiligen Geist redet, dem wird weder in dieser noch in der künftigen Welt vergeben werden. 33 Entweder lasset den Baum gut sein, dann ist auch seine Frucht gut, oder lasset den Baum schlecht sein, dann ist auch seine Frucht schlecht. Denn an der Frucht erkennt man den Baum. 34 Ihr Schlangenbrut! Wie könnt ihr Gutes reden, da ihr böse seid? Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund. 35 Der gute Mensch bringt aus seinem guten Schatze Gutes hervor, der böse Mensch bringt aus seinem bösen Schatze Böses hervor. 36 Ich sage euch aber: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tage des Gerichtes Rechenschaft geben müssen. 37 Denn auf Grund deiner Worte wirst du freigesprochen werden, und auf Grund deiner Worte wirst du verdammt werden. 31-37 Vgl. Mk 3,28-30; Lk 12,10. Nicht nur seine Taten, auch seine Reden hat der Mensch zu verantworten. Die Lästerreden der Pharisäer verraten solche Verstocktheit, daß die Voraussetzung der Verzeihung, die Reue, unmöglich wird. Die Stelle dient als Beweis für die ewige Hölle und das Fegefeuer.

 

Zeichenforderung. 38 Da entgegneten ihm einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern: Meister, wir möchten ein Zeichen von dir sehen. 39 Er antwortete ihnen: Das böse und ehebrecherische Geschlecht verlangt ein Zeichen. Aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als das Zeichen des Propheten Jonas (Jon 2,1). 40 Gleichwie nämlich Jonas drei Tage und drei Nächte im Bauche des Seeungeheuers gewesen, also wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoße der Erde sein. 41 Die Männer von Ninive werden am Gerichtstage gegen dieses Geschlecht auftreten und es verdammen. Denn sie haben auf die Predigt des Jonas Buße getan. Und siehe, hier ist mehr als Jonas! 42 Die Königin des Südens wird am Gerichtstage gegen dieses Geschlecht auftreten und es verdammen. Denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomons zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomon (3 Kg 10, 1)! 38-42: Vgl. Lk 11,29-32. Jesus lag zwar nur zwei Nächte im Grab; dennoch durfte er nach den damaligen Regeln der Zählung und Schriftdeutung die vorhergehende Zeitangabe wörtlich wiederholen.

 

In der Gewalt des Satans. 43 Wenn aber der unreine Geist von dem Menschen ausgefahren ist, wandert er durch dürre Orte, sucht Ruhe und findet sie nicht. 44 Alsdann spricht er: Ich will in mein Haus zurückkehren, von wo ich ausgegangen bin. Und er kommt, findet es leer, mit Besen gereinigt und geschmückt. 45 Dann geht er hin, nimmt sieben andere Geister zu sich, die ärger sind als er selbst, und sie fahren ein und wohnen darin. Und die letzten Dinge dieses Menschen werden ärger als die ersten. Ebenso wird es auch diesem boshaften Geschlechte ergehen. 43-45: Vgl. Lk. 11,24-26.

 

Die Verwandten Jesu. 46 Als er noch zu den Volksscharen sprach, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und suchten ihn zu sprechen. 47 Da sagte einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sprechen. 48 Er antwortete dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? 49 Und er streckte die Hand nach seinen Jüngern hin aus und sprach: Siehe da meine Mutter und meine Brüder! 50 Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter. 46-50: Vgl. Mk 3,31-35, Lk 8,19-21. Die mehrfach genannten „Brüder“ Jesu, ebenso seine „Schwestern“ (Mt 13,56; Mk 6,3), sind nicht leibliche Geschwister oder Stiefgeschwister, sondern Vettern und Basen. Als Eltern werden nämlich Kleophas und seine Frau Maria angegeben. Der Ausdruck „Bruder“ und „Schwester“ für nahe Verwandte findet sich auch sonst in der Bibel (vgl. 1 Mos 13,8; 14,14-16; 29,13-15; 1 Chr 23,21-22; Job 42,11). Tob 3,15 (griechischer Text) ist sogar von einem „nahen Bruder“ = einem nahen Verwandten die Rede. Jesus hat seine Mutter nicht verleugnet, sondern das Beispiel gänzlichen Aufgehens im Dienste Gottes gegeben. Ein Sohn, der ganz im Dienste des Allerhöchsten steht, darf nicht seine Berufspflichten hinter der Rücksicht auf die Verwandten zurücktreten lassen.

 

Sieben Gleichnisse vom Himmelreich

13 Das Gleichnis vom Sämann. An jenem Tage ging Jesus aus dem Hause und setzte sich an den See. Es sammelten sich um ihn große Volksmassen. Darum stieg er in ein Schifflein und setzte sich. Die ganze Menge stand am Ufer. Er redete vieles zu ihnen in Gleichnissen. Er sprach: Siehe, ein Sämann ging aus, zu säen. Als er säte, fiel einiges auf den Weg, und die Vögel [des Himmels] kamen und pickten es auf. Anderes fiel auf steinigen Grund, wo es nicht viel Boden hatte, und es ging rasch auf, weil es keinen tiefen Grund hatte. Als aber die Sonne aufgegangen war, wurde es versengt und verdorrte, weil es keine Wurzel hatte. Anderes aber fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen mit auf und erstickten es. Anderes endlich fiel auf gutes Erdreich und brachte Frucht, einiges hundertfältige, anderes sechzigfältige, anderes dreißigfältige. Wer Ohren hat, der höre! 10 Da traten die Jünger heran und fragten ihn: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? 11 Er antwortete: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu verstehen, ihnen aber ist es nicht gegeben. 12 Denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird im Überfluß haben. Wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. 13 Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht hören und nicht verstehen. 14 Und so erfüllt sich an ihnen die Weissagung des Isaias: Hören werdet ihr und nicht verstehen; sehen werdet ihr und doch nicht sehen. 15 Denn verstockt ward das Herz dieses Volkes, und mit ihren Ohren hörten sie schwer, und ihre Augen schlossen sie, damit sie nicht etwa sehen mit den Augen und hören mit den Ohren und verstehen mit dem Herzen und sich bekehren, und ich sie heile (Is 6, 16 9.10). 16 Selig aber sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören. 17 Denn wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt zu sehen, was ihr sehet, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr höret, und haben es nicht gehört. 18 So höret also ihr das Gleichnis vom Sämann: 19 Bei jedem, der das Wort vom Reiche hört und nicht versteht, kommt der Böse und raubt, was in sein Herz gesät ward. Bei dem ist der Samen auf den Weg gesät worden. 20 Bei wem aber auf steinigem Grund gesät ward, das ist der, welcher das Wort hört und es sogleich mit Freuden aufnimmt. 21 Er hat aber keine Wurzel in sich, sondern ist ein wetterwendischer Mensch. Und wenn um des Wortes willen Trübsal und Verfolgung entstehen, so kommt er gleich zu Fall. 22 Bei wem unter die Dornen gesät ward, das ist jener, der das Wort hört, aber die Sorge dieser Welt und der Trug des Reichtums ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. 23 Was aber in das gute Erdreich gesät ward, das ist der, welcher das Wort hört und versteht, der bringt dann auch Frucht und trägt teils hundertfältig, teils sechzigfältig, teils dreißigfältig. 1-23: Vgl. Mk 4, 1-20; Lk 8, 4-15. Äcker von der Beschaffenheit, wie das Gleichnis sie voraussetzt, sieht man in Palästina heute noch.

 

Das Gleichnis vom Unkraut. 24 Er trug ihnen ein anderes Gleichnis vor: Das Himmelreich ist gleich geworden einem Manne der guten Samen auf seinen Acker säte. 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut mitten unter den Weizen und ging davon. 26 Als nun die Saat aufsproß und Frucht ansetzte, kam auch das Unkraut zum Vorschein. 27 Da traten die Knechte des Hausvaters herzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut? 28 Er sprach zu ihnen: Das hat ein Feind getan. Die Knechte aber sagten zu ihm: Willst du, daß wir hingehen und es zusammenlesen? 29 Er antwortete: Nein, ihr möchtet sonst beim Sammeln des Unkrautes zugleich mit diesem den Weizen ausreißen. 30 Lasset beides zusammen wachsen bis zur Ernte; und zur Zeit der Ernte will ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Büschel zum Verbrennen, den Weizen aber sammelt in meine Scheune. 24-30: Jesus selber hat also gelehrt, daß es in seiner Kirche auf Erden nicht nur gute Christen geben werde. Die große Scheidung kommt am Ende.

 

Das Gleichnis vom Senfkorn. 31 Er legte ihnen ein anderes Gleichnis vor: Das Himmelreich ist gleich einem Senfkorn, das ein Mann nahm und auf seinen Acker säte. 32 Dieses ist zwar das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber herangewachsen ist, so ist es das größte unter allen Gartengewächsen. Es wird ein Baum, so daß die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen wohnen.

 

Das Gleichnis vom Sauerteig. 33 Ein anderes Gleichnis sprach er zu ihnen: Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis die gesamte Teigmasse durchsäuert war.

 

34 Alles dieses redete Jesus in Gleichnissen zu den Volksscharen und ohne Gleichnis redete er nicht zu ihnen. 35 So sollte sich das Wort des Propheten erfüllen: Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und kundmachen, was seit Erschaffung der Welt verborgen war (Ps 78, 2). 31-35: Vgl. Mk 4,30-32, Lk 13,18-21. Das Gleichnis vom Senfkorn veranschaulicht das äußere Wachstum der Kirche, jenes vom Sauerteig ihre innere Umgestaltungskraft. Ersteres zu fördern, ist vor allem Aufgabe des Mannes, bei letzterer hat die Frau besonderen Anteil. Das Sauerteiggleichnis verrät, wie teilnehmend Jesus das häusliche Wirken der Hausfrau beobachtete. Es gehörte zu ihren Pflichten, täglich das Mehl zu mahlen und das Brot zu backen für den Bedarf der Familie.

 

Erklärung des Gleichnisses vom Unkraut. 36 Dann entließ er die Volksscharen und ging nach Hause. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker. 37 Er antwortete ihnen: Der den guten Samen aussät, ist der Menschensohn. 38 Der Acker ist die Welt, der gute Samen aber, das sind die Kinder des Reiches; und das Unkraut, das sind die Kinder des Bösen. 39 Der Feind, der es gesät hat, das ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt, und die Schnitter sind die Engel. 40 Gleichwie man nun das Unkraut sammelt und im Feuer verbrennt, so wird es auch am Ende der Welt gehen. 41 Der Menschensohn wird seine Engel aussenden. Diese werden aus seinem Reiche alle Verführer und Übeltäter sammeln 42 und werden sie in den Feuerofen werfen. Da wird Heulen und Zähneknirschen sein. 43 Alsdann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne im Reiche ihres Vaters. Wer Ohren hat, der höre!

 

Die drei Gleichnisse vom Schatz im Acker, von der Perle und vom Fischnetze. 44 Das Himmelreich ist gleich einem Schatze, der im Acker verborgen ist. Den findet ein Mensch und verbirgt ihn. In seiner Freude geht er hin, verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker. 45 Wiederum ist es mit dem Himmelreich, wie wenn der Kaufmann schöne Perlen sucht. 46 Hat er eine einzige kostbare Perle gefunden, dann geht er hin, verkauft all seinen Besitz, um sie dafür zu kaufen. 47 Ferner ist das Himmelreich gleich einem Netze, das ins Meer geworfen wurde und Fische aller Art aufnahm. 48 Als es voll war, zog man es heraus, setzte sich ans Ufer und sammelte die guten in Gefäße, die schlechten aber warf man weg. 49 So wird es auch am Ende der Welt gehen. Die Engel werden ausziehen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten absondern 50 und sie in den Feuerofen werfen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.

 

51 Habt ihr alles verstanden? Sie antworteten ihm: Ja. 52 Und er sprach zu ihnen: Darum ist jeder Schriftgelehrte, der die Schule des Himmelreiches durchgemacht hat, gleich einem Hausvater, der Neues und Altes aus seinem Schatze hervorholt. 44-52 Wer alles für die Sache Gottes opfert, hat den besten Tausch gemacht. Das Bild des Fischnetzgleichnisses war am See Genesareth häufig zu sehen. Es hat ähnlichen Sinn wie das Unkrautgleichnis.

 

Letzte Wanderung durch Galiläa

Jesus in Nazareth. 53 Und es begab sich, als Jesus diese Gleichnisse beendet hatte, ging er von da weg. 54 Er kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie verwundert fragten: Woher hat der da diese Weisheit und die Wunderkräfte? 55 Ist er nicht des Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria und seine Brüder Jakobus, Joseph, Simon und Judas? 56 Sind nicht auch seine Schwestern alle bei uns? Woher hat er denn dies alles? 57 Und sie nahmen Anstoß an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Nirgends findet ein Prophet weniger Anerkennung als in seiner Vaterstadt und in seinem Hause. 58 Und er wirkte daselbst nicht viele Wunder wegen ihres Unglaubens. 35-58 Vgl. Mk 6,1-6. Über die Brüder und Schwestern Jesu vgl. die Anmerkung zu Mt 12,46-30.

 

14 Die Enthauptung des Täufers. In jener Zeit hörte der Vierfürst Herodes die Kunde von Jesus. Er sagte zu seinen Leuten: Das ist Johannes der Täufer. Der ist von den Toten auferstanden, und darum wirken die Wunderkräfte in ihm. Herodes hatte nämlich den Johannes ergreifen, binden und ins Gefängnis werfen lassen wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte ihm gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, sie zur Frau zu nehmen. Er hätte ihn gern töten lassen, aber er fürchtete das Volk, weil man ihn für einen Propheten hielt. Am Geburtstage des Herodes aber tanzte die Tochter der Herodias inmitten des Saales und gefiel dem Herodes. Deshalb versprach er mit einem Eide, ihr alles zu geben, was sie von ihm verlangen würde. Angestiftet von ihrer Mutter, sprach sie: Gib mir hier auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers. Da wurde der König bestürzt; allein wegen des Eides und wegen der Tischgenossen befahl er, es zu geben, sandte hin 10 und ließ den Johannes im Gefängnis enthaupten. 11 Man brachte das Haupt auf einer Schüssel und gab es dem Mädchen, und sie brachte es ihrer Mutter. 12 Da holten seine Jünger den Leichnam und begruben ihn. Dann gingen sie hin und berichteten es Jesus. 13 Als Jesus dies vernahm, zog er sich von dort in einem Schifflein zurück in eine einsame Gegend abseits. Da die Volksscharen davon hörten, folgten sie ihm zu Fuß aus den Städten. 1-13: Vgl. Mk 6,14-29; Lk 9,7-9; 3,19-20. Gemeint ist Herodes Antipas, ein Sohn Herodes d. Gr. Er war von 4 v. Chr. bis 39 n. Chr. Vierfürst von Galiläa und Peräa. Herodias wurde ihrem Manne untreu, weil sie gern Königin geworden wäre; aber Antipas erlangte nie die Königswürde. Die Ehebrecherin scheute nicht davor zurück, ihr Kind in die Blutschuld hineinzuziehen, um sich an Johannes rächen zu können.

 

Erste Brotvermehrung. 14 Als er landete und viel Volk sah, empfand er Mitleid mit ihnen und heilte ihre Kranken. 15 Als es Abend geworden war, traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Die Gegend ist öde, und die Stunde des Essens ist vorbei. Entlaß die Volksscharen, sie sollen in die Flecken gehen und sich Speise kaufen. 16 Jesus entgegnete ihnen: Sie brauchen nicht wegzugehen; gebet ihr ihnen zu essen. 17 Sie antworteten: Wir haben hier nur fünf Brote und zwei Fische. 18 Er aber sprach zu ihnen: Bringet sie mir her. 19 Nachdem er den Scharen befohlen hatte, sich aufs Gras niederzulassen, nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, sah auf gen Himmel, segnete, brach und gab den Jüngern die Brote; die Jünger gaben sie den Volksscharen. 20 Sie aßen alle und wurden satt. Und sie hoben die Reste auf, zwölf Körbe voll Stücklein. 21 Die Zahl derer aber, die gegessen hatten, betrug etwa fünftausend Männer, ohne Frauen und Kinder.

 

Jesus wandelt auf dem Meere. 22 Und sogleich nötigte Jesus seine Jünger, in das Schifflein zu steigen und vor ihm an das andere Ufer zu fahren, bis er die Scharen entlassen hätte. 23 Als er die Scharen entlassen hatte, stieg er auf den Berg, ganz allein um zu beten; und da es Abend geworden, war er allein dort. 24 Das Schifflein aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen, denn es war Gegenwind. 25 Um die vierte Nachtwache aber kam er zu ihnen, auf dem See wandelnd. 26 Als die Jünger ihn auf dem See wandeln sahen, riefen sie voll Schrecken: Es ist ein Gespenst! 27 Sogleich redete Jesus sie an: Seid getrost, ich bin's, fürchtet euch nicht! 28 Da antwortete ihm Petrus: Herr, wenn du es bist, so heiß mich zu dir kommen auf dem Wasser. 29 Er sprach: Komm! und Petrus stieg aus dem Schifflein und wandelte über das Wasser, um zu Jesus zu kommen. 30 Als er aber den heftigen Wind merkte, bekam er Angst, fing an zu sinken und rief laut: Herr, rette mich! 31 Sogleich streckte Jesus seine Hand aus, faßte ihn an und sprach: Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? 31: Nicht den Wagemut des Apostels tadelt Jesus, sondern den mangelnden Glauben. 32 Als sie in das Schifflein gestiegen waren, legte sich der Wind. 33 Die im Schifflein waren, warfen sich vor ihm nieder und sprachen: Wahrlich, du bist Gottes Sohn! 34 Sie fuhren nun hinüber und kamen in die Landschaft Genesareth. 34 Genesar heißt die fruchtbare Ebene am westlichen Ufer des Sees Genesareth zwischen Magdala und Tabgha. 35 Als die Leute jener Gegend ihn erkannten, schickten sie in die ganze Umgegend, brachten alle Kranken zu ihm 36 und baten ihn, nur die Quaste seines Mantels berühren zu dürfen. Und alle, die sie berührten, wurden gesund. 14-35: Vgl. Mk 6,32-56, Lk 9,l0-17; Jo 6,1-26. Die Wunder der Brotvermehrung und des Wandelns auf dem See stehen in innerer Beziehung zur Verheißung der heiligen Eucharistie, die Johannes danach berichtet.

 

15 Jesu Lehren im Gegensatz zu denen der Pharisäer. Da kamen Schriftgelehrte und Pharisäer aus Jerusalem zu Jesus und sprachen: Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Alten? Waschen sie doch die Hände nicht, wenn sie Brot essen. Er aber antwortete ihnen: Warum übertretet ihr selbst das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen? Denn Gott hat geboten: Du sollst Vater und Mutter ehren, und: Wer Vater oder Mutter flucht, soll des Todes sterben (5 Mos 5, 16). Ihr aber saget: Wenn einer zu Vater oder Mutter spricht: Opfergabe soll sein, was ich dir zu leisten hätte, so braucht er seinen Vater und seine Mutter nicht zu ehren. Damit habt ihr Gottes Gebot aufgehoben um eurer Überlieferung willen. Ihr Heuchler, treffend hat Isaias von euch geweissagt: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit von mir. Vergeblich aber ehren sie mich, indem sie Lehren und Satzungen von Menschen vortragen (Is 29, 13). 10 Dann rief er die Menge zu sich und sprach zu ihnen: Höret und verstehet wohl! 11 Nicht, was zum Munde eingeht, verunreinigt den Menschen, sondern was vom Munde ausgeht, das verunreinigt den Menschen. 12 Darauf traten seine Jünger hinzu und sprachen zu ihm: Weißt du, daß die Pharisäer Anstoß genommen haben, als sie das Wort hörten? 13 Er antwortete: Jede Pflanzung, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerottet werden. 14 Lasset sie! Blinde Blindenführer sind sie. Wenn aber ein Blinder einen Blinden führt, so fallen beide in die Grube. 15 Petrus antwortete ihm: Erkläre uns dieses Gleichnis! 16 Er sprach: Seid auch ihr immer noch ohne Einsicht? 17 Sehet ihr nicht, daß alles, was zu dem Munde eingeht, in den Magen kommt und seinen natürlichen Ausgang nimmt? 18 Was aber aus dem Munde herausgeht, kommt aus dem Herzen, und das verunreinigt den Menschen. 19 Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Gotteslästerung. 20 Das ist's, was den Menschen verunreinigt. Aber essen, ohne die Hände zu waschen, verunreinigt den Menschen nicht. 16-20: Die Speisen gelangen gar nicht bis zum Herzen, d. h. bis zur Seele, können sie also auch nicht verunreinigen. Ist aber das Herz unrein, so ist die Quelle unrein und somit alles, was aus ihr hervorkommt 1-20: Vgl. Mk 7,1-23; Lk 6,39. „Überlieferungen der Alten“ hießen die Deutungen und Zusätze der Schriftgelehrten zum Gesetz des Moses. Sie verkehrten oft den Sinn des Gesetzes, wurden aber von manchen strenger befolgt als das ursprüngliche Gesetz. Besonders kleinlich waren die Vorschriften über Waschungen sowie über Rein und Unrein.

 

Die kanaanäische Frau. 21 Jesus ging weg von da und zog sich in die Gegend von Tyrus und Sidon zurück. 22 Siehe, da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend und rief ihm zu: Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter wird arg von einem bösen Geiste geplagt. 23 Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger hinzu und baten ihn: Schick sie fort; denn sie schreit hinter uns her. 24 Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. 25 Sie aber kam, warf sich vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! 26 Er entgegnete: Es ist nicht recht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hündlein vorzuwerfen. 27 Sie aber sprach: Jawohl, Herr! Denn auch die Hündlein essen von den Brosamen, die vom Tische ihrer Herren fallen. 28 Da antwortete Jesus: O Frau, dein Glaube ist groß, dir geschehe, wie du willst. Und von jener Stunde an ward ihre Tochter gesund. 21-28 Vgl. Mk 7,24-30. In Demut und Beharrlichkeit besteht die Mutter glänzend die schwere Glaubensprobe beim Hilfesuchen für ihr Kind.

 

Weitere Heilungen. 29 Von dort weg begab sich Jesus an den See von Galiläa, stieg auf den Berg und setzte sich dort. 30 Da kamen große Volksscharen zu ihm. Sie hatten Lahme, Krüppel, Blinde, Stumme und viele andere bei sich. Diese legten sie zu seinen Füßen nieder, und er heilte sie, 31 so daß die Volksscharen staunten, da sie sahen, daß Stumme redeten, Krüppel gesund wurden, Lahme wandelten und Blinde sehend wurden. Und sie priesen den Gott Israels.

 

Zweite Brotvermehrung. 32 Jesus rief seine Jünger zu sich und sprach: Mich erbarmet des Volkes. Denn sie harren schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen, und ich will sie nicht ungespeist entlassen, sie möchten sonst auf dem Wege verschmachten. 33 Da entgegneten ihm seine Jünger: Woher nehmen wir in der Wüste so viele Brote, um eine so große Menge zu sättigen? 34 Jesus fragte sie: Wieviel Brote habt ihr? Sie sagten: Sieben und wenige Fischlein. 35 Er befahl der Menge, sich auf der Erde zu lagern. 36 Dann nahm er die sieben Brote und die Fische, dankte, brach sie, gab sie seinen Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volke. 37 Und alle aßen und wurden satt. Von den Stücken aber, die übriggeblieben waren, hoben sie sieben Körbe voll auf. 38 Derer aber, die gegessen hatten, waren viertausend Männer, ohne Frauen und Kinder. 39 Alsdann entließ er das Volk, stieg in das Schifflein und fuhr in das Gebiet von Magedan. 39: Die Zahl der Männer kennzeichnet am besten die Größe der Volksmenge. Frauen und Kinder sind also nicht aus Geringschätzung nicht mitgezählt. Die Lage des Ortes ist umstritten. 32-39 Vgl. Mk 8,1-10.

 

16 Warnung vor den Lehren der Pharisäer. Da kamen die Pharisäer und Sadduzäer zu ihm, um ihn zu versuchen. Und sie baten ihn, er möchte sie ein Wunderzeichen vom Himmel sehen lassen. Er antwortete ihnen: Wenn es Abend geworden, sagt ihr: Es wird schön Wetter, denn der Himmel ist rot. Und am Morgen: Heute wird stürmisches Wetter sein, denn der Himmel rötet sich trübe. Das Aussehen des Himmels also wißt ihr zu deuten, aber in die Zeichen der Zeit könnt ihr euch nicht finden? Das böse und ehebrecherische Geschlecht verlangt ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als das Zeichen des [Propheten] Jonas. Dann ließ er sie stehen und ging weg. 4: Ehebrecherisch werden die Juden genannt, weil sie Gott die Treue brachen, der einen Bund mit ihnen eingegangen war.

 

Sauerteig der Pharisäer. Als nun seine Jünger an das andere Ufer gekommen waren, da hatten sie vergessen, Brot mit sich zu nehmen. Er sprach zu ihnen: Sehet wohl zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer. Da überlegten sie untereinander und sagten: Wir haben kein Brot mitgenommen. Jesus merkte dies und sprach: Was macht ihr euch Gedanken darüber, ihr Kleingläubigen, daß ihr kein Brot habt? Begreift ihr noch nicht? Denkt ihr nicht mehr an die fünf Brote für die fünftausend Mann, und wieviel Körbe ihr aufgehoben habt? 10 Auch nicht an die sieben Brote für die viertausend Mann, und wie viele Körbe ihr aufgehoben habt? 11 Warum begreift ihr nicht, daß ich nicht von Brot zu euch redete? Hütet euch aber vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer! 12 Da verstanden sie, daß er nicht gemeint hatte, sie sollten sich vor dem Sauerteig des Brotes hüten, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer. 1-12: Vgl. Mk 8,11-21

 

Bekenntnis und Vorrang des Petrus. 13 Jesus kam in das Gebiet der Stadt Cäsarea Philippi. Da fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? 14 Sie sprachen: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elias, wieder andere für Jeremias oder einen aus den Propheten. 15 Da sprach er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? 16 Da antwortete Simon Petrus: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. 17 Jesus erwiderte ihm: Selig bist du, Simon, Sohn des Jonas. Denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel. 18 Und ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. 19 [Und] dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was immer du binden wirst auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden sein. Und was immer du lösen wirst auf Erden, das soll auch im Himmel gelöst sein. 20 Dann gebot er seinen Jüngern, sie sollten niemand sagen, daß er der Messias sei. 20: Das Volk war wegen seiner falschen Messias­erwartungen noch nicht reif dafür. 13-20: Vgl. Mk 8,27-30; Lk 9,18-21. Wer die Geschichtlichkeit dieses Abschnittes leugnet, muß das ganze Evangelium als ungeschichtlich ablehnen. Jesus erklärt den Apostel Petrus zum Fundament der Kirche und verheißt ihm den Primat, die oberste Leitung der sichtbaren Kirche auf Erden. Jo 21,15-17 erfolgt die Einsetzung. Das Papsttum ist also von Christus selber eingesetzt.

 

Leidensverkündigung und Belehrung

Leidensweissagung. 21 Von da an begann Jesus seinen Jüngern zu zeigen, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, von den Oberpriestern und Schriftgelehrten vieles leiden, getötet werden, aber am dritten Tage auferstehen. 22 Da nahm ihn Petrus beiseite und fing an, es ihm zu verweisen: Das sei ferne von dir, Herr, das darf dir nicht widerfahren! 22: Die Schärfe des Ausdrucks lehrt, wie treu Jesus am Willen Gottes festhält, der ihm den Weg des Leidens weist, während Petrus in unerleuchtetem Eifer den Meister von diesem Wege ablenken will und so zum Helfer Satans wird, der ähnliche Versuche in der Wüste gemacht hatte. Wer einen anderen Weg zum ewigen Heile weist, ist ein „falscher Prophet“. 23 Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Weg von mir, Satan! Ein Ärgernis bist du mir. Denn du hast nicht Sinn für die Sache Gottes, sondern für die Sache der Menschen.

 

Jesus fordert Selbstverleugnung. 24 Dann sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. 25 Denn wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren. Wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden. 26 Was nützte es nämlich dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, an seiner Seele aber Schaden litte? Oder was kann der Mensch wohl geben als Entgelt für seine Seele? 27 Denn der Menschensohn wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln kommen und dann einem jeden vergelten nach seinen Werken. 28 Wahrlich, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht kosten, bis sie den Menschensohn in seinem Reiche kommen sehen. 21-28: Vgl. Mk 8,31-9, 1; Lk 9,22-27.

 

17 Jesu Verklärung. Nach sechs Tagen nahm Jesus den Petrus, Jakobus und Johannes, dessen Bruder, mit und führte sie auf einen hohen Berg, abseits. Da ward er vor ihnen verklärt, sein Angesicht glänzte wie die Sonne, seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, es erschienen ihnen Moses und Elias, die mit ihm redeten. Petrus nahm das Wort und sprach zu Jesus: Herr, es ist ein Glück für uns, hier zu sein. Willst du, so werde ich hier drei Hütten bauen, dir eine, dem Moses eine und dem Elias eine. Während er noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und eine Stimme aus der Wolke sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe, auf ihn sollt ihr hören! Da die Jünger dies hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. Da trat Jesus hinzu, rührte sie an und sprach: Stehet auf und fürchtet euch nicht! Als sie aber ihre Augen erhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. Während sie von dem Berge herabstiegen, befahl ihnen Jesus: Saget niemanden von dieser Erscheinung, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist. 1-9: Dieselben drei Apostel sollten Zeugen der Verklärung und der Todesangst im Ölgarten sein. Vorzeitiges Bekanntwerden hätte falschen Erwartungen Vorschub geleistet. 10 Und die Jünger fragten ihn: Warum sagen denn die Schriftgelehrten, Elias müsse zuvor kommen? (Mal 4, 6.). 11 Er antwortete ihnen: Freilich wird Elias kommen und alles wiederherstellen. 12 Ich sage euch aber, Elias ist schon gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt, sondern mit ihm gemacht, was sie nur wollten. So wird auch der Menschensohn von ihnen zu leiden haben. 13 Da verstanden die Jünger, daß er von Johannes dem Täufer zu ihnen geredet habe.

 

Heilung eines Mondsüchtigen. 14 Da sie nun zu dem Volke gekommen waren, trat ein Mann zu ihm, fiel vor ihm auf die Knie nieder 15 und sprach: Herr, erbarme dich meines Sohnes! Er ist mondsüchtig und muß arg leiden, denn er fällt oft ins Feuer und oft ins Wasser. 16 Ich habe ihn zu deinen Jüngern gebracht, doch sie konnten ihn nicht heilen. 17 Jesus antwortete: O ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringet ihn her zu mir! 18 Jesus drohte ihm, und der böse Geist fuhr von ihm aus, und der Knabe ward geheilt von jener Stunde an. 19 Alsdann traten die Jünger allein zu Jesus und sprachen: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? 20 Jesus antwortete ihnen: Wegen eures Kleinglaubens. Denn wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr einen Glauben habt wie ein Senfkörnlein, so könnt ihr zu diesem Berge sagen: Rücke von hier weg, dorthin — und er wird wegrücken, und nichts wird euch unmöglich sein. 19-20: Hätten die Jünger auch nur ein wenig vom vollkommenen Glauben, so könnten sie Übermenschliches leisten (vgl. Mt 21, 20-22; Mk 11, 20-25). 21 Diese Art aber wird nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben.

 

Zweite Leidensweissagung. 22 Als sie sich nun in Galiläa beisammen aufhielten, sprach Jesus zu ihnen: Der Menschensohn muß den Händen der Menschen überliefert werden. 1-22: Vgl. Mk 9,2-32, Lk 9,28-45. Von Mt 17,15-26 sind die Verszahlen im lateinischen Text um eine Stelle niedriger. 23 Sie werden ihn töten. Aber am dritten Tag wird er auferstehen. Da wurden sie sehr betrübt.

 

Tempelsteuer. 24 Als sie aber nach Kapharnaum kamen, traten die Einnehmer der Doppeldrachme zu Petrus und sprachen: Bezahlt euer Meister die Doppeldrachme nicht? (2 Mos 30,13.) 24: Jeder freie Israelit mußte jährlich einen halben Schekel oder eine Doppeldrachme (etwa 1,50 Mk.) als Steuer für den Tempel entrichten. 25 Er sagte: Doch! Als er nach Hause gekommen war, kam ihm Jesus zuvor und sprach: Was meinst du, Simon, von wem nehmen die Könige der Erde Abgaben oder Steuer? Von ihren Kindern oder von den Untertanen? 26 Jener erwiderte: Von den Untertanen. Da sagte Jesus zu ihm: Also sind die Kinder frei. 27 Damit wir sie aber nicht ärgern, so geh hin an den See, wirf die Angel aus und nimm den Fisch, der zuerst herauskommt. Und wenn du sein Maul öffnest, so wirst du ein Vierdrachmenstück finden. Das nimm und gib ihnen für mich und dich.

 

18 Lehren über Demut und Ärgernis. In jener Stunde traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wer ist wohl der größte im Himmelreich? Da rief Jesus ein Kind herbei, stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr euch nicht bekehret und nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. Wer also sich verdemütigt wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich. Und wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf. Wer aber einem aus diesen Kleinen, die an mich glauben, Anlaß zur Sünde gibt, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ins tiefe Meer versenkt würde. Wehe der Welt um der Ärgernisse willen! Es müssen zwar Ärgernisse kommen, wehe aber dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt. Wenn deine Hand oder dein Fuß dir Anlaß zur Sünde gibt, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist für dich besser, daß du verstümmelt oder hinkend in das Leben eingehst, als daß du mit zwei Händen oder zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen werdest. Und wenn dir dein Auge Anlaß zur Sünde gibt, so reiß es aus und wirf es von dir. Es ist für dich besser, daß du mit einem Auge in das Leben eingehest, als daß du mit zwei Augen in das höllische Feuer geworfen werdest. 10 Sehet zu, daß ihr keines dieser Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel schauen im Himmel immerfort das Angesicht meines Vaters, der im Himmel ist. 11 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu retten, was verloren war.

 

12 Was meint ihr? Wenn einer hundert Schafe hat und ein einziges von ihnen sich verirrt, läßt er nicht die neun­undneun­zig auf den Bergen und geht hin und sucht das verirrte? 13 Und wenn es ihm glückt, es zu finden, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich mehr über dieses als über die neun­undneun­zig, die nicht irregegangen sind. 14 So ist es nicht der Wille eures Vaters im Himmel, daß eines von diesen Kleinen verlorengehe. 1-14: Vgl. Mk 9,33-49; Lk 9,46-48; 17,1-2. Das von Christus verkündete Kinderschutzgesetz zeigt den Wert jeder Menschenseele. Um sie zu retten, ist kein Opfer zu groß.

 

Mahnung zur Versöhnlichkeit. 15 Hat dein Bruder wider dich gefehlt, so gehe hin und verweise es ihm unter vier Augen. 16 Gibt er dir Gehör, so hast du deinen Bruder gewonnen. Gibt er dir aber kein Gehör, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit alles auf der Aussage zweier oder dreier Zeugen feststehe (5 Mos 19,15). 17 Hört er diese nicht, so sage es der Kirche. Wenn er aber die Kirche nicht hört, so sei er dir wie ein Heide und ein Zöllner. 18 Wahrlich, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein. 19 Abermals sage ich euch: Wenn zwei aus euch auf Erden einmütig um etwas bitten wollen, so wird es ihnen von meinem himmlischen Vater gegeben werden. 20 Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. 15-20: Vgl. Lk 17,3-4. Die kirchliche Obrigkeit hat die Vollmacht, schwere Vergehen mit dem Ausschluß aus der Gemeinschaft der Gläubigen zu bestrafen. Dieses Strafurteil wird von Gott anerkannt.

 

Das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht. 21 Alsdann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft muß ich meinem Bruder vergeben, wenn er wider mich sündigt? Bis siebenmal? 22 Jesus antwortete ihm: Ich sage dir: Nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. 23 Darum ist das Himmelreich einem Könige gleich, der mit seinen Knechten abrechnen wollte. 24 Als er damit anfing, brachte man ihm einen, der ihm zehntausend Talente schuldig war. 24: Nach unserer Währung sind zehntausend Talente etwa 52 Millionen Goldmark, hundert Denare dagegen 87 Goldmark. Die Pflicht des Verzeihens ist überaus ernst. 25 Da er nichts hatte, um zu bezahlen, befahl sein Herr, ihn und sein Weib und seine Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und zu bezahlen. 26 Da warf sich der Knecht vor ihm nieder und bat ihn: Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen. 27 Voll Mitleid mit diesem Knecht ließ der Herr ihn frei und schenkte ihm die Schuld. 28 Beim Hinausgehen aber traf dieser Knecht einen seiner Mitknechte, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sprach: Bezahle, was du schuldig bist! 29 Da warf sich sein Mitknecht vor ihm nieder und bat ihn: Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen. 30 Der aber wollte nicht, sondern ging hin und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt hätte. 31 Da nun seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt. Sie gingen hin und meldeten ihrem Herrn alles, was sich zugetragen hatte. 32 Sein Herr ließ ihn rufen und sagte zu ihm: Du böser Knecht! Die ganze Schuld habe ich dir nachgelassen, weil du mich gebeten hast. 33 Hättest du nicht auch deines Mitknechtes dich erbarmen müssen, wie auch ich mich deiner erbarmt habe? 34 Voll Zorn übergab ihn sein Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt hätte. 35 So wird auch mein himmlischer Vater mit euch verfahren, wenn ihr nicht, ein jeder seinem Bruder, von Herzen verzeiht. 21-35: Wahre Liebe fragt nicht nach den Grenzen der Pflicht, sondern verzeiht, sooft sie Gelegenheit hat. Im engen Kreis der Familie bietet sich solche Gelegenheit an jedem Tage.

 

Die Reise nach Jerusalem

19 Ehescheidung und Ehelosigkeit. Und es begab sich, als Jesus diese Reden beendet hatte, zog er weg aus Galiläa und kam in das Gebiet von Judäa, jenseits des Jordans. Es folgten ihm große Volksscharen nach; und er heilte sie daselbst. Da traten die Pharisäer zu ihm, um ihn zu versuchen, und sprachen: Ist es einem Manne erlaubt, seine Frau aus jedem Grunde zu entlassen? Er antwortete ihnen: Habt ihr nicht gelesen, daß der Schöpfer von Anfang an die Menschen als Mann und Weib geschaffen und gesagt hat: Deshalb wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein (1 Mos 2, 24). So sind sie also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Sie sagten zu ihm: Warum hat dann Moses geboten, den Scheidebrief zu geben und sie zu entlassen? (5 Mos 24, 1.) Er erwiderte ihnen: Moses hat euch um eurer harten Herzen willen erlaubt, eure Frauen zu entlassen. Im Anfang war es nicht so. Ich aber sage euch: Wer immer seine Frau entläßt, außer wegen Unzucht, und eine andere nimmt, der bricht die Ehe. Und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe. 9: Auch das Vergehen der Unzucht seitens der Frau gibt nicht das Recht, das Eheband zu lösen und eine neue Ehe einzugehen. Der zweite Evangelist formuliert den Ausspruch Jesu ganz allgemein (Mk 10,11-12). 10 Da sprachen seine Jünger zu ihm: Wenn die Sache zwischen Mann und Frau so steht, dann empfiehlt es sich nicht, zu heiraten. 11 Er sprach zu ihnen: Nicht alle fassen dieses Wort sondern nur die, denen es gegeben ist. 12 Denn es gibt Ehe-Unfähige, die vom Mutterschoß her zur Ehe unfähig sind; und es gibt solche, die von Menschen zur Ehe unfähig gemacht worden sind und es gibt solche, die sich selbst zur Ehe unfähig gemacht haben um des Himmelreiches willen. Wer es fassen kann, der fasse es! 10-12: Die Apostel erschrecken vor einer unauflöslichen Ehe. Jesus stellt den freiwilligen Verzicht auf die Ehe aus Liebe zu Gott als höheres Lebensideal hin. Dadurch hat er aber die Eheleute nicht als minder vollkommene Christen hinstellen wollen. Das Maß der Vollkommenheit hängt nicht von dem Ehestand oder dem jungfräulichen Stande allein ab, sondern von der Liebe und Treue, mit der einer seine Standespflichten erfüllt. Vers 11 besagt, daß auch zu einer unlösbaren Ehe Gottes Gnade erforderlich ist. 1-12: Vgl. Mk 10, 1-12. Die Pharisäer suchten den Herrn in den Streit ihrer Schulen über die Gründe zur Ehescheidung hineinzuziehen. Die Schule Schammais forderte einen ernsten Verstoß der Frau gegen Sitte und Anstand. Die Schule Hillels dagegen erlaubte die Entlassung der Frau aus dem geringfügigsten Anlaß. Jesus aber geht auf ihre Spitzfindigkeiten gar nicht ein, sondern bringt den ursprünglichen Willen des Schöpfers in der unauflöslichen Ehe zwischen einem einzigen Manne und einer einzigen Frau zur Geltung. Das Recht, die Frau durch den Scheidebrief zu entlassen, gilt im Christentum nicht mehr.

 

Jesus segnet die Kinder. 13 Hierauf brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflege und bete. Allein die Jünger fuhren sie hart an. 14 Jesus aber sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht. Denn für solche ist das Himmelreich. 15 Und er legte ihnen die Hände auf und zog von dort weiter.

 

Der reiche Jüngling und Wert des Reichtums. 16 Da trat einer hinzu und sprach zu ihm: [Guter] Meister, was muß ich Gutes tun, um das ewige Leben zu erlangen? 17 Er sprach zu ihm: Was fragst du mich über das Gute? Einer ist der Gute [Gott]. Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote. 18 Er sagte zu ihm: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst kein falsches Zeugnis geben; 19 ehre deinen Vater und deine Mutter; liebe deinen Nächsten wie dich selbst. 20 Der Jüngling erwiderte ihm: Dies alles habe ich [von meiner Jugend an] beobachtet. Was fehlt mir noch? 21 Jesus antwortete ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast und gib den Erlös den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach. 22 Als der Jüngling dies hörte, ging er traurig davon. Denn er besaß viele Güter.

 

Warnung vor Reichtum. 23 Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Es ist schwer, daß ein Reicher in das Himmelreich eingehe. 24 Ja, ich sage es euch noch einmal: Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Himmelreich. 24: Der starke Vergleich soll die große Schwierigkeit kennzeichnen, den Gefahren des Reichtums zu entgehen. 25 Da die Jünger dies hörten, sprachen sie bestürzt: Wer kann denn dann gerettet werden? 26 Jesus blickte sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist das unmöglich, bei Gott aber ist alles möglich. 27 Da erwiderte Petrus: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns also dafür zuteil werden? 28 Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet bei der Welterneuerung, wenn der Menschensohn auf seinem herrlichen Throne sitzen wird, auch auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stamme Israels richten. 29 Und jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen verlassen hat, der wird Hundertfältiges dafür erhalten und das ewige Leben erben. 30 Viele Erste aber werden Letzte und Letzte Erste sein. 13-30: Vgl. Mk 10,13-31; Lk 18,15-30. 13-15: Das Kind hat ein heiliges Recht darauf, durch religiöse Unterweisung zu Christus geführt zu werden. Den Eltern und Erziehern obliegt die strenge Pflicht, für diese Unterweisung Sorge zu tragen. Niemand darf sie daran hindern.

 

20 Das Gleichnis von den Arbeitern. Das Himmelreich ist gleich einem Hausherrn, der am frühesten Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg zu dingen. Als er sich mit den Arbeitern auf einen Taglohn von einem Denar geeinigt hatte, schickte er sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er aus, sah andere auf dem Markte müßig stehen und sagte zu ihnen: Gehet auch ihr in meinen Weinberg, und was recht ist, will ich euch geben. Sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und neunte Stunde und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde ausging, fand er andere dastehen und sagte zu ihnen: Warum steht ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie antworteten ihm: Es hat uns niemand gedungen. Er sagte zu ihnen: Gehet auch ihr in meinen Weinberg. Am Abend aber sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Rufe die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn aus, von den letzten angefangen bis zu den ersten. Es kamen also die, welche um die elfte Stunde eingetreten waren, und es erhielt jeder einen Denar. 10 Als die ersten kamen, meinten sie, mehr zu empfangen. Aber auch von ihnen erhielt jeder einen Denar. 11 Da sie ihn empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn mit den Worten: 12 Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleich gehalten, die wir die Last und Hitze des Tages getragen haben. 13 Er aber antwortete einem von ihnen: Freund, ich tue dir kein Unrecht. Bist du nicht um einen Denar mit mir übereingekommen? 14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten auch geben wie dir. 15 Oder darf ich mit meinem Eigentum nicht tun, was ich will? Ist dein Auge böse, weil ich gut bin? 16 Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. [Denn viele sind berufen, wenige aber sind auserwählt.] 16: Der Satz: “Denn viele sind berufen, wenige aber sind auserwählt“, fehlt in den meisten griechischen Handschriften. Er bedeutet nicht, die Mehrzahl der Menschen komme in die Hölle. Aus den berufenen Juden fanden nur wenige das Heil. 1-16 Wir dürfen uns des ewigen Lohnes für unsere guten Werke freuen, aber Gott ist unabhängig in der Bemessung.

 

Dritte Leidensweissagung. 17 Als Jesus vorhatte, nach Jerusalem hinaufzugehen, nahm er die Zwölf beiseite und sprach unterwegs zu ihnen: 18 Sehet, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird den Oberpriestern und Schriftgelehrten überliefert werden, und sie werden ihn zum Tode verurteilen. 19 Sie werden ihn den Heiden übergeben zur Verspottung, Geißelung und Kreuzigung. Doch am dritten Tage wird er auferstehen. 17-19: Vgl. Mk 10,32-34, Lk 18,31-34.

 

Die Söhne des Zebedäus. 20 Da trat die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen zu ihm, fiel vor ihm nieder, um ihm eine Bitte vorzutragen. 21 Er sprach zu ihr: Was willst du? Sie antwortete ihm: Sprich, daß diese meine zwei Söhne in deinem Reiche einer zu deiner Rechten, der andere zu deiner Linken sitzen sollen. 22 Jesus antwortete: Ihr wisset nicht, um was ihr bittet! Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sprachen zu ihm: Wir können es. 23 Da sprach er: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken; das Sitzen aber zu meiner Rechten oder Linken habe nicht ich zu verleihen, sondern das gebührt denen, welchen es bereitet ist von meinem Vater. 24 Als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über die zwei Brüder. 25 Jesus rief sie zu sich und sprach: Ihr wisset, daß die Fürsten der Völker sich als Herren über sie gebärden und die Großen sie vergewaltigen. 26 Nicht so soll es unter euch sein, sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener. 27 Wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht. 28 Ist doch auch der Menschensohn nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösepreis für viele. 20-28: Vgl. Mk 10,35-45. Die Mutter heißt Salome, ihre Söhne sind die Apostel Johannes und Jakobus der Ältere.

 

Blindenheilung. 29 Als sie aus Jericho hinausgingen, folgte ihm eine große Volksmenge. 30 Und siehe, zwei Blinde, die am Wege saßen, hörten, daß Jesus vorübergehe. Und sie schrien: Herr, erbarme dich unser, du Sohn Davids! 31 Das Volk fuhr sie an, daß sie schweigen sollten. Da schrien sie nur noch lauter: Herr, erbarme dich unser, du Sohn Davids! 32 Jesus blieb stehen, rief sie herbei und sprach: Was wollt ihr, daß ich euch tue? 33 Sie antworteten ihm: Herr, daß unsere Augen geöffnet werden! 34 Voll Mitleid berührte Jesus ihre Augen, und sogleich sahen sie und folgten ihm. 29-34: Vgl. Mk 10,46-52; Lk 18,35-43. Nach Lukas geschieht das Wunder, „als Jesus sich Jericho näherte“, nach Matthäus und Markus, „als sie aus Jericho fortgingen“. Alt-Jericho und Neu-Jericho lagen eine halbe Stunde auseinander in der Richtung des Weges Jesu. Matthäus und Markus denken an Alt-Jericho, Lukas meint Neu-Jericho.

 

Tage der Entscheidung

Einzug in Jerusalem 21 Als sie sich Jerusalem näherten und nach Bethphage am Ölberge kamen, da sandte Jesus zwei Jünger ab und sprach zu ihnen: Gehet in das Dorf, das vor euch liegt, und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr. Bindet sie los und führt sie zu mir. Und wenn jemand etwas zu euch sagt, so sprechet: Der Herr braucht sie; er wird sie aber bald zurückschicken. Das ist aber geschehen, damit erfüllt würde das Wort des Propheten, der da spricht: Saget der Tochter Sion: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig, reitend auf einem Esel, und zwar auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres (Is 62,11; Zach 9, 9). Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte. Sie brachten die Eselin mit dem Füllen legten ihre Kleider auf sie, und er setzte sich darauf. Die gewaltige Menge aber breitete ihre Kleider auf den Weg. Andere brachen Zweige von den Bäumen ab und streuten sie auf den Weg. Die Volksscharen, die vorausgingen und nachfolgten, riefen: Hosanna dem Sohne Davids! Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Hosanna in der Höhe! (Ps 118, 25. 26.) 10 Bei seinem Einzug in Jerusalem kam die ganze Stadt in Aufregung und sprach: Wer ist dieser? 11 Die Volksscharen aber sagten: Dies ist Jesus, der Prophet von Nazareth in Galiläa. 1-11: Vgl. Mk 11,1-11, Lk 19,29-44; Jo 12,12-19. Vor seinem Leiden duldet Jesus die öffentliche Huldigung, der er früher auswich. Alle sollen wissen, daß er der Messias ist.

 

Im Tempel. 12 Und Jesus ging in den Tempel, trieb hinaus, die im Tempel kauften und verkauften, stieß die Tische der Wechsler und die Stände der Taubenhändler um 13 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus heißen; ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht (Is 56). 14 Es kamen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er machte sie gesund. 15 Da nun die Oberpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er wirkte, und die Kinder, die im Tempel riefen: Hosanna dem Sohne Davids! — wurden sie unwillig 16 und sprachen zu ihm: Hörst du, was diese sagen? Jesus aber sprach zu ihnen: Ja freilich! Habt ihr denn niemals gelesen: Aus dem Munde von Unmündigen und Säuglingen hast du dir Lob bereitet? (Ps. 8, 3.) 17 Er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Bethanien und blieb daselbst über Nacht. 12-17 Vgl. Mk 11,15-19; Lk 19, 45-49; To 2,13-22. Ob Jesus zweimal den Tempel reinigte, ist umstritten. Vielleicht geschah es, wie Johannes erzählt, nur beim ersten Osterfest. Die Synoptiker holen den Bericht nach, weil sie nur von diesem einen Besuch Jesu in Jerusalem ausführlicher melden.

 

Der unfruchtbare Feigenbaum. 18 Als er aber des Morgen in die Stadt zurückkehrte, hungerte ihn. 19 Und er sah einen Feigenbaum am Wege, ging hin und fand nichts an ihm als nur Blätter. Da sprach er zu ihm: Nie mehr soll Frucht auf dir wachsen in Ewigkeit! Und sogleich verdorrte der Feigenbaum. 20 Als die Jünger dies sahen, wunderten sie sich und sprachen: Wie ist der Feigenbaum so plötzlich verdorrt! 21 Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so könnt ihr nicht nur das tun, was an dem Feigenbaum geschah, sondern, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Hebe dich fort und stürze dich ins Meer, so wird es geschehen. 22 Und alles, was ihr im Gebete gläubig verlanget, das werdet ihr empfangen. 18-22: Vgl. Mk 11,12-14. 20-25. Das einzige Wunder dieser Art wirkt Jesus, um seine Strafgewalt zu offenbaren und die künftige Verwerfung

 

Streitreden mit den Juden

Vollmachtsfrage. 23 Als er in den Tempel gekommen war und eben lehrte, traten die Oberpriester und Ältesten des Volkes zu ihm und fragten: In welcher Vollmacht tust du dies? Wer hat dir die Vollmacht dazu gegeben? 24 Jesus erwiderte ihnen: Auch ich will euch eine Frage vorlegen; wenn ihr mir diese beantwortet, dann will auch ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich diese Dinge tue. 25 Woher war die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von Menschen? Sie überlegten untereinander: Sagen wir „vom Himmel“, so wird er uns erwidern: Warum habt ihr ihm also nicht geglaubt? 26 Sagen wir aber „von Menschen“, so haben wir das Volk zu fürchten. Denn alle halten den Johannes für einen Propheten. 27 Sie antworteten also Jesus: Wir wissen es nicht. Da sprach er zu ihnen: Nun, so sage ich euch auch nicht, in welcher Vollmacht ich dies tue. 23-27: Vgl. Mk 11,27-33; Lk 20,1-8.

 

Die ungleichen Söhne. 28 Was meint ihr aber davon: Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg. 29 Der antwortete: Jawohl, Herr, ging aber nicht hin. 30 Dann ging er zum zweiten und sprach ebenso. Der entgegnete: Ich mag nicht! Nachher aber reute es ihn, und er ging doch hin. 31 Wer von beiden hat den Willen des Vaters erfüllt? Sie sagten: Der letzte. Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und die Buhlerinnen kommen vor euch in das Reich Gottes. 32 Denn Johannes kam zu euch auf dem Weg der Gerechtigkeit, und ihr habt ihm nicht geglaubt; die Zöllner und Buhlerinnen aber haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen, und gleichwohl seid ihr hernach nicht in euch gegangen, so daß ihr ihm geglaubt hättet. 28-32: Besser ist es, einen bewußten Fehler reumütig zu sühnen, als frommes Getue mit innerer Unwahrhaftigkeit zu verbinden.

 

Das Gleichnis von den bösen Winzern. 33 Höret ein anderes Gleichnis! Es war ein Hausherr, der pflanzte einen Weinberg, umgab ihn mit einem Zaune, grub darin eine Kelter, baute einen Turm, verpachtete ihn an Winzer und verreiste. 34 Als die Zeit der Früchte gekommen war, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte in Empfang zu nehmen. 35 Die Winzer aber ergriffen seine Knechte; den einen schlugen sie, den andern töteten sie, den dritten steinigten sie. 36 Abermals schickte er andere Knechte, und zwar mehr als zuvor; sie machten es ihnen ebenso. 37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen und sprach: Vor meinem Sohne werden sie sich scheuen. 38 Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie untereinander: Das ist der Erbe, kommt, wir wollen ihn umbringen, und unser wird sein Erbe sein. 39 Und sie ergriffen ihn, warfen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. 40 Wenn der Herr des Weinbergs kommt, was wird er wohl diesen Winzern tun? 41 Sie sagten zu ihm: Er wird die Elenden elend umbringen und seinen Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm zur rechten Zeit den Ertrag abliefern. 41: Sie ahnen noch nicht, daß sie ihr eigenes Verdammungsurteil sprechen. 42 Da sprach Jesus zu ihnen: Habt ihr niemals in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen, und es ist wunderbar in unsern Augen? (Ps 118,22.23.) 43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volke gegeben werden, das seine Früchte bringt. 44 Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert werden; und auf wen er fällt, den zermalmt er. 45 Als nun die Oberpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, merkten sie, daß er sie meinte. 46 Sie suchten daher Gelegenheit, ihn zu ergreifen, aber sie fürchteten die Volksmassen, weil sie ihn für einen Propheten hielten. 33-46: Vgl. Mk 12,1-12; Lk; 20,9-19.

 

22 Das Gleichnis vom Hochzeitsmahl. Jesus fing abermals an, in Gleichnissen zu ihnen zu reden und sprach: Das Himmelreich ist einem Könige gleich, der seinem Sohne Hochzeit hielt. Er sandte seine Knechte aus, um die zur Hochzeit Geladenen zu rufen; aber sie wollten nicht kommen. Wiederum sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Geladenen: Sehet mein Mahl habe ich bereitet, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, und alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit! Sie aber achteten nicht darauf und gingen ihre Wege, der eine auf seinen Meierhof, der andere zu seinem Geschäft. Die übrigen aber ergriffen seine Knechte, behandelten sie schmählich und töteten sie. Da geriet der König in Zorn, schickte seine Heere aus, ließ jene Mörder umbringen und ihre Stadt in Brand stecken. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereitet, aber die Geladenen waren nicht würdig. Geht also hinaus an die Straßenecken und ladet zur Hochzeit, wen immer ihr findet. 10 Seine Knechte gingen hinaus auf die Straßen und brachten alle zusammen, die sie fanden, Böse und Gute, und der Hochzeitssaal füllte sich mit Gästen. 11 Da ging der König hinein, um sich die Gäste anzusehen, und sah daselbst einen Menschen, der kein hochzeitliches Kleid anhatte. 12 Und er sprach zu ihm: Freund, wie bist du da hereingekommen, da du kein hochzeitliches Kleid anhast? Dieser aber verstummte. 13 Da sprach der König zu den Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die Finsternis draußen; da wird Heulen und Zähneknirschen sein. 14 Denn viele sind berufen, wenige aber auserwählt. 1-14: Vgl. Lk 14,15-24. Auch dieses Gleichnis weist wie die zwei vorhergehenden auf die Verwerfung Israels und die Berufung der Heiden hin. Die wahre Religion ist nicht mehr an Blut und Rasse der Juden gebunden.

 

Die Steuerfrage. 15 Darauf gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn in einer Rede fangen könnten. 16 Und sie schickten ihre Jünger mit den Herodianern zu ihm und ließen sagen: Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und den Weg Gottes nach der Wahrheit lehrst und dich um niemand kümmerst; denn du siehst nicht auf die Person der Menschen. 17 Sag uns nun: Was meinst du, ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht? 18 Jesus erkannte ihre Bosheit und sprach: Was versucht ihr mich, ihr Heuchler? 19 Zeigt mir die Steuermünze! Sie reichten ihm einen Denar hin. 20 Da sprach Jesus zu ihnen: Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift? 21 Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: Gebt also dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! 22 Als sie dies hörten, verwunderten sie sich, verließen ihn und gingen davon.

 

Die Sadduzäer und die Auferstehung. 23 Am gleichen Tage kamen Sadduzäer zu ihm, die behaupten, es gebe keine Auferstehung. Und sie fragten ihn: 24 Meister, Moses hat gesagt: Wenn einer stirbt, ohne ein Kind zu hinterlassen, so soll sein Bruder dessen Weib nehmen und seinem Bruder Nachkommenschaft erwecken (5 Mos 25, 5). 25 Nun waren bei uns sieben Brüder. Der erste nahm ein Weib und starb. Und weil er keine Kinder hatte, hinterließ er sein Weib seinem Bruder. 26 Desgleichen tat auch der zweite und der dritte bis zum siebten. 27 Zuletzt von allen starb auch das Weib. 28 Nun, wem aus diesen sieben wird bei der Auferstehung das Weib angehören? Denn alle haben sie gehabt. 29 Jesus antwortete ihnen: Ihr seid im Irrtum und versteht weder die Schrift noch die Macht Gottes. 30 Denn in der Auferstehung werden sie weder heiraten noch verheiratet werden, sondern sie sind wie die Engel Gottes im Himmel. 31 Was die Auferstehung der Toten betrifft, habt ihr nicht gelesen, was Gott gesagt hat, da er zu euch spricht: 32 Ich bin der Gott Abra­hams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? (2 Mos 3, 6.) Gott ist doch kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. 23-32 Durch die gebotene Schwagerehe oder Leviratsehe sollte das Aussterben der Familie verhindert und die Witwe versorgt werden. Die Sadduzäer wollen mit dem Beispiel den Auferstehungsglauben lächerlich machen. 33 Da dies die Volksscharen hörten, staunten sie über seine Lehre. 15-33 Vgl. Mk 12,13-27; Lk 20,20-40.

 

Die Frage der Pharisäer über das Hauptgebot. 34 Als die Pharisäer erfuhren, daß er die Sadduzäer zum Schweigen gebracht habe, kamen sie zusammen. 35 Und einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, stellte ihn auf die Probe mit der Frage: 36 Welches Gebot ist das größte im Gesetz? 37 Er aber sprach zu ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Vernunft (5 Mos 6, 5). 38 Dies ist das größte und erste Gebot. 39 Das andere aber ist diesem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst (3 Mos 19, 18). 40 An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. 34-40 Vgl. Mk 12,28-34 (Lk 10,25-28). Beide Gebote sind gleich, zwei Seiten des einen Gebotes, weil die Nächstenliebe sichtbar gewordene Gottesliebe ist.

 

Die Frage Jesu an die Pharisäer über den Messias. 41 Da nun die Pharisäer versammelt waren, fragte sie Jesus: 42 Was haltet ihr vom Messias, wessen Sohn ist er? Sie sprachen zu ihm: Davids. 43 Da erwiderte er ihnen: Wie nennt ihn aber David im Geiste „Herr“, da er spricht: 44 Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege? (Ps 110, 1.) 45 Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er dann sein Sohn? 46 Und niemand konnte ihm ein Wort erwidern, noch wagte es einer von jenem Tage an, ihn weiter zu fragen. 41-46 Vgl. Mk 12,35-37; Lk 20,41-44. Jesus offenbart seine Gottessohnschaft.

 

Mahnungen und Warnungen 23 Danach richtete Jesus an die Volksscharen und an seine Jünger folgende Rede: Auf dem Stuhle des Moses sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. 3: Jesus unterscheidet das Amt vom Amtsträger. Die Unwürdigkeit eines Amtsträgers entbindet den Untergebenen nicht von der Gehorsamspflicht. Darum haltet und tut alles, was sie euch sagen. Nach ihren Werken aber sollt ihr nicht tun; denn sie sagen es wohl, tun es aber nicht. Sie binden schwere und unerträgliche Lasten und legen sie auf die Schultern der Menschen, wollen sie aber selber mit keinem Finger heben. 4: Die Lasten sind die kleinlichen Vorschriften, die das religiöse Leben zur Qual machten (vgl. Apg 15, 10). Alle ihre Werke tun sie, um von den Leuten gesehen zu werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und ihre Quasten lang. 5: Mit dem Gebetsriemen (Tefilla) wurde beim Beten eine würfelförmige Kapsel, in der vier Bibelstellen, auf Pergament geschrieben, enthalten waren (2 Mos 13,1-10; 13,11-16; 5 Mos 6,4-9; 11, 13-21), auf der Stirn und am linken Oberarm festgebunden (vgl. 5 Mos 6,8). Die Quasten (Zizit) waren an den vier Zipfeln des Obergewandes angebracht (vgl. 4 Mos 15,38f.; Mt 9,20; 14, 36). Sie haben gern die ersten Plätze bei den Gastmählern und die ersten Sitze in den Synagogen. Sie lassen sich gern auf dem Markte grüßen und von den Leuten Meister nennen. Ihr aber sollt euch nicht Meister nennen lassen. Denn einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr keinen von euch auf Erden Vater nennen. Denn einer ist euer Vater, der im Himmel. 10 Und laßt euch nicht Lehrer nennen. Denn einer ist euer Lehrer, der Messias. 11 Wer der Größte unter euch ist, der soll euer Diener sein. 12 Wer sich aber selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. 8-10: Nicht Titel und Rangordnung verbietet Jesus, sondern eitle Titelsucht, die Gott hinter dem Menschen zurücktreten läßt.

 

Weherufe über die Pharisäer. 13 Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt das Himmelreich vor den Menschen. Ihr selbst geht nicht hinein, und ihr laßt auch jene nicht hinein, die hinein wollen. 14 [Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verpraßt die Häuser der Witwen, indes ihr lange Gebete hersagt. Darum wird ein strenges Gericht über euch kommen.] 15 Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr durchzieht Meer und Land, um einen einzigen zum Glaubensgenossen zu machen. und wenn er es geworden, dann macht ihr ihn zum Kind der Hölle, doppelt so schlimm als ihr. 15: Daher der Ausdruck „Proselytenmacherei“. 16 Wehe euch, ihr blinden Wegweiser. Ihr sagt: Wenn jemand beim Tempel schwört, das ist nichts. Wer aber beim Golde des Tempels schwört, der ist gebunden. 17 Ihr Toren und Verblendeten! Was ist denn mehr, das Gold oder der Tempel, der das Gold heiligt? 18 Weiter: Wenn jemand beim Altare schwört, das ist nichts. Wer aber bei der Gabe schwört, die darauf liegt, der ist gebunden. 19 Ihr Verblendeten! Was ist denn größer, die Gabe oder der Altar, der die Gabe heiligt? 20 Wer also beim Altare schwört, der schwört bei diesem und bei allem, was darauf liegt. 21 Und wer beim Tempel schwört, der schwört bei diesem und bei dem, der darin wohnt. 22 Und wer beim Himmel schwört, der schwört beim Throne Gottes und bei dem, der darauf sitzt. 23 Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Pfefferminze, Dill und Kümmel. Was aber das Wichtigste ist vom Gesetz, die Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit und die Treue, vernachlässigt ihr. Dieses sollte man tun und jenes nicht lassen! 24 Ihr blinden Wegweiser! Ihr seihet die Mücke, das Kamel aber verschluckt ihr. 25 Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Den Becher und die Schüssel reinigt ihr von außen, inwendig aber sind sie voll Raub und Gier. 26 Du blinder Pharisäer! Mache zuerst das Innere des Bechers und der Schüssel rein, damit auch das Äußere rein werde. 27 Wehe euch ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gleicht übertünchten Gräbern, von außen [vor den Leuten] fallen sie zwar schön in die Augen, inwendig aber sind sie voll Totengebein und allem Unrat. 27: Durch das Tünchen wurden die Grabstätten weithin sichtbar gemacht, damit niemand sie betrete und unrein werde. 28 Geradeso erscheint auch ihr von außen zwar gerecht vor den Menschen, inwendig aber seid ihr voll Heuchelei und Ungerechtigkeit. 29 Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr baut die Gräber der Propheten und ziert die Denkmäler der Gerechten 30 und sagt: Hätten wir in den Tagen unserer Väter gelebt, wir wären an dem Blute der Propheten nicht mitschuldig geworden. 31 So gebt ihr euch selbst das Zeugnis, daß ihr Söhne der Prophetenmörder seid. 32 Macht es nur voll, das Maß eurer Väter! 33 Ihr Schlangen- und Natterngezücht! Wie werdet ihr der Verurteilung zur Hölle entrinnen? 34 Darum seht, ich sende zu euch Propheten und Weise und Schriftgelehrte. Einige aus ihnen werdet ihr töten und kreuzigen, andere von ihnen werdet ihr geißeln in euren Synagogen und von Stadt zu Stadt verfolgen, 35 damit über euch komme alles gerechte Blut, das auf Erden vergossen ward vom Blute des gerechten Abel an bis zum Blute des Zacharias, des Sohnes des Barachias, den ihr zwischen dem Tempel und dem Altar umgebracht habt (1 Mos 4, 8; 2 Chron 24, 20-22). 36 Wahrlich, ich sage euch: Dies alles wird über dieses Geschlecht kommen. 1-36 Vgl. Mk 12,38-40; Lk 11,37-54; 20,45-47. Vor allem Volk reißt Jesus seinen Feinden die Heuchlermaske vom Gesicht. Diese Weherufe sind ein schauerliches Gegenstück zu den acht Seligpreisungen in der Bergpredigt.

 

Weheruf über Jerusalem. 37 Jerusalem, Jerusalem, das du die Propheten mordest und steinigst, die zu dir gesandt worden. Wie oft wollte ich deine Kinder versammeln, wie eine Henne ihre Küch­lein unter ihre Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt! 38 Sehet, euer Haus wird euch verödet überlassen werden. 39 Denn ich sage euch: Von nun an werdet ihr mich nicht mehr sehen, bis ihr sprechet: Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! 37-39: Vgl. Lk 13,34-35. Mit dieser ergreifenden Klage schließt die öffentliche Lehrtätigkeit Jesu ab. Bei der Wiederkehr zum Gericht werden die bekehrten Juden ihn freudig als Messias begrüßen.

 

24 Allgemeine Vorzeichen. Jesus verließ den Tempel und ging fort. Da traten seine Jünger zu ihm, um ihn auf die Bauwerke des Tempels hinzuweisen. Er aber antwortete ihnen: Seht ihr dies alles? Wahrlich, ich sage euch, kein Stein wird hier auf dem andern gelassen werden, der nicht zerstört wird. Als er sich auf dem Ölberg gesetzt hatte, da traten die Jünger allein zu ihm und sprachen: Sag uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen deiner Wiederkunft und des Endes der Welt sein? Jesus antwortete ihnen: Sehet zu, daß euch niemand verführe. Denn viele werden unter meinem Namen kommen und sagen: Ich bin der Messias! Und sie werden viele verführen. Ihr werdet von Kriegen und Kriegszügen hören sehet zu, daß ihr euch nicht verwirren lasset, denn alles dieses muß geschehen, aber es ist noch nicht das Ende. Denn es wird Volk wider Volk und Reich wider Reich aufstehen, und es wird hier und dort Pest, Hunger und Erdbeben geben. Dies alles aber ist nur ein Anfang der Wehen. Alsdann werden sie euch der Drangsal überliefern und euch töten, und ihr werdet verhaßt sein bei allen Völkern um meines Namens willen. 10 Dann werden viele Ärgernis nehmen und einander verraten und einander hassen. 11 Es werden viele falsche Propheten aufstehen und viele verführen. 12 Und weil die Ungerechtigkeit überhand nimmt, wird die Liebe der meisten erkalten. 13 Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden. 14 Und es wird diese Frohbotschaft vom Reiche in der ganzen Welt allen Völkern zum Zeugnisse verkündet werden; alsdann wird das Ende kommen.

 

Vorzeichen der Zerstörung Jerusalems. 15 Wenn ihr nun die grauenhafte Verwüstung, wie sie von dem Propheten Daniel vorhergesagt worden, am heiligen Orte walten sehet, — wer das liest, der merke es wohl (Dan 9, 27)! — 16 dann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge, 17 wer auf dem Dache ist, der steige nicht herab, um die Sachen aus seinem Hause zu holen: 18 und wer auf dem Felde ist, kehre nicht zurück, um seinen Rock zu holen. 19 Wehe aber den Frauen, die in jenen Tagen ein Kind unter dem Herzen oder an der Brust tragen. 19: Die hoffenden und stillenden Mütter werden besonders schwer unter den Drangsalen zu leiden haben. 20 Betet aber, daß eure Flucht nicht im Winter oder am Sabbat geschehe.

 

Vorzeichen der Wiederkunft Christi. 21 Denn hierauf wird es eine große Trübsal geben, wie es von Anfang der Welt bis jetzt keine gegeben hat, noch je geben wird. 22 Und wenn jene Tage nicht abgekürzt wären, so würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen werden jene Tage abgekürzt werden. 23 Wenn dann jemand zu euch sagt: Sehet, hier ist der Messias oder: dort! so glaubt es nicht. 24 Denn es werden falsche Messiasse und falsche Propheten auftreten; und sie werden große Zeichen und Wunder tun, um auch die Auserwählten, wenn es möglich wäre, irrezuführen. 24: Diese Scheinwunder werden mit Hilfe Satans gewirkt. 25 Sehet, ich habe es euch vorhergesagt! 26 Wenn man euch also sagt: Sehet, er ist in der Wüste, so geht nicht hinaus; sehet, er ist in den Kammern, so glaubt es nicht. 27 Denn wie der Blitz vom Osten ausgeht und bis zum Westen leuchtet, ebenso wird es auch mit der Ankunft des Menschensohnes sein. 27: Unerwartet, aber allen sichtbar wird der Weltenrichter erscheinen. 28 Wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier. 28. Es bedarf keiner Einladung. Jeder wird schnell und sicher an der Richtstätte sein, wie Vögel, die von weitem Beute wittern.

 

Wiederkunft Christi. 29 Sogleich nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne verfinstert werden, der Mond wird seinen Schein nicht mehr geben, die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden (Is 13, 10). 30 Hierauf wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen, dann werden alle Geschlechter der Erde weheklagen, und sie werden den Menschensohn kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Macht und Herrlichkeit. 31 Er wird seine Engel senden mit mächtigem Posaunenschall; und sie werden seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern, zusammenbringen.

 

Das Gleichnis vom Feigenbaum. 32 Vom Feigenbaum aber lernet das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon zart wird und die Blätter hervorsprossen, wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. 33 So sollt ihr auch, wenn ihr dies alles sehet, merken, daß es nahe vor der Tür ist. 34 Wahrlich, ich sage euch. Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. 35 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. 36 Von jenem Tag aber und jener Stunde hat niemand Kenntnis, auch die Engel des Himmels nicht, nur der Vater allein.

 

Mahnworte. 37 Denn wie in den Tagen des Noe, so wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein. 38 Wie sie nämlich in den Tagen vor der Sintflut aßen und tranken, heirateten und verheirateten, bis zu dem Tage, da Noe in die Arche ging, 39 und nichts merkten, bis die Sintflut kam und alles wegraffte, also wird es auch bei der Ankunft des Menschensohnes sein. 40 Sind dann zwei auf dem Felde, so wird der eine aufgenommen, der andere zurückgelassen werden. 41 Mahlen zwei auf einer Mühle, so wird die eine aufgenommen, die andere zurückgelassen werden. 40-41: Jeder muß mit innerer Bereitschaft gerüstet sein. Weder gleiches Geschlecht noch gleicher Beruf geben den Ausschlag. Das Mehl auf der Handmühle zu mahlen, war Sache der Frauen. 42 Darum wachet! Denn ihr wißt nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. 42: Immer wieder mahnt der Herr zur Wachsamkeit. Die folgenden Gleichnisse dienen demselben Zweck.

 

Der wachsame Hausvater. 43 Das aber seht ihr ein: Wenn der Hausvater wüßte, zu welcher Nachtstunde der Dieb kommt, so würde er sicherlich wach bleiben und nicht in sein Haus einbrechen lassen. 44 Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht vermutet. 45 Wer ist wohl der getreue und kluge Knecht, den sein Herr über sein Hausgesinde gesetzt hat, daß er ihnen die Speise gebe zur rechten Zeit? 46 Selig ist jener Knecht, den sein Herr bei seiner Ankunft also handeln findet. 47 Wahrlich, ich sage euch: Über alle seine Güter wird er ihn setzen. 48 Wenn aber der böse Knecht bei sich spricht: Mein Herr kommt noch lange nicht, 49 und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen und mit den Trunkenbolden zu essen und zu trinken, 50 so wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, da er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, 51 und wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Teil bei den Heuchlern geben; da wird Heulen und Zähneknirschen sein. 1-51: Vgl. Mk 13,1-37, Lk 21,5-36; 12,25-48; 17,26-35. Diese Rede ist dadurch schwierig zu verstehen, weil manches sich auf das Ende der Welt, anderes auf den Untergang Jerusalems bezieht.

 

25 Das Gleichnis von den Jungfrauen. Dann wird das Himmelreich gleich sein zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam [und der Braut] entgegengingen. Fünf von ihnen waren töricht und fünf klug. Die fünf törichten nahmen zwar ihre Lampen, aber kein Öl mit sich. Die klugen dagegen nahmen mit den Lampen auch Öl in ihren Gefäßen mit. Als der Bräutigam länger ausblieb, wurden alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht erhob sich der Ruf: Der Bräutigam kommt! Hinaus, ihm entgegen! Da standen alle diese Jungfrauen auf und richteten ihre Lampen her. Die törichten sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl; denn unsere Lampen erlöschen. Die klugen antworteten: Es möchte nicht genügen für uns und euch. Geht lieber zu den Krämern und kauft euch. 10 Während sie nun hingingen, um zu kaufen, kam der Bräutigam. Die bereit waren, gingen mit ihm zur Hochzeitsfeier hinein, und die Türe ward verschlossen. 11 Endlich kamen auch die andern Jungfrauen und sagten: Herr, Herr, tu uns auf! 12 Er aber antwortete: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht! 13 Wachet also! Denn ihr wisset weder den Tag noch die Stunde. 1-13: Die Jungfrauen sind Freundinnen der Braut. Den törichten wird ihre Sorglosigkeit zum Verhängnis. Jeder muß selber sein Heil sichern.

 

Das Gleichnis von den Talenten. 14 Denn es wird da gehen wie mit einem Manne, der in die Fremde zog, seine Knechte zu sich rief und ihnen seine Güter übergab. 15 Einem gab er fünf Talente, dem andern zwei, dem dritten aber eines, einem jeden nach seiner Fähigkeit; dann reiste er ab. 16 Sofort ging nun der, welcher die fünf Talente empfangen hatte, hin und handelte damit und gewann andere fünf dazu. 17 Desgleichen gewann auch der, der die zwei erhalten hatte, andere zwei. 18 Der aber eines empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn. 19 Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und hielt Abrechnung mit ihnen. 20 Es kam der, welcher die fünf Talente empfangen hatte, brachte fünf andere Talente und sprach: Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, siehe ich habe noch fünf andere dazugewonnen. 21 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und getreuer Knecht! Weil du über weniges treu gewesen bist, so will ich dich über vieles setzen. Geh ein in die Freude deines Herrn! 22 Es kam auch der, welcher die zwei Talente empfangen hatte, und sprach: Herr zwei Talente hast du mir übergeben; siehe, ich habe noch zwei andere dazugewonnen. 23 Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du guter und getreuer Knecht! Weil du über weniges treu gewesen bist, so will ich dich über vieles setzen. Geh ein in die Freude deines Herrn! 24 Es kam aber auch der, welcher das eine Talent empfangen hatte, und sprach: Herr, ich weiß, daß du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast. 25 Aus Angst ging ich hin und verbarg dein Talent in der Erde. Siehe, da hast du, was dein ist! 26 Da antwortete ihm sein Herr: Du böser und fauler Knecht! Du wußtest, daß ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. 27 Du hättest also mein Talent auf die Wechselbank bringen sollen, und ich hätte bei meiner Ankunft das Meinige mit Zinsen wiedererhalten. 28 Nehmt ihm also das Talent, und gebt es dem, der die zehn Talente hat. 29 Denn jedem, der da hat, wird gegeben, daß er im Überfluß habe. Wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, genommen werden. 30 Den unnützen Knecht aber werft hinaus in die Finsternis draußen. Da wird Heulen und Zähneknirschen sein. 14-30: Vgl. 19,11-27. Gott fordert gewissenhafte Berufsarbeit von allen. Nicht die bessere oder geringere Begabung ist entscheidend für den Lohn, sondern die Treue in der Ausnutzung des Empfangenen. Auch Nichtstun ist Sünde.

 

Das Weltgericht. 31 Wenn nun der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommen wird und alle seine Engel mit ihm, dann wird er sich auf seinen herrlichen Thron setzen. 32 Alle Völker werden vor ihm versammelt werden; und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. 33 Die Schafe wird er zu seiner Rechten, die Böcke aber zu seiner Linken stellen. 34 Alsdann wird der König zu denen auf seiner Rechten sagen: Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt Besitz von dem Reich, das euch seit Grundlegung der Welt bereitet ist! 35 Denn ich war hungrig, und ihr habt mich gespeist; ich war durstig, und ihr habt mich getränkt; ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherbergt; 36 (ich war) nackt, und ihr habt mich bekleidet; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten entgegnen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dich gespeist, oder durstig und dich getränkt? 38 Wann haben wir dich als Fremdling gesehen und dich beherbergt, oder nackt und dich bekleidet? 39 Oder wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Der König wird ihnen antworten: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan! 41 Dann wird er auch zu denen auf der Linken sprechen: Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet worden ist! 42 Denn ich war hungrig, und ihr habt mich nicht gespeist; ich war durstig, und ihr habt mich nicht getränkt; 43 ich war ein Fremdling, und ihr habt mich nicht beherbergt; nackt, und ihr habt mich nicht bekleidet; krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht. 44 Dann werden auch sie ihm entgegnen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder als Fremdling oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht gedient? 45 Dann wird er ihnen antworten: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan! 46 Diese werden eingehen in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben. 32-46: Die Schuld der Verdammten ist, daß sie nichts Gutes taten. Auch wegen anderer Sünden kann sich jemand die Hölle verdienen, wie die Werke der leiblichen Barmherzigkeit allein nicht zur Seligkeit genügen.

 

Jesu Leiden und Tod

 

Das letzte Abendmahl

26 Sitzung des Hohen Rates. Nachdem Jesus alle diese Reden beendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: Ihr wißt, daß nach zwei Tagen Ostern ist; dann wird der Menschensohn ausgeliefert zur Kreuzigung. Damals versammelten sich die Oberpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der Kaiphas hieß. Und sie faßten den Beschluß, Jesus mit List zu ergreifen und zu töten. Sie sagten aber: Nur nicht am Festtage, damit kein Aufruhr unter dem Volke entsteht. 1-5: Vgl. Mk 14,1-2, Lk 22,1-2

 

Die Salbung in Bethanien. Als aber Jesus zu Bethanien, im Hause Simons, des Aussätzigen war, trat eine Frau zu ihm mit einem Gefäß aus Alabaster voll köstlichen Salböls und goß es über sein Haupt aus, da er zu Tische saß. Als das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Verschwendung? Denn das hätte man teuer verkaufen und den Armen geben können. 10 Jesus aber merkte es und sprach zu ihnen: Warum kränkt ihr diese Frau? Sie hat ein gutes Werk an mir getan! 11 Denn die Armen habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit. 12 Wenn sie diese Salbe über meinen Leib ausgoß, hat sie es für mein Begräbnis getan. 13 Wahrlich, ich sage euch: Wo immer man in der ganzen Welt diese Frohbotschaft verkünden wird, da wird man auch zu ihrem Andenken sagen, was sie getan hat. 6-13: Vgl. Mk 14,3-9; Jo 12,1-8. Simon der Aussätzige ist vielleicht der Vater der Geschwister Martha, Maria und Lazarus gewesen. Er ist nicht mit dem Pharisäer Simon (Lk 7,36-50) zu verwechseln; Maria ist nicht die Sünderin, die Jesus im Hause dieses Pharisäers salbte.

 

Verrat des Judas. 14 Hierauf ging einer von den Zwölfen, der Judas Iskariot hieß, zu den Oberpriestern 15 und sprach: Was wollt ihr mir geben, wenn ich ihn euch in die Hände liefere? Sie bestimmten ihm dreißig Silberlinge. 16 Von da an suchte er eine Gelegenheit, ihn zu verraten. 14-16: Vgl. Mk 14,10-11; Lk 22,3-6. Der Judaslohn, nach unserem Geld etwa 80 Mk., entsprach der Sühne für die Tötung eines Sklaven.

 

Die Abendmahlsfeier. 17 Am ersten Tage der ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wo willst du, daß wir für dich das Osterlamm bereiten? 18 Jesus aber sprach: Geht in die Stadt zu einem gewissen Mann und sagt ihm: Der Meister spricht: Meine Zeit ist nahe; bei dir will ich mit meinen Jüngern Ostern halten. 19 Die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Ostermahl. 17-19: Vgl. Mk 14,12-16; Lk 22,7-13.

 

Entlarvung des Verräters. 20 Als es Abend geworden war, setzte er sich mit seinen zwölf Jüngern zu Tische. 21 Und da sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten! 22 Da wurden sie sehr betrübt, und einer um den andern fing an zu fragen: Ich bin es doch nicht etwa, Herr? 23 Er antwortete: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. 24 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht. Wehe aber dem Menschen, durch welchen der Menschensohn verraten wird! Jenem Menschen wäre es besser, wenn er nicht geboren wäre. 25 Da sprach Judas, der ihn verriet: Ich bin es doch nicht etwa, Meister? Er antwortete ihm: Du hast's gesagt! 20-25: Vgl. Mk 14,17-21; Lk 22,14-18. 21-23; Jo 13,21-32. Der Verräter Judas hat schon vor der Einsetzung des Allerheiligsten Altarssakramentes den Saal verlassen, hat also nicht mehr die heilige Kommunion und Priesterweihe empfangen.

 

Einsetzung des Allerheiligsten Altarssakramentes. 26 Während des Mahles nahm Jesus Brot, segnete und brach es, gab es seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin (und) esset; das ist mein Leib. 27 Und er nahm einen Kelch, dankte, gab ihn ihnen und sprach: Trinket alle daraus, 28 denn dies ist mein Blut des [Neuen] Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. 29 Ich sage euch aber: Ich werde von nun an nicht mehr trinken von diesem Gewächse des Weinstocks, bis zu jenem Tage, da ich es neu mit euch im Reiche meines Vaters trinken werde. 26-29: Vgl. Mk 14,22-24; Lk 22,19-20, 1 Kor 11,23-26. Der natürliche Sinn der Worte Jesu kann nur von der wirklichen Verwandlung von Brot und Wein in sein gottmenschliches Fleisch und Blut verstanden werden.

 

Voraussage der Verleugnung. 30 Dann stimmten sie den Lobgesang an und gingen hinaus an den Ölberg. 31 Da sagte Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr alle an mir Anstoß nehmen. Denn es steht geschrieben: Ich will den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden (Zach 13,7). 32 Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch vorausgehen nach Galiläa. 33 Da antwortete ihm Petrus: Wenn auch alle an dir Anstoß nehmen, so werde ich niemals Anstoß nehmen. 34 Jesus sagte zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen! 35 Da sprach Petrus zu ihm: Wenn ich auch mit dir sterben müßte, werde ich dich doch nicht verleugnen. In gleicher Weise sprachen alle Jünger. 30-35: Vgl. Mk 14,27-31; Lk 22,31-34; Jo 13,36-38.

 

Jesus am Ölberg

Jesu Todesangst. 36 Dann kam Jesus mit ihnen in einen Meierhof, Gethsemani genannt, und sprach zu seinen Jüngern: Setzet euch hier, während ich dorthin gehe und bete. 37 Und er nahm den Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus mit und fing an, sich zu betrüben und zu zagen. 38 Dann sprach er zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis in den Tod. Bleibet hier und wachet mit mir. 39 Und er ging ein wenig vorwärts, fiel auf sein Angesicht, betete und sprach: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst. 40 Er kam zu seinen Jüngern, fand sie schlafend und sprach zu Petrus: So habt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen können? 41 Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet! Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. 42 Wieder ging er hin, zum zweiten Male, betete und sprach: Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht vorübergehen kann, ohne daß ich ihn trinke, so geschehe dein Wille. 43 Und er kam abermals und fand sie schlafend. Denn ihre Augen waren schwer geworden. 44 Da verließ er sie wieder, ging hin und betete zum dritten Male, indem er die nämlichen Worte sprach. 45 Dann kam er zu seinen Jüngern und sprach zu ihnen: 46 Ihr schlaft und ruht euch aus! Seht, die Stunde ist da, und der Menschensohn wird in die Hände der Sünder überliefert. Stehet auf, lasset uns gehen! Sehet, mein Verräter naht. 36-46: Vgl. Mk 14,32-42; Lk 22,40-46.

 

Gefangennahme Jesu. 47 Und da er noch redete, siehe, da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm ein großer Haufe mit Schwertern und Prügeln, [abgeschickt] von den Oberpriestern und Ältesten des Volkes. 48 Sein Verräter hatte ihnen aber ein Zeichen gegeben und gesagt: Den ich küssen werde, der ist's, den ergreifet! 49 Und sogleich trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Meister! Und er küßte ihn. 50 Jesus aber sprach zu ihm: Freund, dazu bist du also gekommen? Dann traten sie hinzu, legten Hand an Jesus und ergriffen ihn. 47-50: Vgl. Mk 14,43-52; Lk 22,47-53; Jo 18,2-12. Jesus beweist, daß er ganz frei das Todesleiden auf sich nimmt. 51 Und siehe, einer von denen, welche mit Jesus waren, streckte die Hand aus, zog sein Schwert und schlug auf den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab. 52 Da sprach Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert, wohin es gehört. Denn alle, die das Schwert ergreifen, kommen durch das Schwert um. 53 Oder meinst du, daß ich meinen Vater nicht bitten könnte, und er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel zu Hilfe schicken? 54 Wie würde dann aber die Schrift erfüllt werden, daß es so geschehen muß? 55 In jener Stunde sagte Jesus zu den Scharen: Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen, mit Schwertern und Prügeln, um mich zu ergreifen. Täglich saß ich im Tempel und lehrte, und ihr habt mich nicht ergriffen. 56 Dies alles aber ist geschehen, damit die Schriften der Propheten erfüllt würden. Da verließen ihn alle Jünger und flohen.

 

Jesus vor seinen Richtern

Jesus vor dem Hohen Rat. 57 Jene aber ergriffen Jesus und führten ihn zu Kaiphas, dem Hohenpriester, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten. 58 Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast des Hohenpriesters, ging hinein und setzte sich zu den Dienern, um den Ausgang zu sehen. 59 Die Oberpriester aber und der ganze Rat suchten falsches Zeugnis wider Jesus, um ihn dem Tode zu überliefern. 60 Doch sie fanden keines, obwohl viele falsche Zeugen aufgetreten waren. Zuletzt aber kamen zwei [falsche Zeugen] 61 und sprachen: Dieser hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes niederreißen und ihn in drei Tagen wieder aufbauen. 62 Da stand der Hohepriester auf und sprach zu ihm: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich aussagen? 63 Jesus aber schwieg. Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagest, ob du der Messias bist, der Sohn Gottes. 64 Jesus antwortete ihm: Du hast es gesagt! Ich sage euch aber: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. 65 Da zerriß der Hohepriester seine Kleider mit den Worten: Er hat Gott gelästert! Was haben wir noch Zeugen nötig? Sehet, nun habt ihr die Lästerung gehört. 66 Was dünket euch? Sie antworteten: Er ist des Todes schuldig! 67 Dann spien sie in sein Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten, andere aber gaben ihm Backenstreiche 68 und sprachen: Weissage uns, wer ist's, der dich geschlagen hat? 57-68: Vgl. Mk 14,53-65; Lk 22,54. 63-71, Jo 18,24. Das Urteil stand von vornherein fest.

 

Verleugnung des Petrus. 69 Petrus aber saß draußen im Hofe; da trat eine Magd zu ihm und sprach: Du warst auch bei Jesus, dem Galiläer. 70 Er aber leugnete vor allen und sprach: Ich verstehe nicht, was du sagst. 71 Als er zur Torhalle hinausging, sah ihn eine andere Magd und sprach zu denen, die da waren: Auch dieser war bei Jesus, dem Nazarener. 72 Und er leugnete abermals mit einem Schwure: Ich kenne den Menschen nicht. 73 Nach einer kleinen Weile traten die Umstehenden herzu und sagten zu Petrus: Wahrlich, du bist auch einer von jenen; denn auch deine Sprache verrät dich. 74 Da fing er an zu fluchen und zu schwören, daß er diesen Menschen nicht kenne. Und alsbald krähte ein Hahn. 75 Da erinnerte sich Petrus des Wortes Jesu, der gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich. 69-75: Mk 14,66-72; Lk 22,55-62; Jo 18, 15-18. 25-27

 

27 Auslieferung an Pilatus. In der Morgenfrühe faßten alle Oberpriester und Ältesten des Volkes den Beschluß wider Jesus, ihn dem Tode zu überliefern. Sie führten ihn gebunden fort und übergaben ihn dem Landpfleger [Pontius] Pilatus. 1-2: Vgl. Mk 15,1; Lk 23,1; Jo 18,28. Die jüdische Behörde durfte kein Todesurteil ohne Bestätigung des römischen Landpflegers vollstrecken lassen.

 

Das Ende des Judas. Als nun Judas, der ihn verraten hatte, sah, daß er zum Tode verurteilt war, brachte er, von Reue ergriffen, die dreißig Silberlinge den Oberpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe gesündigt, weil ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sagten: Was geht das uns an? Siehe du zu! Da warf er die Silberlinge in den Tempel, entfernte sich, ging hin und erhängte sich [mit einem Stricke]. Die Oberpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es ist nicht erlaubt, sie in den Tempelschatz zu legen, denn es ist Blutgeld. Sie hielten nun Rat und kauften dafür den Töpferacker zum Begräbnis für die Fremden. Deswegen heißt dieser Acker [Hakeldama, das heißt] Blutacker bis auf den heutigen Tag. Da erfüllte sich das Wort des Propheten Jeremias: Sie nahmen die dreißig Silberlinge, den Preis, um den die Söhne Israels den Hochgeschätzten eingeschätzt haben, 10 und gaben sie für den Töpferacker, wie mir der Herr aufgetragen hat (Jer 32, 6-9; Zach 11,12.13). 3-10: Vgl. Apg. 1,15-20. Das Geständnis des Verräters hätte sie von der Unschuld Jesu überzeugen müssen. Die Reue des Judas ging nur aus natürlichen Beweggründen hervor; darum führte sie nicht, wie bei Petrus, zur Verzeihung, sondern zum Selbstmord.

 

Jesus vor Pilatus. 11 Jesus aber wurde vor den Landpfleger gestellt, und der Landpfleger fragte ihn: Bist du der König der Juden? Jesus sprach zu ihm: Du sagst es. 12 Da ihn die Oberpriester und Ältesten anklagten, antwortete er nichts. 13 Hierauf sprach Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, welch schwere Anklagen sie gegen dich vorbringen? 14 Aber er antwortete ihm auf keine einzige Frage, so daß der Landpfleger sich sehr verwunderte. 15 Es war aber gebräuchlich, daß der Landpfleger auf den hohen Festtag einen Gefangenen losgab, den das Volk wollte. 16 Nun hatte man damals einen berüchtigten Gefangenen, der Barabbas hieß. 17 Da sie also versammelt waren, sprach Pilatus: Welchen soll ich euch losgeben, den Barabbas oder Jesus, der Christus genannt wird? 18 Denn er wußte, daß sie ihn aus Neid überantwortet hatten. 19 Während er auf dem Richterstuhle saß, ließ ihm seine Frau sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, denn ich habe heute seinetwegen im Traume viel gelitten. 20 Allein die Oberpriester und Ältesten beredeten die Volksmassen, den Barabbas loszubitten, Jesus aber töten zu lassen. 21 Der Landpfleger entgegnete ihnen: Welchen von beiden wollt ihr frei für euch haben? Sie sagten: Den Barabbas! 22 Pilatus fragte sie: Was soll ich denn mit Jesus machen, der Christus genannt wird? Da riefen alle: Er soll gekreuzigt werden! 23 Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie aber schrien noch lauter: Er soll gekreuzigt werden! 24 Da nun Pilatus sah, daß er nichts ausrichte und der Lärm noch größer werde, nahm er Wasser, wusch seine Hände vor dem Volke und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten; sehet ihr zu! 25 Das ganze Volk antwortete und schrie: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! 25: Die entsetzliche Selbstverfluchung zeigt, wohin ein Volk kommen kann, wenn es gewissenlosen Hetzern sein Ohr leiht. 11-25: Vgl. Mk 15,2-14; Lk 23,2-5. 13--23; Jo 18,28-19, 16.

 

Geißelung und Dornenkrönung. 26 Alsdann gab er ihnen den Barabbas los. Jesus aber ließ er geißeln und lieferte ihn aus zur Kreuzigung. 27 Darauf nahmen die Soldaten des Landpflegers Jesus zu sich in das Richthaus und versammelten um ihn die ganze Abteilung. 28 Sie zogen ihn aus und legten ihm einen scharlachroten Mantel um, 29 flochten eine Krone aus Dornen, setzten sie auf sein Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand. Sie beugten das Knie vor ihm und verspotteten ihn mit den Worten: Heil dir, König der Juden! 30 Sie spien ihn an, nahmen das Rohr und schlugen ihn auf das Haupt. 31a Nachdem sie ihn so verspottet hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab, zogen ihm seine Kleider an 31b und führten ihn fort, um ihn zu kreuzigen. 26-31: Vgl. Mk 15,15-20; Jo 19,1-5.

 

Jesus auf Golgotha

Kreuzigung. 32 Als sie hinauszogen, trafen sie einen Mann von Cyrene, mit Namen Simon. Diesen nötigten sie, sein Kreuz zu tragen. 33 Sie kamen an den Ort, welcher Golgotha, das ist Schädelstätte, heißt. 34 Da gaben sie ihm Wein, mit „Galle“ vermischt, zu trinken. Und nachdem er davon gekostet hatte, wollte er nicht trinken. 35 Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los darüber. [So sollte das Wort des Propheten in Erfüllung gehen: Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und über mein Gewand das Los geworfen (Ps 22 19).] 36 Und sie setzten sich und bewachten ihn. 37 Über sein Haupt hefteten sie eine Inschrift mit der Angabe seiner Schuld: Dieser ist Jesus, der König der Juden. 38 Dann wurden mit ihm zwei Räuber gekreuzigt, einer zur Rechten und der andere zur Linken.

 

Verspottung Jesu am Kreuze. 39 Die Vorübergehenden aber lästerten und schüttelten ihre Köpfe 40 und sagten: Ei, der du den Tempel Gottes zerstörst und ihn in drei Tagen wieder aufbaust, hilf dir selbst! Wenn du der Sohn Gottes bist, steig herab vom Kreuze! 41 Gleicherweise spotteten auch die Oberpriester samt den Schriftgelehrten und Ältesten und sagten: 42 Andern hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen! Ist er König von Israel, so steige er jetzt herab vom Kreuze; dann werden wir an ihn glauben. 43 Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun, wenn er Wohlgefallen an ihm hat. Denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn (Ps 22, 9). 44 Ebenso schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm zusammen gekreuzigt waren. 32-44: Vgl. Mk 15,21-32; Lk 23,26-4; Jo 19,17-27. Jesus kostete ein wenig von dem Wein, um seinen Dank für die gute Absicht der Schmerzenslinderung zu bekunden, aber er wollte ihn nicht trinken, um bei vollem Bewußtsein für uns zu leiden. „Galle“ bedeutet hier bittere Gewürze (vgl. Mk 15,23), wodurch die betäubende Wirkung erhöht wurde. Es war ein Vorrecht edler Frauen, einem Verurteilten diesen Liebesdienst zu erweisen und den Betäubungstrunk zu reichen.

 

Jesu Tod

Seine letzten Worte. 45 Von der sechsten bis zur neunten Stunde aber kam eine Finsternis über das ganze Land. 46 Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabakthani, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Ps 22, 2.) 47 Einige, die dastanden und dies hörten, sprachen: Dieser ruft den Elias. 48 Und alsbald lief einer von ihnen hin, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn an ein Rohr und gab ihm zu trinken. 49 Die übrigen aber sagten: Halt, wir wollen sehen, ob Elias kommt, ihn zu retten. 50 Jesus aber rief abermals mit lauter Stimme und gab den Geist auf. 45-50: Vgl. Mk 15,33-37; Lk 23,44-46; Jo 19,28-30. Das Gefühl der Gottverlassenheit war für die Menschennatur Jesu der furchtbarste Schmerz.

 

Wunder beim Tode Jesu. 51 Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriß von oben bis unten in zwei Stücke, die Erde bebte, und die Felsen spalteten sich. 52 Die Gräber öffneten sich, und viele Leiber der Heiligen, die entschlafen waren, standen auf, gingen aus den Gräbern hervor 53 und kamen nach seiner Auferstehung in die heilige Stadt und erschienen vielen. 54 Als der Hauptmann und seine Leute, die Jesus bewachten, das Erdbeben und das, was vorging, sahen, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn! 55 Es standen dort aber auch viele Frauen von ferne, welche Jesus aus Galiläa gefolgt waren, um ihm zu dienen. 56 Unter diesen war Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus und Joseph, und die Mutter der Söhne des Zebedäus. 51-56: Vgl. 15,38-41; Lk 23,45-49.

 

Jesu Begräbnis. 57 Als es nun Abend geworden war, kam ein reicher Mann aus Arimathäa mit Namen Joseph, der auch selbst ein Jünger Jesu war. 58 Dieser ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Da befahl Pilatus, daß man den Leichnam ausliefere. 59 Und Joseph nahm den Leichnam, wickelte ihn in reine Leinwand 60 und legte ihn in sein neues Grab, das er in einem Felsen hatte aushauen lassen. Vor den Eingang des Grabes wälzte er einen großen Stein und ging weg. 61 Maria Magdalena aber und die andere Maria blieben da und saßen dem Grabe gegenüber. 57-61: Vgl. Mk 15,42-47: Lk 23,50-56; Jo 19,38-42.

 

Die Wache am Grabe. 62 Des andern Tages nun, der auf den Rüsttag folgte, versammelten sich die Oberpriester und Pharisäer bei Pilatus 63 und sprachen: Herr, wir haben uns erinnert, daß jener Verführer, als er noch lebte, gesagt hat: Nach drei Tagen werde ich auferstehen. 64 Befiehl also, das Grab bis auf den dritten Tag sicher zu bewachen. Sonst könnten seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volke sagen: Er ist von den Toten auferstanden. So würde der letzte Betrug ärger als der erste. 65 Pilatus sprach zu ihnen: Ihr sollt eine Wache haben! Gehet, sorget für Sicherheit nach eurem Gutdünken. 66 Sie aber gingen hin und sicherten das Grab, indem sie den Stein versiegelten im Beisein der Wache. 62-66: Gegen ihren Willen sind die Feinde Jesu zu Kronzeugen der wahren Auferstehung des Gekreuzigten geworden.

 

Die Auferstehung

28 Die Frauen am Grabe. Nach dem Sabbat aber, als am ersten Tage der Woche der Morgen anbrach, kam Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es entstand ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn stieg vom Himmel nieder, trat hinzu, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Sein Anblick aber war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee. Die Wächter erbebten aus Furcht vor ihm und wurden wie tot. Der Engel aber nahm das Wort und sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, daß ihr Jesus, den Gekreuzigten, suchet. Er ist nicht hier. Er ist nämlich auferstanden, wie er gesagt hat. Kommet und sehet den Ort, wo er gelegen hat. Nun geht eilends und saget seinen Jüngern, daß er auferstanden ist. Sehet, er geht euch voraus nach Galiläa, daselbst werdet ihr ihn sehen. Sehet, ich habe es euch gesagt. Sie gingen eilends mit Furcht und großer Freude von dem Grab hinweg und liefen, um es seinen Jüngern zu verkünden. Und siehe, Jesus begegnete ihnen und sprach: Seid gegrüßt! Sie aber traten hinzu und umfaßten seine Füße und beteten ihn an. 10 Jesus sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Gehet hin und verkündet es meinen Brüdern, daß sie nach Galiläa gehen; dort werden sie mich sehen. 1-10: Vgl. Mk 16,1-11; Lk 24,1-11; Jo 20,1-18. „Die andere Maria“ ist die Frau des Kleophas, die Mutter der „Brüder Jesu“.

 

Die Wächter bestochen. 11 Als diese nun hingegangen waren, da kamen einige von der Wache in die Stadt und meldeten den Oberpriestern alles, was sich zugetragen hatte. 12 Diese versammelten sich mit den Ältesten, hielten Rat, gaben den Soldaten viel Geld 13 und sprachen: Saget: Seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, da wir schliefen. 14 Und wenn dieses dem Landpfleger zu Ohren kommen sollte, so wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, daß ihr nichts zu befürchten braucht. 15 Sie nahmen das Geld und taten, wie man sie angewiesen hatte; und es verbreitete sich dieses Gerede unter den Juden bis auf den heutigen Tag. 11-15: Die teure Bestechung hätten sie sich erspart, wenn sie anders die Tatsache der Auferstehung hätten widerlegen können.

 

Jesus erscheint den Aposteln. 16 Die elf Jünger aber gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin sie Jesus beschieden hatte. 17 Und da sie ihn sahen, beteten sie ihn an; einige aber zweifelten. 18 Jesus trat hinzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. 19 Darum gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes 20 und lehret sie alles halten, was ich euch befohlen habe. Und sehet, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt. 16-20: Vgl. Mk 16,15-18. Im Bewußtsein göttlicher Vollmacht überträgt Christus seinen Aposteln und ihren Nachfolgern bis zum Weltende das Lehramt, Priesteramt und Hirtenamt.

 

 

Das Evangelium nach Markus

 

Einleitung.

Markus, mit dem vollen Namen Johannes Markus, war jüdischer Abstammung und scheint in Jerusalem beheimatet gewesen zu sein, wo das Haus seiner Mutter Maria als Versammlungsort der Christen genannt wird (Apg 12, 12). Mit seinem Vetter Barnabas begleitete er den Apostel Paulus auf der ersten Missionsreise, kehrte aber in Perge um, wahrscheinlich durch die großen Schwierigkeiten entmutigt (Apg 13,5. 13). Darum weigerte sich Paulus, ihn auf der zweiten Missionsreise mitzunehmen (Apg 15, 37). Später aber weilte Markus wieder bei dem gefangenen Apostel in Rom (Kol 4,10, Phlm 24). Der heilige Petrus nennt ihn seinen Sohn (1 Petr 5 13), wohl weil er ihn getauft hatte. Über das Wirken des Evangelisten nach der Hinrichtung der beiden Apostelfürsten fehlen uns nähere Nachrichten. Seit Eusebius gilt er als erster Bischof von Alexandrien in Ägypten. Die Kirche verehrt ihn am 25. April als Märtyrer. Über seinen nach Venedig überführten Reliquien wurde dort im 10. Jahrhundert der herrliche Markusdom erbaut. Schon die älteste Überlieferung nennt Markus den „Schüler und Dolmetsch des Petrus“ und bringt sein Evangelium in engere Beziehung zur Predigt des Apostelfürsten. Dem entsprechen auch der Inhalt und die Eigenart des zweiten Evangeliums. Es ist in erster Linie für heidenchristliche Leser bestimmt und will sie davon überzeugen, daß in dem großen Wundertäter Jesus von Nazareth der Sohn Gottes auf Erden erschienen ist. Nach kurzem Bericht über die Einführung Jesu in sein Amt durch den Vorläufer und die Gotteserscheinung bei der Taufe (1,1-13) schildert Markus das öffentliche Wirken Jesu in Galiläa (1,14-9, 50), in Judäa und Jerusalem (10,1-13, 37) und erzählt dann die Leidens- und Verklärungsgeschichte des Herrn (14,1-16, 20).

 

Das Evangelium wurde zu Rom geschrieben, wahrscheinlich zwischen 55-60, weil es jünger ist als das aramäische Matthäusevangelium, aber älter als dessen griechische Übersetzung und älter als das Lukasevangelium.

 

Vorgeschichte

1 Johannes der Täufer. Die frohe Botschaft von Jesus Christus dem Sohne Gottes, beginnt, wie es geschrieben steht beim Propheten Isaias: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, daß er deinen Weg bereite. Stimme eines Herolds in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, machet gerade seine Pfade! (Is 40 3, Mal 3, 1.) Johannes der Täufer trat in der Wüste auf und predigte eine Taufe der Bekehrung zur Vergebung der Sünden. Das ganze Judenland und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus, ließen sich von ihm taufen im Jordanfluß und bekannten ihre Sünden. Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüfte; er nährte sich von Heuschrecken und wildem Honig. 6: Johannes trug nicht ein Gewand aus Kamelfell, sondern ein rauhes, aus Kamelhaar gewirktes Kleid. Gedörrte Heuschrecken und der Honig wilder Bienen bilden heute noch zuweilen die Kost armer Leute im Orient. Er predigte also: Ein Stärkerer als ich kommt nach mir; ich bin nicht würdig, mich niederzubücken, um seine Schuhriemen aufzulösen. Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geiste taufen. 2-8: Vgl. Mt 3,1-12; Lk 3,1-20. Die Johannestaufe tilgte die Sünden nicht wie das Sakrament der Taufe, deren Vorbild sie war. Gott verzieh denen, die sich Taufen ließen, die Sünden wegen ihrer Reue.

 

Taufe und Versuchung Jesu. Und es begab sich in jenen Tagen, daß Jesus von Nazareth in Galiläa kam und von Johannes im Jordan getauft wurde. 10 Sobald er aus dem Wasser heraufstieg, sah er, wie der Himmel sich öffnete und der Geist gleich einer Taube auf ihn herabschwebte [und über ihm blieb]. 11 Eine Stimme erscholl vom Himmel: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich mein Wohlgefallen! 9-11: Vgl. Mt 3,13-17; Lk 3,21-22

 

12 Alsbald trieb ihn der Geist hinaus in die Wüste. 13 Dort war er vierzig Tage [und vierzig Nächte] und wurde vom Satan versucht. Er lebte unter den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm. 12-13: Vgl. Mt 4,1-11; Lk 4,1-13.

 

Wirksamkeit Jesu in Galiläa

 

Erfolge und Widerstände

Die ersten Jünger. 14 Nach der Gefangennahme des Johannes kam Jesus nach Galiläa und predigte die frohe Botschaft [vom Reiche] Gottes. 15 Er sprach: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes hat sich genaht. Bekehret euch und glaubet an die frohe Botschaft! 14-15: Vgl. Mt 4,12-17; Lk 4,14-15; Jo 3,22-24; 4, 1-2. 16 Als er am galiläischen See dahinzog, sah er den Simon und dessen Bruder Andreas eben ihre Netze in den See auswerfen, denn sie waren Fischer. 17 Jesus sprach zu ihnen: Kommt, folget mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen! 18 Sofort verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach. 19 Als er von da ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und dessen Bruder Johannes, die eben auch im Schiffe die Netze herrichteten. 20 Er berief sie alsogleich. Sie ließen ihren Vater Zebedäus mitsamt den Taglöhnern im Schiffe und folgten ihm. 16-20: Vgl. Mt 4,18-22; Lk 5,1-11. Weil Zebedäus einen eigenen Fischerkahn besaß und Tagelöhner beschäftigte, gehörten die Apostel Johannes und Jakobus nicht zu den ärmsten Volksschichten.

 

Heilung eines Besessenen. 21 Sie gingen nach Kapharnaum hinein, und sogleich am Sabbat begab sich Jesus in die Synagoge und lehrte. 22 Sie waren betroffen über seine Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Macht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten. 23 In ihrer Synagoge war gerade ein Mann, der einen unreinen Geist hatte. Dieser schrie: Ha! 24 Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu verderben. Ich weiß, wer du bist: Der Heilige Gottes. 25 Jesus aber drohte ihm und sprach: Verstumme und fahre aus von ihm! 26 Der unreine Geist riß ihn hin und her und fuhr mit lautem Geschrei von ihm aus. 27 Da fragten alle untereinander voll Verwunderung: Was ist das? Das ist eine neue Lehre mit Vollmacht! Er gebietet sogar den unreinen Geistern, und sie gehorchen ihm! 28 Der Ruf von ihm verbreitete sich alsbald überall in der ganzen Umgegend von Galiläa. 21-28: Vgl. Lk 4,31-37. Markus berichte mit Vorliebe von der Macht Jesu über die Dämonen.

 

Im Hause des Petrus. 29 Er verließ die Synagoge und begab sich gleich mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas. 30 Die Schwiegermutter des Simon aber lag darnieder am Fieber. Und sogleich redeten sie ihretwegen mit ihm. 31 Er trat hinzu, nahm sie bei der Hand und richtete sie auf; sofort verließ sie das Fieber, und sie bediente sie. 32 Am Abend nach Sonnenuntergang brachte man zu ihm alle Kranken und Besessenen. 33 Die ganze Stadt war vor der Türe versammelt. 34 Er machte viele gesund, die mit allerlei Krankheiten geplagt waren, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden, weil sie ihn erkannten. 29-34: Vgl. Mt 8,14-17; Lk 4,38-41

 

Wanderungen in Galiläa. 35 Des Morgens, noch tief in der Nacht, stand er auf und ging hinaus an einen einsamen Ort und betete daselbst. 36 Simon und seine Begleiter eilten ihm nach. 37 Als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Alle suchen dich! 38 Er antwortete ihnen: Laßt uns anderswohin in die nächstgelegenen Dörfer und Städte gehen, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich ausgezogen. 39 So wanderte er durch ganz Galiläa, predigte in ihren Synagogen und trieb die bösen Geister aus. 35-39: Vgl. Mt 4,23; Lk 4,42-44. Jesu Beispiel zeigt uns, daß auch ein vollbesetztes Tagewerk noch Zeit zum Verkehr mit Gott im Gebete läßt.

 

Heilung eines Aussätzigen. 40 Ein Aussätziger kam zu ihm, bat ihn, fiel auf die Knie und sprach zu ihm: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. 41 Voll Erbarmen streckte Jesus seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will, sei rein! 42 Da wich sogleich der Aussatz von ihm, und er ward rein. 43 Er fuhr ihn an und wies ihn alsbald fort und sprach zu ihm: 44 Hüte dich, jemand etwas davon zu sagen. Geh vielmehr hin, zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Moses befohlen hat, ihnen zum Zeugnis (3 Mos 14, 2). 45 Als er aber fortgegangen war, fing er an, das Geschehene eifrig zu verkünden und auszubreiten. So konnte Jesus nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen, sondern blieb draußen an einsamen Orten. Aber sie kamen zu ihm von überallher. 40-45: Vgl. Mt 8,1-4; Lk 5,12-16

 

2 Heilung des Gichtbrüchigen. Nach einigen Tagen kam er wieder nach Kapharnaum hinein. Als man hörte, daß er zu Hause sei, kamen viele zusammen, so daß sie auch draußen vor der Tür keinen Platz hatten. Und er predigte ihnen das Wort. Da brachte man zu ihm einen Gelähmten, der von vier Männern getragen wurde. Weil sie ihn der Volksmenge wegen nicht vor ihn bringen konnten, deckten sie das Dach ab, dort, wo er war, und durch die Öffnung ließen sie das Bett, auf dem der Gelähmte lag, hinab. Als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Kind, deine Sünden sind dir vergeben! Daselbst saßen aber einige Schriftgelehrte? die in ihrem Herzen dachten: Wie kann dieser so sprechen? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein? Jesus erkannte sogleich diese ihre Gedanken in seinem Geiste und sprach zu ihnen: Warum denkt ihr so in euren Herzen? Was ist leichter zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und wandle? 10 Damit ihr aber wisset, daß der Menschensohn auf Erden Macht hat, Sünden zu vergeben, so — dabei wandte er sich an den Gelähmten — 11 sage ich dir: Steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 12 Da stand er auf, nahm sogleich sein Bett und ging vor aller Augen weg. Alle gerieten außer sich, priesen Gott und sprachen: So etwas haben wir noch niemals gesehen! 1-12: Vgl. Mt 9,1-8, Lk 5,17-26. Die niedrigen Häuser hatten meist eine Außentreppe, die auf das flache Dach führte.

 

Berufung des Matthäus. 13 Er ging abermals an den See hinaus, und alles Volk kam zu ihm, und er lehrte sie. 14 Im Vorbeigehen sah er den Levi, den Sohn des Alphäus, an der Zollstätte sitzen. Er sprach zu ihm: Folge mir nach! Er stand auf und folgte ihm. 15 Und es geschah, als er in dessen Haus zu Tische saß, waren auch viele Zöllner und Sünder zugleich mit Jesus und seinen Jüngern zu Tische; denn es waren viele, und sie pflegten ihm nachzufolgen. 16 Als die Schriftgelehrten aus dem Kreise der Pharisäer sahen, daß er mit Sündern und Zöllnern aß, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum ißt und trinkt er mit den Zöllnern und Sündern? 17 Als Jesus dies hörte, entgegnete er ihnen: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder. 13-17: Vgl. Mt 9,9-13; Lk 5,27-32. Die am See Genesareth entlang führende Handelsstraße und die Nähe mehrerer Landesgrenzen erklärt die große Zahl der anwesenden Zöllner.

 

Vom Fasten. 18 Die Jünger des Johannes und die Pharisäer hatten Fasttag. Da kam man zu Jesus und fragte ihn: Warum fasten die Jünger des Johannes und der Pharisäer, deine Jünger aber fasten nicht? 19 Jesus erwiderte ihnen: Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. 20 Es werden aber Tage kommen, da ihnen der Bräutigam genommen wird; dann, an jenem Tage, werden sie fasten. 21 Niemand setzt ein Stück von ungewalktem Tuch auf ein altes Kleid, sonst reißt das Flickstück davon ab, das Neue vom Alten, und der Riß wird größer. 22 Auch gießt niemand neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche, der Wein [läuft aus] und die Schläuche gehen zugrunde. Neuer Wein gehört vielmehr in neue Schläuche. 22: Im Neuen Bund herrscht ein anderer Geist als im Alten. 18-22: Vgl. Mt 9,14-17; Lk 5,33-39. Es handelte sich um einen privaten Fasttag. Jesus ist der Bräutigam, der um die Menschheit als Braut wirbt während seines Erdenlebens.

 

Vom Sabbat. 23 Ein anderes Mal ging der Herr am Sabbat durch die Saatfelder, und seine Jünger pflückten unterwegs Ähren ab. 24 Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Siehe, warum tun sie am Sabbat, was nicht erlaubt ist? 25 Er entgegnete ihnen: Habt ihr niemals gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn und seine Begleiter hungerte? 26 Wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abiathar in das Haus Gottes ging und die Schaubrote aß, die niemand essen durfte als die Priester, und wie er seinen Begleitern davon gab? (1 Sm 21, 6.) 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Sabbats willen! 28 Darum ist der Menschensohn auch Herr über den Sabbat. 23-28: Vgl. Mt 12,1-8; Lk 6,1-5. Die Antwort Jesu verrät göttliches Selbstbewußtsein.

 

3 Heilung am Sabbat. Er ging wieder einmal in die Synagoge. Daselbst war ein Mann mit einer verdorrten Hand. Sie beobachteten ihn, ob er ihn am Sabbat heilen werde, damit sie ihn anklagen könnten. Da sprach er zu dem Manne mit der verdorrten Hand: Steh auf, komm her in die Mitte! Und er sprach zu ihnen: Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder zugrunde gehen zu lassen? Sie aber schwiegen. Zornig sah er sie ringsum an, betrübt über die Verstocktheit ihres Herzens, und sprach zu dem Manne: Strecke deine Hand aus! Er streckte sie aus, und seine Hand ward wieder gesund. Die Pharisäer aber gingen hinaus und hielten sogleich mit den Herodianern Rat wider ihn, wie sie ihn umbringen könnten. 1-6: Vgl. Mt 12,9-14; Lk 6,6-11.

 

Jesu Tätigkeit am See Genesareth

Zulauf und Heilungen. Jesus aber ging mit seinen Jüngern weg an den See. Und viel Volk von Galiläa und Judäa folgte ihm. Auch von Jerusalem und Idumäa und von jenseits des Jordans und aus der Gegend von Tyrus und Sidon kam eine große Menge zu ihm, als sie von all seinen Taten hörten. Da sagte er zu seinen Jüngern, es solle wegen der Volksmenge ein Schifflein für ihn bereitgehalten werden, damit sie ihn nicht erdrückten. 10 Denn er heilte viele, so daß alle, die mit Leiden behaftet waren, sich an ihn herandrängten, um ihn zu berühren. 11 Wenn die unreinen Geister ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist der Sohn Gottes! 12 Er aber drohte ihnen heftig, daß sie ihn nicht bekannt machen sollten. 7-12: Vgl. Mt 12,15-16; Lk 6,17-19. Jesus will kein unnötiges Aufsehen erregen, erst recht nicht durch teuflische Mithilfe.

 

Wahl der Apostel. 13 Er stieg auf den Berg und berief die zu sich, die er selbst wollte. Und sie kamen zu ihm. 14 Und er bestellte die Zwölf, daß sie bei ihm seien, und daß er sie zum Predigen ausschicke 15 und daß sie die Vollmacht hätten, [die Krankheiten zu heilen und] die bösen Geister auszutreiben. 16 Er bestellte die folgenden zwölf: Dem Simon gab er den Namen Petrus; 17 Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, den Bruder des Jakobus, denen er den Namen Boanerges, das heißt Donnersöhne, gab; 18 Andreas, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Thomas, Jakobus, den Sohn des Alphäus, Thaddäus, Simon, den Kananäer, 19 und Judas Iskariot, der sein Verräter wurde. 13-19: Vgl. Mt 10,1-4; Lk 6,12-16. Der Name „Donnersöhne“ kennzeichnet das stürmische Temperament und beweist, daß auch „der Jünger der Liebe“ kein weichlicher, süßlicher Mensch war, wie ihn oft die Kunst darstellt.

 

Falsche Urteile über Jesus. 20 Als er nach Hause kam, versammelte sich wieder das Volk, so daß sie nicht einmal essen konnten. 21 Da die Seinen dies hörten, gingen sie hin, um sich seiner zu bemächtigen. Denn sie sagten: Er ist außer sich. 22 Die Schriftgelehrten aber, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er hat den Beelzebul, und: Durch den obersten der Teufel treibt er die Teufel aus. 23 Da rief er sie herbei und redete mit ihnen in Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? 24 Wenn ein Reich in sich gespalten ist, so kann jenes Reich nicht bestehen. 25 Und wenn ein Haus in sich gespalten ist, so kann jenes Haus nicht bestehen. 26 Wenn nun der Satan gegen sich selbst aufsteht, so ist er entzweit und wird nicht bestehen können, sondern es ist mit ihm zu Ende. 27 Niemand aber kann in das Haus des Starken kommen und sein Hausgerät rauben, wenn er nicht zuvor den Starken bindet. Dann erst wird er sein Haus plündern. 28 Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden werden den Menschenkindern vergeben und alle Lästerungen, die sie ausstoßen mögen. 29 Wer aber wider den Heiligen Geist lästert, der wird in Ewigkeit keine Vergebung erhalten, sondern ist ewiger Sünde schuldig. 29: Der Heilige Geist ist der Spender aller Gnade und der Geist der Wahrheit. Wer bewußt seiner Gnade widersteht und gegen die Wahrheit mit Lüge kämpft, ist keiner Reue fähig. 30 Denn sie sagten: Er hat einen unreinen Geist. 20-30: Vgl. Mt 12,22-37. 43-45, Lk 11,14-32. Die Anhänger Jesu fürchten, er mute sich zuviel zu. Ihre Sorge ist gut gemeint. Das Urteil: „Er ist außer sich“ kann sich aber auch auf das unvernünftige drängende Volk beziehen und muß dann übersetzt werden: „Es (das Volk) ist außer sich.“ Das Urteil der Schriftgelehrten dagegen geht aus Bosheit hervor.

 

Die Verwandten Jesu. 31 Nun kamen seine Mutter und seine Brüder. Sie blieben draußen stehen, schickten zu ihm hinein und ließen ihn rufen. 32 Das Volk saß um ihn her. Man sagte ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder sind draußen und suchen dich. 33 Da antwortete er ihnen: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? 34 Und er schaute auf die, welche rings um ihn her saßen, und sprach: Sehet da meine Mutter und meine Brüder. 35 Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter. 31-35: Vgl. Mt 12,46-50; Lk 8,19-21. Die Bindung an den Willen Gottes muß stärker sein als die Liebe zu den leiblichen Verwandten. Über „Brüder Jesu“ vgl. die Anmerkung zu Mt 12,46.

 

Gleichnisse

4 Das Gleichnis vom Sämann. Jesus fing abermals an, am See zu lehren, und es sammelte sich viel Volk um ihn. Darum stieg er in einen Kahn und saß in ihm auf dem See. Das ganze Volk aber war auf dem Lande am See. Er lehrte sie vieles in Gleichnissen und sprach zu ihnen in seinen Unterweisungen: Höret! Siehe, der Sämann ging aus, zu säen. Beim Säen fiel einiges an den Weg, und die Vögel des Himmels kamen und fraßen es auf. Einiges fiel auf felsigen Grund, wo es nicht viel Boden hatte. Es ging zwar schnell auf, weil es keinen tiefen Boden hatte. Als aber die Sonne höher stieg, wurde es versengt und verdorrte, weil es keine Wurzel hatte. Einiges fiel unter die Dornen. Die Dornen wuchsen auf und erstickten es, und es brachte keine Frucht. Anderes endlich fiel in gutes Erdreich, ging auf, wuchs und brachte Frucht, dreißig-, sechzig-, ja hundertfältig. Und er rief aus: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

 

10 Als er allein war, fragte ihn seine Umgebung samt den Zwölfen über die Gleichnisse. 11 Er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Gottesreiches gegeben; denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen dargeboten, 12 damit sie sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen vergeben werde. 11-12: Jesus wollte durch seine Gleichnisreden die Menschen nicht verstocken, auch keine bekannten Wahrheiten verhüllen. Aber die Geheimnisse des Gottesreiches legte er dem Volke in der Hülle eines Gleichnisses vor. Wer guten Willens war, vermochte ihren tiefen Sinn zu finden. 13 Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr dieses Gleichnis nicht, wie werdet ihr dann alle Gleichnisse begreifen? 14 Der Sämann sät das Wort. 15 Am Wege hin wird das Wort gesät bei denen, die es zwar hören; dann kommt aber sogleich der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät ist. 16 Ähnlich geartet sind die, bei denen auf felsigen Grund gesät wird, hören sie es, so nehmen sie es alsbald mit Freuden auf. 17 Sie haben aber keine Wurzel in sich und halten nur eine Zeitlang aus. Wenn dann um des Wortes willen Trübsal und Verfolgung kommen, fallen sie gleich ab. 18 Andere, wo unter die Dornen gesät wurde, sind jene, welche das Wort zwar hörten, 19 aber die Sorgen der Welt, der trügerische Reichtum und die Begierden nach den übrigen Dingen schleichen sich ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht. 20 Auf gutes Erdreich endlich wurde gesät bei denen, die das Wort hören und aufnehmen und Frucht bringen, dreißig-, sechzig-, ja hundertfältig. 1-20: Vgl. Mt 13,1-23; Lk 8,4-15.

 

Andere Gleichnisse. 21 Und er sprach zu ihnen: Läßt man sich etwa ein Licht bringen, um es unter den Scheffel oder unter das Bett zu stellen, und nicht dazu, daß man es auf den Leuchter stelle? 22 Denn nichts ist verborgen, was nicht offenbar werden, und nichts geschieht geheim, was nicht an den Tag kommen soll. 23 Wer Ohren hat zu hören, der höre!

 

24 Weiter sprach er zu ihnen: Merket wohl, was ihr höret! Mit dem Maße, mit dem ihr ausmesset, wird euch eingemessen werden, ja es wird euch noch dazugegeben werden. 25 Denn wer hat, dem wird gegeben. Wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen werden, was er hat. 21-25: Vgl. Lk 8,16-18. Die Religion muß auch nach außen sich bekunden und das ganze Leben erfassen. Treues Mitwirken zieht neue Gnaden nach sich; der Nachlässige (= wer nicht hat) verliert bald alles.

 

Das Gleichnis vom Samen auf dem Ackerfeld. 26 Wiederum sprach er: Mit dem Reiche Gottes ist es, wie wenn ein Mann Samen auf das Ackerland streut. 27 Er mag schlafen oder aufstehen, bei Tag und bei Nacht, der Same keimt und wächst auf, ohne daß er es selber weiß. 28 Denn die Erde trägt von selbst Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, endlich die volle Frucht in der Ähre. 29 Und wenn die Frucht es gestattet, legt er alsbald die Sichel an; denn die Ernte ist da. 26-29 Christus hat den Samen des Gotteswortes auf Erden ausgestreut und läßt ihn wachsen aus innerer Kraft bis zur Ernte beim Weltgericht.

 

Das Gleichnis vom Senfkorn. 30 Er fuhr fort: Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen oder unter welchem Bilde es darstellen? 31 Es ist wie ein Senfkörnlein. Wenn dieses in die Erde gesät wird, ist es das kleinste unter allen Samenkörnern auf der Erde. 32 Ist es aber gesät, so wächst es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt so große Zweige, daß die Vögel des Himmels unter seinem Schatten wohnen können.

 

33 In vielen solchen Gleichnissen predigte er ihnen das Wort, je nach ihrer Fassungskraft. 34 Ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen. Wenn sie aber allein waren, legte er seinen Jüngern alles aus. 30-34: Vgl. Mt 13,31-32. 34-35, Lk 13,18-19. Das Senfkorn ist das kleinste unter den damals in Palästina verwendeten Saatkörnern.

Wunder

Der Sturm auf dem Meere. 35 Am Abend jenes Tages sagte er zu ihnen: Laßt uns hinüberfahren an das andere Ufer! 36 Sie entließen das Volk und nahmen ihn, so wie er war, im Schiffe mit; und andere Schiffe begleiteten ihn. 37 Ein gewaltiger Sturm erhob sich und warf die Wellen in das Schiff, so daß es sich mit Wasser füllte. 38 Er aber war hinten im Kahne und schlief auf einem Kissen. 39 Sie weckten ihn auf mit dem Rufe: Meister, liegt dir nichts daran, daß wir untergehen? Er stand auf, gebot dem Winde und sprach zum See: Sei still, verstumme! Da legte sich der Wind, und es wurde ganz still. 40 Er sprach zu ihnen: Was seid ihr denn so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? 41 Sie fürchteten sich sehr und sprachen zueinander: Wer ist doch dieser, daß ihm Wind und See gehorchen! 35-41: Vgl. Mt 8,18. 23-27, Lk 8,22-25.

 

5 Heilung des Besessenen. Sie kamen über den See hinüber in die Landschaft der Gerasener. Als er aus dem Schifflein stieg, lief ihm sogleich von den Grabhöhlen her ein Mann mit einem unreinen Geist entgegen. Dieser hatte seinen Aufenthalt in den Grabhöhlen, und bisher konnte man ihn nicht einmal mit Ketten binden. Denn schon oft war er mit Fußfesseln und Ketten gefesselt worden, aber die Ketten waren von ihm zerrissen und die Fußfesseln zerrieben worden, und niemand konnte ihn bändigen. Immerfort, Tag und Nacht, hielt er sich in den Grabhöhlen und im Gebirge auf, schrie und schlug sich selbst mit Steinen. Als er Jesus von ferne sah, lief er hin, warf sich vor ihm nieder und schrie mit lauter Stimme: Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Denn er sprach zu ihm: Fahre aus von diesem Menschen, unreiner Geist! Er fragte ihn auch: Wie heißest du? Er antwortete ihm: Legion ist mein Name; denn wir sind viele. 10 Er bat ihn inständig, er möchte sie nicht aus dieser Gegend vertreiben. 11 Es war aber dort am Berge eine große Schweineherde auf der Weide. 12 Die Geister baten ihn: Jage uns in die Schweine, laß uns in sie fahren! 13 Er gestattete es ihnen sogleich. Da fuhren die unreinen Geister aus und fuhren in die Schweine. Die Herde stürzte sich den Abhang hinunter in den See, an zweitausend, und sie ertranken im See. 14 Ihre Hirten aber flohen davon und meldeten es in der Stadt und auf den Gehöften. Und die Leute gingen hinaus, um zu sehen, was geschehen war. 15 Sie kamen zu Jesus und sahen den Besessenen, der die Legion gehabt hatte, dasitzen, angekleidet und bei gesundem Verstande, und sie fürchteten sich. 16 Die Augenzeugen erzählten ihnen, was mit dem Besessenen vorgefallen war und mit den Schweinen. 17 Da baten sie ihn, er möchte sich entfernen aus ihrem Gebiete. 18 Als er das Schiff bestieg, bat ihn der, welcher zuvor besessen gewesen, ihn begleiten zu dürfen. 19 Doch er ging nicht darauf ein, sondern sprach zu ihm: Geh nach Hause zu den Deinigen und erzähle ihnen, was der Herr Großes an dir getan und wie er sich deiner erbarmt hat. 20 Jener ging hin und verkündete im Gebiet der Zehn-Städte, was Jesus an ihm Großes getan. Und alle verwunderten sich. 1-20: Vgl. Mt 8,28-34; Lk 8,26-39. Matthäus nennt zwei Besessene, Markus und Lukas erwähnen bloß den einen, der die Hauptrolle spielte. In seiner heidnischen Heimat soll der Geheilte zum Glaubensboten werden; im jüdischen Gebiet hätte er das Wirken Jesu eher gehemmt.

 

Heilung einer Blutflüssigen und Auferweckung der Tochter des Jairus. 21 Als Jesus im Schiffe wieder über den See gefahren war, versammelte sich viel Volk um ihn; und er verweilte am See. 22 Da kam einer von den Synagogenvorstehern, namens Jairus. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen 23 und bat ihn inständig: Mein Töchterchen liegt in den letzten Zügen. Komm und leg ihm die Hände auf, damit es gesund werde und lebe! 24 Er ging mit ihm. Viel Volk begleitete ihn und umdrängte ihn. 25 Eine Frau, die seit zwölf Jahren am Blutflusse litt 26 und viel von vielen Ärzten ausgestanden und ihr ganzes Vermögen aufgewendet und doch keine Hilfe gefunden hatte — vielmehr war es nur schlimmer geworden —, 27 hatte von Jesus gehört. Sie kam unter der Menge von hinten heran und berührte sein Kleid. 28 Denn sie dachte: Wenn ich nur seine Kleider berühre, werde ich gesund. 29 Sogleich wurde ihr Blutfluß gestillt, und sie fühlte an ihrem Leib, daß sie von der Plage geheilt sei. 30 Jesus merkte sogleich an sich, daß eine Kraft von ihm ausgegangen war. Er wandte sich in der Menge um und fragte: Wer hat meine Kleider angerührt? 31 Seine Jünger antworteten ihm: Du siehst doch, daß dich das Volk umdrängt, und da fragst du: Wer hat mich berührt? 32 Doch er sah sich um nach der, die es getan hatte. 33 Da kam die Frau, voll Furcht und Zittern, im Bewußtsein dessen, was mit ihr geschehen war, fiel vor ihm nieder und gestand ihm die volle Wahrheit. 34 Er aber sprach zu ihr: Tochter, dein Glaube hat dir geholfen! Geh hin im Frieden und sei geheilt von deiner Plage!

 

35 Während er noch redete, kamen Leute von dem Synagogenvorsteher mit der Nachricht: Deine Tochter ist gestorben; warum belästigst du den Meister noch weiter? 36 Jesus fing das Wort auf, das da gesprochen wurde, und sagte zu dem Synagogenvorsteher: Sei ohne Furcht, glaube nur! 37 Er ließ niemand mit als Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. 38 Sie kamen in das Haus des Synagogenvorstehers. Jesus vernahm den Lärm und das laute Weinen und Wehklagen. 39 Er ging hinein und sprach zu ihnen: Warum lärmt und weint ihr? Das Mädchen ist nicht tot, sondern schläft. 40 Da lachten sie ihn aus. Er aber wies alle hinaus und ging mit dem Vater und der Mutter des Mädchens und seinen Begleitern dorthin, wo das Mädchen lag. 40: Das Lachen der berufsmäßigen Klageweiber beweist den wirklichen Tod des Mädchens, den Jesus nur bildhaft als Schlaf bezeichnet hatte. 41 Da faßte er das Mädchen bei der Hand und sprach zu ihm: Talitha kumi, das heißt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! 42 Sogleich stand das Mädchen auf und ging umher; es war nämlich zwölf Jahre alt. Große Bestürzung ergriff die Leute. 43 Er schärfte ihnen nachher ernstlich ein, daß es niemand erfahre. Dann sagte er, man solle ihr zu essen geben. 21-43: Vgl. Mt 9,18-26; Lk 8,40-56. Das Leiden der Frau war um so quälender, weil auch die Gegenstände, die sie berührte, als levitisch unrein galten, so daß ein Zusammenleben mit ihr erschwert war.

 

Jesu Wanderung um den See

6 Jesus in Nazareth. Von da ging er weg und kam in seine Vaterstadt. Seine Jünger begleiteten ihn. Am Sabbat begann er in der Synagoge zu lehren. Und die vielen Zuhörer verwunderten sich [über seine Lehre] und fragten: Woher hat er denn dies? Was ist das für eine Weisheit, die ihm verliehen ist? Und solche Wunder geschehen durch seine Hände! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn Marias, ein Bruder des Jakobus, Joses, Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie wurden irre an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Nirgends findet ein Prophet weniger Anerkennung als in seiner Vaterstadt und bei seinen Verwandten und seiner Familie. Und er konnte daselbst kein einziges Wunder wirken, außer daß er wenige Kranke durch Handauflegung heilte. 6a Er wunderte sich über ihren Unglauben. 6b Und er zog durch die Dörfer ringsherum und lehrte. 5-6: Jesus konnte seine Wunderkraft nicht anwenden, weil auf seiten seiner Landsleute der Glaube als notwendige Voraussetzung fehlte. 1-6: Vgl. Mt 13,53-58; Lk 4,16-30. Niemals werden diese „Brüder“ und „Schwestern“ Jesu als Kinder Marias oder Josephs erwähnt. Es waren Vettern und Basen. Vgl. Mt 12,46.

 

Aussendung der Apostel. Er berief die Zwölf, sandte sie zwei und zwei aus und gab ihnen Gewalt über die unreinen Geister. Er gebot ihnen, nichts mit auf den Weg zu nehmen außer einem Stab; kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel. Sandalen sollten sie tragen, aber nicht zwei Röcke anziehen. 10 Auch sprach er zu ihnen: Wo ihr in ein Haus einkehrt, da bleibet, bis ihr von dort weitergeht. 11 Wo man euch aber nicht aufnimmt noch hört, von da gehet fort und schüttelt den Staub von euren Füßen, ihnen zum Zeugnis. 12 Und sie zogen aus und predigten, man solle Buße tun. 13 Sie trieben auch viele böse Geister aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie. 7-12: Vgl. Mt 10,1. 9-15; Lk 9,1-6; 10,3-12. Bei der Salbung der Kranken mit Öl handelte es sich noch nicht um das Sakrament der heiligen Ölung.

 

Enthauptung des Täufers. 14 Der König Herodes hörte davon — denn sein Name war in aller Munde — und sprach: Johannes der Täufer ist von den Toten auferstanden — darum wirken die Wunderkräfte in ihm. 15 Andere aber sagten: Er ist Elias; wieder andere: Er ist ein Prophet, wie einer aus den Propheten. 16 Da Herodes dies hörte, sprach er: Johannes, den ich habe enthaupten lassen, der ist [von den Toten] auferstanden. 14-16: Das schlechte Gewissen plagte Herodes. 14-29: Vgl. Mt 14,1-12; Lk 3,19-20; 9,7-9. 17 Herodes hatte nämlich Leute ausgesandt und Johannes verhaften, fesseln und im Gefängnis halten lassen wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus, weil er sie zur Frau genommen hatte. 18 Denn Johannes hatte zu Herodes gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, deines Bruders Frau zu haben. 19 Darum war ihm Herodias aufsässig und hätte ihn gern umbringen lassen; aber sie konnte es nicht, 20 denn Herodes fürchtete den Johannes, weil er wußte, daß er ein gerechter und heiliger Mann sei. Er hielt ihn in Haft, und wenn er ihn hörte, wurde er sehr verlegen, aber er hörte ihn gern. 20: Der lateinische Text lautet: „Er nahm ihn in Schutz, tat vieles auf seine Worte hin und hörte ihn gern.“ Die Ehebrecherin mochte fürchten, entlassen zu werden, wenn der Einfluß des Gefangenen auf Herodes länger dauerte. 21 Da kam ein gelegener Tag, das Geburtsfest des Herodes, an welchem dieser seinen Fürsten, den Hauptleuten und Vornehmsten von Galiläa ein Gastmahl gab. 22 Da trat die Tochter der Herodias herein und tanzte. Sie gefiel dem Herodes und seinen Gästen. Und der König sprach zu dem Mädchen: Begehre von mir, was du willst, ich will es dir geben. 23 Ja, er schwur ihr: Was du auch von mir begehrst, ich will es dir geben, und wäre es auch die Hälfte meines Reiches. 24 Sie ging hinaus und fragte die Mutter: Was soll ich begehren? Diese aber antwortete: Das Haupt Johannes des Täufers. 25 Sogleich ging sie in Eile zum König und bat: Ich will, daß du mir sofort auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers gebest. 26 Da wurde der König tief betrübt. Allein wegen seiner Eide und wegen der Tischgenossen wollte er sie nicht abweisen. 26: Der Eid konnte ihn nicht zu etwas Bösem verpflichten. 27 Er schickte gleich einen Scharfrichter ab mit dem Befehl, sein Haupt [auf einer Schüssel] zu bringen. Dieser ging hin, enthauptete ihn im Gefängnis 28 und brachte sein Haupt auf einer Schüssel und gab es dem Mädchen, und das Mädchen gab es seiner Mutter. 29 Die Jünger hörten dies, kamen und holten seinen Leichnam und setzten ihn in einem Grabe bei.

 

Rückkehr der Apostel. Erste Brotvermehrung. 30 Die Apostel kamen zu Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. 31 Und er sprach zu ihnen: Ziehet euch zurück an einen einsamen Ort und ruhet ein wenig aus. Denn derer, die ab und zu gingen, waren viele, und sie hatten nicht einmal Zeit zum Essen. 32 Sie stiegen in ein Schiff und fuhren abseits an einen einsamen Ort. 33 Aber man sah sie abfahren, und viele merkten es. Die Leute liefen aus allen Städten zu Fuß dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor. 34 Als Jesus ausstieg, sah er eine große Volksmenge. Er fühlte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er begann, sie über vieles zu belehren. 35 Da es bereits spät war, traten seine Jünger herzu und sprachen: Diese Gegend ist öde, und es ist schon spät. 36 Entlaß sie, damit sie in die umliegenden Dörfer und Flecken gehen und sich zu essen kaufen können. 37 Er entgegnete ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Sollen wir hingehen und für zweihundert Denare Brot kaufen und ihnen zu essen geben? 37. Zweihundert Denare hätten gereicht, um für jeden Mann nach heutigem Geld ein „Dreipfennigbrötchen“ zu kaufen. 38 Er aber erwiderte ihnen und sagte: Wieviel Brote habt ihr? Geht und Sehet nach! Nachdem sie nachgesehen, sagten sie: Fünf und zwei Fische. 39 Er gebot ihnen, daß alle in Gruppen sich auf dem grünen Grase niederlassen sollten. 40 Sie lagerten sich in Abteilungen zu je hundert und je fünfzig. 41 Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, segnete und brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Austeilen. Auch die zwei Fische verteilte er unter alle. 42 Alle aßen und wurden satt. 43 Ja, man hob noch zwölf Körbe voll Brocken auf, auch Überbleibsel von den Fischen. 44 Es waren aber derer, die gegessen hatten, fünftausend Männer.

 

Jesus wandelt auf dem See. 45 Alsbald nötigte er seine Jünger, das Boot zu besteigen und an das andere Ufer nach Bethsaida ihm vorauszufahren; unterdessen wollte er das Volk entlassen. 45: Die Jünger kamen sonst in Gefahr, in die falsche messianische Begeisterung der Menge hineingerissen zu werden. 46 Als er sie entlassen hatte, ging er auf den Berg, um zu beten. 47 Es war Abend geworden, und das Schiff befand sich mitten auf dem See, er war allein auf dem Lande. 48 Er sah, daß sie große Mühe hatten beim Rudern, denn sie hatten Gegenwind. Da kam er um die vierte Nachtwache zu ihnen, auf dem See wandelnd, und wollte an ihnen vorbeigehen. 49 Als sie ihn aber auf dem See wandeln sahen, meinten sie, es sei ein Gespenst, und schrien auf. 50 Denn alle sahen ihn und erschraken. Er aber redete sie alsbald an mit den Worten: Seid getrost, ich bin es, fürchtet euch nicht! 51 Und er stieg zu ihnen in das Schiff, und der Wind legte sich. Sie aber gerieten vor Staunen ganz außer sich; 52 denn sie waren nicht zur Einsicht gelangt bei den Broten, weil ihr Herz verhärtet war. 51-52: Wären die Jünger weniger schwerfällig gewesen, so hätten sie schon bei dem Wunder der Brotvermehrung die Macht des Meisters über die Naturgesetze erkennen müssen. 53 Sie fuhren hinüber ans Land, kamen nach Genesareth und legten an. 54 Beim Aussteigen erkannten ihn die Leute sogleich, 55 liefen in der ganzen Gegend umher und brachten die Kranken auf Tragbahren, wo sie hörten, daß er es sei. 56 Und wo er in Dörfer oder in Städte oder in Gehöfte kam, legte man die Kranken auf die freien Plätze und bat ihn, daß sie nur die Quaste seines Gewandes berühren dürften. Und alle, die ihn berührten, wurden gesund. 30-56: Vgl. Mt 14,13-36; Lk 9,10-17; Jo 6,1-24.

 

7 Vorschriften der Pharisäer. Und es versammelten sich bei ihm die Pharisäer und einige von den Schriftgelehrten, die von Jerusalem gekommen waren. Als sie bemerkten, daß einige seiner Jünger mit unreinen, das heißt ungewaschenen Händen ihre Mahlzeit hielten, — die Pharisäer und alle Juden essen nämlich, weil sie an der Überlieferung der Alten festhalten, nur nach gründlicher Waschung der Hände, und vom Markte gekommen, essen sie nicht, ohne sich zuvor zu waschen, und so gibt es noch viele andere Gebräuche, welche sie der Überlieferung gemäß beobachten: das Waschen von Bechern, Krügen, Kupfergeschirren [und Bettstätten] — da fragten ihn die Pharisäer und Schriftgelehrten: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Satzung der Alten, sondern essen das Brot mit unreinen Händen? Er antwortete ihnen: Treffend hat Isaias von euch Heuchlern geweissagt, wie geschrieben steht: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit von mir. Vergeblich ehren sie mich, indem sie Lehren und Satzungen von Menschen vortragen (Is 29, 13). Denn das Gebot Gottes setzt ihr hintan und haltet die Menschensatzungen, Waschen von Krügen und Bechern und vieles andere derart tut ihr. Und er sprach zu ihnen: Schön hebt ihr Gottes Gebot auf, um eure Überlieferungen zu halten. 9: Die Überlieferungen der Juden waren rein menschliche Zutaten zum göttlichen Gesetz, also etwas anderes als die mündliche Überlieferung in der Kirche Christi, die neben der Heiligen Schrift eine Offenbarungsquelle bildet. 10 Moses hat gesagt: Du sollst Vater und Mutter ehren, und: Wer seinem Vater oder seiner Mutter flucht, soll des Todes sterben. 11 Ihr aber sagt: Wenn einer zu Vater oder Mutter spricht: Korban, das heißt Opfergabe soll sein, was ich dir zu leisten hätte, 12 so laßt ihr ihn nichts mehr tun für seinen Vater und seine Mutter 13 und hebt so das Wort Gottes auf durch eure Satzung, die ihr weiter überliefert habt. Und noch vieles derart tut ihr. 14 Und er rief die Menge wieder herbei und sprach zu ihnen: Höret mich alle und verstehet es! 15 Nichts, was von außen in den Menschen eingeht, kann ihn verunreinigen, sondern was aus dem Menschen ausgeht, das verunreinigt ihn. 16 Wer Ohren hat zu hören, der höre! 17 Als er vom Volke weg nach Hause gegangen war, fragten ihn seine Jünger über das Gleichnis. 18 Er sprach zu ihnen: Seid denn auch ihr ohne Einsicht? Versteht ihr nicht, daß alles, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht verunreinigen kann? 19 Denn es kommt nicht in sein Herz, sondern in den Magen und nimmt den natürlichen Ausgang, der alle Speisen ausscheidet. 20 Was aber, fuhr er fort, aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. 21 Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, 22 Ehebruch, Geiz, Bosheit, Betrug, Schamlosigkeit, böser Blick, Lästerung, Hoffart, Torheit. 23 All dies Böse kommt von innen heraus und verunreinigt den Menschen. 1-23: Vgl. Mt 15,1-20.

 

Die kanaanäische Frau. 24 Er machte sich auf und zog von da in das Gebiet von Tyrus und Sidon. Er ging in ein Haus und wollte, daß es niemand erfahre, konnte aber nicht verborgen bleiben. 25 Denn eine Frau, deren Tochter einen unreinen Geist hatte, hörte alsbald von ihm, kam und fiel ihm zu Füßen. 26 Die Frau war eine Heidin, aus Syrophönizien gebürtig. Sie bat ihn, er möge den bösen Geist aus ihrer Tochter austreiben. 27 Er sprach zu ihr: Laß zuerst die Kinder satt werden. Denn es ist nicht recht, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hündlein vorzuwerfen. 27: Nach dem Urtext gebraucht auch Jesus den weniger demütigenden Ausdruck „Hündlein“ statt „Hunde“. Zuerst soll nach Gottes Willen den Israeliten, den Kindern in der Familie, das Heil angeboten werden. 28 Sie entgegnete ihm: Jawohl, Herr! Auch die Hündlein essen unter dem Tische von den Brosamen der Kinder. 29 Er sprach zu ihr: Um dieses Wortes willen gehe hin. Der böse Geist ist ausgefahren aus deiner Tochter. 30 Als sie heimkam, fand sie die Tochter auf dem Bette liegen, der böse Geist war ausgefahren. 24-30: Vgl. Mt 15,21-28

 

Heilung des Taubstummen. 31 Er ging wieder weg aus dem Gebiet von Tyrus und kam durch Sidon an den galiläischen See mitten in das Gebiet der Zehn-Städte. 32 Da brachte man zu ihm einen Taubstummen mit der Bitte, er möge ihm die Hand auflegen. 33 Er nahm ihn vom Volke abseits, legte ihm seine Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel, 34 sah auf zum Himmel, seufzte und sprach zu ihm: Ephpheta, das heißt: Öffne dich! 35 Und sogleich öffneten sich seine Ohren, und das Band seiner Zunge ward gelöst, und er redete richtig. 36 Er verbot ihnen, es jemand zu sagen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr verkündeten sie es. 37 Und sie gerieten ganz außer sich vor Staunen und sagten: Er hat alles wohl gemacht. Die Tauben macht er hören und die Stummen reden. 31-37: Jemand zu Christus führen, damit er ihm helfe, ist wahre Liebe.

 

8 Zweite Brotvermehrung. In jenen Tagen war wieder viel Volk beisammen, und sie hatten nichts zu essen. Da rief er seine Jünger herbei und sprach zu ihnen: Mich erbarmt des Volkes. Denn sie harren schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie ungespeist nach Hause gehen lasse, werden sie auf dem Wege verschmachten; und einige von ihnen sind weit her gekommen. Da entgegneten ihm seine Jünger: Woher wird jemand hier in der Wüste Brot bekommen können, sie zu sättigen? Er fragte sie: Wieviel Brote habt ihr? Sie sagten: Sieben. Da befahl er der Menge, sich auf der Erde zu lagern. Dann nahm er die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern zum Vorlegen; und sie legten sie dem Volke vor. Sie hatten auch einige Fischlein. Er segnete auch diese und ließ sie vorlegen. Und sie aßen und wurden satt. Und von den Stücken, die übrig geblieben waren, hoben sie sieben Körbe voll auf. Es waren aber bei viertausend. Und er entließ sie.

 

Warnung vor den Pharisäern. 10 Sogleich stieg er mit seinen Jüngern in das Schiff und kam in das Gebiet von Dalmanutha. 1-10: Vgl. Mt 15,32-39. 11 Da kamen die Pharisäer heraus und fingen mit ihm zu streiten an. Sie forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel und versuchten ihn. 12 Er aber seufzte auf in seinem Herzen und sprach: Warum verlangt dieses Geschlecht ein Zeichen? Wahrlich, ich sage euch: Nimmermehr wird diesem Geschlecht ein Zeichen gegeben werden! 13 Und er ließ sie stehen, stieg wieder in das Schiff und fuhr hinüber. 14 Sie hatten aber vergessen, Brot mitzunehmen; nur ein einziges Brot hatten sie bei sich im Schiffe. 15 Er mahnte sie mit den Worten: Sehet zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und vor dem Sauerteig des Herodes. 16 Da machten sie sich untereinander Gedanken darüber, daß sie kein Brot hätten. 17 Jesus merkte dies und sagte zu ihnen: Was macht ihr euch Gedanken, daß ihr keine Brote habt? Erkennt und begreift ihr denn noch nicht? Habt ihr noch ein verhärtetes Herz? 18 Habt ihr Augen und sehet nicht? Habt ihr Ohren und höret nicht? Und denkt ihr nicht mehr daran, 19 als ich die fünf Brote brach für die Fünftausend, wie viele Körbe voll Stücklein habt ihr da aufgehoben? Sie sagten zu ihm: Zwölf. 20 Und da ich die sieben Brote für die Viertausend brach, wieviel Körbe voll Stücklein habt ihr aufgehoben? Sie sagten zu ihm: Sieben. 21 Da sprach er zu ihnen: Begreift ihr noch nicht? 11-21: Vgl. Mt 16,1-12 Das Bild vom Sauerteig wird von Jesus im guten (Mt 13,33) und im bösen Sinne gebraucht. Hier versinnbildet es die falsche Frömmigkeit der Pharisäer und die gehässige Sittenlosigkeit des Herodes. Beides bot die Gefahr der Ansteckung.

 

Heilung eines Blinden. 22 Sie kamen nach Bethsaida. Da brachte man einen Blinden zu ihm mit der Bitte, er möge ihn berühren. 23 Er faßte den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, benetzte seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn, ob er etwas sehe. 24 Er blickte auf und sagte: Ich sehe die Leute; denn wie Bäume sehe ich sie umhergehen. 25 Darauf legte er die Hände noch einmal auf seine Augen. Da sah er scharf hin und ward hergestellt, so daß er alles deutlich sah. 26 Er schickte ihn nach Haus und sprach: Geh auch nicht ins Dorf hinein. 22-26: Wie so oft, will Jesus Aufsehen vermeiden. Er wirkt das Wunder in zwei Stufen, um das Vertrauen des Blinden zu heben. Im Lateinischen steht: Geh heim, und wenn du ins Dorf kommst, sag es niemand. Im Griechischen ist Bethsaida gemeint, im Lateinischen das Heimatdorf des Geheilten.

 

Jesus bei Cäsarea Philippi

Bekenntnis des Petrus. 27 Jesus zog mit seinen Jüngern fort in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Auf dem Wege fragte er seine Jünger: Für wen halten mich die Leute? 28 Sie antworteten ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elias, andere für einen aus den Propheten. 29 Da sprach er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete ihm: Du bist der Messias! 30 Er schärfte ihnen ein, niemanden von ihm etwas zu sagen.

 

Erste Leidensweissagung. 31 Nun fing er an, sie zu belehren, der Menschensohn müsse vieles leiden, von den Ältesten, Oberpriestern und Schriftgelehrten verworfen und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. 31: Jesus gebrauchte gern den messianischen Titel „Menschensohn“ als Selbstbezeichnung, weil dieser seit Daniel übliche Titel weniger die falschen Messias­erwartungen förderte. Die Jünger müssen lernen, das Leiden ihres Meisters als unvermeidlich zu betrachten und die Religion Jesu als Religion des Kreuzes zu erfassen. Das Seelenheil geht über alles. 32 Er redete davon ganz offen. Da nahm ihn Petrus beiseite und fing an, es ihm zu verweisen. 33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an, drohte dem Petrus und sprach: Weg von mir, Satan! Denn du hast nicht Sinn für das, was Gottes, sondern was der Menschen ist. 33: Wer uns einen anderen Weg weisen will als den Weg des Kreuzes in der Nachfolge Christi, hält uns als Gehilfe Satans vom ewigen Heile ab. 34 Dann rief er das Volk und seine Jünger zusammen und sprach zu ihnen: Wenn jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. 35 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um der Heilsbotschaft willen, der wird es retten. 36 Denn was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele verliert? 37 Oder was kann der Mensch wohl geben als Entgelt für seine Seele? 38 Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt vor diesem ehebrecherischen und sündhaften Geschlecht, dessen wird auch der Menschensohn sich schämen, wenn er kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln. 27-39: Vgl. Mt 16,13-28; Lk 9,18-27

 

Und er sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht kosten, bis sie das Reich Gottes kommen sehen mit Macht.

 

Die Verklärung. Nach sechs Tagen nahm Jesus den Petrus, Jakobus und Johannes mit und führte sie ganz allein auf einen hohen Berg. Da ward er vor ihnen verklärt. Seine Kleider wurden ganz glänzend weiß [wie der Schnee], so wie sie kein Walker auf Erden bleichen kann. Es erschienen ihnen Elias mit Moses, die mit Jesus redeten. Da nahm Petrus das Wort und sprach zu Jesus: Meister, es ist gut, daß wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, dir eine, dem Moses eine und dem Elias eine. Er wußte nämlich nicht, was er sagte, so waren sie erschrocken. Da kam eine Wolke, die sie überschattete, und aus der Wolke erscholl eine Stimme: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören! Und plötzlich, als sie um sich blickten, sahen sie niemand mehr bei sich als Jesus allein. Während sie von dem Berge herabstiegen, gebot er ihnen, niemanden von dieser Erscheinung zu erzählen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden wäre. 10 Sie hielten fest an dem Wort, besprachen sich aber, was das bedeute: „von den Toten auferstehen“. 11 Und sie fragten ihn: Warum sagen denn die [Pharisäer und] Schriftgelehrten, Elias müsse zuvor kommen? (Mal 3, 23.) 12 Er antwortete ihnen: Elias wird zuvor kommen und alles wiederherstellen. Wie steht aber von dem Menschensohn geschrieben, daß er viel leiden und verachtet werden soll? 13 Ich sage euch aber: Elias ist schon gekommen, aber man hat mit ihm gemacht, was man wollte, wie von ihm geschrieben steht. 1-13: Vgl. Mt 17,1-13; Lk 9,28-36. Die Verse des 9. Kapitels bleiben im Lateinischen um eins hinter den Zahlen des griechischen Textes zurück, worin 8,39 = 9,1 ist.

 

Heilung eines besessenen Knaben. 14 Da sie zu den Jüngern kamen, sahen sie viel Volk um sie her und Schriftgelehrte mit ihnen im Wortwechsel. 15 Sobald das ganze Volk Jesus erblickte, gerieten sie in freudige Erregung, liefen hinzu und grüßten ihn. 16 Er fragte sie: Worüber streitet ihr mit ihnen? 17 Da antwortete einer aus der Menge: Meister, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht; der ist von einem stummen Geist besessen. 18 Wenn er ihn packt, zerrt er ihn hin und her. Dann schäumt er, knirscht mit den Zähnen und liegt starr da. Ich sagte zu deinen Jüngern, sie möchten ihn austreiben; aber sie vermochten es nicht. 19 Da antwortete er ihnen: O ungläubiges Geschlecht! Wie lange soll ich noch bei euch sein? Wie lange soll ich euch noch ertragen? 20 Bringet ihn her zu mir! Sie brachten ihn zu ihm. Sobald er ihn erblickte, zerrte ihn der Geist. Er fiel zu Boden und wälzte sich schäumend. 21 Da fragte Jesus seinen Vater: Wie lange hat er dieses Leiden? Dieser antwortete: Von Kindheit an. 22 Schon oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Wenn du etwas vermagst, so erbarme dich unser und hilf uns! 23 Jesus sprach zu ihm: Was das angeht: Wenn du etwas vermagst, so wisse: Wer glaubt, dem ist alles möglich. 24 Sogleich rief der Vater des Knaben: Ich glaube, [Herr]! Hilf meinem Unglauben! 24: Der Vater glaubt, aber sein Glaube erscheint ihm noch viel zu schwach, um das Wunder zu verdienen. Das Leiden des Knaben ist wirkliche Besessenheit, wenn es auch wie Epilepsie aussieht. 25 Da Jesus sah, daß das Volk herbeieilte, drohte er dem unreinen Geist und sprach zu ihm: Taubstummer Geist, ich gebiete dir, fahr aus von ihm und komm nie mehr in ihn! 26 Da schrie er, schüttelte ihn heftig und fuhr aus von ihm. Und er war wie tot, so daß die meisten sagten: Er ist gestorben! 27 Jesus aber nahm ihn bei der Hand und richtete ihn empor, und er stand auf. 28 Zu Hause fragten ihn seine Jünger allein: Warum haben wir ihn nicht austreiben können? 29 Er antwortete ihnen: Diese Art kann nur ausgetrieben werden durch Gebet [und Fasten].

 

Zweite Leidensweissagung. 30 Von da gingen sie weiter und wanderten durch Galiläa; aber er wollte nicht, daß es jemand erfahre. 31 Denn er belehrte seine Jünger und sagte ihnen: Der Menschensohn wird in die Hände der Menschen überliefert werden. Sie werden ihn töten, aber drei Tage nach seinem Tode wird er auferstehen. 14-31: Vgl. Mt 17;14-23; Lk 9,37-45 32 Sie verstanden die Rede nicht, scheuten sich aber, ihn zu fragen.

 

Streit der Jünger. 33 Sie kamen nach Kapharnaum. Als er zu Hause war, fragte er sie: Wovon habt ihr auf dem Wege gesprochen? 34 Sie schwiegen, denn sie hatten auf dem Wege miteinander gestritten, wer von ihnen der Größte sei. 35 Da setzte er sich nieder, rief den Zwölfen und sprach zu ihnen: Wenn jemand der Erste sein will, so sei er der Letzte von allen und der Diener aller. 36 Und er nahm ein Kind, stellte es mitten unter sie, schloß es in seine Arme und sprach zu ihnen: 37 Wer eines von diesen Kindern in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, nimmt nicht sowohl mich auf, als den, der mich gesandt hat. 35-37: Dieses Beispiel und die Worte des Erlösers über die Würde des Kindes hatten eine ganz neue Wertschätzung der Kindesseele im Gefolge. Religiöse Erziehungsarbeit am Kinde ist Christusdienst und Gottesdienst. 38 Da sagte Johannes zu ihm: Meister, wir haben einen gesehen, wie er, ohne uns zu folgen, in deinem Namen Teufel austrieb, und wir wehrten es ihm, weil er uns nicht nachfolgt. 39 Jesus erwiderte: Wehret es ihm nicht! Denn niemand kann in meinem Namen ein Wunder wirken und so bald übel von mir reden. 40 Denn wer nicht wider uns ist, der ist für uns. 41 Wenn euch jemand einen Becher Wasser zu trinken gibt [in meinem Namen], darum, weil ihr Christus angehöret, wahrlich, ich sage euch: Er wird seinen Lohn nicht verlieren. 33-41: Nicht Strebertum und Geltungsbedürfnis, sondern demütiges Dienen ziert den Christusjünger.

 

Warnung vor Ärgernissen. 42 Wer einem aus diesen Kleinen, die an mich glauben, Anlaß zur Sünde gibt, für den wäre es besser, daß ein Eselsmühlstein an seinen Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde. 43 Wenn dir deine Hand Anlaß zur Sünde gibt, so haue sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt ins Leben einzugehen, als mit zwei Händen in die Hölle zu fahren, in das unauslöschliche Feuer 44 [wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt] (Is 66, 24). 45 Und wenn dein Fuß dir Anlaß zur Sünde gibt, so haue ihn ab. Es ist für dich besser, lahm in das Leben einzugehen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden 46 [in das unauslöschliche Feuer, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt]. 47 Und wenn dein Auge dir Ärgernis gibt, so reiß es aus. Es ist für dich besser, einäugig in das Reich Gottes einzugehen, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden, 48 wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt. 49 Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden [und jedes Opfer mit Salz gesalzen]. 50 Das Salz ist gut; wenn aber das Salz schal wird, womit könntet ihr es würzen? Habet Salz in euch und haltet Frieden untereinander. 42-50: Wenn Christus solche Opfer verlangt zur Vermeidung der Sünde und mit ewiger Höllenstrafe droht, kann die Sünde nicht eine leicht verzeihliche Schwäche sein. Allen Opfern wurde Salz beigegeben. Leiden und Prüfungen machen die Christusjünger zur wohlgefälligen Opfergabe; und das Salz der Opfergesinnung sichert den Frieden untereinander. 33-50: Vgl. Mt 18,1-9; Lk 9,46-50; 17,1-2

 

Jesus in Judäa und Peräa

10 Unauflöslichkeit der Ehe. Er machte sich auf von da und kam in das Gebiet von Judäa und das Ostjordanland, und die Volksscharen versammelten sich wieder um ihn, und er lehrte sie abermals, wie er gewohnt war. Da traten die Pharisäer hinzu und fragten ihn, um ihn zu versuchen: Ist es einem Manne erlaubt sein Weib zu entlassen? Er aber antwortete ihnen: Was hat euch Moses geboten? Sie sprachen: Moses hat erlaubt, einen Scheidebrief zu schreiben und das Weib zu entlassen (5 Mos 24,1). Jesus antwortete ihnen: Mit Rücksicht auf eure harten Herzen hat er euch diese Vorschrift gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott einen Mann und ein Weib geschaffen. Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen. Und die beiden werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch (1 Mos 2, 24). Was nun Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. 10 Zu Hause fragten ihn seine Jünger abermals darüber. 11 Und er sprach zu ihnen: Wer sein Weib entläßt und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch an ihr. 12 Und wenn sie ihren Mann entläßt und einen anderen heiratet, so bricht sie die Ehe. 1-12 Vgl. Mt 19,1-12. Das Wirken Jesu in der Heimatprovinz ist zu Ende. Das Leiden naht.

 

Segnung der Kinder. 13 Sie brachten Kinder zu ihm, daß er sie berühren möchte. Die Jünger aber fuhren die, welche sie herbrachten, hart an. 14 Als nun Jesus das sah, ward er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn für solche ist das Reich Gottes. 15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht aufnimmt wie ein Kind, wird nicht hineingelangen. 16 Und er schloß sie in seine Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie. 13-16: Die Kinder zu Christus zu führen, ist das schönste Vorrecht und die heiligste Pflicht der Eltern und Erzieher.

 

Der reiche Jüngling. 17 Als er sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? 18 Jesus sprach zu ihm: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. 18: Jesus hält sich nicht für einen sündigen Menschen, sondern will den Jüngling zu tieferem Verstehen seiner Person führen. Er lehrt ihn auch die wichtige Wahrheit: Wer nach dem höchsten sittlichen Ziele strebt, wird sich mit der bloßen Erfüllung der Gebote nicht begnügen, sondern aus Liebe mehr zu tun bemüht sein. 19 Die Gebote kennst du: Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben, du sollst nicht betrügen, du sollst Vater und Mutter ehren. 20 Er aber antwortete ihm: Meister, dies alles habe ich von meiner Jugend an gehalten. 21 Jesus aber blickte ihn an, gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir noch: Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach. 22 Jener aber wurde unwillig über dieses Wort und ging betrübt davon; denn er hatte viele Güter.

 

Jesu Warnung vor Reichtum. 23 Jesus blickte umher und sprach zu seinen Jüngern: Wie schwer werden die, welche viel Vermögen haben, in das Reich Gottes eingehen! 24 Die Jünger aber waren betroffen über seine Worte. Jesus wiederholte ihnen: Kinder, wie schwer ist es, daß die, welche auf Geld ihr Vertrauen setzen, in das Reich Gottes eingehen! 25 Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes. 26 Da erschraken sie noch mehr und sprachen zueinander: Wer kann dann selig werden? 27 Jesus blickte sie an und sprach: Bei den Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott; denn bei Gott ist alles möglich. 23-27: Gottes Gnade vermag den Menschen auch für den freiwilligen Verzicht auf die Erdengüter zu begeistern.

 

Lohn der freiwilligen Armut. 28 Da nahm Petrus das Wort und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt! 29 Jesus antwortete: Wahrlich, ich sage euch: Niemand verläßt Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker um meinetwillen oder um der Heilsbotschaft willen 30 und erhält nicht Hundertfältiges dafür, jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen und in der zukünftigen Welt das ewige Leben. 31 Viele aber, welche die Ersten sind, werden die Letzten, und welche die Letzten sind, werden die Ersten sein. 13-31: Vgl. Mt 19,13-30; Lk 18,15-30. Wer also noch die Lösung des ehelichen Bandes für erlaubt hält, stellt das jüdische Recht über das christliche. 28-31: Gott sichert denen, die um seinetwillen alles verließen, kein sorgenloses Erdenleben zu, sondern höheren Lohn im Jenseits. Aber keiner darf sich falscher Selbstgewißheit überlassen.

 

Dritte Leidensweissagung. 32 Sie waren nun auf dem Wege nach Jerusalem hinauf; Jesus ging vor ihnen her; sie staunten und folgten ihm voll Furcht. Da nahm er abermals die Zwölf zu sich und begann mit ihnen von dem zu sprechen, was ihm widerfahren werde: 33 Sehet, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird den Oberpriestern und Schriftgelehrten [und Ältesten] überliefert werden. Sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden übergeben. 34 Diese werden ihn verspotten und anspeien und ihn geißeln und töten. Aber nach drei Tagen wird er auferstehen. 32-34: Vgl. Mt 20,17-19, Lk 18,31-34. Ein herrliches Vorbild: Jesus geht unerschrocken dem schwersten Leiden entgegen, das er bis in seine Einzelheiten voraussieht. Es ist der Gang durch die Nacht zum Licht.

 

Die Söhne des Zebedäus. 35 Da traten Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, zu ihm und sprachen: Meister, wir wünschen, daß du uns eine Bitte gewährest. 36 Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr von mir? 37 Sie sagten: Gewähre uns, daß wir, einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken, in deiner Herrlichkeit sitzen. 38 Jesus entgegnete ihnen: Ihr wisset nicht um was ihr bittet! Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder getauft werden mit der Taufe, mit welcher ich getauft werde? 39 Sie antworteten ihm: Wir können es. Da sprach Jesus zu ihnen: Den Kelch werdet ihr zwar trinken, den ich trinke, und mit der Taufe getauft werden, mit welcher ich getauft werde, 40 aber das Sitzen zu meiner Rechten oder Linken habe ich nicht zu verleihen, sondern das gebührt denen, welchen es bereitet ist. 41 Als die Zehn dies hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 42 Jesus aber rief sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisset: Die, welche als Fürsten der Völker angesehen werden, herrschen über sie, und ihre Großen vergewaltigen sie. 43 Nicht so ist es unter euch, sondern wer groß werden will, der sei euer Diener, 44 und wer unter euch der Erste sein will, der sei der Diener aller. 42-44: Niemand hat entschiedener gefordert, aber auch niemand vorbildlicher bewiesen als Jesus, daß Gemeinnutz vor Eigennutz geht. 45 Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele. 35-45: Vgl. Mt 20, 20-28. Nach Mt war die Mutter dabei. Alle drei stecken noch in den falschen Messiashoffnungen.

 

Heilung eines Blinden. 46 Sie kamen nach Jericho. Als er mit seinen Jüngern und einer sehr großen Volksmenge aus Jericho auszog, saß der Sohn des Timäus, Bartimäus, ein blinder Bettler, am Wege. 47 Und als er hörte, daß es Jesus von Nazareth sei, rief er laut: Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner! 48 Viele fuhren ihn an, daß er schweigen solle. Er aber schrie noch lauter: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 49 Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn! Sie riefen den Blinden herbei und sagten zu ihm: Sei getrost, steh auf, er ruft dich! 50 Da warf er sein Obergewand weg, sprang auf und kam zu Jesus. 51 Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete ihm: Meister, daß ich wieder sehe! 52 Da sprach Jesus zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen! Und sogleich konnte er wieder sehen und folgte ihm auf dem Wege. 46-52‑ Vgl. Mt 20,29-34; Lk 18,35-43. Über die scheinbaren Widersprüche vgl. die Erklärung zu Mt 20,29-34.

 

Tätigkeit Jesu in Jerusalem

 

Beginn der Leidenswoche

11 Einzug in Jerusalem. Als sie sich Jerusalem bei Betphage und Bethanien am Ölberge näherten, sandte er zwei von seinen Jüngern ab mit dem Auftrag: Geht in das Dorf, das vor euch liegt, und sogleich, wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch kein Mensch gesessen hat; bindet es los und bringt es. Und wenn euch jemand fragt: Was macht ihr da? so saget: Der Herr braucht es und schickt es bald hierher zurück. Da gingen sie hin und fanden das Füllen, angebunden an der Türe, draußen auf der Dorfstraße; und sie banden es los. Einige von denen, die dabeistanden, sagten zu ihnen: Was macht ihr, daß ihr das Füllen losbindet? Sie antworteten ihnen, wie es ihnen Jesus befohlen hatte, und man ließ sie gewähren. Da führten sie das Füllen zu Jesus, legten ihre Kleider darüber, und er setzte sich darauf. Viele breiteten ihre Kleider auf den Weg, andere brachen Zweige auf den Feldern ab und streuten sie auf den Weg. Und die vorangingen und die nachfolgten, riefen laut: Hosanna! Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! 10 Hochgelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosanna in der Höhe! 1-10 Vgl. Mt 21,1-9; Lk 19,29-44; Jo 12,12-19. Das Volk huldigt Christus als Messiaskönig, der das Reich Davids erneuert. Mit dem Ruf „Hosanna in der Höhe“ = „Hilf doch, (Gott) in der Höhe“, rufen sie den Segen des Himmels auf ihn herab.

 

Verfluchung des Feigenbaums. 11 Er zog ein in Jerusalem und ging in den Tempel. Nachdem er alles ringsherum besehen hatte, ging er, als bereits der Abend gekommen war, hinaus nach Bethanien mit den Zwölfen. 12 Des anderen Tages aber, da sie von Bethanien weggingen, hungerte ihn. 13 Er sah von ferne einen Feigenbaum, der Blätter hatte, und ging hinzu, ob er wohl etwas an ihm fände. Als er aber hinkam, fand er nichts als Blätter, denn es war nicht Feigenzeit. 14 Da redete er ihn an mit den Worten: Niemals esse jemand wieder eine Frucht von dir in Ewigkeit! Seine Jünger hörten es. 11-14: Vgl. Mt 21,18-19. Der Fluch und seine Wirkung (V. 20-21) hat symbolische Bedeutung. Der Baum ist ein Bild Israels.

 

Tempelreinigung. 15 Sie kamen nach Jerusalem. Er ging in den Tempel und trieb die Verkäufer und Käufer im Tempel hinaus, die Tische der Wechsler und die Stände der Taubenhändler stieß er um. 16 Und er ließ nicht zu, daß jemand ein Gerät durch den Tempel trug. 17 Er lehrte sie also: Steht nicht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker? Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht (Is 56, 7). 18 Als die Oberpriester und die Schriftgelehrten dies hörten, trachteten sie, wie sie ihn umbringen könnten; sie hatten nämlich Furcht vor ihm; denn das ganze Volk war erstaunt über seine Lehre. 19 Und wenn es Abend wurde, gingen sie zur Stadt hinaus. 15-19: Vgl. Mt 21,12-13; Lk 19,45-48; Jo 2,13-22

 

Macht des Glaubens. 20 Am Morgen kamen sie an dem Feigenbaum vorüber und sahen, daß er von der Wurzel aus verdorrt war. 21 Da erinnerte sich Petrus und sagte zu ihm: Meister, sieh, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt! 22 Jesus erwiderte ihnen: Habet Glauben an Gott! 23 Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berge spricht: Hebe dich und stürze dich ins Meer, und er zweifelt nicht in seinem Herzen, sondern glaubt, daß alles, was er sagt, geschehen werde, so wird es ihm zuteil! 24 Darum sage ich euch: Alles, was ihr im Gebete begehret, glaubet nur, daß ihr es empfangen habt, so wird es euch werden. 25 Wenn ihr zum Gebete dasteht, so vergebet, wenn ihr etwas gegen jemand habt, damit auch euer himmlischer Vater euch eure Sünden vergebe. 26 [Wenn ihr aber nicht vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch eure Sünden nicht vergeben.] Vers 26 fehlt in den meisten Handschriften des Urtextes und ist wohl aus Mt 6,15 hierher übertragen. 20-26: Vgl. Mt 21,20-22

 

Im Streit mit Pharisäern und Sadduzäern

Anfrage des Hohen Rates. 27 Sie kamen abermals nach Jerusalem. Als er in dem Tempel umherwandelte, traten die Oberpriester, Schriftgelehrten und Ältesten zu ihm 28 und fragten ihn: In welcher Vollmacht tust du dies? Wer hat dir die Vollmacht dazu gegeben? 29 Jesus entgegnete ihnen: Ich will euch nur eine Frage vorlegen. Beantwortet mir diese; dann will ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich dies tue. 30 War die Taufe des Johannes vom Himmel oder von Menschen? Antwortet mir! 31 Da überlegten sie miteinander: Sagen wir „vom Himmel“, so wird er erwidern: Warum habt ihr ihm also nicht geglaubt? 32 Sollen wir etwa sagen: „Von Menschen“? Sie hatten Angst vor dem Volk; denn alle hielten den Johannes wirklich für einen Propheten. Sie antworteten Jesus also: Wir wissen es nicht. 33 Da sprach Jesus zu ihnen: Nun, so sage ich euch auch nicht, in welcher Vollmacht ich dies tue. 27-33: Vgl. Mt 21,23-27; Lk 20,1-8. Es ist Dienstag in der Leidenswoche.

 

12 Gleichnis von den Winzern. Er begann in Gleichnissen zu ihnen zu reden: Ein Mann pflanzte einen Weinberg, umgab ihn mit einem Zaune, grub eine Kelter, baute einen Turm, verpachtete ihn an Winzer und verreiste. Als die Zeit kam, schickte er zu den Winzern einen Knecht, um von den Winzern seinen Teil am Ertrag des Weinbergs in Empfang zu nehmen. Diese ergriffen und schlugen ihn und ließen ihn leer abziehen. Abermals schickte er zu ihnen einen anderen Knecht; auch diesen verwundeten sie am Kopf und taten ihm Schmach an. Und er schickte wieder einen anderen, den töteten sie, und mehrere andere, die sie zum Teil mißhandelten, zum Teil töteten. Da hatte er noch seinen einzigen Sohn, den er überaus liebte. Den sandte er zuletzt an sie ab und sprach: Vor meinem Sohne werden sie sich scheuen. Die Winzer aber sagten zueinander: Das ist der Erbe; kommt, wir wollen ihn umbringen, und unser wird das Erbe sein. Und sie ergriffen ihn, töteten ihn und warfen ihn zum Weinberg hinaus. Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer umbringen und den Weinberg anderen geben. 10 Habt ihr diese Schriftstelle nicht gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. 10: Christus ist der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben. Vgl. Apg 4,11. 11 Vom Herrn ist das geschehen, und es ist wunderbar in unsern Augen? (Ps 118, 22. 23.) 12 Sie suchten ihn zu ergreifen, aber sie fürchteten das Volk. Denn sie merkten wohl, daß er mit diesem Gleichnis sie meine. So ließen sie von ihm ab und gingen davon. 1-12: Vgl Mt 21,33-46; Lk 20,9-19. Gott hat mit Israel gehandelt wie der Mann mit seinem Weinberg.

 

Die Steuermünze. 13 Sie schickten einige aus den Reihen der Pharisäer und der Herodianer zu ihm, um ihn in einer Rede zu fangen. 14 Diese kamen und sprachen zu ihm: Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und nach niemandem fragst. Denn du siehst nicht auf die Person der Menschen, sondern lehrst den Weg Gottes nach der Wahrheit. Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht? Sollen wir sie zahlen oder sollen wir sie nicht zahlen? 14: Drei Tage später nennen sie ihn einen Volksverführer (Lk 23,5) und am Samstag einen Betrüger (Mt 27,63). 15 Er erkannte ihre Heuchelei und sprach zu ihnen: Warum versucht ihr mich? Bringt mir einen Denar her, daß ich ihn sehe! 16 Da brachten sie einen. Er sprach zu ihnen: Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. 17 Da erwiderte ihnen Jesus: Gebt also dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Und sie staunten über ihn.

 

Die Sadduzäer und die Auferstehung. 18 Es kamen zu ihm Sadduzäer, die da sagen, es gebe keine Auferstehung. Diese fragten ihn: 19 Meister, Moses hat uns vorgeschrieben: Wenn jemands Bruder stirbt und eine Frau, aber kein Kind hinterläßt, so soll sein Bruder die Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommenschaft erwecken (5 Mos 25, 5). 20 Nun waren sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau; und da er starb, hinterließ er keine Nachkommenschaft. 21 Da nahm sie der zweite; auch dieser starb und hinterließ keine Nachkommenschaft. Ebenso der dritte. 22 [Es nahmen sie auf gleiche Weise] die sieben und hinterließen keine Nachkommenschaft. Zuletzt von allen starb auch die Frau. 23 Bei der Auferstehung nun, falls sie auferstehen werden, wessen Frau wird sie sein? Denn alle sieben haben sie zur Frau gehabt. 24 Jesus antwortete ihnen: Seid ihr nicht im Irrtum deshalb, weil ihr weder die Schrift noch die Macht Gottes versteht? 24: „Die Unkenntnis der Heiligen Schrift ist an allem Unheil schuld“ (Joh. Chrysostomus). 25 Denn wenn sie von den Toten auferstehen, werden sie weder heiraten, noch verheiratet werden, sondern sie sind wie Engel im Himmel. 25: Jesus will die Ehe nicht als etwas Minderwertiges hinstellen, sondern den Spöttern klarmachen, daß sie in ihren Ansichten über das Leben im Jenseits von ganz verkehrten Voraussetzungen ausgehen. 26 Was aber die Auferstehung der Toten betrifft, habt ihr nicht im Buche Moses gelesen, in der Geschichte vom Dornbusch, wie Gott zu ihm sprach: Ich bin der Gott Abra­hams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? (2 Mos 3,6.) 27 Gott aber ist kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Ihr irrt euch sehr. 13-27: Vgl. Mt 22,15-33; Lk 20,20-40

 

Das Hauptgebot. 28 Einer von den Schriftgelehrten hatte ihren Wortwechsel gehört und bemerkt, daß er ihnen treffend geantwortet hatte. Er kam herbei und fragte ihn, welches das erste aller Gebote sei. 29 Jesus antwortete ihm: Das erste [von allen Geboten] ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. 30 Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deiner ganzen Vernunft und aus allen deinen Kräften. [Dies ist das erste Gebot] (5 Mos 6,4. 5). 31 Das andere aber lautet also: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ein anderes größeres Gebot als dieses gibt es nicht (3 Mos 19,18). 32 Der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Trefflich, Meister, ganz richtig hast du gesprochen, denn es ist nur ein Gott und außer ihm ist kein anderer. 33 Und ihn soll man lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Einsicht, [aus ganzer Seele] und aus allen Kräften, und den Nächsten soll man lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. 34 Als Jesus sah, daß er verständig geantwortet hatte, sprach er zu ihm: Du bist nicht ferne vom Gottesreiche! Und niemand mehr wagte, ihm eine Frage vorzulegen. 28-34: Vgl. Mt 22,34-40; Lk 10,25-28. Die Schriftgelehrten unterschieden nicht weniger als 613 Einzelsatzungen im Gesetz des Alten Bundes. 248 Gebote (Zahl der Glieder am Menschenleibe) und 365 Verbote (Zahl der Tage im Jahr).

 

Warnung vor den Schriftgelehrten. 35 Jesus lehrte im Tempel und sprach: Wie sagen die Schriftgelehrten, der Messias sei Davids Sohn? 36 David sagte ja selbst im Heiligen Geiste: Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde als Schemel dir zu Füßen lege. 37a David selbst nennt ihn also „Herr“. Wie ist er dann sein Sohn? 37b Und die große Volksmenge hörte ihn gern. 38 Er sprach zu ihnen in seiner Unterweisung: Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die gerne in langen Kleidern einhergehen und gegrüßt sein wollen auf dem Markte, 39 in den Synagogen gerne obenan sitzen und bei Gastmählern die ersten Plätze suchen, 40 die die Häuser der Witwen verprassen unter dem Vorwand langer Gebete. Über sie wird ein um so strengeres Gericht kommen. 35-40: Vgl. Mt 22,41-46; 23,1-36; Lk 20,41-47.

 

Das Scherflein der Witwe. 41 Jesus setzte sich der Schatzkammer gegenüber und sah, wie das Volk Geld in die Schatzkammer brachte, viele Reiche brachten viel hinein. 42 Da kam auch eine arme Witwe und brachte zwei Scherflein hinein, das ist einen Pfennig. 43 Da rief er seine Jünger zusammen und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr hereingebracht als alle andern, die etwas in die Schatzkammer brachten. 44 Denn alle haben von ihrem Überfluß hineingebracht; diese aber opferte von ihrer Armut alles, was sie hatte, ihren ganzen Lebensunterhalt. 41-44: Vgl. Lk 21,1-4. Für die verschiedenen Zwecke waren 13 Behälter dort angebracht. Der Opfernde nannte dem Priester den Betrag, den er spendete, und den Zweck. So konnte Jesus beobachten, was die einzelnen opferten. Gott bewertet das Opfer nach der Gesinnung des Spenders, nicht nach dem Umfang der Gabe.

 

Vom Ende Jerusalems und der Welt

13 Allgemeine Vorzeichen. Als er aus dem Tempel heraustrat, sagte einer von seinen Jüngern zu ihm: Meister, sieh doch, was für Steine und was für Bauten? Jesus antwortete ihm: Siehst du alle diese gewaltige Bauten? Kein Stein wird auf dem andern bleiben, der nicht zerstört wird. Als er auf dem Ölberg saß, dem Tempel gegenüber, fragten ihn Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas noch besonders: Sag uns, wann wird dies geschehen? Und welches wird das Zeichen sein, wann dies alles in Erfüllung gehen soll? Jesus antwortete ihnen: Sehet zu, daß euch niemand verführe! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es, und sie werden viele verführen. Wenn ihr aber höret von Kriegen und Kriegsgerüchten, so erschrecket nicht. Denn das muß geschehen, aber es ist noch nicht das Ende. Denn es wird Volk wider Volk und Reich wider Reich aufstehen; und es werden Erdbeben sein hier und dort und Hungersnot. Das ist der Anfang der Wehen. Sehet euch vor! Denn sie werden euch den Gerichten ausliefern, und in den Synagogen werdet ihr gegeißelt und vor Statthalter und Könige gestellt werden um meinetwillen, ihnen zum Zeugnis. 10 Allen Völkern muß zuerst die Heilsbotschaft verkündet werden. 10: Der Satz widerlegt die Behauptung, Jesus habe irrtümlich das baldige Weltende erwartet. Zur Verkündigung der Heilsbotschaft unter allen Völkern war nämlich lange Zeit nötig. 11 Wenn man euch den Gerichten ausliefert, so macht euch vorher keine Sorge, was ihr reden sollt, sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Heilige Geist. 12 Es wird der Bruder den Bruder in den Tod liefern und der Vater das Kind, die Kinder werden sich auflehnen gegen die Eltern und sie in den Tod bringen. 13 Und ihr werdet allen verhaßt sein um meines Namens willen. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.

 

Vorzeichen der Zerstörung Jerusalems. 14 Wenn ihr nun die grauenhafte Verwüstung dort seht, wo sie nicht herrschen soll — wer das liest, verstehe es wohl — dann fliehe, wer in Judäa ist, auf die Berge (Dan 9, 27). 15 Wer auf dem Dache ist, steige nicht in das Haus hinab und gehe nicht hinein, um etwas aus seinem Haus zu holen. 16 Wer auf dem Felde ist, der kehre nicht zurück, seinen Rock zu holen. 17 Wehe aber denen, die in jenen Tagen ein Kind unter dem Herzen oder an der Brust tragen. 17: Der Erlöser hat besonderes Mitleid mit der Not der hoffenden und stillenden Mutter. 18 Bittet, daß es nicht im Winter geschehe!

 

Vorzeichen der Wiederkunft Christi. 19 Denn in jenen Tagen wird eine Drangsal sein, wie es desgleichen, seit Gott sein Schöpfungswerk begonnen hat, bis jetzt keine gegeben hat, noch je geben wird. 20 Wenn der Herr diese Tage nicht abgekürzt hätte, würde kein Mensch gerettet werden. Aber um der Auserwählten willen, die er erwählt hat, kürzte er die Tage ab. 21 Wenn dann jemand zu euch sagt: Siehe, hier ist der Messias, siehe, dort! — so glaubt es nicht! 22 Denn es werden falsche Messiasse und falsche Propheten auftreten und Zeichen und Wunder wirken, um, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten in Irrtum zu führen. 23 Ihr aber sehet euch vor! Sehet, ich habe euch alles vorhergesagt.

 

Wiederkunft Christi. 24 In jenen Tagen nach dieser Drangsal wird die Sonne verfinstert werden, der Mond wird seinen Schein nicht mehr geben, 25 die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. 26 Dann werden sie den Menschensohn in den Wolken kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit. 27 Dann wird er seine Engel aussenden und seine Auserwählten von den vier Winden zusammenbringen lassen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.

 

Gleichnis vom Feigenbaum. 28 Vom Feigenbaum aber lernet das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon saftig wird und die Blätter hervorsprossen, wißt ihr, daß der Sommer nahe ist. 29 So sollt auch ihr, wenn ihr dies sehet, merken, daß er nahe vor der Türe ist. 30 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. 31 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. 30-31: Der Vers gibt den Jüngern die Antwort auf ihre Frage nach der Zerstörung Jerusalems innerhalb eines Menschenalters. Diese für die Jünger niederschmetternde Auskunft beteuerte Jesus feierlich. 32 Von jenem Tag aber und jener Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel im Himmel noch der Sohn, sondern nur der Vater. 32: Den Zeitpunkt des Gerichtes mitzuteilen, gehört nicht zur messianischen Aufgabe des Sohnes, obgleich er ihn kennt.

 

Gleichnis vom Hausherrn. 33 Sehet zu, wachet [und betet]. Denn ihr wißt nicht, wann die Zeit da ist. 34 Es ist wie bei einem Manne, der verreiste, sein Haus verließ, seinen Knechten Vollmacht gab, jedem sein Geschäft, und den Türhüter beauftragte, wachsam zu sein. 35 Seid also wachsam. Denn ihr wißt nicht, wann der Herr des Hauses kommt, abends oder um Mitternacht oder beim Hahnenschrei oder in der Frühe, 36 sonst könnte er, wenn er unerwartet kommt, euch schlafend finden. 37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet! 1-37: Vgl. Mt 24,1-25, 46; Lk 21,5-38.

 

Leiden, Sterben und Verherrlichung Christi

 

Die Vorbereitung

14 Beschluß des Hohen Rates. Nach zwei Tagen aber war Ostern und das Fest der ungesäuerten Brote. Die Oberpriester und Schriftgelehrten überlegten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. Sie sagten nämlich: Nur nicht am Festtage, damit kein Aufruhr unter dem Volke entsteht. 1-2: Vgl. Mt 26,1-5; Lk 22,1-2

 

Jesus in Bethanien. Als er zu Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und zu Tische saß, kam eine Frau mit einem Gefäß aus Alabaster, voll kostbarer Salbe von echter Narde. Sie zerbrach das Gefäß und goß sie über sein Haupt aus. Einige aber gaben ihrem Unwillen untereinander Ausdruck: Wozu diese Verschwendung der Salbe? Man hätte die Salbe um mehr als dreihundert Denare verkaufen und den Armen geben können. Und sie schimpften über sie. 5: Der Wert der Salbe ist also höher als das Jahreseinkommen eines vollbeschäftigten Arbeiters (Mt 20,2), ein Beweis für die Wohlhabenheit der bethanischen Geschwister und für ihre Liebe zu Jesus. Was Christus geopfert wird, ist stets gut verwendet. Jesus aber sprach: Lasset sie! Warum kränket ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan! Denn die Armen habt ihr allezeit bei euch und könnt ihnen Gutes tun, wann ihr wollt. Mich aber habt ihr nicht allezeit. Diese tat, was sie konnte. Sie salbte schon zum voraus meinen Leib zum Begräbnis ein. Wahrlich, ich sage euch: Wo man in der ganzen Welt die Heilsbotschaft verkünden wird, da wird man auch zu ihrem Andenken erzählen, was sie getan hat. 3-9: Vgl. Mt 26,6-13; Jo 12,1-8. Die Salbung fand schon sechs Tage vor Ostern statt (Jo 12,1). Der Bericht wird vom Evangelium nachgetragen wegen der üblen Rolle, die Judas beim Mahle spielte.

 

Der Verrat des Judas. 10 Da ging Judas Iskariot, einer von den Zwölfen, zu den Oberpriestern, um ihnen Jesus zu verraten. 11 Als sie das hörten, freuten sie sich sehr und versprachen, ihm Geld zu geben. Er suchte eine günstige Gelegenheit, ihn zu verraten. 10-11: Vgl. Mt 26,14-16; Lk 22,3-6. Wer sich über Verrat freut und ihn bezahlt, ist schlimmer als der Verräter selbst.

 

Feier des Abendmahls. 12 Am ersten Tage der ungesäuerten Brote, da man das Osterlamm zu schlachten pflegte, sagten seine Jünger zu ihm: Wo sollen wir hingehen und Vorbereitungen treffen, damit du das Osterlamm essen kannst? 13 Da sandte er zwei seiner Jünger und sprach zu ihnen: Geht in die Stadt; da wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt, ihm folget, 14 und wo er eintritt, da sagt zu dem Hausherrn: Der Meister läßt dir sagen: Wo ist mein Gemach, in dem ich das Osterlamm mit meinen Jüngern essen kann? 15 Und er wird euch ein großes, mit Polstern belegtes und hergerichtetes Obergemach zeigen. Dort richtet für uns zu. 16 Die Jünger gingen hin, kamen in die Stadt und fanden es, wie er ihnen gesagt hatte. Und sie bereiteten das Ostermahl.

 

Entlarvung des Verräters. 17 Da es nun Abend geworden war, kam er mit den Zwölfen. 18 Als sie zu Tische lagen und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch, der mit mir ißt, wird mich verraten! 19 Da wurden sie betrübt, und einer um den andern fragte ihn: Ich bin es doch nicht? 20 Er antwortete: Einer von den Zwölfen, der [die Hand] mit mir in die Schüssel tunkt. 21 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht. Wehe aber dem Menschen, durch welchen der Menschensohn verraten wird! Ihm wäre es besser, wenn er nicht geboren wäre. 21: Judas ist also ewig verdammt; sonst träfe der Satz nicht zu. 12-21: Vgl. Mt 26,17-25; Lk 22,7-23; Jo 13,1-30.

 

Einsetzung des allerheiligsten Altarssakramentes. 22 Während des Mahles nahm Jesus Brot, segnete es, brach es und gab es ihnen mit den Worten: Nehmet hin; das ist mein Leib. 23 Dann nahm er einen Kelch, dankte und gab ihn ihnen und alle tranken daraus. 24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des [Neuen] Bundes, das für viele vergossen wird. 25 Wahrlich, ich sage euch: Ich werde nicht mehr trinken von dem Gewächse des Weinstocks, bis zu jenem Tage, da ich es im Reiche Gottes neu trinken werde. 22-25: Vgl. Mt 26,26-29; Lk 22,19-20, 18; 1 Kor 11,23-26.

 

Beteuerung der Jünger. 26 Und nachdem sie den Lobgesang gesprochen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg. 27 Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr werdet alle [in dieser Nacht an mir] irre werden. Denn es steht geschrieben: Ich will den Hirten schlagen, und die Schafe werden zerstreut werden (Zach 13 7). 28 Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch vorangehen nach Galiläa. 29 Da sprach Petrus zu ihm: Wenn auch alle an dir irre werden, so werde ich es nicht tun. 30 Jesus entgegnete ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen! 31 Der aber ereiferte sich über die Maßen: Und wenn ich auch mit dir sterben müßte, werde ich dich doch nicht verleugnen. In gleicher Weise sprachen aber auch alle. 26-31: Vgl. Mt 26,30-35; Lk 22,31-34; Jo 13,36-38.

 

Jesus am Ölberg

Todesangst. 32 Sie kamen in einen Meierhof, Gethsemani genannt. Da sprach er zu seinen Jüngern: Setzet euch hier, während ich bete. 33 Nun nahm er Petrus, Jakobus und Johannes mit. Dann fing er an zu zittern und zu zagen. 34 Er sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis in den Tod. Bleibet hier und wachet. 35 Und er ging ein wenig vorwärts, fiel auf die Erde nieder und betete, daß, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge. 36 Er sprach: Abba, Vater, dir ist alles möglich. Laß diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst. 37 Er kam und fand sie schlafend. Und er sprach zu Petrus: Simon, du schläfst? Nicht eine Stunde konntest du wachen? 38 Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet! Der Geist ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. 39 Und er ging wieder hin, zu beten, und sprach dieselben Worte. 40 Da er wieder zurückkam, fand er sie abermals schlafend; denn ihre Augen waren schwer geworden, und sie wußten nicht, was sie ihm antworten sollten. 41 Und er kam zum drittenmal und sprach zu ihnen: Ihr schlaft weiter und ruhet! Es ist genug: Die Stunde ist gekommen. Sehet, der Menschensohn wird in die Hände der Sünder überliefert. 42 Stehet auf, lasset uns gehen. Sehet, mein Verräter naht! 41-42: Der Gottmensch sucht Trost bei seinen Jüngern. In schweren Stunden brauchen wir einen verstehenden Menschen. Den besten Trost aber finden wir wie die Menschennatur Jesu in vertrauensvollem Gebet und mutigem Jasagen zum Willen Gottes.

 

Gefangennahme Jesu. 43 Und da er noch redete, kam Judas [Iskariot], einer von den Zwölfen, und mit ihm ein großer Haufe mit Schwertern und Prügeln, [abgeschickt] von den Oberpriestern, Schriftgelehrten und Ältesten. 44 Sein Verräter hatte ihnen aber ein Zeichen gegeben und gesagt: Den ich küssen werde, der ist's, den ergreifet und führet ihn vorsichtig ab. 45 Als er herangekommen war, trat er sogleich auf ihn zu und sprach: [Sei gegrüßt,] Meister! Und er küßte ihn. 46 Sie aber legten Hand an ihn und ergriffen ihn. 47 Einer von den Umstehenden zog sein Schwert und schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab. 48 Jesus sagte zu ihnen: Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit Schwertern und Prügeln, um mich zu fangen. 49 Täglich war ich bei euch und lehrte im Tempel, und ihr habt mich nicht ergriffen. Allein es mußte die Schrift erfüllt werden. 50 Da verließen ihn alle [Jünger] und flohen. 51 Ein Jüngling, der ein Linnenhemd auf dem bloßen Leibe trug, folgte ihm, und man ergriff ihn. 52 Er aber ließ das Linnenhemd los und floh nackt davon. 51-52: Der Evangelist erzählt diesen kleinen Zwischenfall, weil er wahrscheinlich selbst der Jüngling gewesen ist. 32-52: Vgl. Mt 26,36-56; Lk 22,39-53, Jo 18,1-12. Gethsemani bedeutet Ölpresse. Die Umgebung ist reich an Olivenbäumen, daher „Ölberg“.

 

Vor dem Hohen Rat

Sitzung des Hohen Rates. 53 Sie führten Jesus zu dem Hohenpriester. Dort versammelten sich alle Oberpriester und Ältesten und Schriftgelehrten. 54 Petrus aber folgte ihm von ferne bis hinein in den Hof des Hohenpriesters. Er saß bei den Dienern am Feuer und wärmte sich. 55 Die Oberpriester und der ganze Hohe Rat suchten Zeugnis wider Jesus, um ihn töten zu können; doch sie fanden keines. 56 Viele machten zwar falsche Aussagen wider ihn, aber ihre Aussagen stimmten nicht überein. 57 Einige traten auf, machten falsche Aussagen wider ihn, indem sie sprachen: 58 Wir haben ihn sagen hören: Ich will diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, niederreißen und in drei Tagen einen andern aufbauen, der nicht mit Händen gemacht ist. 59 Aber nicht einmal in diesem Falle stimmte ihre Aussage überein. 59: Zwei übereinstimmende Zeugenaussagen waren erforderlich. 60 Da stand der Hohepriester auf, trat in die Mitte und fragte Jesus: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich vorbringen? 61 Er aber schwieg und antwortete nichts. Abermals fragte ihn der Hohepriester: Bist du der Christus, der Sohn [Gottes] des Hochgelobten? 62 Jesus sprach zu ihm: Ich bin es! Und ihr werdet den Menschensohn zur Rechten der Allmacht [Gottes] sitzen und mit den Wolken des Himmels kommen sehen. 63 Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: Was haben wir noch Zeugen nötig? 63: Das galt als Zeichen höchster Entrüstung. Das Kleid wurde dabei am Schlitz auf der Brust etwas eingerissen. 64 Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was dünkt euch? Sie urteilten alle, daß er des Todes schuldig sei. 65 Nun spien ihn einige an, verhüllten sein Angesicht, schlugen ihn mit Fäusten und sagten zu ihm: Weissage! Die Diener nahmen ihn mit Backenstreichen in Empfang.

 

Verleugnung des Petrus. 66 Petrus war unten im Hofe. Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters, 67 und da sie den Petrus sich wärmen sah, schaute sie ihn an und sagte: Auch du warst bei Jesus, dem Nazarener. 68 Er leugnete und sprach: Ich kenne ihn nicht und verstehe auch nicht, was du sagst. Er ging in die Vorhalle hinaus; da krähte der Hahn. 69 Die Magd sah ihn abermals und sagte zu den Umstehenden: Dieser ist auch einer von jenen. 70 Er leugnete abermals. Gleich darauf sagten die Umstehenden wieder zu Petrus: Wahrhaftig, du bist einer von jenen; denn du bist auch ein Galiläer. 71 Da fing er an zu fluchen und zu schwören: Ich kenne diesen Menschen nicht, von dem ihr redet. 72 Und alsbald krähte der Hahn zum zweitenmal. Da erinnerte sich Petrus des Wortes, das Jesus ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er begann zu weinen. 72: Die Reue des Petrus war echt, die des Judas nicht. 53-72: Vgl. Mt 26,57-75; Lk 22,54-71; Jo 18,13-27.

 

Vor Pilatus

15 Sogleich in der Morgenfrühe faßten die Oberpriester mit den Ältesten, den Schriftgelehrten und dem ganzen Gerichtshof Beschluß. Dann ließen sie Jesus binden und fortführen und übergaben ihn dem Pilatus. Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete ihm: Du sagst es! Die Oberpriester brachten viele Klagen gegen ihn vor. Pilatus fragte ihn abermals: Antwortest du nichts? Sieh, welch schwere Anklagen sie gegen dich vorbringen! Jesus aber antwortete nichts mehr, so daß Pilatus sich verwunderte. 5: Das Schweigen Jesu ist der Ausdruck höchster Würde, es besagt mehr als alles Schreien der Masse.

 

Auf das Fest pflegte er ihnen einen von den Gefangenen freizugeben, den sie sich ausbitten durften. Nun war ein Mann namens Barabbas mit andern Aufrührern im Gefängnis. Diese hatten bei einem Aufstand einen Mord begangen. Das Volk zog hinauf und begann, um das zu bitten, was er sonst immer gewährte. Pilatus erwiderte ihnen: Wollt ihr, daß ich euch den König der Juden freigebe? 10 Er wußte nämlich, daß die Oberpriester ihn aus Neid überantwortet hatten. 11 Die Oberpriester aber hetzten das Volk auf, daß er ihnen vielmehr den Barabbas freigebe. 12 Pilatus entgegnete ihnen abermals: Was soll ich denn mit dem machen, den ihr den König der Juden nennt? 13 Sie riefen abermals: Kreuzige ihn! 14 Pilatus sprach zu ihnen: Was hat er denn Böses getan? Allein sie schrien noch mehr: Kreuzige ihn! 15 Pilatus wollte dem Volke willfährig sein. Darum gab er ihnen den Barabbas frei, Jesus aber ließ er geißeln und übergab ihn zur Kreuzigung.

 

Die Dornenkrönung. 16 Die Soldaten aber führten ihn hinein in das Innere des Palastes, das heißt der Statthalterresidenz und riefen die ganze Abteilung zusammen. 17 Sie legten ihm einen Purpurmantel um, flochten eine Dornenkrone, setzten sie ihm auf und fingen an, 18 ihm zu huldigen: Sei gegrüßt, König der Juden! 19 Sie schlugen ihm mit einem Rohr auf das Haupt, spien ihn an, beugten die Knie und huldigten ihm. 20a Nachdem sie ihn verspottet hatten, nahmen sie ihm den Purpurmantel ab, zogen ihm seine Kleider an 20b und führten ihn hinaus, um ihn zu kreuzigen. 1-20 Vgl. Mt 27,11-31; Lk 23,1-25; Jo 18,28-19, 16.

 

Kreuzigung Jesu. 21 Einen Vorübergehenden, Simon von Cyrene, der vom Felde kam, den Vater des Alexander und Rufus, nötigten sie, sein Kreuz zu tragen. 21: Nur Markus nennt die Söhne Simons, weil sie der römischen Christengemeinde bekannt waren (Röm 16, 13). 22 Sie führten ihn an den Ort Golgotha, das heißt Schädelstätte. 23 Dort reichten sie ihm mit Myrrhe gewürzten Wein; er aber nahm ihn nicht. 24 Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider und warfen das Los darüber, was ein jeder bekommen solle. 25 Es war aber die dritte Stunde, da sie ihn kreuzigten. 25: Johannes nennt die sechste Stunde. Markus rechnet nämlich die Geißelung nach römischer Sitte schon zur Kreuzigung. 26 Die Inschrift mit der Angabe seiner Schuld lautete: Der König der Juden. 27 Mit ihm kreuzigten sie zwei Räuber, einen zu seiner Rechten, den andern zu seiner Linken. 28 So erfüllte sich das Wort der Schrift: Er ist unter die Übeltäter gerechnet worden (Is 53, 12).

 

29 Die Vorübergehenden lästerten ihn, schüttelten ihre Köpfe und sagten: Ei, der du den Tempel zerstörst und in drei Tagen wieder aufbaust, 30 hilf dir selbst und steig herab vom Kreuze! 31 Gleicherweise verspotteten ihn auch die Oberpriester und Schriftgelehrten und sprachen zueinander: Andern hat er geholfen sich selbst kann er nicht helfen! 32 Der Messias, der König von Israel, er steige jetzt herab vom Kreuze, daß wir sehen und glauben. Auch die, welche mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn.

 

Jesu Tod. 33 Als die sechste Stunde gekommen war, kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 34 Und um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eloi, Eloi, lama sabakthani, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Ps 22, 2). 35 Einige von den Umstehenden hörten es und sagten: Hört, er ruft den Elias. 36 Einer lief hin, füllte einen Schwamm mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr, gab ihm zu trinken und sagte: Laßt mich, wir wollen sehen, ob Elias kommt und ihn herabnimmt. 36: Jesus ist also am Kreuze nicht mit Essig und Galle getränkt worden. Der Essig war ein saurer Wein, wie ihn die Soldaten bei sich hatten. 37 Jesus aber stieß einen lauten Schrei aus und gab den Geist auf. 38 Da zerriß der Vorhang des Tempels in zwei Stücke von oben bis unten. 39 Der Hauptmann aber, der ihm gegenüber stand und ihn so [laut rufend] sterben sah, sprach: Wahrlich, dieser Mensch war Gottes Sohn! 40 Von ferne schauten auch Frauen zu, darunter Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus des Jüngeren und des Joses, und Salome. 41 Diese hatten ihn, als er in Galiläa war, begleitet und ihm gedient. Auch viele andere waren da, die zugleich mit ihm nach Jerusalem hinaufgezogen waren. 21-41: Vgl. Mt 27,32-56; Lk 23,26-49; Jo 19,17-30..

 

Jesu Grablegung

42 Als es bereits Abend geworden war^ — es war nämlich Rüsttag, das heißt der Tag vor dem Sabbat —,43 kam Joseph von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der selbst auf das Reich Gottes wartete. Dieser trat herzhaft vor Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. 44 Pilatus wunderte sich, daß er schon verschieden sei. Er ließ den Hauptmann kommen und fragte ihn, ob er denn schon gestorben sei. 45 Als er es vom Hauptmann erfahren hatte, schenkte er dem Joseph den Leichnam. 46 Der kaufte Leinwand, nahm ihn ab, wickelte ihn in die Leinwand und legte ihn in ein Grab, das in einen Felsen gehauen war. Dann wälzte er einen Stein vor den Eingang des Grabes. 46: Heute überdeckt die Grabeskirche zugleich den Golgothafelsen und die Grabstätte. 47 Maria Magdalena aber und Maria, die Mutter des Joses, sahen zu, wo er beigesetzt wurde. 42-47: Vgl. Mt 27,57-66; Lk 23,50-56; Jo 19,31-42. Alle vier Evangelisten berichten, daß Jesus an einem Freitag gestorben ist, nach den drei Älteren war es um die neunte Stunde = 3 Uhr nachmittags.

 

Die Verherrlichung Jesu

 

Die Auferstehung

16 Die Frauen am Grabe. Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome Spezereien, um hinzugehen und Jesus zu salben. Sie kamen am ersten Tag der Woche in aller Frühe zum Grabe, da die Sonne eben am Aufgehen war. Sie sprachen zueinander: Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Als sie hinblickten, sahen sie, daß der Stein weggewälzt war; er war nämlich sehr groß. Sie gingen in das Grab hinein und sahen einen Jüngling zur Rechten sitzen, angetan mit einem weißen Gewande, und sie erschraken sehr. Dieser aber sprach zu ihnen: Erschrecket nicht! Ihr suchet Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Sehet den Ort, wo sie ihn hingelegt hatten. Aber geht hin und sagt seinen Jüngern, besonders dem Petrus, daß er euch vorangehe nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Sie gingen hinaus und flohen vom Grabe weg; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas, weil sie sich fürchteten.

 

Jesus erscheint den Seinigen. Nachdem er in der Frühe, am ersten Tage der Woche auferstanden war, erschien er zuerst der Maria Magdalena, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte. 10 Sie ging hin und berichtete es seinen Begleitern, die jetzt trauerten und weinten. 11 Als sie hörten, daß er lebe und ihr erschienen sei, glaubten sie es nicht.

 

12 Hernach erschien er in anderer Gestalt zweien aus ihnen, die aufs Land gingen. 13 Auch sie gingen hin und meldeten es den übrigen, aber sie glaubten es ihnen ebenfalls nicht.

 

14 Später erschien er den Elfen, da sie zu Tische saßen. Er verwies ihnen ihren Unglauben und ihre Herzenshärte, weil sie denen nicht geglaubt hatten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten. 15 Er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und verkündet die Frohbotschaft allen Geschöpfen. 16 Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden. 17 Folgende Wunderzeichen werden jene, die gläubig geworden, begleiten: In meinem Namen werden sie böse Geister austreiben, in neuen Sprachen reden, 18 Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen, und sie werden gesund werden. 1-18: Vgl. Mt 28,1-20; Lk 24,1-49; Jo 20,1-21, 23. Die Frauen kauften die Spezereien am Samstag, nachdem beim Sonnenuntergang die Sabbatruhe aufgehört hatte. Immer wieder wird der Unglaube und Schrecken der Jünger betont. Niemand dachte an die Auferstehung. Das macht es unmöglich, dieses Wunder als Einbildung der Jünger und der frommen Frauen zu erklären.

 

Himmelfahrt

19 Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes. 20 Jene aber gingen hin und predigten überall. Und der Herr wirkte mit und bekräftigte das Wort durch die begleitenden Wunderzeichen. 19-20: Der im Himmel thronende Christkönig lebt und wirkt auf Erden seiner Kirche. Die Taufe gliedert uns in die Lebensgemeinschaft mit ihm ein. 9-20: Der Abschnitt 9-20 fehlt zwar in wichtigen Handschriften, gehört aber zum Evangelium.

 

 

Das Evangelium nach Lukas

 

Einleitung

Der Evangelist Lukas war Heidenchrist und stammte aus Antiochien in Syrien. Von Beruf Arzt, scheint er zunächst als Laienapostel für Christus gewirkt zu haben. Er gehört zu den treuesten und eifrigsten Mitarbeitern des hl. Paulus. Freiwillig hat er fünf Jahre lang mit ihm die Gefangenschaft in Cäsarea und Rom geteilt. Sein Beruf, seine Heimat und der Verkehr mit dem Völkerapostel gaben ihm den weiten Blick, den Sinn für die alle Menschen umfassende Bedeutung der Erlösung, wie sie sein Evangelium verkündet. Jesus ist darin dargestellt als der barmherzige Heiland der Sünder, der Helfer in aller Not. Als Arzt hat Lukas tiefer in das Leid der Menschen geschaut, vor allem auch der Frauen. Darum erzählt er mehr als die andern Evangelisten von der gewinnenden Güte des Herrn ihnen gegenüber. Von der Gottesmutter berichtet sein Evangelium so viel, daß ihn das Mittelalter seit dem 6. Jahrhundert zum Maler, besonders zum „Madonnenmaler“ gemacht hat. Er ist bemüht, die Ereignisse des Lebens Jesu in ihren Zusammenhang mit dem Zeitgeschehen im Römerreich zu rücken. Das Lukasevangelium berichtet zunächst wichtige Einzelheiten aus der Kindheitsgeschichte Jesu und seines Vorläufers (Kap. 1-2) sowie aus der unmittelbaren Vorbereitung des öffentlichen Auftretens Jesu (3,1-4,13). Danach schildert es Jesu Tätigkeit in Galiläa (4,14-9,50), sein Lehren und Wunderwirken auf der Wanderung vom Norden nach dem Süden des Landes (9,51-18,14) — es ist der sogenannte Reisebericht — und sein Auftreten in Judäa und Jerusalem (18,15-21,38). Den Abschluß bildet wie in andern Evangelien die Geschichte des Leidens, Sterbens und der Verklärung des Erlösers (22,1-24,53).

 

Das Evangelium wurde zwischen 61-63 geschrieben, wahrscheinlich in Rom. Nach dem Tode der Apostelfürsten hat der hl. Lukas, wie die Überlieferung meldet, in Achaia und Böotien gewirkt und starb nach einem alten Zeugnis 84jährig „voll des Heiligen Geistes“ als Blutzeuge Christi. Sein Fest wird am 18. Oktober gefeiert.

 

1 Vorwort des Evangelisten. Schon manche haben es unternommen, eine Erzählung der Begebenheiten zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben, so wie es uns die überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind. So habe auch ich mich entschlossen, allem von den ersten Anfängen an sorgfältig nachzugehen und es für dich, edler Theophilus, der Reihe nach niederzuschreiben, damit du dich von der Zuverlässigkeit der Lehren, über die du unterwiesen worden bist, überzeugen kannst. 1-4: Dieses Vorwort verrät im Urtext durch seine klassisch schöne Form die hohe Bildung des Verfassers. Er widmet sein Werk einem edlen Freund, nachdem er gewissenhafte die mündlichen und schriftlichen Quellen durchforscht hat. Die Inspiration des Heiligen Geistes enthebt ja den Menschen nicht der Mühe des eigenen Schaffens.

 

Aus der Kindheitsgeschichte Jesu und des Vorläufers

Verheißung der Geburt des Täufers. In den Tagen des Herodes des Königs von Judäa, lebte ein Priester mit Namen Zacharias aus der Klasse des Abias; seine Frau stammte von Aaron ab und hieß Elisabeth. 5: Zacharias sowohl wie Elisabeth konnten ihre Abstammung mehr als 1000 Jahre zurück nachweisen. Beide waren gerecht vor Gott und wandelten tadellos in allen Geboten und Satzungen des Herrn. Doch hatten sie kein Kind, weil Elisabeth unfruchtbar war und beide in vorgerücktem Alter standen. Es begab sich aber, als er vor Gott den Priesterdienst versah, weil seine Klasse an der Reihe war, da wurde er ausgelost, wie es Brauch bei der Priesterschaft war, in den Tempel des Herrn zu gehen und das Rauchopfer darzubringen. 8-9: Es gab 24 Priesterklassen. Jede hatte außer an den höchsten Festen jährlich zweimal je eine Woche Dienst im Tempel. Das Los bestimmte, welche Verrichtungen der einzelne Priester zu vollziehen hatte. 10 Die ganze Menge des Volkes betete während des Rauchopfers draußen. 11 Da erschien ihm ein Engel des Herrn zur Rechten des Rauchopferaltars. 12 Zacharias erschrak bei diesem Anblick, und Furcht überfiel ihn. 13 Der Engel aber sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias! Denn dein Gebet ist erhört: Dein Weib Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Johannes geben. 14 Du wirst Freude und Jubel haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen. 15 Denn er wird groß sein vor dem Herrn: Wein und Rauschtrank wird er nicht trinken, aber vom Heiligen Geiste erfüllt werden schon vom Mutterleibe an. 16 Viele Israeliten wird er zum Herrn, ihrem Gott, bekehren 17 und vor ihm im Geiste und in der Kraft des Elias einhergehen, um die Herzen der Väter den Kindern zuzuwenden und Ungehorsame zur Gesinnung der Gerechten zurückzuführen, und so dem Herrn ein vorbereitetes Volk zu schaffen. 18 Zacharias sagte zu dem Engel: Woran soll ich dies erkennen? Bin ich doch ein Greis, und mein Weib steht in vorgerücktem Alter. 19 Der Engel entgegnete ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht. Ich bin abgesandt, zu dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen. 20 Siehe, du wirst stumm sein und nicht reden können bis zu dem Tage, da dies geschieht, weil du meinen Worten, die zu ihrer Zeit in Erfüllung gehen werden, nicht geglaubt hast. 21 Das Volk wartete auf Zacharias und wunderte sich, daß er so lange im Tempel blieb. 22 Als er herauskam, konnte er nicht zu ihnen sprechen. Da erkannten sie, daß er im Tempel eine Erscheinung gehabt hatte. Er konnte ihnen nur zuwinken und blieb stumm. 21-22: Der Priester hatte nach dem Opfer dem Volk von der Treppe des Heiligtums herab den Segen zu spenden. 23 Und es geschah, als die Tage seines Dienstes zu Ende waren, ging er nach Hause. 24 Nach diesen Tagen aber empfing sein Weib Elisabeth. Sie hielt sich fünf Monate lang verborgen und sagte: 25 Also hat der Herr an mir getan in den Tagen, da er auf mich sah, um meine Schmach bei den Leuten wegzunehmen. 25: Elisabeth hielt sich verborgen, bis niemand mehr an ihrer Mutterschaft zweifeln konnte und es offensichtlich war, das Gott die als Schmach und Schuld geltende Kinderlosigkeit von ihr genommen hatte.

 

Verkündigung der Geburt Jesu. 26 Im sechsten Monate aber wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt Galiläas mit Namen Nazareth 27 zu einer Jungfrau gesandt. Sie war einem Manne namens Joseph verlobt, aus dem Hause Davids, und der Name der Jungfrau war Maria. 28 Der Engel trat bei ihr ein und sprach: Sei gegrüßt, du Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir; [du bist gebenedeit unter den Weibern]. 29 Sie erschrak über seine Rede und dachte nach, was dieser Gruß bedeuten solle. 30 Der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast bei Gott Gnade gefunden. 31 Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen Jesus geben. 32 Dieser wird groß sein und der Sohn des Allerhöchsten genannt werden. Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; 33 er wird über das Haus Jakobs für ewig herrschen, und seines Reiches wird kein Ende sein. 34 Da sprach Maria zum Engel: Wie wird dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne? 35 Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten dich überschatten. Deswegen wird auch das Heilige, das [von dir] geboren werden soll, Sohn Gottes genannt werden. 34-35: Nicht aus Zweifelsucht fragte Maria. Sie bittet nur demütig um Aufschluß, wie sich ihr Mutterwerden mit der ungeteilten Hingabe an Gott in steter Jungfräulichkeit vereinbaren lasse. Die Antwort des Engels belehrt sie, daß ihr Kind keinen menschlichen Vater haben, sondern durch unmittelbares Einwirken des lebenschaffenden Gottesgeiste aus ihr geboren werden solle, daß sie also Mutter werden und zugleich Jungfrau bleiben dürfe. 36 Siehe, auch deine Verwandte Elisabeth hat in ihrem hohen Alter einen Sohn empfangen; schon der sechste Monat ist es bei ihr, die als unfruchtbar gilt; 37 bei Gott ist ja kein Ding unmöglich. 38 Maria aber sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte! Und der Engel schied von ihr. 38: Marias Antwort offenbart das Wesen aller Frömmigkeit: Demütige Bereitschaft des Geschöpfes vor dem Schöpfer, unbedingtes Jasagen des freien Menschen zum Willen Gottes.

 

Maria bei Elisabeth und das Magnifikat. 39 Maria aber machte sich in jenen Tagen auf und eilte in das Gebirge in eine Stadt Judas. 39: Nach der Überlieferung ist es der Ort Ain-Karim, anderthalb Stunden westlich von Jerusalem, auch St. Johann im Gebirge genannt. 40 Sie trat in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. 41 Und es geschah, als Elisabeth Marias Gruß hörte, hüpfte das Kind in ihrem Schoße, und Elisabeth wurde vom Heiligen Geiste erfüllt. 42 Sie rief mit lauter Stimme: Du bist gebenedeit unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes! 43 Woher wird mir die Ehre zuteil, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 44 Denn siehe, sobald die Stimme deines Grußes an mein Ohr drang, hüpfte das Kind in meinem Schoße vor Freude. 45 Und selig ist, die geglaubt hat, daß in Erfüllung gehen wird, was ihr vom Herrn gesagt worden ist! 46 Da sprach Maria:

 

Hoch preist meine Seele den Herrn,

47 und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heiland.

48 Denn er hat herabgeschaut auf seine kleine Magd.

Siehe, von nun an werden alle Geschlechter mich seligpreisen.

49 Denn Großes hat an mir der Mächtige getan,

und heilig ist sein Name.

50 Sein Erbarmen wächst von Geschlecht zu Geschlecht

für die, welche ihn fürchten.

51 Er übet Macht mit seinem Arme,

zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

52 Die Gewalthaber stürzt er vom Throne

und erhöhet die Niedrigen.

53 Die Hungernden erfüllt er mit Gütern,

und die Reichen läßt er leer ausgehen.

54 Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen,

eingedenk seines Erbarmens,

55 wie er es unsern Vätern verheißen hat,

dem Abra­ham und seinen Nachkommen auf ewig.

46-55: Das Magnifikat ist Ausdruck höchster Geistesfülle,

aber auch Zeugnis für Marias Vertrautheit mit der Heiligen Schrift

und für ihre Volksverbundenheit. Täglich erklingt dieses Lied von neuem in der Vesper.

 

56 Maria blieb etwa drei Monate bei ihr. Dann kehrte sie nach Hause zurück. 56: Die Magd des Herrn übt Mutterdienst und Familienpflege. Echte Gottesliebe wird sichtbar in tätiger Nächstenliebe.

 

Geburt des Johannes und das Benediktus. 57 Für Elisabeth war die Zeit ihrer Niederkunft gekommen, und sie gebar einen Sohn. 58 Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, daß der Herr großes Erbarmen mit ihr gehabt habe, und beglückwünschten sie. 59 Am achten Tage kamen sie, den Knaben zu beschneiden. Sie wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben. 60 Die Mutter entgegnete: Nein, er soll Johannes heißen! 61 Sie sprachen zu ihr: Es gibt doch niemand in deiner Verwandtschaft, der diesen Namen trägt. 62 Da befragten sie seinen Vater durch Zeichen, wie er ihn genannt wissen wolle. 63 Er forderte ein Schreibtäfelchen und schrieb darauf: Johannes ist sein Name. Da wunderten sich alle. 64 Im selben Augenblick aber ward sein Mund geöffnet und seine Zunge gelöst; er konnte sprechen und pries Gott. 65 Da ergriff alle Nachbarn Furcht, und alle diese Ereignisse wurden auf dem ganzen Bergland von Judäa besprochen. 66 Alle, die davon hörten, erwogen es im Herzen und sagten: Was wird wohl aus diesem Kinde werden? War ja doch die Hand des Herrn mit ihm. 67 Sein Vater Zacharias aber ward vom Heiligen Geiste erfüllt und sprach prophetisch also:

 

68 Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels,

denn er hat sein Volk heimgesucht und ihm Erlösung gebracht.

69 Er hat uns ein Horn des Heiles aufgerichtet

im Hause seines Knechtes David,

70 wie er durch den Mund seiner heiligen Propheten

vor alters gesprochen hat:

71 uns zu retten vor unsern Feinden

und aus der Hand aller, die uns hassen;

72 Erbarmen zu üben mit unsern Vätern

und seines heiligen Bundes eingedenk zu sein,

73 seines Eides, den er unserm Vater Abra­ham geschworen:

74 uns zu verleihen, daß wir, aus der Hand unserer Feinde befreit,

ihm ohne Furcht dienen 75 in Heiligkeit und Gerechtigkeit

vor seinen Augen alle unsere Lebenstage.

76 Du aber, Kind, sollst ein Prophet des Höchsten heißen,

vor dem Herrn einhergehen,

seine Pfade zu bereiten

77 und seinem Volke Heilserkenntnis zu geben

zur Vergebung der Sünden

78 wegen des herzlichen Erbarmens unseres Gottes.

Mit ihm wird uns der Aufgang aus der Höhe heimsuchen,

78: Wie die aufgehende Sonne den lichten Tag bringt, so sendet Gott den Erlöser als Licht der Welt.

79 um denen zu erscheinen, die in Finsternis und Todesschatten sitzen,

um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu leiten. 68-79: Der Lobgesang

des Zacharias, „das Benediktus“, wird täglich im kirchlichen Morgengebet, den Laudes,

 angestimmt. Er preist den göttlichen Heilsplan und zeichnet die Aufgabe des Vorläufers.

 

80 Der Knabe aber wuchs und erstarkte im Geiste; er hielt sich in der Wüste auf bis zu dem Tage, da er vor Israel auftrat.

 

2 Geburt Jesu. Es begab sich aber in jenen Tagen, daß ein Befehl erging vom Kaiser Augustus, wonach der ganze Erdkreis aufgenommen werden sollte. Diese Aufnahme war die erste, die zu der Zeit stattfand, als Quirinius Statthalter von Syrien war. 2: Man kann den Urtext auch übersetzen: „Diese Aufzeichnung fand früher statt als diejenige unter Quirinius, dem Statthalter von Syrien.“ Unbewußt hat der Regierungserlaß des römischen Kaisers zur Erfüllung der Weissagung des Propheten Michäus beigetragen, der Messias werde in Bethlehem geboren. Alle gingen hin, sich aufschreiben zu lassen, ein jeder in seine Stadt. Auch Joseph reiste von Galiläa aus der Stadt Nazareth hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, 4: Der Weg von Nazareth nach Bethlehem ist 148 Kilometer weit und führt über Berg und Tal, eine schwere Reise für die hoffende Mutter des Herrn. um sich mit Maria, der ihm verlobten Frau, die guter Hoffnung war, aufschreiben zu lassen. Es geschah aber, während sie dort waren, kam für sie die Zeit ihrer Niederkunft. Sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge für sie kein Platz war.

 

Die Hirten bei der Krippe. In derselben Gegend befanden sich Hirten auf dem Felde, die bei ihrer Herde Nachtwache hielten. Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen, und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie. Sie gerieten darob in große Furcht. 10 Der Engel aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volke zuteil werden soll: 11 Heute ist euch in der Stadt Davids der Heiland geboren worden, der da ist der Messias, der Herr. 12 Dies soll euch zum Zeichen sein: Ihr werdet ein Kindlein finden, das in Windeln eingewickelt ist und in einer Krippe liegt. 13 Sogleich gesellte sich zum Engel eine große himmlische Heerschar, die Gott lobte und sprach: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind! 14: Das „Gloria“ der Engel kann auch übersetzt werden: „Ehre ist Gott in der Höhe und auf Erden Friede unter den Menschen, die ihm wohlgefallen.“ Das Doppelziel der Menschwerdung ist: Gottes Ehre wird hergestellt und das Heil der Menschen gesichert.

 

15 Und es begab sich, als die Engel von ihnen weg in den Himmel zurückgekehrt waren, sprachen die Hirten zueinander: Laßt uns nach Bethlehem hinübergehen und das Geschehene schauen, das der Herr uns kundgetan hat. 16 Eilends gingen sie hin und fanden Maria und Joseph und das Kind, das in der Krippe lag. 17 Als sie es aber gesehen hatten, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. 18 Alle, die es hörten, wunderten sich über das, was die Hirten ihnen erzählten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. 19: Maria selbst wird dem Evangelisten vieles aus der Kindheit Jesu erzählt haben. 20 Die Hirten aber kehrten heim, sie lobten und priesen Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen verkündet worden war.

 

Jesu Beschneidung und Darstellung im Tempel. 21 Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden mußte, erhielt es den Namen Jesus, wie ihn der Engel vor seiner Empfängnis im Mutterschoß genannt hatte.

 

22 Als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetze des Moses voll waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen. 22: Die Entfernung von Bethlehem nach Jerusalem beträgt 8 Kilometer. „Die Tage der Reinigung“ der Mutter dauerten nach der Geburt eines Knaben 7 + 33 = 40 Tage, nach der Geburt eines Mädchens doppelt so lange. Maria unterzog sich freiwillig der Zeremonie der Reinigung im Tempel. 23 Denn so steht es geschrieben im Gesetz des Herrn: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht gelten (2 Mos 24 13,12). 24 Auch wollten sie das Opfer entrichten, wie es der Herr im Gesetz vorgeschrieben hatte, ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. 25 Und siehe, in Jerusalem lebte ein Mann mit Namen Simeon; er war gerecht und gottesfürchtig; er wartete auf den Trost Israels, und der Heilige Geist war in ihm. 26 Ihm war vom Heiligen Geiste geoffenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, bevor er den Gesalbten des Herrn gesehen habe. 27 Auf Eingebung des Geistes war er in den Tempel gekommen; als die Eltern das Jesuskind hereinbrachten, um für es alles nach dem Herkommen des Gesetzes zu tun, 28 da nahm er es auf seine Arme, pries Gott und sprach:

 

29 Nun lässest du, Herr, deinen Knecht

nach deinem Wort im Frieden scheiden;

30 denn meine Augen haben dein Heil geschaut,

31 das du vor allen Völkern bereitet hast:

32 ein Licht zur Erleuchtung der Heiden

und eine Verherrlichung deines Volkes Israel.

29-32: Der Lobgesang Simeons ist in das liturgische

Abendgebet der Kirche aufgenommen, ein sinnvoller

Dank am Schluß eines gnadenreichen Tages.

 

33 Sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was über ihn gesagt wurde. 34 Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist bestimmt zum Fall und zum Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem man widerspricht; deine eigene Seele aber wird ein Schwert durchdringen. 35 So werden die Gedanken vieler Herzen offenbar werden. 34-35: Zu allen Zeiten scheiden sich an Christus die Geister. Lebensgemeinschaft mit ihm wird hienieden zur Leidensgemeinschaft mit ihm. 36 Auch eine Prophetin Anna, eine Tochter Phanuels aus dem Stamme Aser, lebte damals; sie war hochbetagt. Nach ihrem Jungfrauenstand hatte sie sieben Jahre mit ihrem Manne gelebt 37 und war jetzt eine Witwe von 84 Jahren. Sie verließ den Tempel nie und diente Gott mit Fasten und Beten bei Tag und Nacht. 38 Zur selben Stunde fand sie sich ein und pries Gott; sie redete über ihn zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems harrten. 38: In froher Dankbarkeit für die empfangene Gnade wird Anna zur unermüdlichen Verkünderin der Ankunft des Messias. 39 Nachdem sie alles nach dem Gesetz des Herrn erfüllt hatten, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth zurück. 39: Vgl. die Anmerkung zu Mt 2,11 40 Das Kind aber wuchs und erstarkte; es war voll Weisheit, und Gottes Wohlgefallen ruhte auf ihm.

 

Der zwölfjährige Jesus im Tempel. 41 Seine Eltern gingen alljährlich nach Jerusalem zum Osterfeste. 42 Als der Knabe zwölf Jahre alt war, zogen sie gemäß dem Festbrauch nach Jerusalem hinauf. 41-42: Nach 2 Mos 23,17; 34,23-24; 5 Mos 16,16-17 war den Männern der Gang zum Heiligtum an Ostern, Pfingsten und Laubhütten vorgeschrieben. Dieses Gebot verpflichtete den israelitischen Knaben erst vom vollendeten 13. Jahre an. Jesus ging also noch freiwillig mit, ebenso Maria. 43 Als die Tage vorüber waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Jesusknabe aber blieb in Jerusalem zurück, ohne daß es seine Eltern merkten. 44 Sie meinten, er sei bei der Reisegesellschaft, gingen eine Tagereise weit und suchten ihn bei den Verwandten und Bekannten. 45 Da sie ihn aber nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn. 46 Und es geschah nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel, wie er unter den Lehrern saß, ihnen zuhörte und sie fragte. 47 Alle, die ihn hörten, gerieten außer sich über seine Einsicht und seine Antworten. 48 Als sie ihn sahen, waren sie entsetzt, und seine Mutter sagte ihm: Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49 Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist? 49: Das Festhalten am Willen des Vaters ist für Jesus die oberste Norm. Darin geht er ganz auf, auch wenn er dabei der Mutter und dem Pflegevater Schmerz bereiten muß. Nicht vom Hause des Vaters ist das Wort zu verstehen. 50 Sie aber verstanden nicht, was er ihnen mit diesem Worte sagen wollte. 51 Er zog mit ihnen nach Nazareth hinab und war ihnen untertan. Seine Mutter bewahrte all diese Vorgänge in ihrem Herzen. 52 Jesus aber nahm zu an Weisheit, Alter und Wohlgefallen bei Gott und den Menschen.

 

Der Vorläufer und Jesus

3 Auftreten des Täufers. Es war im 15. Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Landpfleger von Judäa. Herodes Vierfürst von Galiläa, sein Bruder Philippus Vierfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis, Lysanias Vierfürst von Abilene. Hohepriester waren Annas und Kaiphas. Da erging das Wort des Herrn an Johannes, den Sohn des Zacharias, in der Wüste. Er trat auf in der ganzen Gegend am Jordan und predigte die Taufe der Bekehrung zur Vergebung der Sünden, wie im Buche der Aussprüche des Propheten Isaias geschrieben steht: Eines Herolds Stimme in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht eben seine Pfade! Jedes Tal soll ausgefüllt, jeder Berg und Hügel abgetragen werden! Was krumm ist, soll gerade, was uneben, ebener Weg werden. Und alles Fleisch soll das Heil Gottes schauen (Is 40, 3-5). Er sprach nun zu den Volksscharen, die hinausgezogen, sich von ihm taufen zu lassen, also: Schlangengezücht! Wer hat euch gezeigt, dem drohenden Zorngericht zu entgehen? Bringt würdige Früchte der Bekehrung und fangt nicht an, bei euch zu sagen: Wir haben Abra­ham zum Vater! Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abra­ham Kinder erwecken. Aber schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt. Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird ausgehauen und ins Feuer geworfen. 7-9: Wem es an der rechten Gesinnung fehlt, der hat von dem äußerlichen Vollzug der Bußtaufe keinen Nutzen. Ebensowenig gibt Blut und Rasse vor Gott den Ausschlag. 10 Da fragten ihn die Volksscharen: Was sollen wir denn tun? 11 Er antwortete ihnen: Wer zwei Röcke hat, gebe dem einen, der keinen hat, und wer Speisen hat, tue desgleichen! 12 Auch Zöllner kamen, sich taufen zu lassen, und sagten ihm: Meister was sollen wir tun? 13 Er antwortete ihnen: Fordert nicht mehr, als euch angesetzt ist! 14 Ebenso fragten ihn Soldaten: Was sollen denn wir tun? Er sagte ihnen: Mißhandelt niemand, drangsaliert niemand und seid zufrieden mit eurer Löhnung! 14: An dieses Johanneswort knüpft der Kapuziner in „Wallensteins Lager“ seine Soldatenpredigt an. 15 Das Volk war voller Erwartung, und alle erwogen in ihrem Herzen über Johannes, er sei gewiß selbst der Messias. 16 Aber Johannes gab allen darauf zur Antwort: Ich taufe euch mit Wasser. Es kommt aber der, der mächtiger ist als ich, dessen Schuhriemen aufzulösen ich nicht würdig bin. Er wird euch mit dem Heiligen Geiste und mit Feuer taufen. 17 Er hat die Wurfschaufel in seiner Hand und wird seine Tenne reinigen, den Weizen wird er in seine Scheune bringen und die Spreu in unauslöschlichem Feuer verbrennen. 17: Mit der Wurfschaufel wurde auf der Tenne unter freiem Himmel die Spreu vom Weizen gesondert. So wird der Messias machtvoll die Scheidung der Bösen von den Guten in Israel vollziehen. 18 Noch viele andere Mahnungen gab er dem Volke, da er die Frohbotschaft verkündete. 1-18: Vgl. Mt 3,1-12, Mk 1,I-8. 1: Trotz der sechsfachen Zeitangabe läßt sich das Jahr nicht genau festlegen, weil die Regierungsjahre des Tiberius verschieden gezählt werden. Pontius Pilatus war 26-36 Landpfleger in Judäa. Nur Kaiphas war amtlicher Hoherpriester, aber sein Schwiegervater trug noch als gewesener Hoherpriester den Titel und hatte großen Einfluß.

 

19 Der Vierfürst Herodes aber, der von ihm wegen der Herodias, der Frau seines Bruders, und wegen all des Bösen, das Herodes getan hatte, zurechtgewiesen wurde, 20 beging zu all dem hinzu die weitere Untat, den Johannes in den Kerker werfen zu lassen. 19-20: Vgl. Mt 14,3-12; Mk 6,17-29. Lukas zeigt sich besonders gut über die Geschichte der Herodianer unterrichtet.

 

Taufe Jesu. 21 Es geschah aber, als alles Volk sich taufen ließ, wurde auch Jesus getauft, und da er betete, öffnete sich der Himmel, 22 der Heilige Geist ließ sich in leiblicher Gestalt einer Taube gleich auf ihn herab, und eine Stimme kam vom Himmel her: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen! 21-22: Vgl. Mt 3,13-17; Mk 1,9-11; Jo 1,32-34.

 

Jesu Stammbaum. 23 Jesus war, da er auftrat, etwa 30 Jahre alt und galt als der Sohn des Joseph. Dieser war ein Sohn des Heli, 24 dieser des Mathat, dieser des Levi, dieser des Melchi, dieser des Janne, dieser des Joseph, 25 dieser des Mathathias, dieser des Amos, dieser des Nahum, dieser des Hesli, dieser des Nagge, 26 dieser des Mahath, dieser des Mathathias, dieser des Semei, dieser des Joseph, dieser des Juda, 27 dieser des Joanna, dieser des Resa, dieser des Zorobabel, dieser des Salathiel, dieser des Neri, 28 dieser des Melchi, dieser des Addi, dieser des Kosan, dieser des Elmadam, dieser des Her, 29 dieser des Jesu, dieser des Eliezer, dieser des Jorim, dieser des Mathat, dieser des Levi, 30 dieser des Simeon, dieser des Juda, dieser des Joseph, dieser des Jona, dieser des Eliakim, 31 dieser des Melea, dieser des Menna, dieser des Mathatha, dieser des Nathan, dieser des David, 32 dieser des Jesse, dieser des Obed, dieser des Booz, dieser des Salmon, dieser des Naasson, 33 dieser des Aminadab, dieser des Aram, dieser des Esron, dieser des Phares, dieser des Juda, 34 dieser des Jakob, dieser des Isaak, dieser des Abra­ham, dieser des Thare, dieser des Nachor, 35 dieser des Sarug, dieser des Ragau, dieser des Phaleg, dieser des Heber, dieser des Sale, 36 dieser des Kainan, dieser des Arphaxad, dieser des Sem, dieser des Noe, dieser des Lamech, 37 dieser des Mathusale, dieser des Henoch, dieser des Jared, dieser des Malaleel, dieser des Kainan, 38 dieser des Henos, dieser des Seth, dieser des Adam, dieser Gottes. 23-38: Vgl. Mt 1,1-17. Lukas führt den Stammbaum Jesu nicht nur bis Abra­ham zurück, wie Matthäus es tut, sondern bis auf Adam, den Gott schuf. Jesus ist nicht nur der Erlöser des Judenvolkes, sondern der ganzen Menschheit, aber er stammt als Mensch von David und Abra­ham ab. Daß Jesus allgemein für den wirklichen Sohn Josephs gehalten wurde, beweist die tiefe Demut Marias, die das Geheimnis der jungfräulichen Geburt ihres Kindes nicht bekanntmachte.

 

4 Versuchung Jesu. Voll des Heiligen Geistes kehrte Jesus vom Jordan zurück und wurde vom Geiste in der Wüste umhergeführt, vierzig Tage lang, und wurde vom Teufel versucht. Er aß nichts in jenen Tagen, und als sie vorüber waren, hungerte ihn. Da sprach der Teufel zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so befiehl diesem Stein, er solle Brot werden! Jesus entgegnete ihm: Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, [sondern von jeglichem Worte Gottes]. Dann führte er ihn hinauf und zeigte ihm alle Reiche des Erdkreises in einem Augenblick und sprach zu ihm: Ich will dir alle Macht und Herrlichkeit geben; mir ist sie ja übergeben, und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du mich anbetest, soll sie ganz dein eigen sein! Darauf entgegnete ihm Jesus: Es steht geschrieben: Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen. Hierauf führte er ihn nach Jerusalem, stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so stürze dich von hier hinab! 10 Es steht ja geschrieben: Er hat seinen Engeln deinetwegen befohlen, dich zu behüten. 11 Sie werden dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest (Ps 91, 11). Jesus entgegnete ihm: 12 Es ist gesagt: Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen (5 Mos 6 16). 13 Nachdem der Teufel mit all seinen Versuchungen zu Ende war, ließ er von ihm ab bis zu gelegener Zeit. 13: Dauernde Sicherheit vor teuflischen Anfechtungen gibt es hienieden nicht. 1-13. Vgl. Mt 4,1-11; Mk 1,12-13. Versucht zu werden, ist noch kein Zeichen mangelnden Wohlgefallens Gottes. Es gilt, den Versucher mit der festen Entschiedenheit und Ruhe abzuwehren, wie wir sie an Jesus bewundern.

 

Messianische Tätigkeit in Galiläa

 

Beginn der galiläischen Wirksamkeit

In der Vaterstadt. 14 In der Kraft des Geistes kehrte Jesus nach Galiläa zurück, und sein Ruf verbreitete sich in der ganzen Gegend. 15 Er lehrte in ihren Synagogen und wurde von allen gepriesen. 16 So kam er nach Nazareth, wo er aufgewachsen war. Nach seiner Gewohnheit ging er am Sabbat in die Synagoge und erhob sich, um vorzulesen. 16: Die Lesung mit Erklärung der Heiligen Schrift bildete einen Hauptteil des Synagogendienstes. War kein Priester da, so geschah sie durch Laien. 17 Da reichte man ihm das Buch des Propheten Isaias. Er öffnete das Buch und fand die Stelle, wo geschrieben steht:

 

18 Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich gesalbt hat, den Armen die Frohbotschaft zu bringen, hat er mich gesandt, [zu heilen, die zerknirschten Herzens sind,] den Gefangenen Befreiung und den Blinden das Augenlicht zu verkünden, die Niedergedrückten in die Freiheit zu entlassen, 19 das Gnadenjahr des Herrn [und den Tag der Vergeltung] zu verkünden (Is 61,1. 2). 20 Als er das Buch zusammengerollt hatte, gab er es dem Diener zurück und setzte sich. Aller Augen waren in der Synagoge auf ihn gerichtet. 21 Da begann er zu ihnen zu sprechen: Heute ist diese Schriftstelle vor euren Ohren in Erfüllung gegangen. 22 Alle stimmten ihm zu und wunderten sich über die anmutigen Worte, die aus seinem Munde flossen. Sie sagten: Ist das nicht der Sohn Josephs? 23 Er entgegnete: Ihr werdet mir freilich das Sprichwort entgegenhalten: Arzt, heile dich selbst! Tu auch hier in deiner Vaterstadt die großen Taten, die, wie wir hören, in Kapharnaum geschehen sind. 24 Dann fuhr er fort: Wahrlich, ich sage euch: Kein Prophet ist in seiner Vaterstadt willkommen. 25 Ich sage euch der Wahrheit gemäß: Viele Witwen lebten in den Tagen des Elias in Israel, als der Himmel drei Jahre und sechs Monate verschlossen und eine große Hungersnot im ganzen Lande entstanden war; 26 aber zu keiner von ihnen wurde Elias geschickt, sondern zu einer Witwe nach Sarepta im Sidonierland. 27 Ebenso gab es unter dem Propheten Elisäus viele Aussätzige in Israel, aber keiner von ihnen wurde gereinigt, sondern der Syrer Naaman. 28 Bei diesen Worten ergriff alle in der Synagoge eine Wut, 29 sie erhoben sich, stießen ihn zur Stadt hinaus und brachten ihn bis zum Rand des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, um ihn hinabzustürzen. 30 Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging fort. 23-30: Jesus macht ihnen klar, daß äußere Beziehungen zum Messias keinen Nutzen haben, sondern nur die Verantwortung vergrößern, wenn demütiger Glaube fehlt. Das verletzt ihren Lokalpatriotismus. Jesus bewahrt seine Landsleute gegen ihren Willen vor dem Verbrechen des Messiasmordes. 14-30: Vgl. Mt 4,12-17; 13,53-58; Mk 1,14-15; 6,1-6.

 

Heilung eines Besessenen. 31 Dann ging er zur Stadt Kapharnaum in Galiläa hinab und lehrte die Leute dort am Sabbat. 32 Sie erschraken über seine Lehre, denn sein Wort war mit Macht ausgerüstet. 33 In der Synagoge war ein Mann, der hatte den Geist eines unreinen Dämons. Dieser schrie laut auf: 34 Ha, was willst du mit uns, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, uns zu verderben? Ich weiß, wer du bist: Der Heilige Gottes. 35 Jesus gebot ihm streng: Schweig und fahr aus von ihm! Da schleuderte ihn der böse Geist mitten unter sie und fuhr aus, ohne ihm einen Schaden zuzufügen. 36 Da überfiel alle ein Schrecken, und sie sagten zueinander: Was ist doch das! Mit Macht und Kraft gebietet er den unreinen Geistern, und sie fahren aus! 37 Und die Kunde von ihm drang in jeden Ort der Umgegend. 31-37: Vgl. Mt 4,13-14; Mk 1,21-28.

 

Heilung der Schwiegermutter des Petrus. 38 Er verließ die Synagoge und ging in das Haus des Simon. Die Schwiegermutter des Simon war von dem großen Fieber befallen, und man bat ihn für sie. 39 Er trat zu ihren Häupten hin und gebot dem Fieber, und es verließ sie; sofort stand sie auf und bediente sie. 40 Nach Sonnenuntergang brachten alle, die Kranke mit allerlei Übeln hatten, dieselben zu ihm. Er aber legte jedem die Hände auf und machte alle gesund. 41 Aus vielen fuhren böse Geister aus, die schrien: Du bist der Sohn Gottes! Doch er drohte ihnen und ließ sie nicht reden; denn sie wußten, daß er der Messias sei. 42 Bei Tagesanbruch aber ging er fort und begab sich an einen einsamen Ort. Doch die Volksscharen suchten ihn und trafen ihn auch. Sie wollten ihn festhalten und nicht weiterziehen lassen. 43 Er aber entgegnete ihnen: Auch den anderen Städten muß ich die Frohbotschaft vom Reiche Gottes bringen. Denn dazu bin ich gesandt. 44 So predigte er denn in den Synagogen von Galiläa. 38-44: Vgl. Mt 8,14-17; Mk 1,29-39. 38: Lukas bezeichnet als Arzt die Krankheit genauer als Matthäus und Markus mit dem medizinischen Fachausdruck „das große Fieber“..

 

5 Der reiche Fischfang. Als die Volksscharen sich an ihn herandrängten, um das Wort Gottes zu hören, stand er am Ufer des Sees Genesareth. Da sah er zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer hatten sie verlassen und wuschen die Netze. Er stieg in eines von den Booten, das dem Simon gehörte, und bat ihn, etwas vom Land weg hinauszufahren. Er setzte sich nun und lehrte die Volksscharen vom Boot aus. Als er zu sprechen aufgehört hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus auf die hohe See und werfet eure Netze zum Fang aus! Da entgegnete Simon: Meister, die ganze Nacht haben wir gearbeitet und nichts gefangen. Aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Sie taten es und fingen eine große Menge Fische, so daß ihre Netze zu zerreißen drohten. Daher winkten sie ihren Genossen im andern Boot, sie möchten kommen und ihnen helfen. Diese kamen, und sie füllten beide Boote, so daß sie fast versanken. Als Simon Petrus dies sah, fiel er vor Jesus auf die Knie und sprach: Herr, geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch! Denn Staunen hatte ihn und alle seine Genossen ergriffen wegen des Fischfangs, den sie gemacht hatten, 10 ebenso den Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, welche die Genossen Simons waren. Jesus aber sagte zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an sollst du Menschenfischer sein! 11 Sie brachten die Boote ans Land, verließen alles und folgten ihm nach. 1-11: Vgl. Mt 4,18-22; Mk 1,16-20. Nur Lukas berichtet die Berufung der Apostel im Zusammenhang mit dem ersten wunderbaren Fischfang. Das Schiff des Petrus ist ein Bild der Kirche.

 

Erste Widerstände

Heilung eines Aussätzigen. 12 Und es geschah, als er in einer der Städte weilte, da war dort ein Mann voller Aussatz. Als er aber Jesus sah, fiel er auf sein Antlitz nieder und bat ihn: Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen. 13 Er streckte die Hand aus, berührte ihn und sprach: Ich will, sei rein! Sogleich wich der Aussatz von ihm. 14 Er gebot ihm, niemand etwas zu sagen, sondern: Geh hin, zeige dich dem Priester und bringe für deine Reinigung das von Moses vorgeschriebene Opfer dar, ihnen zum Zeugnisse. 14: Ehe ein geheilter Aussätziger für rein galt, mußte ein Priester ihm ein amtliches Zeugnis ausstellen, und der Geheilte hatte ein Opfer darzubringen. 15 Aber die Kunde von ihm breitete sich um so mehr aus. Große Volksscharen strömten zusammen, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden. 16 Er aber hielt sich zurückgezogen an einsamen Orten auf und betete. 12-16: Vgl. Mt 8,1-4; Mk 1,40-45.

 

Heilung eines Gelähmten. 17 Und es begab sich, als er eines Tages lehrte, waren Pharisäer und Gesetzeslehrer zugegen, die aus allen Dörfern von Galiläa, Judäa und aus Jerusalem gekommen waren. Und die Kraft des Herrn war in ihm wirksam zum Heilen. 18 Da brachten Männer auf einem Bett einen Menschen, der gelähmt war, sie suchten ihn hineinzubringen und vor ihn hinzulegen. 19 Da es ihnen aber wegen der Menschenmenge nicht gelingen wollte, ihn hineinzubringen, stiegen sie auf das Dach und ließen ihn zwischen den Ziegeln mit dem Bett hinunter gerade vor Jesus hin. 20 Als er ihren Glauben sah, sprach er: Mensch, deine Sünden sind dir vergeben. 21 Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber machten sich darüber Gedanken: Wer ist dieser, der da Gotteslästerungen ausspricht? Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 22 Jesus aber kannte ihre Gedanken und gab ihnen zur Antwort: Was macht ihr euch Gedanken in euren Herzen? 23 Was ist leichter zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben, oder zu sagen: Steh auf und wandle? 24 Damit ihr aber erkennet, daß der Menschensohn Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben, — nun sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause! 25 Sofort erhob er sich vor ihnen, nahm [das Bett], auf dem er gelegen hatte, und ging, Gott preisend, nach Hause. 26 Da gerieten alle außer sich, und sie priesen Gott. Voll Furcht sagten sie: Wir haben heute unglaubliche Dinge gesehen. 17-26: Vgl. Mt 9,1-8; Mk 2,1-12. Jesus legt hier ein klares Selbstzeugnis für seine Gottessohnschaft ab. Das Bett des Kranken war nur eine Matte oder Decke.

 

Berufung des Zöllners. 27 Hernach ging er hinaus und sah einen Zöllner namens Levi an der Zollstätte sitzen. Er sagte zu ihm: Folge mir! 28 Der stand auf, verließ alles und folgte ihm. 29 Levi veranstaltete ihm ein großes Gastmahl in seinem Haus. Eine große Menge Zöllner und andere Leute saßen mit ihnen zu Tische. 30 Hierüber murrten die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten, sie sagten zu seinen Jüngern: Warum eßt und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern? 31 Jesus entgegnete ihnen: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 32 Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Bekehrung.

 

Vom Fasten. 33 Sie aber sagten zu ihm: Die Jünger des Johannes fasten viel und verrichten Gebete, ebenso die der Pharisäer, während die deinigen essen und trinken. 34 Jesus entgegnete ihnen: Könnt ihr die Hochzeitsgäste zum Fasten anhalten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? 35 Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten — in jenen Tagen. 34-35: Jesus ist der Bräutigam, die erlöste Menschheit seine Braut. Die Zeit seines Erdenlebens war das frohe Hochzeitsfest; da war kein Trauern und Fasten am Platze.

 

36 Er trug ihnen auch eine Gleichnisrede vor: Niemand schneidet einen Fleck von einem neuen Kleid und setzt ihn auf ein altes Kleid; er würde ja sonst das neue zerschneiden, und der Fleck vom neuen Kleid würde zum alten nicht passen. 37 Niemand gießt neuen Wein in alte Schläuche; sonst sprengt der neue Wein die Schläuche, er läuft aus, und die Schläuche gehen zugrunde. 38 Nein! Neuen Wein muß man in neue Schläuche füllen; [dann halten beide]. 39 Niemand, der alten Wein getrunken hat, will gleich neuen; denn er sagt: Der alte ist besser. 36-39: Die neue Religion Jesu läßt sich mit dem engherzigen Pharisäismus nicht vereinen; aber gütig zeigt Jesus Verständnis dafür, daß sich viele erst nach und nach an die neuen Formen gewöhnen können. 27-39: Vgl. Mt 9,9-17; Mk 2,13-22. Der Zöllner Levi ist der Apostel und Evangelist Matthäus.

 

6 Sabbatheiligung. Am [zweitersten] Sabbat ging er durch Getreidefelder; seine Jünger pflückten Ähren ab, zerrieben sie mit den Händen und aßen sie. 1: Wahrscheinlich lautete der Text ursprünglich nur: „An einem Sabbat“. Der sonst nicht nachweisbare Ausdruck „zweiterster Sabbat“ könnte den ersten Sabbat nach dem in die Osterwoche fallenden Sabbat, also den zweiten zwischen Ostern und Pfingsten bezeichnen. Einige Pharisäer sagten zu ihnen: Warum tut ihr, was man am Sabbat nicht tun darf? Jesus entgegnete ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als ihn und seine Gefährten hungerte? Wie er in das Haus Gottes ging, die Schaubrote nahm und aß und seinen Gefährten gab? Die darf aber niemand essen als allein die Priester (3 Mos 24, 9). Er sagte ihnen: Herr ist der Menschensohn auch über den Sabbat. An einem andern Sabbat aber geschah es, daß er in die Synagoge ging und lehrte. Dort war ein Mann, dessen rechte Hand verdorrt war. 6: Lukas allein nennt die rechte Hand. Als Arzt ist ihm das nicht bedeutungslos. Die Schriftgelehrten und Pharisäer aber gaben acht, ob er am Sabbat heilen werde, um einen Grund zu einer Anklage gegen ihn zu finden. Doch er kannte ihre Gedanken und sagte zu dem Manne mit der verdorrten Hand: Auf, stelle dich in die Mitte hier! Er stand auf und stellte sich dahin. Jesus sagte nun zu ihnen: Ich frage euch: Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder zu verderben? 10 Er blickte sie alle ringsum an; dann sagte er zu ihm: Strecke deine Hand aus! Er tat es, und seine Hand ward wiederhergestellt. 11 Sie aber wurden von blinder Wut erfüllt und besprachen sich miteinander, was sie Jesus antun wollten. 1-11: Vgl. Mt 12,1-14; Mk 2,23-3,6..

 

Apostelwahl und Bergpredigt

Wahl der Apostel. 12 Es geschah aber in jenen Tagen, daß er fortging auf den Berg, um zu beten, und er verbrachte die ganze Nacht im Gebete zu Gott. 13 Nach Tagesanbruch rief er seine Jünger zu sich und wählte zwölf von ihnen aus, die er auch Apostel nannte, 14 nämlich Simon, den er Petrus nannte, und seinen Bruder Andreas, Jakobus und Johannes, Philippus und Bartholomäus, 15 Matthäus und Thomas, Jakobus, des Alphäus Sohn, und Simon mit dem Beinamen Eiferer, 16 Judas, des Jakobus Bruder, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde. 12-16: Vgl. Mt 10,1-4; Mk 3,13-19.

 

17 Er stieg mit ihnen nun hinab und blieb auf einem ebenen Platze stehen; bei ihm war eine große Schar seiner Jünger und eine große Volksmenge aus ganz Judäa, Jerusalem und dem Küstenland von Tyrus und Sidon; 18 diese Leute waren gekommen, ihn zu hören und sich von ihren Krankheiten heilen zu lassen. Auch die von unreinen Geistern Geplagten wurden geheilt. 19 Und das ganze Volk suchte ihn zu berühren, denn eine Kraft ging von ihm aus, die alle heilte.

 

Seligpreisungen. 20 Er aber richtete seine Augen auf seine Jünger und sprach:

Selig ihr Armen, denn euer ist das Gottesreich! 21 Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden! Selig, die ihr jetzt weinet, denn ihr werdet lachen! 22 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen, ausstoßen, schmähen, euch um euren guten Namen bringen um des Menschensohnes willen! 23 Freut euch an jenem Tage und frohlocket! Denn sehet, euer Lohn ist groß im Himmel! Ihre Väter haben es ja den Propheten ebenso gemacht.

 

Weherufe. 24 Wehe dagegen euch Reichen, denn ihr habt euren Trost schon empfangen! 24: Nur jene Reichen trifft das Wehe, die im Reichtum ihr Genüge, „ihren Trost“ haben und nach nichts Höherem verlangen. 25 Wehe euch, die ihr jetzt satt seid, denn ihr werdet hungern! Wehe euch, die ihr jetzt lachet; denn ihr werdet trauern und weinen! 25: Nicht dem Frohsinn gilt das Wehe, sondern der frivolen Ausgelassenheit. 26 Wehe, wenn euch alle Menschen schöntun! Ihre Väter haben es ja den falschen Propheten ebenso gemacht.

 

Feindesliebe. 27 Aber euch, die ihr zuhöret, sage ich: Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen! 28 Segnet die, welche euch fluchen, betet für die, welche euch beschimpfen! 29 Schlägt dich einer auf die eine Wange, so halte ihm auch die andere hin; nimmt dir einer den Mantel weg, so verweigere ihm auch den Leib­rock nicht. 30 Jedem, der dich bittet, gib und fordere von dem nichts zurück, der dir das Deinige wegnimmt! 31 Wie ihr wollt, daß euch die Menschen tun, so tut auch ihr ihnen! 32 Wenn ihr die liebt, welche euch lieben, welchen Dank habt ihr da zu erwarten? Lieben doch auch die Sünder die, welche sie lieben. 33 Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank verdient ihr? Tun dies ja doch auch die Sünder! 34 Und leiht ihr denen, von welchen ihr das Geliehene wieder zu erhalten hofft, welchen Dank wollt ihr dafür erwarten? Leihen doch auch Sünder den andern Sündern, um die gleiche Summe wieder zu erhalten. 35 Liebt vielmehr eure Feinde; tut Gutes und leiht ohne Hoffnung auf Wiederersatz! Dann wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Höchsten sein, der gütig ist gegen Undankbare und Böse. 36 Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist! 36: Im Vergleich mit Mt 5,48 beweist dieser Satz, daß nur jener vollkommen ist, der barmherzig ist. 37 Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet werden! Verdammet nicht, so werdet ihr nicht verdammt werden! Vergebt, so wird euch vergeben werden! 38 Gebt, und es wird euch gegeben werden! Ein gutes, eingedrücktes, gerütteltes und übervolles Maß wird man euch in euren Schoß geben. Denn mit demselben Maß, mit dem ihr messet, wird euch wieder gemessen werden. 38: Mit „Schoß“ ist der über dem Gürtel gebildete weite Bausch des Kleides gemeint, der als Tasche diente. 27-38: Christus will die Buchstabenmoral der Pharisäer nicht durch eine andere Buchstabenmoral ersetzen. In seinem Reiche ist nicht starres Recht, sondern hingebende Liebe oberstes Gesetz. Der Selbstsucht stellt er die Selbstlosigkeit gegenüber. Unrecht und Gewalt hat er nie gutgeheißen. Von einem Christen muß höhere Opferbereitschaft gefordert werden als von einem Ungläubigen.

 

Demütige Selbstprüfung. 39 Er trug ihnen auch eine Gleichnisrede vor: Kann wohl ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in die Grube fallen? 40 Der Schüler steht nicht über dem Lehrer; ist er ganz ausgebildet, so gleicht er seinem Lehrer. 41 Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem Auge beachtest du nicht? 42 Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, laß mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann magst du sehen, wie du den Splitter aus dem Auge deines Bruders herausbringst! 43 Kein guter Baum trägt schlechte Frucht, und kein schlechter Baum trägt gute Frucht. 44 Ein jeglicher Baum wird an seiner Frucht erkannt. Denn von Disteln sammelt man keine Feigen, noch bricht man vom Dornbusch eine Traube. 45 Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatze seines Herzen Gutes hervor, der böse Mensch dagegen bringt aus dem bösen Böses hervor. Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund. 43-45: Wer im Gnadenstande lebt und die Gottesliebe zur Grundhaltung seiner Seele macht, dessen Werke sind von selbst übernatürlich gute Früchte: „Liebe Gott, dann tue, was du willst!“

 

Gleichnis vom Hausbau. 46 Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut doch nicht, was ich sage? 47 Ich will euch zeigen, wem der gleicht, der zu mir kommt, meine Worte hört und danach tut: 48 Er gleicht einem Mann, der beim Hausbau tief grub und das Fundament auf den Felsen legte. Da die Überschwemmung kam, prallte die Strömung an jenes Haus, konnte es aber nicht erschüttern; denn es war ausgezeichnet gebaut. 49 Wer dagegen hört und nicht befolgt, gleicht einem Mann, der sein Haus ohne Fundament auf den Boden hinstellte; die Strömung prallte dagegen an, und es fiel sofort ein, und der Einsturz jenes Hauses war gewaltig. 46-49: Christentum ist die Religion des im Werk lebendigen Christusglaubens. Sich um Christi Gesetz nicht kümmern, ist niemals „positives Christentum“. 17-49: Vgl. Mt 5,1-7, 29. Nicht bis in die Ebene, sondern bis zu einem Sattel am Berg stieg Jesus hinab. Also berichtet auch Lukas eine Bergpredigt Jesu, und zwar dieselbe wie Matthäus, aber unter Fortlassung der vor allem für die Juden bestimmten Redeteile.

 

Nach der Apostelwahl

7 Der Hauptmann von Kapharnaum. Als er all seine Worte vor den Ohren des Volkes vollendet hatte, ging er nach Kapharnaum hinein. Der Knecht eines Hauptmannes lag todkrank darnieder; er war diesem lieb und wert. Da er von Jesus gehört hatte, sandte er zu ihm Älteste der Juden mit der Bitte, er möge kommen und seinen Knecht gesund machen Als diese zu Jesus gekommen waren, baten sie ihn inständig mit den Worten: Er verdient es, daß du ihm dies gewährst; denn er liebt unser Volk und hat uns sogar die Synagoge gebaut. Jesus ging mit ihnen. Als er nicht mehr weit vom Hause weg war, ließ ihm der Hauptmann durch Freunde sagen: Herr, bemühe dich nicht! denn ich bin nicht würdig, daß du unter mein Dach eingehst. Ich habe mich deshalb auch nicht selber für würdig erachtet, zu dir zu kommen. Doch sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird gesund. Auch ich bin ja ein Mann, der einer Kommandogewalt unterstellt ist, und habe Soldaten unter mir; sage ich einem: Geh, so geht er, und einem andern: Komm, so kommt er, und meinem Knecht: Tu das, so tut er's. Als Jesus das hörte, verwunderte er sich über ihn und wandte sich zu der ihm folgenden Menge mit den Worten: [Wahrlich], ich sage euch: So großen Glauben habe ich nicht einmal in Israel gefunden. 10 Nach ihrer Rückkehr in das Haus trafen die Boten den Knecht, [der krank gewesen war], gesund an. 1-10: Vgl. Mt 8,5-13. Der Hauptmann stand als Heide im Dienst des Herodes Antipas, war also kein „römischer Hauptmann“.

 

Erweckung des Jünglings von Naim. 11 In der Folgezeit geschah es, daß er sich in eine Stadt mit dem Namen Naim begab. Seine Jünger und viel Volk begleiteten ihn. 12 Als er sich dem Stadttor näherte, siehe, da trug man gerade einen Toten heraus, den einzigen Sohn seiner Mutter, die Witwe war; viel Volk aus der Stadt begleitete sie. 13 Als der Herr sie sah, empfand er Mitleid mit ihr und sprach zu ihr: Weine nicht! 14 Dann trat er hinzu und berührte die Bahre. Die Träger aber blieben stehen. Da sprach er: Jüngling, ich sage dir, steh auf! 15 Der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und er gab ihn seiner Mutter. 16 Alle ergriff Furcht, sie priesen Gott und sagten: Ein großer Prophet ist unter uns aufgetreten; und: Gott hat sein Volk heimgesucht. 17 Die Kunde über ihn verbreitete sich im ganzen Judenlande und in der ganzen Umgegend. 11-17: Nur Lukas erzählt dieses ergreifende Wunderwerk erbarmender Heilandsliebe.

 

Die Frage des Täufers. 18 Dem Johannes berichteten seine Jünger von all diesen Begebenheiten. Johannes ließ zwei von seinen Jüngern zu sich kommen 19 und sandte sie zu Jesus mit der Frage: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? 20 Als die Männer bei ihm eintrafen, sagten sie: Johannes der Täufer hat uns zu dir gesandt und läßt fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? 21 Eben damals heilte er viele von Krankheiten, Gebrechen und bösen Geistern und schenkte vielen Blinden das Augenlicht. 22 Er gab ihnen zur Antwort: Geht hin und meldet dem Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird die frohe Botschaft verkündigt; 23 und selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt. 24 Als aber die Boten des Johannes sich entfernt hatten, begann er über Johannes zu den Volksscharen zu reden: Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen zu sehen? Ein Schilfrohr, das vom Wind hin und her bewegt wird? 25 Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Menschen mit weichlichen Kleidern angetan? Seht, die da prächtige Kleider tragen und üppig leben, wohnen in Königspalästen. 18-25: Vgl. Mt 11,2-19. Auch im Kerker wirkt Johannes als Wegbereiter des Messias. Jesus läßt die Tatsachen sprechen, in denen sich prophetische Weissagungen an ihm erfüllen. Demütiger Glaube bekennt ihn als den ersehnten Erlöser. Stolze Nörgelsucht findet stets Scheingründe zum Anstoßnehmen. 26 Aber was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Propheten? Wahrlich, ich sage euch: Mehr als einen Propheten. 27 Er ist es, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll (Mal 3, 1). 28 Ich sage euch: Unter den vom Weibe Geborenen gibt es keinen größeren [Propheten] als Johannes [den Täufer], und doch ist der Geringste im Reich Gottes größer als er. 28: Als Gotteskind zum Reiche Christi zu gehören, ist höhere Gnade, als der größte Prophet des Alten Bundes zu sein. 29 Das ganze Volk, das zuhörte, und die Zöllner gaben Gott die Ehre und empfingen die Taufe des Johannes. 30 Die Pharisäer und Schriftgelehrten aber verwarfen den Ratschluß Gottes, der ihnen galt, und ließen sich nicht von ihm taufen.

 

Gleichnis von den spielenden Kindern. 31 [Der Herr aber sprach:] Mit wem soll ich die Menschen dieses Geschlechtes vergleichen? Wem sind sie ähnlich? 32 Sie gleichen Kindern, die auf dem Markte sitzen und einander die Worte zurufen: Wir haben euch auf der Flöte vorgeblasen, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint. 33 Denn Johannes der Täufer trat auf, aß kein Brot und trank keinen Wein. Da saget ihr: Er hat einen bösen Geist. 34 Es kam der Menschensohn, er ißt und trinkt, und ihr saget: Sehet den Schlemmer und Weinsäufer, den Freund der Zöllner und Sünder. 35 Aber die Weisheit war als gerecht erkannt von all ihren Kindern. 31-35: Niemand kann es dem recht machen, der nur nach Laune und Vorurteil sein Verhalten einrichtet. Jesus Vorbild ist so anziehend, weil er alles Absonderliche vermied und in allem nur Gottes Ehre suchte. Das ist echte Lebensweisheit.

 

Die Salbung durch die Sünderin. 36 Einer von den Pharisäern lud Jesus zum Mahle ein. Er ging in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tische. 37 Und siehe, eine Frau lebte in der Stadt, eine Sünderin; sie erfuhr, daß er im Hause des Pharisäers zu Tische sitze. Da brachte sie ein Alabastergefäß mit Salböl, 38 trat von hinten weinend zu seinen Füßen hinzu, begann seine Füße mit ihren Tränen zu benetzen, trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes, küßte seine Füße und salbte sie mit dem Öl. 39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er bei sich: Wenn dieser ein Prophet wäre, wüßte er wahrhaftig, wer und welcher Art die Frau ist, die ihn anrührt, daß sie eine Sünderin ist. 40 Da redete ihn Jesus also an: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Der aber antwortete: Sprich, Meister! 41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner; der eine schuldete ihm fünfhundert Denare der andere fünfzig. 42 Da sie nicht bezahlen konnten, schenkte er beiden die Schuld. Welcher wird ihn nun mehr lieben? 43 Simon antwortete: Ich denke der, dem er mehr geschenkt hat. Er aber sagte zu ihm: Du hast recht geurteilt. 44 Dann sagte er, der Frau zugewandt, zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich kam in dein Haus, du gabst mir kein Wasser für die Füße. Sie aber benetzte meine Füße mit ihren Tränen und trocknete sie mit ihren Haaren. 45 Du gabst mir keinen Kuß, sie aber küßte, seitdem ich eingetreten bin, unablässig meine Füße. 46 Du salbtest mein Haupt nicht mit Öl, sie aber salbte meine Füße mit Salböl. 47 Deswegen, sage ich dir, werden ihr viele Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt auch wenig. 48 Dann sprach er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben. 49 Da begannen die Tischgenossen bei sich zu denken: Wer ist dieser, daß er sogar Sünden vergibt? 50 Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen, gehe hin im Frieden! 36-50: Dieses ergreifende Zeugnis für Jesu Heilandsliebe gehört zum Sondergut des Lukasevangeliums. Nirgendwo im Neuen Testament wird diese namenlose Sünderin mit Maria Magdalena oder mit Maria von Bethanien verwechselt.

 

Jüngerunterweisung

8 Die Getreuen des Herrn. Und es geschah in der Folgezeit, da zog Jesus von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf, predigte und verkündete die Frohbotschaft vom Reiche Gottes. Bei ihm waren die Zwölf und etliche Frauen, die von bösen Geistern und Krankheiten geheilt worden waren: Maria mit dem Zunamen Magdalene, von der sieben böse Geister ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chusa, eines Verwalters des Herodes, Susanna und viele andere, die ihnen mit ihrem Vermögen dienten. 1-3: Zum ständigen Gefolge gehörten nicht bloß Männer, sondern auch Frauen; sie sind die Führerinnen des christlichen Frauenapostolats geworden.

 

Das Gleichnis vom Sämann. Als aber eine große Volksmenge zusammenkam und die Leute aus allen Städten ihm zuströmten, sprach er im Gleichnis: Ein Sämann ging aus, seinen Samen zu säen. Da er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel des Himmels fraßen es auf. Anderes fiel auf den Felsen, ging auf und verdorrte, da es keine Feuchtigkeit hatte. Anderes fiel mitten unter die Dornen; die Dornen wuchsen mit auf und erstickten es. Anderes endlich fiel auf gutes Erdreich; es ging auf und brachte hundertfältige Frucht. Bei diesen Worten rief er aus: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Seine Jünger aber fragten ihn, was dieses Gleichnis bedeute. 10 Er erwiderte ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, zu den übrigen muß man in Gleichnissen reden, damit sie sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen. 11 Dieses Gleichnis will folgendes besagen: Der Same ist das Wort Gottes. 12 Die am Wege sind die, welche es hören, dann aber kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und gerettet werden. 13 Die auf dem Felsen hören das Wort und nehmen es mit Freuden auf. Allein diese haben keine Wurzel; eine Zeitlang glauben sie, zur Zeit der Versuchung aber fallen sie ab. 14 Was unter die Dornen fällt, bedeutet jene, die zwar hören, aber dann hingehen und es in den Sorgen, dem Reichtum und den Genüssen des Lebens ersticken lassen und keine reife Frucht bringen; 15 Was aber auf gutes Erdreich fällt, bedeutet die, welche das Wort hören und es in einem guten und redlichen Herzen bewahren und Frucht bringen in Beharrlichkeit.

 

Sinnsprüche über die Jüngeraufgabe. 16 Niemand zündet ein Licht an und bedeckt es dann mit einem Gefäß oder stellt es unter das Bett, sondern er stellt es auf einen Leuchter, damit die Eintretenden das Licht sehen. 4-16: Vgl. Mt 13,1-23; Mk 4,1-20. 17 Nichts ist ja verborgen, was nicht offenkundig, nichts geheim, was nicht bekannt wird und an den Tag kommt. 18 Gebt also acht, wie ihr hört! Wer etwas hat, dem wird gegeben werden; wer aber nichts hat, dem wird auch, was er zu haben meint, genommen werden. 18: Echte Tugend wächst, eingebildete vergeht. 16-18: Vgl. Mk 4,21-25.

 

Jesu Mutter und Verwandte. 19 Seine Mutter und seine Brüder kamen zu ihm, konnten aber wegen der Volksmenge nicht zu ihm gelangen. 20 Man meldete ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. 21 Er aber entgegnete ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, welche das Wort Gottes hören und es befolgen. 19-21: Vgl. Mt 12,46-50; Mk 3,31-35. Jesus hat nie seine Mutter verleugnet. Diese demütige Magd des Herrn gehörte ja mehr als irgend jemand zu denen, die Gottes Wort hören und es befolgen. Jesus will seiner Umgebung zeigen, daß auch die innigsten Bande des Blutes ihn keinen Augenblick von seiner messianischen Berufsarbeit fortzuziehen vermögen.

 

Stillung des Seesturms. 22 Eines Tages bestieg er mit seinen Jüngern ein Schifflein und sagte zu ihnen: Wir wollen an das jenseitige Ufer des Sees hinüberfahren. Sie stießen ab, 23 und während sie dahinfuhren, schlief er ein. Da ging ein Sturmwind auf den See nieder, und sie bekamen ihr Schiff voll Wasser und gerieten in Gefahr. 24 Da traten sie zu ihm hin und weckten ihn mit den Worten: Meister, Meister, wir gehen unter. Er erhob sich und gebot dem Winde und dem tobenden Wasser; sie legten sich, und es wurde still. 25 Dann sagte er zu ihnen: Wo ist euer Glaube? Voll Furcht und Staunen sagten sie zueinander: Wer ist wohl der, daß er sogar den Winden und dem Wasser gebietet, so daß sie ihm gehorchen? 22-25: Vgl. Mt 8,18. 23-27; Mk 4,35-41. Der vor übergroßer Müdigkeit im tobenden Sturm schlafende Gottessohn ist ein herrliches Bild echter Menschlichkeit und übermenschlicher Sicherheit.

 

Der Besessene von Gerasa. 26 Sie fuhren nach dem Gebiet der Gerasener, das Galiläa gegenüber liegt. 27 Als er ans Land gegangen war, kam ihm ein Mann entgegen, der böse Geister hatte; er trug schon seit langer Zeit keine Kleidung und blieb in keinem Hause, sondern hielt sich in den Grabhöhlen auf. 28 Sobald er Jesus sah, schrie er auf, fiel vor ihm nieder und rief mit lauter Stimme: Was willst du von mir, Jesus, Sohn Gottes, des Allerhöchsten? Ich bitte dich, quäle mich nicht! 29 Er hatte nämlich dem unreinen Geist befohlen, von dem Menschen auszufahren. Schon seit langem hatte jener ihn in seiner Gewalt, und obwohl er mit Ketten und Fesseln gebunden und bewacht worden war, hatte er die Bande zerrissen und war vom bösen Geiste in die Wüste getrieben worden. 30 Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Jener sagte: Legion; denn viele böse Geister waren in ihn gefahren. 31 Sie baten ihn, er möge ihnen nicht befehlen, in den Abgrund zu fahren. 32 Es war aber dort auf dem Berge eine Herde von zahlreichen Schweinen am Weiden; sie baten ihn nun, er möchte ihnen erlauben, in jene zu fahren. Er gestattete es ihnen. 33 Die bösen Geister fuhren also aus dem Manne aus und fuhren in die Schweine. Die Herde aber stürmte den Abhang hinab in den See und ertrank. 34 Als die Hirten sahen, was geschehen war, flohen sie und meldeten es in der Stadt und auf den Höfen. 33-34: Als Herr über alles darf Jesus zur deutlicheren Offenbarung seiner Macht den materiellen Schaden zulassen. 35 Da gingen die Leute hinaus, um zu sehen, was vorgefallen war, und kamen zu Jesus. Sie fanden den Mann, aus dem die bösen Geister ausgefahren waren, wie er zu den Füßen Jesu saß, bekleidet und bei gesundem Verstand, und sie fürchteten sich. 36 Die Augenzeugen erzählten ihnen nun, wie der Besessene [von der Legion] geheilt worden sei. 37 Da bat ihn (Jesus) die ganze Bevölkerung des Gebietes der Gerasener, er möge sie verlassen, denn sie waren von großer Furcht erfaßt. Er aber bestieg das Schiff und kehrte zurück. 37: Diese Gerasener sind der Typ jener Menschen, deren ganze Sorge sich um Vergängliches dreht, die lieber auf die Gegenwart des größten Wundertäters verzichten, als daß sie ein paar Schweine hergeben. 38 Der Mann aber, von dem die bösen Geister ausgefahren waren, bat ihn um die Erlaubnis, ihn begleiten zu dürfen. Doch er schickte ihn weg mit den Worten: 39 Kehre in dein Haus zurück und erzähle, was Gott Großes an dir getan hat! Er ging fort und verkündete in der ganzen Stadt, was Jesus Großes an ihm getan habe. 26-39: Vgl. Mt 8,28-34; Mk 5,1-20.

 

Die Tochter des Jairus und die blutflüssige Frau. 40 Bei seiner Rückkunft empfing das Volk Jesus, denn sie hatten ihn alle erwartet. 41 Und siehe, da kam ein Mann namens Jairus, ein Synagogenvorsteher. Er fiel Jesus zu Füßen und bat ihn, er möge in sein Haus kommen. 42 Er hatte nämlich eine einzige Tochter von etwa zwölf Jahren, und die lag im Sterben. Während er hinging, umdrängten ihn die Volksscharen. 43 Da trat von rückwärts eine Frau herzu, die seit zwölf Jahren an Blutfluß litt und schon ihr ganzes Vermögen an die Ärzte ausgegeben hatte, ohne von einem geheilt worden zu sein. 43: Als Arzt sagt Lukas nicht, daß die Kranke unter seinen Kollegen viel ausgestanden habe, daß es aber nur noch schlimmer mit ihr geworden sei, wie Markus berichtet. 44 Sie berührte die Quaste seines Kleides, und alsbald hörte der Blutfluß auf. 45 Jesus sagte: Wer hat mich berührt? Da alle es verneinten, sagten Petrus [und seine Gefährten]: Meister, die Volksscharen umgeben und umdrängen dich; [wie kannst du fragen: Wer hat mich berührt?] 46 Jesus aber erwiderte: Es hat mich jemand angerührt. Denn ich spürte, daß eine Kraft von mir ausgegangen ist. 47 Als nun die Frau sah, daß sie nicht verborgen geblieben war, kam sie zitternd herbei, fiel ihm zu Füßen und sprach es vor allem Volke aus, warum sie ihn berührt habe und wie sie sogleich geheilt worden sei. 48 Er aber sprach zu ihr: Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden!

 

49 Noch sprach er, da kam jemand vom Synagogenvorsteher mit der Meldung: Deine Tochter ist gestorben, sei dem Meister nicht mehr lästig! 50 Jesus hörte dies und sagte zu ihm: Du brauchst nicht bange zu sein! Glaube nur, und sie wird gesund! 51 Als er beim Haus angelangt war, ließ er nur den Petrus, den Johannes und Jakobus sowie den Vater und die Mutter des Mädchens mit hineingehen. 52 Alles weinte und klagte um das Mädchen. Er aber sprach: Weinet nicht, das Mädchen ist nicht tot, es schläft nur! 53 Da verlachten sie ihn, weil sie wohl wußten, daß es gestorben war. 54 Er aber faßte es an der Hand und rief: Mädchen steh auf! 55 Da kehrte sein Geist zurück, und es stand sogleich auf, dann ließ er ihm zu essen geben. 56 Seine Eltern waren außer sich; er verbot ihnen, von dem Geschehenen jemand etwas zu sagen. 40-56: Vgl. Mt 9,18-26; Mk 5,21-43. Nur der feinfühlende dritte Evangelist erwähnt, daß es sich um die einzige Tochter handelte.

 

9 Aussendung der Apostel. Er rief die Zwölf [Apostel] zusammen und gab ihnen Macht über alle bösen Geister und Gewalt, Krankheiten zu heilen. Dann sandte er sie aus, das Reich Gottes zu verkünden und die Kranken zu heilen. Er sprach zu ihnen: Nehmet nichts mit auf den Weg, keinen Stab und keine Tasche, kein Brot und kein Geld. Auch sollt ihr nicht zwei Röcke haben! Wenn ihr in ein Haus kommt, so bleibet dort, bis ihr von da fortzieht! Und überall, wo man euch nicht aufnimmt, da verlaßt die Stadt und schüttelt [sogar] den Staub von euren Füßen zum Zeugnis gegen sie. Sie zogen also aus, gingen von Dorf zu Dorf, verkündeten überall die Frohbotschaft und heilten. 1-6: Vgl. Mt 10,1. 5-15; Mk 6,7-13. Unbelastet von allem Entbehrlichen sollen die Apostel ihrem Berufe dienen. Wer sie abweist, verwirkt sein Heil.

 

Furcht des Herodes vor Jesus. Auch der Vierfürst Herodes hörte von all diesen Vorgängen und geriet in Unruhe, weil einige sagten: Johannes ist von den Toten auferstanden; andere aber: Elias ist erschienen, wieder andere: Einer von den alten Propheten ist auferstanden. Herodes aber sagte: Den Johannes habe ich doch enthaupten lassen. Wer ist aber der, von dem ich solche Dinge höre? So hatte er den Wunsch, ihn zu sehen. 7-9: Vgl. Mt 14,1-2; Mk 6,14-16. Den fehlenden Glauben ersetzt meist törichter Aberglaube, besonders bei schlechtem Gewissen.

 

Brotvermehrung. 10 Die Apostel kehrten zurück und erzählten ihm alles, was sie getan hatten. Da nahm er sie mit und zog sich, um allein zu sein, zurück in eine Stadt namens Bethsaida. 11 Als die Volksscharen dies erfuhren, folgten sie ihm. Er nahm sie an, redete zu ihnen vom Reich Gottes, und die der Heilung Bedürftigen machte er gesund. 12 Schon neigte sich aber der Tag; da traten die Zwölf zu ihm und sagten: Laß die Menge ziehen; sie sollen in die umliegenden Dörfer und Höfe gehen, um Obdach und Nahrung zu finden. Denn hier sind wir in der Einöde. 13 Er entgegnete ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische. Wir müßten sonst etwa hingehen und für diese ganze Menge Nahrungsmittel kaufen. 14 Es waren nämlich ungefähr fünftausend Männer. Da sagte er zu seinen Jüngern: Laßt sie sich in Gruppen zu je etwa fünfzig lagern. 15 Sie machten es so und ließen alle sich lagern. 16 Er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte gegen den Himmel, segnete und brach sie und übergab sie den Jüngern, damit diese sie den Volksscharen vorlegten. 17 Alle aßen und wurden satt. Ja man hob noch an übriggebliebenen Brocken zwölf Körbe voll auf. 10-17 Vgl. Mt 14,13-21; Mk 6,31-44; Jo 6,1-15.

 

Bekenntnis des Petrus. 18 Und es geschah, als er einmal allein betete und nur die Jünger um ihn waren, fragte er sie: Für wen halten mich die Volksscharen? 19 Sie antworteten: Für Johannes den Täufer, andere für Elias, andere glauben, es sei einer von den alten Propheten auferstanden. 20 Er fragte weiter: Für wen haltet aber ihr mich? Petrus gab zur Antwort: Für den Gesalbten Gottes. 21 Er verbot ihnen jedoch strenge, das irgend jemand zu sagen. 21: Messias, Christus und Gesalbter bedeutet dasselbe. Das Schweigegebot war nötig, solange das Volk an seinen falschen Messias­erwartungen festhielt.

 

Leidensweissagung. 22 Denn, sprach er, der Menschensohn muß vieles leiden, von den Ältesten, den Oberpriestern und Schriftgelehrten verworfen und getötet werden, aber am dritten Tage auferstehen.

 

Kreuzweg der Jünger. 23 Zu allen aber sagte er: Will mir jemand nachfolgen, so verleugne er sich selbst und nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir. 23: Der Selbstsucht ein für allemal den Kampf ansagen und nicht nur gelegentlich ein, sondern Tag für Tag sein Kreuz auf sich nehmen, bedeutet Christusnachfolge. Es gilt, hienieden alles einzusetzen, um alles zu gewinnen, wenn der göttliche Richter zur großen Entscheidung erscheint. 24 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren, und wer sein Leben um meinetwegen verliert, wird es retten. 25 Denn was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, sich selber aber verliert oder zugrunde geht? 26 Denn wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich der Menschensohn schämen, wenn er in seiner und des Vaters und der heiligen Engel Herrlichkeit kommt. 27 In Wahrheit sage ich euch: Einige von denen, die hier stehen, werden den Tod nicht kosten, bis sie das Reich Gottes sehen! 27: Das Reich Gottes, d. h. die Kirche, trat schon am Pfingstfest herrlich in Erscheinung. 18-27: Vgl. Mt 16,13-28; Mk 8,27-9,1.

 

Verklärung Jesu. 28 Es geschah aber etwa acht Tage nach diesen Reden, da nahm er Petrus, Jakobus und Johannes mit und stieg auf den Berg, um zu beten. 29 Während des Gebetes veränderte sich das Aussehen seines Antlitzes, und sein Gewand wurde glänzend weiß. 30 Und siehe, es redeten zwei Männer mit ihm, Moses und Elias; 31 sie erschienen in Herrlichkeit und sprachen von seinem Ende, das er in Jerusalem finden sollte. 32 Petrus aber und seine Gefährten waren vom Schlafe übermannt; als sie erwachten, sahen sie seine Herrlichkeit und die beiden Männer bei ihm. 33 Als diese von ihm scheiden wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, daß wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Moses und eine für Elias; wußte er doch nicht, was er redete. 34 Während er noch so redete, kam eine Wolke und beschattete sie. Sie aber fürchteten sich, als jene in die Wolke eingingen. 35 Da erscholl eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn! Ihn höret! 36 Als die Stimme erscholl, war Jesus wieder allein. Sie aber schwiegen und teilten in jenen Tagen niemand etwas von dem Geschehenen mit. 28-36: Vgl. Mt 17,1-9; Mk 9,2-9

 

Heilung eines besessenen Knaben. 37 Als sie am folgenden Tage vom Berge herabstiegen, kam ihnen eine große Volksmenge entgegen. 38 Und siehe, ein Mann aus dem Volk rief laut: Meister, ich bitte dich, sieh nach meinem Sohn, denn er ist mein einziger. 39 Ein Geist packt ihn, dann schreit er gleich laut auf; er reißt ihn hin und her, so daß er schäumt, er will nicht von ihm lassen und reibt ihn völlig auf. 40 Ich habe deine Jünger gebeten, ihn auszutreiben; sie konnten's aber nicht. 41 Jesus entgegnete: O ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Wie lange noch soll ich bei euch sein und euch ertragen? Bring deinen Sohn her! 41: Es bedurfte übermenschlicher Geduld, um nach allen vergeblichen Bemühungen um echten Glauben das erbetene Wunder zu wirken. 42 Noch auf dem Weg riß und zerrte ihn der böse Geist hin und her. Jesus aber drohte dem unreinen Geist, heilte den Knaben und gab ihn seinem Vater zurück.

 

Zweite Leidensweissagung. 43a Alles staunte über die Majestät Gottes, 43b und während sich alle über all seine Taten wunderten, sagte er zu seinen Jüngern: 44 Nehmet euch diese Worte wohl zu Ohren: Der Menschensohn wird nämlich in die Hände der Menschen überliefert werden. 45 Jene aber verstanden dieses Wort nicht; es war für sie dunkel, so daß sie es nicht erfaßten. Doch scheuten sie sich, ihn darüber zu fragen. 37-45: Vgl. Mt 17, 14-2; Mk 9, 14-32.

 

Rangstreit der Jünger. 46 Es kam ihnen der Gedanke in den Sinn, wer wohl der Größte unter ihnen wäre. 47 Jesus jedoch, der die Gedanken ihres Herzens wohl kannte, nahm ein Kind, stellte es an seine Seite 48 und sagte zu ihnen: Wer dieses Kind in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer der Kleinste unter euch allen ist, der ist groß. 49 Da nahm Johannes das Wort und sprach: Meister, wir trafen einen, der in deinem Namen böse Geister austrieb; wir hinderten ihn daran, weil er nicht mit uns dir folgt. 50 Jesus aber entgegnete ihm: Wehret ihm nicht; denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch. 50: Der Beschwörer förderte durch seine Berufung auf Christus dessen Ansehen. 46-50: Vgl. Mt 18,1-5; Mk 9,33-40.

 

Der Reisebericht

 

Aussendung der Jünger

Der Eifer der Jünger gegen die unfreundlichen Samariter. 51 Es geschah aber, als die Tage seiner Ankunft (in den Himmel) vollzählig wurden, da machte er sich allen Ernstes daran, nach Jerusalem zu gehen, 52 und sandte Boten vor sich her. Diese kamen auf ihrer Reise in ein Samariterdorf, um für ihn Herberge zu bestellen. 53 Aber man nahm ihn nicht auf, weil sein Antlitz auf Jerusalem gerichtet war. 54 Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, willst du, so möchten wir Feuer vom Himmel herabkommen und es sie verzehren heißen? 55 Er aber wandte sich zu ihnen und schalt sie. [Ihr wißt nicht, wes Geistes ihr seid. Der Menschensohn ist nicht gekommen, Seelen zu verderben, sondern zu retten.] 56 Sie zogen also in eine andere Ortschaft. 51-56: Aus religiös-politischer Eifersucht war in den Hauptwallfahrtszeiten die Spannung zwischen Juden und Samaritern besonders groß. Jesus verurteilt jede Verquickung der Religion mit nationalpolitischen Gesichtspunkten. Der eingeklammerte Satz fehlt in den meisten Textzeugen.

 

Entschiedene Nachfolge Jesu. 57 Auf dem Wege sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Jesus erwiderte ihm: Die Füchse haben Höhlen, die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn jedoch hat nichts, wohin er sein Haupt legen könnte. 59 Einen andern forderte er auf: Folge mir! Dieser aber sagte: Herr, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe! 60 Jesus entgegnete ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! 61 Ein anderer sagte: Ich will dir folgen, Herr, doch erlaube mir, daß ich zuvor Abschied nehme von meinen Hausgenossen! 62 Jesus entgegnete ihm: Keiner, der seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, ist tauglich fürs Reich Gottes. 57-62: Vgl. Mt 8,19-22. Vom echten Christusjünger wird ein opfervolles Leben und Einstellung auf das höchste Ziel gefordert. Zögernde Halbheit taugt nicht dazu.

 

10 Aussendung der 72 Jünger. Hernach stellte der Herr noch andere zweiundsiebzig auf und sandte sie zu zweien vor sich her in jede Stadt und Ortschaft, wo er selbst hinkommen wollte.Er sagte ihnen: Die Ernte ist groß, der Arbeiter sind es aber nur wenige. Bittet also den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende! Geht hin! Seht, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe. Nehmt weder Beutel noch Tasche noch Schuhe mit und grüßt niemand unterwegs. 4: Der umständliche orientalische Gruß hätte sie zu lange aufgehalten. Mangel an Höflichkeit darf nicht mit diesem Jesuswort beschönigt werden. Kommt ihr in ein Haus, so sagt zuerst: Friede diesem Hause! Ist daselbst ein Kind des Friedens, so wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn nicht, so wird er zu euch zurückkehren. In eben diesem Hause bleibet, esset und trinket, was da ist; denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Zieht nicht von einem Haus zum andern! Und wenn ihr in eine Stadt kommt, wo man euch aufnimmt, da esset, was man euch vorsetzt, heilet die Kranken darin und saget ihnen: Das Reich Gottes hat sich genaht! 7-8. Anspruchslos sollen die Jünger sein und niemand durch wählerisches Umherziehen von Haus zu Haus beleidigen. 10 Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, wo man euch nicht aufnimmt, da geht auf ihre Straßen hinaus und sagt: 11 Selbst den Staub, der sich von eurer Stadt an unsere Füße gehängt hat, schütteln wir auf euch ab; aber das wisset: Das Reich Gottes hat sich genaht. 12 Ich sage euch: Sodoma wird es an jenem Tage erträglicher gehen als jener Stadt.

 

Das Wehe des Herrn über die unbußfertigen Städte. 13 Weh dir, Korozain, weh dir Bethsaida! Denn wären die Wunder in Tyrus und Sidon geschehen, die in euch geschehen sind, sie hätten schon längst in Sack und Asche dasitzend Buße getan. 14 Es wird aber auch Tyrus und Sidon im Gericht erträglicher gehen als euch. 15 Und du, Kapharnaum, wirst du etwa bis zum Himmel erhöht werden? Bis zur Hölle sollst du hinabgestürzt werden. 16 Wer euch hört, hört mich, und wer euch ablehnt, lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, lehnt den ab, der mich gesandt hat. 13-16: Vgl. Mt 11,20-24; 10,40. Der Wehruf hat sich in erschreckendem Maße erfüllt. Die Ruinen der Städte sind kaum noch zu entdecken.

 

Rückkehr der Jünger. 17 Die Zweiundsiebzig aber kehrten mit Freuden zurück und meldeten: Herr, selbst die bösen Geister sind uns in deinem Namen untertan. 18 Er sprach zu ihnen: Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen. 19 Seht, ich habe euch Macht gegeben, über Schlangen und Skorpione hinzuschreiten, und Macht über alle Gewalt des Feindes, und nichts soll euch schaden. 20 Doch freut euch nicht darüber, daß die Geister euch untertan sind, freut euch vielmehr darüber, daß eure Namen im Himmel eingezeichnet sind. 17-20: Gottes Wohlgefallen ist höher zu bewerten als alle äußeren Erfolge.

 

Jesus preist den Vater. 21 In eben dieser Stunde frohlockte er im Heiligen Geiste und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dies vor Weisen und Klugen verborgen, Einfältigen aber geoffenbart hast. Ja, Vater, denn so ist es wohlgefällig vor dir gewesen. 22 Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand erkennt; wer der Sohn ist, außer dem Vater, und niemand, wer der Vater ist, außer dem Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. 23 Dann wandte er sich besonders zu seinen Jüngern mit den Worten: Glückselig die Augen, die sehen, was ihr sehet! 24 Denn ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, aber sie sahen es nicht, und hören, was ihr höret; aber sie hörten es nicht. 21-24: Vgl. Mt 11,25-27; 13,16-17. Im Munde eines bloßen Menschen wären diese Worte voll göttlichen Selbstbewußtseins vollendeter Größenwahn.

 

Von echter Nächstenliebe und rechtem Beten

Der barmherzige Samariter. 25 Und siehe, ein Gesetzeslehrer trat auf, ihn zu versuchen. Er sagte: Meister, was muß ich tun, um ewiges Leben zu erlangen? 26 Dieser erwiderte ihm: Was steht im Gesetze geschrieben? Wie liesest du? 27 Jener antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und mit deiner ganzen Vernunft und deinen Nächsten wie dich selbst. 28 Er erwiderte ihm: Du hast richtig geantwortet. Tu das, so wirst du leben! 29 Jener aber wollte sich rechtfertigen und fragte deshalb Jesus: Wer ist mein Nächster? 30 Da nahm Jesus das Wort und sprach: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter die Räuber. Diese plünderten ihn aus, schlugen ihn wund, gingen weg und ließen ihn halbtot liegen. 30: Der Höhenunterschied beträgt mehr als tausend Meter. Der einsame Weg ist heute noch gefahrvoll. 31 Zufällig kam ein Priester des Weges hinab; er sah ihn und ging vorüber. 32 Ebenso ein Levit; er kam an jenen Ort, sah ihn und ging vorüber. 33 Ein reisender Samariter aber, der in seine Nähe kam, sah ihn und ward von Mitleid gerührt. 34 Er ging hinzu, verband seine Wunden und goß zugleich Öl und Wein darauf. Dann setzte er ihn auf sein Reittier, brachte ihn in die Herberge und sorgte für ihn. 35 Am andern Tage zog er zwei Denare heraus und gab sie dem Herbergwirt mit den Worten: Sorge für ihn, und was du noch darüber aufwendest, will ich dir bezahlen, wenn ich zurückkomme. 36 Wer von diesen dreien scheint dir für den unter die Räuber Gefallenen der Nächste gewesen zu sein? 37 Jener antwortete: Der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat. Jesus sprach zu ihm: Geh hin und tu desgleichen! 25-37: Das herrliche Lehrstück ist Sondergut des Lukasevangeliums, ebenso die folgende Szene in Bethanien.

 

Maria und Martha. 38 Auf der Wanderung kam er in einen Flecken. Eine Frau namens Martha nahm ihn in ihr Haus auf. 39 Sie hatte eine Schwester mit Namen Maria. Diese setzte sich zu den Füßen des Herrn und hörte auf sein Wort. 40 Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihn reichlich zu bewirten. Sie trat nun hinzu und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester mich allein aufwarten läßt? Sag ihr doch, sie solle mit mir Hand anlegen. 41 Der Herr entgegnete ihr: Martha, Martha, du sorgst und beunruhigst dich um viele Dinge; 42 doch weniges oder eines nur ist notwendig. Maria hat den besten Teil erwählt, der ihr nicht wird genommen werden. 38-42. Fleiß und Umsicht sind Tugenden. Martha übertreibt sie und unterschätzt die Innerlichkeit. Weder im tätigen noch im beschaulichen Leben liegt an sich schon die Vollkommenheit, sondern in der Gottesliebe. Jesu Leben ist die vorbildliche Vereinigung beider Ideale.

 

11 Das Vaterunser. Einstmals betete Jesus an einem Orte. Als er aufhörte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat! Da sprach er zu ihnen: Wenn ihr betet, sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name! Es komme dein Reich! Gib uns täglich unser ausreichendes Brot! Und vergib uns unsere Sünden, wie auch wir vergeben allen unseren Schuldigern! Und führe uns nicht in Versuchung! 1-4: Vgl. Mt 6,9-13. Hier ist der Wortlaut des Vaterunsers etwas kürzer als in der Bergpredigt. Vielleicht hat Jesus es bei verschiedenen Gelegenheiten verschieden vorgebetet.

 

Das beharrliche Gebet. Dann sprach er zu ihnen: Gesetzt, einer von euch hat einen Freund. Dieser kommt mitten in der Nacht zu ihm mit der Bitte: Freund, leihe mir drei Brote, denn ein Freund von mir ist auf der Reise zu mir gekommen, aber ich habe ihm nichts vorzusetzen. Jener dagegen antwortet von innen: Fall mir nicht lästig; denn die Tür ist schon geschlossen, und meine Kinder sind schon bei mir in der Schlafkammer; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. [Jener aber fährt fort zu klopfen.] Ich sage euch: Wenn er auch nicht um dessentwillen, weil er sein Freund ist, aufsteht und ihm etwas gibt, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er nötig hat. Deswegen sage ich euch: Bittet, und es wird euch gegeben werden; suchet, und ihr werdet finden; klopfet an, und es wird euch aufgetan werden. 10 Denn jeder, der bittet, empfängt, wer sucht, findet, und dem, der anklopft, wird aufgetan werden. 11 Wenn aber einer von euch Vater ist, und sein Sohn bittet ihn um Brot, wird er ihm etwa einen Stein geben? Oder um einen Fisch — wird er ihm statt des Fisches eine Schlange geben? 12 Oder wenn er um ein Ei bittet, wird er ihm einen Skorpion reichen? 13 Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wißt, wieviel mehr wird euer Vater vom Himmel her den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten. 13: Der Heilige Geist ist „Gottes siebenfache Gabe“, d. h. das Höchste und Beste, was Gott überhaupt zu geben vermag. 9-13: Vgl. Mt 7,7-11.

 

Böswillige Verdächtigung und ihre Abwehr

Heilung eines Besessenen. 14 Er trieb einen bösen Geist aus, der stumm war. Als aber der Geist ausgefahren war, redete der Stumme. Darüber verwunderten sich die Volksscharen. 15 Einige von ihnen aber sagten: Durch Beelzebul, den Obersten der bösen Geister, treibt er die Geister aus. 16 Andere aber versuchten ihn und verlangten von ihm ein Zeichen vom Himmel. 17 Er aber kannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das in sich selbst uneins ist, zerfällt, und ein Haus stürzt über das andere. 18 Wenn also auch Satan mit sich selbst uneins ist, wie wird sein Reich Bestand haben können? Sagt ihr ja, ich treibe durch Beelzebul die Geister aus. 19 Wenn ich aber durch Beelzebul die Geister austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Deswegen werden sie selbst eure Richter sein. 20 Wenn ich aber die bösen Geister durch den Finger Gottes austreibe, so ist wahrhaftig das Reich Gottes schon zu euch gekommen. 21 Wenn der Starke bewaffnet sein Schloß bewacht, so ist sein Besitz in Sicherheit. 22 Wenn aber ein Stärkerer als er über ihn kommt und ihn besiegt, so nimmt er ihm seine ganze Waffenrüstung, auf die er vertraute, und verteilt seine Beute. 23 Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut. 14-23: Vgl. Mt 12,22-30; Mk 3,22-27. Die unerhörte Verdächtigung sollte das Volk von Jesus fernhalten. Die Antwort Jesu läßt den Pfeil auf den Schützen zurückschnellen. Es gibt keine Neutralen im Kampfe gegen Christus.

 

In der Gewalt des Satans. 24 Wenn der unreine Geist aus dem Menschen ausgefahren ist, wandert er durch dürre Orte und sucht Ruhe. Weil er aber keine findet, sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, von wo aus ich ausgefahren bin. 25 Wenn der böse Geist kommt, es ausgekehrt und geschmückt findet, 26 dann geht er hin und nimmt noch sieben andere Geister mit sich, die noch ärger sind als er; sie ziehen ein und wohnen darin. So werden die letzten Dinge jenes Menschen schlimmer als die ersten. 24-26: Vgl. Mt 12,43-45. Wer nicht zu Christus hält, der den Teufel vertreibt, gerät völlig in die Gewalt des Bösen.

 

Seligpreisung Jesu und seiner Mutter. 27 Es geschah aber, als er so redete, erhob eine Frau aus der Volksmenge ihre Stimme und sprach zu ihm: Selig der Leib, der dich getragen, und die Brust, die du gesogen hast. 28 Er erwiderte: Ja freilich, selig, die das Wort Gottes hören und beobachten. 27-28: „Seliger ist Maria durch den Glauben an Christus als durch die Empfängnis seiner Menschheit. Sogar die mütterliche Verwandtschaft hätte ihr nichts genützt, hätte sie nicht freudiger Jesus im Herzen als im Schoße getragen.“ (Hl. Augustinus.)

 

Das Zeichen des Jonas. 29 Als große Volksscharen zusammenströmten, begann er zu sprechen: Dieses Geschlecht ist ein schlimmes Geschlecht; es verlangt ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben als das Zeichen des [Propheten] Jonas. 30 Denn gleichwie Jonas für die Niniviten ein Zeichen wurde, so wird es auch der Menschensohn für dieses Geschlecht sein. 31 Die Königin des Südens wird mit den Männern dieses Geschlechts vor Gericht auftreten und ihre Verurteilung bewirken, denn sie kam von den Enden der Erde, um Salomons Weisheit zu hören — und doch ist hier mehr als Salomon! 32 Die Männer von Ninive werden mit diesem Geschlechte vor Gericht erscheinen und seine Verurteilung bewirken; denn sie haben auf die Predigt des Jonas hin Buße getan — und doch ist hier mehr als Jonas!

 

Vom Licht. 33 Niemand zündet ein Licht an und stellt es in einen Winkel oder unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter, damit die Eintretenden den hellen Schein sehen. 34 Die Leuchte deines Leibes ist dein Auge. Ist dein Auge gesund, so ist dein ganzer Leib erhellt; ist es aber krank, so ist dein ganzer Leib im Finstern. 35 Siehe also zu, daß das Licht in dir nicht Finsternis sei! 36 Ist dein Leib ganz erhellt und kein Teil davon dunkel, so wird er ganz hell sein, wie wenn ein Licht mit seinem Glanz dich erleuchtet. 29-36: Vgl. Mt 12,38-42; 5,15; 6,22-23

 

Weherufe über die Pharisäer und Schriftgelehrten. 37 Während er redete, bat ihn ein Pharisäer, er möge bei ihm speisen. Er ging hin und setzte sich zu Tische. 38 Der Pharisäer aber sah es und wunderte sich darüber, daß er sich vor der Mahlzeit nicht gewaschen hatte. 39 Der Herr aber sagte zu ihm: Nun, ihr Pharisäer reinigt das Äußere des Bechers und der Schüssel, euer Inneres aber ist voll Raub und Bosheit. 40 Ihr Toren! Hat nicht der, welcher das Äußere gemacht hat, auch das Innere gemacht? 41 Gebt lieber den Inhalt als Almosen. Dann ist alles für euch rein. 41: Almosen aus Gottesliebe spendet nur, wer im Herzen die Sünde nicht duldet. 42 Doch wehe euch, ihr Pharisäer! Ihr gebt den Zehnten von Pfefferminze, Raute und jeglichem Kraut, aber das Recht und die Liebe Gottes laßt ihr außer acht; das sollte man tun, das andere aber nicht lassen. 43 Weh euch, ihr Pharisäer! Ihr liebt es, in den Synagogen den ersten Platz zu haben und auf dem Markt gegrüßt zu werden. 44 Weh euch! Ihr gleicht den unkenntlichen Gräbern, über welche die Leute, ohne es zu wissen, hinwandeln. 45 Da entgegnete ihm ein Gesetzeslehrer: Meister, mit diesen Worten beschimpfst du auch uns. 46 Jener erwiderte: Wehe auch euch, ihr Gesetzeslehrer! Ihr legt den Menschen unerträgliche Lasten auf, berührt die Lasten aber selbst auch nicht mit einem Finger. 47 Weh euch! Ihr baut den Propheten Denkmäler, nachdem eure Väter sie getötet haben. 48 Wahrlich, ihr bezeugt damit, daß ihr die Taten eurer Väter billigt; jene haben sie getötet, ihr aber errichtet ihnen Grabmäler. 48: Die Lehren der Propheten zu befolgen, ist wichtiger, als ihnen Denkmäler zu errichten. 49 Deshalb hat auch die Weisheit Gottes gesprochen: Ich werde zu ihnen Propheten und Apostel senden; einige von ihnen werden sie töten und verfolgen, 50 damit das Blut aller Propheten, das seit Erschaffung der Welt vergossen worden ist, von diesem Geschlechte gefordert werde, 51 vom Blute Abels an bis zum Blute des Zacharias, der zwischen Altar und Tempel umgebracht worden ist. Ja, wahrlich, ich sage euch: Es wird von diesem Geschlechte gefordert werden. 52 Weh euch, ihr Gesetzeslehrer! Ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis weggenommen. Ihr seid selbst nicht eingetreten und habt auch noch die abgehalten, die eintreten wollten. 52: Eine Erklärung der Heiligen Schrift, die den Weg zu Christus mehr versperrt als weist, ist ein Verbrechen. 53 Als er dann von dort weggegangen war, begannen die Pharisäer und Schriftgelehrten, ihm heftig zuzusetzen und ihn über allerlei auszuforschen. 54 Dabei lauerten sie ihm auf in der Erwartung, etwas aus seinem Munde aufzufangen, [worüber sie ihn anklagen könnten]. 37-54: Vgl. Mt 23,1-36

 

12 Ermahnung zur Standhaftigkeit im Kampf gegen die Feinde. Als zahlreiche Volksscharen zusammengeströmt waren, so daß sie einander auf die Füße traten, begann er zuerst zu seinen Jüngern zu sprechen: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer; das ist die Heuchelei! Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar, nichts geheim, das nicht bekannt würde. Darum wird man, was ihr im Dunkeln gesagt habt, beim hellen Licht hören, und was ihr in den Kammern ins Ohr geflüstert habt, auf den Dächern verkünden. Euch aber, meinen Freunden sage ich: Fürchtet euch nicht vor denen, die nur den Leib töten können, sonst aber nichts zu tun vermögen! Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, der nach dem Töten die Macht hat, in die Hölle zu werfen! Ja, ich sage euch, den fürchtet! Verkauft man nicht fünf Sperlinge um zwei Pfennige? Und doch ist auch nicht einer von ihnen vor Gott vergessen. Sogar die Haare eures Hauptes sind alle gezählt. Fürchtet euch also nicht, ihr seid mehr wert als viele Sperlinge! Ich sage euch aber: Wer mich vor den Menschen bekennen wird, zu dem wird sich der Menschensohn vor Gottes Engeln bekennen; wer mich aber vor den Menschen verleugnen wird, der wird vor Gottes Engeln verleugnet werden. 10 Wer etwas gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden. Wer aber den Heiligen Geist lästert, dem wird nicht vergeben werden. 10: Vergebung setzt Reue voraus. Reue aber fehlt, wo wider besseres Wissen die Gnade des Heiligen Geistes und seine Wahrheit abgelehnt werden. 11 Wenn man euch vor die Synagogen und vor die Obrigkeiten und Behörden führt, seid unbesorgt, wie oder was ihr antworten oder was ihr sagen sollt. 12 Denn der Heilige Geist wird euch in jener Stunde lehren, was ihr sagen müßt. 1-12: Vgl. Mt 10,19-20. 26-33; 12,31-32; Mk 13,11.7

 

Vom Weltgeist und seiner Überwindung

Warnung vor Habsucht. 13 Aus der Volksmenge sagte einer zu ihm: Meister, sag meinem Bruder, er solle mit mir das Erbe teilen! 14 Er entgegnete ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbverteiler über euch aufgestellt? 15 Dann sagte er zu ihnen: Hütet euch doch ja vor aller Habsucht! Denn wenn auch einer Überfluß hat, so hängt doch sein Leben nicht von seinem Besitze ab. 13-15: Ein lehrreiches Sondergut im „sozialen Evangelium“. Das Gesetzbuch der Kirche gibt heute noch strenge Vorschriften über die Behandlung geldlicher Angelegenheiten durch Priester und Ordensleute. 16 Er trug ihnen dann folgendes Gleichnis vor: Eines reichen Mannes Acker trug reichliche Früchte. 17 Er dachte bei sich: Was soll ich tun? Ich habe ja keinen Platz, meine Früchte unterzubringen. 18 Da sagte er sich: So werde ich es machen; ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen; dort werde ich alle meine Erzeugnisse und meine Güter unterbringen. 19 Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Meine Seele, du hast viele Güter auf manches Jahr bereitliegen, ruh aus, iß, trink und laß dir's wohl sein! 20 Gott aber sprach zu ihm: Du Tor! Noch in dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern; wem wird dann das gehören, was du aufgespeichert hast? 21 So geht es mit dem, der für sich Schätze aufhäuft, aber nicht vor Gott reich ist. 16-21: Ziel der Berufsarbeit muß mehr sein als Anhäufung von Vermögen. Aller Besitz verpflichtet gegenüber der Gemeinschaft und vor allem Gott gegenüber, der ihn gab.

 

Warnung vor ängstlicher Sorge. 22 Dann sprach er zu seinen Jüngern: Darum sage ich euch: Seid nicht ängstlich besorgt um euer Leben, was ihr essen, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt. 23 Das Leben ist mehr wert als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung. 24 Betrachtet die Raben, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie haben nicht Vorratskammer noch Scheune — und doch ernährt sie Gott. Um wieviel seid ihr mehr wert als die Vögel! 25 Wer von euch kann aber mit seinen Sorgen seinem Leben auch nur eine kurze Spanne zusetzen? 25: Nicht die Körpergröße, die „Statur“, wie der lateinische Text sagt, ist gemeint, sondern die Lebensdauer. 26 Wenn ihr also auch nicht das Geringste ausrichten könnt, warum seid ihr um das Weitere so ängstlich besorgt? 27 Betrachtet die Lilien, wie sie weder spinnen noch weben; und doch sage ich euch: Nicht einmal Salomon in all seiner Pracht war gekleidet wie eine von ihnen. 28 Wenn aber Gott das Gras auf dem Felde, das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet, um wieviel mehr euch, ihr Kleingläubigen! 29 So fragt auch ihr nicht, was ihr essen und was ihr trinken sollt, und laßt euch nicht beunruhigen! 30 Denn nach all dem trachten die Heidenvölker. 31 Euer Vater weiß ja, daß ihr dies braucht. Suchet vielmehr [zuerst] sein Reich [und seine Gerechtigkeit]; so wird euch [all] dies dreingegeben werden. 22-31: Vgl. Mt 6,25-33. 32 Fürchte dich nicht, du kleine Herde; denn es hat eurem Vater gefallen, euch das Reich zu geben. 33 Verkauft eure Habe und gebt davon Almosen! Erwerbt euch Beutel, die nicht altern, einen Schatz im Himmel, der nicht abnimmt, an den kein Dieb kommt, den keine Motte zerfrißt. 34 Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein. 32-34: Vgl. Mt 6,19-21. Erst das Jenseits gibt dem Diesseits den rechten Sinn. Was wir lieben, muß größer sein als wir selbst.

 

Mahnung zur Wachsamkeit. 35 Eure Lenden sollen umgürtet und eure Lampen brennend sein [in euren Händen]. 36 Ihr sollt Leuten gleichen, die ihren Herrn erwarten, wenn er von der Hochzeit kommt, damit sie ihm, wenn er kommt und anklopft, sogleich öffnen. 37 Selig jene Knechte, die der Herr bei seiner Ankunft wachend findet; wahrlich, ich sage euch: Er wird sein Kleid schürzen, sie zu Tisch sitzen heißen, herumgehen und sie bedienen. 38 Kommt er in der zweiten oder in der dritten Nachtwache und trifft er sie so an, dann Heil ihnen! 39 Das aber seht ihr ein: Wüßte der Hausvater, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er wahrhaftig [wach bleiben und] nicht in sein Haus einbrechen lassen. 40 So seid auch ihr bereit, denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht vermutet. 41 Da fragte ihn Petrus: Herr, gilt dieses Gleichnis nur uns oder auch allen? 42 Da sprach der Herr: Wer ist wohl der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde setzt, damit er ihm zur rechten Zeit den angemessenen Unterhalt verabreiche? 43 Selig jener Knecht, den der Herr bei seiner Ankunft also handelnd findet. 44 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über all sein Besitztum setzen! 45 Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht, und anfängt, Knechte und Mägde zu mißhandeln, zu essen und zu trinken und sich zu berauschen, 46 so wird der Herr jenes Knechtes an einem Tage kommen, wo er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, ihn in Stücke hauen und ihm seinen Anteil unter den Ungläubigen anweisen. 35-46: Vgl. Mt 24,42-51; Mk 13,33-37. Die Forderung steter Berufstreue und Wachsamkeit ist hier in das Bild orientalischer Rechte des Herrn über seine Sklaven gekleidet. 47 Jener Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht bereit hält, noch nach seinem Willen handelt, wird viele Schläge erhalten; 48 wer ihn aber nicht kennt und Dinge tut, die Schläge verdienen, erhält wenige. Wem viel gegeben ist, von dem wird viel verlangt; wem viel anvertraut ist, von dem wird noch mehr gefordert.

 

Notwendigkeit des Kampfes. 49 Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und wie sehr wünsche ich, daß es schon brenne! 50 Ich habe eine Taufe auf mich zu nehmen, und wie drängt es mich, bis sie vollzogen ist! 49-50: Das Feuer Christi erfaßt die Herzen, läutert das Gold, vertilgt die Schlacken. Über Christus selber schlagen die Leidenswogen zusammen wie das Wasser über dem Täufling beim Untertauchen. Dennoch sehnt er sich danach. 51 Meint ihr, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Entzweiung. 52 Von jetzt an werden in einem Hause fünf uneins sein; drei werden gegen zwei und zwei gegen drei sein: 53 Der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter. 51-53: Vgl. Mt 10,34-36. Christus will nicht den faulen Frieden der Charakterlosen. Man muß sich solche Stellen wie Lk 12,49-53 merken, um denen zu antworten, die Christus als feigen, weichlichen Führer von Schwächlingen hinstellen. Das Aufrechte und Kämpferische gehört zum Wesen seiner Nachfolge, aber nicht der Stolz und die Streitsucht.

 

Strafe der Unbußfertigkeit

Zeichen der Zeit. 54 Hierauf sprach er zu den Volksscharen: Wenn ihr im Westen eine Wolke aufsteigen seht, sagt ihr gleich: Es kommt Regen, und es trifft ein. 55 Spürt ihr den Südwind wehen, so sagt ihr: Es wird heiß, und es trifft ein. 56 Ihr Heuchler, das Aussehen des Himmels und der Erde wißt ihr zu deuten, warum wollt ihr diese Zeit nicht deuten? 57 Warum beurteilt ihr nicht auch von selbst, was recht ist? 58 Wenn du nämlich mit deinem Gegner zur Obrigkeit gehst, gib dir unterwegs Mühe, von ihm loszukommen, damit er dich nicht etwa vor den Richter schleppe, der Richter dich dem Gerichtsdiener übergebe und der Gerichtsdiener dich in den Kerker werfe. 59 Ich sage dir: Du wirst von da nicht herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlt hast. 54-59: Wahre Weisheit macht nicht vor der entscheidenden Frage halt und bringt rechtzeitig das Leben in Ordnung.

 

13 Mahnung zur Umkehr. Zu eben der Zeit kamen einige und erzählten von den Galiläern, deren Blut Pilatus vergossen hatte, während sie eben opferten. Er erwiderte ihnen: Glaubt ihr, daß diese Galiläer größere Sünder gewesen seien als alle andern Galiläer, weil sie solches erleiden mußten? Nein, sage ich euch, aber wenn ihr euch nicht bekehret, werdet ihr alle gleichfalls umkommen. Es ist ebenso wie mit jenen achtzehn, die der einstürzende Turm von Siloe erschlug; glaubt ihr, sie seien schuldiger gewesen als alle andern Einwohner von Jerusalem? Nein, sage ich euch; aber wenn ihr euch nicht bekehrt, werdet ihr alle gleichfalls umkommen. 1-5: Diese Galiläer waren wahrscheinlich Anhänger der revolutionären Zelotenpartei. Jesus sieht die weit schlimmeren Ereignisse voraus, die sich bei der Zerstörung Jerusalems zutrugen.

 

Der unfruchtbare Feigenbaum. Er trug ihnen auch folgendes Gleichnis vor: Jemand hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt. Er kam und suchte Frucht an ihm, fand aber keine. Da sprach er zu dem Winzer: Siehe, schon drei Jahre komme ich nun und suche Frucht an diesem Feigenbaum, finde aber keine. Haue ihn um! Wozu saugt er noch den Boden aus? Der aber erwiderte ihm: Herr, laß ihn noch dieses Jahr stehen! Ich will rings um ihn aufgraben und Dünger einlegen; vielleicht bringt er künftig doch Frucht; wenn nicht, dann magst du ihn später umhauen lassen. 6-9: Gottes Geduld mit Israel geht ihrem Ende entgegen; die letzte Gnadenfrist bricht an.

 

Heilung der gekrümmten Frau. 10 Am Sabbat lehrte er in einer Synagoge. 11 Dort war eine Frau, die schon achtzehn Jahre einen Geist des Siechtums hatte; sie war verkrümmt und konnte sich nicht ganz aufrichten. 12 Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte zu ihr: Frau, du bist von deinem Siechtum befreit! 13 Dann legte er ihr die Hände auf. Augenblicklich richtete sie sich auf und pries Gott. 14 Entrüstet darüber, daß Jesus am Sabbat geheilt hatte, nahm der Synagogenvorsteher das Wort und sagte zum Volk: Sechs Tage sind da zur Arbeit; an diesen mögt ihr kommen und euch heilen lassen, nicht aber am Tage des Sabbats. 15 Ihm entgegnete der Herr: Ihr Heuchler, bindet nicht ein jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los, um sie zur Tränke zu führen? 16 Diese Tochter Abra­hams aber, die der Satan schon volle achtzehn Jahre gebunden hielt, sollte am Sabbat nicht von dieser Fessel gelöst werden dürfen? 17 Bei diesen Worten schämten sich alle seine Gegner; das ganze Volk aber freute sich über all die herrlichen Taten, die durch ihn geschahen. 10-17: Nur Lukas erzählt dieses Heilungswunder. Der Buchstabe des Gesetzes gilt den Heuchlern mehr als ein Werk barmherziger Liebe.

 

Gleichnisse vom Himmelreich. 18 Er sprach: Wem ist das Gottesreich ähnlich, und womit soll ich es vergleichen? 19 Es gleicht einem Senfkorn, das jemand in seinen Garten säte. Es wuchs und wurde zu einem großen Baum, und die Vögel des Himmels ließen sich in seinen Zweigen nieder.

 

20 Wiederum sprach er: Womit soll ich das Gottesreich vergleichen? 21 Es gleicht einem Sauerteig, den ein Weib nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis das Ganze durchsäuert war. 18-21: Vgl. Mt 13,31-33; Mk 4,30-32. Beide Geschlechter dürfen mitwirken. Mannesarbeit schafft der Kirche das Wachstum nach außen. Frauliche Mitarbeit gehört zum Durchdringen der Herzen mit der Lebenskraft Christi.

 

Der Kampf um das Himmelreich. 22 Er zog durch Städte und Dörfer, lehrte dabei und setzte seine Reise nach Jerusalem fort. 23 Da sagte jemand zu ihm: Herr, sind es wenige, die gerettet werden? Er sprach zu ihnen: 24 Bemüht euch, durch die enge Türe einzugehen. Denn ich sage euch: Viele werden einzugehen suchen, aber es nicht vermögen. 25 Ist aber der Hausvater aufgestanden und hat die Türe geschlossen, so mögt ihr draußen stehen, an die Türe klopfen und sagen: Herr, öffne uns! Er aber wird euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. 26 Alsdann werdet ihr anfangen zu erklären: Wir haben doch vor dir gegessen und getrunken, und du hast auf unsern Straßen gelehrt! 27 Doch er wird euch entgegnen: Ich sage euch: Ich weiß nicht, woher ihr seid! Weicht von mir, all ihr Übeltäter! 28 Da wird Heulen und Zähneknirschen herrschen, wenn ihr Abra­ham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reiche Gottes, euch selbst aber ausgeschlossen seht. 29 Von Ost und West, von Nord und Süd werden sie kommen und sich im Reiche Gottes zu Tische setzen. 30 Und siehe, es gibt Letzte, die Erste, und es gibt Erste, die Letzte sein werden. 22-30: Vgl. Mt 7,13-14. 22-24; 8,11-12. Die rassenmäßige Zugehörigkeit zum auserwählten Volke nutzt ohne entsprechende Gesinnung und Tat gar nichts in den Augen des göttlichen Richters.

 

Warnung vor Herodes. 31 Zur gleichen Stunde kamen einige Pharisäer zu ihm und sagten: Geh fort und entferne dich von hier, denn Herodes will dich töten. 32 Er entgegnete ihnen: Geht und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe böse Geister aus und vollbringe Heilungen heute und morgen, und übermorgen gelange ich zur Vollendung. 33 Jedoch heute, morgen und übermorgen muß ich noch wandern; denn es darf kein Prophet außerhalb Jerusalems umkommen. 31-33: Weder der schlaue Herodes noch die hinterlistigen Pharisäer bringen Jesus vom Wege des Willens Gottes ab. Er fürchtet weder den einen noch den andern, durchschaut aber alle.

 

Wehe über Jerusalem. 34 Jerusalem, Jerusalem, das du die Propheten tötest und die steinigst, die zu dir gesandt werden, wie oft wollte ich deine Kinder versammeln, wie eine Henne ihre Küch­lein unter ihren Flügel, ihr aber habt nicht gewollt. 35 Seht, euer Haus wird euch überlassen. Ich sage euch aber: Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis [der Tag kommt, da] ihr sprechet: Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. 34-35: vgl. Mt 23,37-39. Der Weheruf offenbart ergreifend die erbarmende Liebe des Erlösers zu seinem Volke. „Euer Haus wird euch verödet gelassen werden“, lautet eine andere Lesart.. Gott wird daraus ausziehen und es der Zerstörung preisgeben.

 

Berufung der Heiden und Sünder

14 Heilung eines Wassersüchtigen. Und es geschah, als Jesus an einem Sabbat in das Haus eines vornehmen Pharisäers ging, um da zu speisen, lauerten sie ihm auf. Und siehe, es trat vor ihn ein wassersüchtiger Mann. Da nahm Jesus das Wort und fragte die Gesetzeslehrer und Pharisäer: Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen oder nicht? Sie aber schwiegen. Da faßte er ihn an, heilte ihn und hieß ihn von dannen gehen. Dann fragte er sie: Wenn einem von euch ein Esel [Sohn?] oder Ochs in den Brunnen fällt, zieht er ihn dann nicht gleich am Sabbat heraus? Darauf konnten sie ihm nichts erwidern.

 

Mahnung zur Bescheidenheit. Da er aber wahrnahm, wie die Geladenen sich die ersten Plätze auswählten, trug er ihnen folgendes Gleichnis vor: Wenn du von jemand zu einem Festmahl geladen bist, so setze dich nicht auf den ersten Platz! Es könnte ein Vornehmerer als du von ihm geladen sein, und der, welcher dich und jenen geladen hat, kommen und dir sagen: Mach diesem Platz! Dann müßtest du schließlich mit Schande den letzten Platz einnehmen. 10 Nein, bist du geladen, so geh hin und setze dich auf den letzten Platz; dann mag der, welcher dich geladen, kommen und dir sagen: Freund, rücke weiter hinauf! Das wird dir vor allen Tischgenossen Ehre machen; 11 denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht. 12 Zu dem aber, der ihn geladen hatte, sagte er: Wenn du ein Mittag- oder Abendmahl gibst, so lade nicht deine Freunde, noch deine Brüder, noch deine Verwandten, noch reiche Nachbarn ein. Sonst laden sie dich wieder ein und halten dich schadlos. 13 Lade vielmehr, wenn du ein Gastmahl gibst, Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein; 14 dann wirst du selig sein; denn sie können es dir nicht vergelten; dir wird vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten. 7-14: Nur die echte, nicht die schielende, „bucklige“ Demut und nur die selbstlose, nicht die berechnende Gastfreundschaft haben Wert vor Gott.

 

Gleichnis vom Gastmahl. 15 Als aber einer von den Tischgenossen dies hörte, sagte er zu ihm: Selig, wer im Reiche Gottes speisen wird! 16 Er erwiderte ihm: Ein Mann veranstaltete ein großes Gastmahl und ließ viele Einladungen ergehen. 17 Als die Stunde des Mahles da war, gab er seinem Knecht den Auftrag, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn alles ist bereit! 18 Da fingen sie insgesamt an, sich zu entschuldigen. Der erste sagte zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muß hinausgehen, ihn anzusehen, ich bitte dich, halte mich für entschuldigt! 19 Der zweite sagte: Ich habe fünf Paar Ochsen gekauft und gehe hin, sie zu prüfen; ich bitte dich, halte mich für entschuldigt. 20 Ein dritter sagte: Ich habe ein Weib genommen und kann deshalb nicht kommen. 21 Der Knecht kehrte zurück und berichtete es seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sagte zu seinem Knecht: Schnell geh hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und bring die Bettler und Krüppel, die Blinden und Lahmen herein! 22 Der Knecht sagte: Herr, was du befohlen, ist geschehen; aber es ist noch Platz da. 23 Da befahl der Herr dem Knecht: Geh hinaus an die Wege und Zäune und nötige sie hereinzukommen, damit mein Haus voll werde! 24 Denn ich sage euch: Keiner von jenen Männern, die geladen waren, soll mein Mahl zu kosten bekommen. 15-24: Vgl. Mt 22,1-14

 

Nachfolge Jesu. 25 Es zogen aber viele Volksscharen mit ihm. Da wandte er sich um und sprach zu ihnen: 26 Wer zu mir kommt, aber Vater und Mutter, Weib und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben nicht haßt, kann mein Jünger nicht sein. 27 Wer sein Kreuz nicht trägt und mir nicht folgt, kann mein Jünger nicht sein. 25-27: Vgl. Mt 10,37-39. Was hier „hassen“ bedeutet, zeigt klar die Parallelstelle Mt 10,37: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich...“ Wenn Gott ruft, ist kein Opfer zu scheuen. 28 Will nämlich einer von euch einen Turm bauen, setzt er sich dann nicht zuvor hin und berechnet die Kosten [um zu prüfen], ob er die Mittel zur Ausführung des Baues habe? 29 Sonst ist, wenn er den Grund gelegt hat, nachher aber den Bau nicht vollenden kann, zu befürchten, daß alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten 30 und zu sagen: Dieser Mann fing einen Bau an und konnte ihn nicht fertigbringen. 31 Oder wenn der König gegen einen andern König in den Krieg ziehen will, setzt er sich dann nicht zuvor hin und überlegt, ob er mit zehntausend Mann dem entgegentreten könne, der mit zwanzigtausend gegen ihn heranzieht? 32 Kann er das nicht, so läßt er jenen, solange er noch fern ist, durch eine Gesandtschaft um Frieden bitten. 33 So kann also keiner von euch, wenn er nicht all seiner Habe entsagt, mein Jünger sein. 34 Das Salz ist etwas Gutes; wenn aber auch das Salz schal wird, womit soll man es dann würzen? 35 Es taugt weder für den Boden noch für den Düngerhaufen; man wirft es eben hinaus. Wer Ohren hat zu hören, der höre! 28-35: Jeder muß sich von vornherein klar darüber sein, daß die Nachfolge Christi stete Anstrengung und heißen Kampf kostet. Ohne das Salz dauernder Opferbereitschaft taugt keiner dazu.

 

15 Gleichnis von dem verlorenen Schafe. Es nahten sich ihm allerhand Zöllner und Sünder, ihn zu hören. 1-32: Nur Lukas erzählt uns die folgenden drei trostvollen Gleichnisse suchender und erbarmender Gottesliebe nacheinander. Vgl. Mt 18,12-14. Darüber murrten die Pharisäer und Schriftgelehrten; sie sagten: Dieser nimmt sich der Sünder an und ißt mit ihnen. Daraufhin trug er ihnen folgendes Gleichnis vor: Wer von euch, der hundert Schafe besitzt, läßt nicht, wenn er eins verliert, die neun­undneun­zig in der Steppe und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Hat er es gefunden, so nimmt er es voll Freude auf seine Schultern, und nach Hause gekommen, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel größere Freude sein über einen einzigen Sünder, der sich bekehrt, als über neun­undneun­zig Gerechte, die der Bekehrung nicht bedürfen.

 

Gleichnis von der verlorenen Drachme. Oder zündet nicht eine Frau, die zehn Drachmen besitzt und eine davon verliert, ein Licht an, kehrt das Haus aus und sucht sorgfältig, bis sie dieselbe findet? Und hat sie dieselbe gefunden, dann ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte. 10 Ebenso, sage ich euch, wird bei den Engeln Gottes Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der sich bekehrt.

 

Gleichnis vom verlorenen Sohn. 11 Er fuhr fort: Ein Mann hatte zwei Söhne. 12 Der jüngere von ihnen sagte zum Vater: Vater, gib mir den Anteil am Vermögen, der mir zukommt. Da teilte er das Vermögen unter sie. 13 Wenige Tage darauf packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog fort in ein fernes Land. Dort verschwendete er sein Vermögen durch ein liederliches Leben. 14 Als er alles durchgebracht hatte, entstand in jenem Land eine schwere Hungersnot, und auch er fing an, Mangel zu leiden. 15 Da ging er hin und verdingte sich an einen Bürger jenes Landes. Dieser schickte ihn auf seine Felder, die Schweine zu hüten. 16 Gern hätte er seinen Hunger mit den Schoten gestillt, welche die Schweine fraßen; aber niemand gab sie ihm. 16: Gemeint sind die Früchte des Johannisbrotbaumes. 17 Da ging er in sich und dachte: Wie viele Taglöhner [im Hause] meines Vaters haben Brot im Überfluß, ich aber muß hier Hungers sterben. 18 Ich will mich aufmachen, zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, Ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir; 18: Aus Scheu vor dem Gebrauch des Gottesnamens setzten die Juden gern „Himmel“ für Gott. Vgl. „Himmelreich“ = „Gottesreich“. 19 ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Halte mich nur wie einen deiner Taglöhner! 20 Er machte sich also auf und ging zu seinem Vater. Noch war er weit weg, da sah ihn sein Vater und ward von Mitleid gerührt. Er eilte ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. 21 Der Sohn aber sagte zu ihm: Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. 22 Der Vater jedoch befahl seinen Knechten: Schnell bringt das beste Kleid heraus und zieht es ihm an, gebt einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße! 23 Holt auch das Mastkalb und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden. Da fingen sie an, ein Freudenmahl zu halten.

 

25 Sein älterer Sohn aber war auf dem Felde. Als er sich bei der Rückkehr dem Hause näherte, hörte er Musik und Tanz. 26 Da rief er einen der Knechte und fragte, was das zu bedeuten habe. 27 Dieser antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund zurückerhalten hat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm zu. 29 Jener gab dem Vater zur Antwort: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und habe noch nie dein Gebot übertreten. Aber mir hast du noch nie ein Böcklein gegeben, damit ich mit meinen Freunden ein Freudenmahl hätte halten können. 30 Jetzt aber, da dieser dein Sohn da gekommen ist, der dein Vermögen mit Dirnen verpraßt hat, hast du für ihn gar das Mastkalb schlachten lassen. 31 Er entgegnete ihm: Mein Kind, du bist immerdar bei mir, und all das Meinige ist ja dein. 32 Aber ein Freudenmahl mußte gehalten werden, denn dein Bruder da war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden worden. 25-32: Engherziger Auserwähltenstolz ist ein häßlicher Fehler an denen, die das Glück dauernder Lebensgemeinschaft mit Gott genießen dürfen. Nicht „der Stand“ macht vollkommen, sondern demütiger und treuer Gebrauch der Standesgnaden.

 

Wert des Reichtums und der Armut

16 Gleichnis vom ungetreuen Verwalter. Weiter sprach er zu seinen Jüngern: Es war einmal ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter. Dieser wurde bei ihm angeschuldigt, er verschleudere sein Vermögen. Er ließ ihn rufen und sagte zu ihm: Was muß ich von dir hören? Gib Rechenschaft von deiner Verwaltung! Denn du kannst nicht länger die Verwaltung führen. Der Verwalter dachte bei sich: Was soll ich anfangen, da mein Herr mir die Verwaltung abnimmt? Graben kann ich nicht; zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tue, damit sie mich nach meiner Entfernung von der Verwaltung in ihre Häuser aufnehmen.Er ließ also die einzelnen Schuldner seines Herrn kommen und fragte den ersten: Wieviel bist du meinem Herrn schuldig? Der antwortete: Hundert Krüge Öl. Er sagte zu ihm: Da hast du deinen Schuldschein! Schnell setz dich und schreibe fünfzig! Dann fragte er einen andern: Wieviel bist du schuldig? Der sagte: Hundert Malter Weizen. Er darauf: Da hast du deinen Schuldschein, schreibe achtzig! 5-7: Ein Krug oder Bath = 39,4 Liter, also 100 Krüge = 39,4 Hektoliter. Ein Malter oder Kor = 393,9 Liter, also 100 Malter = 393,9 Hektoliter. Der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt habe: Denn die Kinder dieser Welt sind gegenüber ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. 8: Der Herr lobt oder rühmt, wie das Wort auch heißen kann, nicht den Schwindel, sondern die Schlauheit des Schwindlers, der seine Zukunft zu sichern versteht. Nicht mit gleichen Mitteln, aber mit gleicher Sorge gilt es, das ewige Heil zu sichern. Der beste Zweck heiligt nie ein schlechtes Mittel.

 

Auch ich sage euch: Macht euch mit dem ungerechten Reichtum Freunde, damit sie euch, wenn er zu Ende geht, in die ewigen Wohnungen aufnehmen. 10 Wer im Kleinsten treu ist, ist auch treu im Großen, und wer im Kleinsten unredlich ist, ist auch unredlich im Großen. 11 Wenn ihr nun mit dem ungerechten Reichtum nicht treu geschaltet habt, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? 12 Und wenn ihr mit Fremdem nicht treu gewirtschaftet habt, wer wird euch das geben, was euer Eigentum sein soll? 13 Kein Knecht kann zwei Herren dienen; entweder wird er den einen hassen und den andern lieben oder zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. 13: Vgl. Mt 6,24.

 

Zurechtweisung der Pharisäer. 14 Dies alles aber hörten die geizigen Pharisäer und verhöhnten ihn. 15 Da sagte er zu ihnen: Ihr seid die Leute, die sich vor den Menschen als Gerechte ausgeben, Gott aber kennt eure Herzen. Denn was bei den Menschen als erhaben gilt, ist vor Gott ein Greuel. 16 Das Gesetz und die Propheten reichen bis auf Johannes; von da an wird die frohe Botschaft vom Gottesreich verkündet, und alles sucht mit Gewalt hineinzukommen. 17 Leichter aber vergehen Himmel und Erde, als daß vom Gesetz auch nur ein Häkchen wegfalle. 18 Jeder, der seine Frau entläßt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch, und wer eine von ihrem Mann Geschiedene heiratet, begeht Ehebruch. 16-18: Vgl. Mt 11,12-12; 5,18. 32; 19,9. Weil Gott das Band der sakramentalen Ehe knüpft, hat keine Macht auf Erden, weder Kirche noch Staat, das Recht, dieses einmal geknüpfte Band zu lösen und die Wiederverheiratung Geschiedener zu erlauben.

 

Gleichnis vom reichen Prasser und vom armen Lazarus. 19 Es war ein reicher Mann, der sich in Purpur und feine Leinwand kleidete und Tag für Tag herrliche Mahlzeit hielt. 20 Es war aber auch ein Armer namens Lazarus, der ganz mit Geschwüren bedeckt vor dessen Türe lag. 21 Gerne hätte er sich mit den Abfällen von des Reichen Tisch gesättigt [aber niemand gab sie ihm]; sogar die Hunde kamen und beleckten seine Geschwüre. 21: Das ist dem Armen nur eine Erhöhung der Qual und Verlassenheit, aber er ist zu schwach, um die Hunde zu verjagen. 22 Es geschah aber, daß der Arme starb und von den Engeln in den Schoß Abra­hams getragen wurde. Auch der Reiche starb und wurde begraben. 23 Als er in der Hölle inmitten seiner Qualen seine Augen erhob, sah er von ferne Abra­ham und Lazarus in dessen Schoß. 24 Da rief er laut: Vater Abra­ham, erbarme dich meiner und sende den Lazarus, daß er seine Fingerspitze ins Wasser tauche und meine Zunge abkühle, denn ich leide große Pein in dieser Flamme! 25 Abra­ham jedoch erwiderte ihm: Sohn, bedenke, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus hingegen ebenso das Üble, jetzt wird dieser hier getröstet, du hingegen wirst gepeinigt. 26 Zu alledem besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, daß die, welche von hier zu euch hinübergehen wollten, es nicht können, und ebenso auch niemand von dort hierher zu uns kommen kann. 27 Er sprach: Dann bitte ich dich, Vater, sende ihn in das Haus meines Vaters, 28 ich habe nämlich noch fünf Brüder; er soll sie warnen, damit sie nicht auch an diesen Ort der Qual kommen. 29 Abra­ham aber entgegnete ihm: Sie haben Moses und die Propheten, auf die sollen sie hören. 30 Jener erwiderte: Doch nicht, Vater Abra­ham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie sich bekehren. 31 Er aber antwortete ihm: Wenn sie auf Moses und die Propheten nicht hören, so werden sie sich auch nichts sagen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.

 

Unterweisung der Jünger über das Gottesreich

17 Vom Ärgernis. Er sprach zu seinen Jüngern: Ärgernisse können nicht ausbleiben; wehe aber dem, durch den sie kommen. Es wäre für ihn besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde, als daß er einem dieser Kleinen Ärgernis gibt. 1-2: Vgl. Mt 18,6-9; Mk 9,42.

 

Versöhnlichkeit. 3a Habt acht auf euch! 3b Wenn dein Bruder sich [gegen dich] verfehlt, so verweise es ihm! Bereut er es, so vergib ihm! Sollte er sich siebenmal am Tag gegen dich verfehlen und siebenmal am Tag sich wieder an dich wenden und sagen: Es reut mich, so vergib ihm! 3-4: Vgl. Mt 18,15-22,

 

Kraft des Glaubens. Die Apostel sprachen zum Herrn: Mehre uns den Glauben! Der Herr aber erwiderte: Hättet ihr einen Glauben auch nur so groß wie ein Senfkorn, so könntet ihr zu diesem Maulbeerfeigenbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanze dich ins Meer! — er würde euch gehorchen. 5-6: Vgl. Mt 17,20; 21,21; Mk 11,23.

 

Gleichnis vom Ackerknecht. Wer von euch, der einen Knecht als Ackerer oder Hirten hat, sagt zu ihm, wenn er vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setze dich zu Tisch? Sagt er ihm nicht vielmehr: Bereite mir die Mahlzeit, gürte dich und bediene mich, bis ich gegessen und getrunken habe; hernach magst du essen und trinken? Weiß er etwa jenem Knecht Dank, weil er seine Befehle ausgeführt hat? [Ich meine nicht.] 10 So sollt auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch aufgetragen war, sagen: Wir sind unnütze Knechte, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan. 7-10: In ihrer Lohnsucht glaubten die Pharisäer einen Rechtsanspruch auf besondere göttliche Entgeltung zu besitzen.

 

Heilung der zehn Aussätzigen. 11 Und es begab sich, als er auf Reise nach Jerusalem durch das Grenzgebiet von Samaria und Galiläa zog, kamen ihm, 12 als er ein Dorf betrat, zehn Aussätzige entgegen. Sie blieben von ferne stehen 13 und riefen mit lauter Stimme: Jesus, Meister, erbarme dich unser! 14 Als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie rein. 15 Einer aber kehrte um, als er sich geheilt sah, und pries Gott mit lauter Stimme. 16 Dann fiel er ihm zu Füßen auf sein Angesicht nieder und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17 Jesus aber fragte: Sind nicht zehn rein geworden? Wo sind denn die neun anderen? 18 So hat sich also keiner gefunden, der zurückkehrte und Gott die Ehre gäbe, als dieser Fremdling? 19 Dann sprach er zu ihm: Steh auf und geh! Dein Glaube hat dir geholfen. 11-19: Dankbare Menschen sind gute Menschen. Den Undank hat Christus schmerzlich empfunden.

 

Wiederkunft Christi. 20 Auf die Frage der Pharisäer, wann das Reich Gottes komme, antwortete er ihnen: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichem Gepränge (oder: nicht so, daß man ihm zusehen kann). 21 Es wird nicht heißen: Da ist es oder dort. Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. 21: In der Person Christi hat das Reich Gottes still seinen Einzug in die Welt gehalten. Gegen die Sichtbarkeit der Kirche beweist der Satz also nichts. 22 Dann sprach er zu seinen Jüngern: Es werden Tage kommen, da ihr euch danach sehnt, auch nur einen Tag des Menschensohnes zu sehen, aber ihr werdet ihn nicht sehen. 23 Man wird zu euch sagen: Siehe, da ist er! Siehe, dort ist er! Gehet nicht dahin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn gleichwie der Blitz am Himmel aufflammt und von einem Ende bis zum andern unter dem Himmel hin leuchtet, so wird es mit dem Menschensohn sein an seinem Tage. 25 Zuvor aber muß er viel leiden und von diesem Geschlecht verworfen werden. 26 Wie es ging in den Tagen Noes, so wird es auch gehen in den Tagen des Menschensohnes. 27 Die Menschen aßen und tranken, freiten und ließen sich freien bis zu dem Tage, da Noe in die Arche ging. Da kam die Sintflut und vertilgte alle. 28 Es wird ebenso gehen wie in den Tagen Lots: Die Menschen aßen und tranken, kauften und verkauften, pflanzten und bauten; 29 an dem Tage aber, als Lot Sodoma verließ, regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und vertilgte alle. 30 Geradeso wird es zugehen an dem Tage, da der Menschensohn sich offenbart. 31 Wer an jenem Tage auf dem Dache ist und seine Gäste im Hause hat, steige nicht herab, sie zu holen, und wer auf dem Felde ist, kehre gleichfalls nicht zurück. 32 Denkt an Lots Weib! 33 Wer sein Leben zu retten sucht, wird es verlieren, und wer es verliert, wird es erhalten. 34 Ich sage euch: In jener Nacht werden zwei auf einem Lager sein, der eine wird aufgenommen, der andere zurückgelassen werden. 35 Zwei werden zusammen mahlen; die eine wird aufgenommen, die andere zurückgelassen werden. 36 [Zwei werden auf dem Felde sein; der eine wird aufgenommen, der andere zurückgelassen werden.] 37 Sie fragten ihn darauf: Wo, Herr? Er antwortete ihnen: Wo ein Aas ist, da sammeln sich auch die Geier. 22-37: Vgl. Mt 24,23. 26-27, 37-40

 

18 Gleichnis vom gottlosen Richter. Um ihnen zu zeigen, daß man allezeit beten müsse und nicht nachlassen dürfe, trug er ihnen ein Gleichnis vor: In einer Stadt lebte ein Richter, der Gott nicht fürchtete und nach keinem Menschen etwas fragte. Es war aber in jener Stadt eine Witwe, die immer wieder zu ihm kam und sagte: Schaffe mir Recht gegen meine Widersacher! Lange Zeit wollte er nicht. Hernach aber sagte er sich: Zwar fürchte ich Gott nicht und frage nach keinem Menschen etwas; weil mir aber diese Witwe lästig fällt, will ich ihr doch zum Recht verhelfen, sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mir ins Gesicht. Der Herr fuhr fort: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Gott aber sollte seinen Auserwählten nicht Recht schaffen, die doch Tag und Nacht zu ihm rufen, und sie lange warten lassen? Ich sage euch: Er wird ihnen ohne Verzug zu ihrem Recht verhelfen. Wird aber wohl der Menschensohn, wenn er kommt, auf Erden den Glauben finden?

 

Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner. Einigen aber, die von sich überzeugt waren, gerecht zu sein, und die andern verachteten, trug er folgendes Gleichnis vor: 10 Zwei Menschen gingen in den Tempel hinauf, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stellte sich hin und betete bei sich also: Gott, ich danke dir, daß ich nicht bin wie die übrigen Menschen, wie die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie der Zöllner da. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich erwerbe. 13 Der Zöllner aber stand weit hinten und getraute sich nicht einmal, seine Augen gen Himmel zu erheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause, ganz anders als jener. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. 9-14: Ein Pharisäer galt ohne weiteres als besonders „fromm“, ein Zöllner war der Inbegriff der Gottlosigkeit. Gott aber sieht ins Herz.

 

In Judäa

 

An der Grenze von Judäa

Jesus, der Kinderfreund. 15 Die Leute brachten auch die kleinen Kinder zu ihm, damit er sie berühre. Als aber die Jünger das sahen, fuhren sie sie hart an. 16 Jesus aber rief sie herbei und sprach: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht! Denn für solche ist das Reich Gottes. 17 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen. 17: Vor Gott müssen auch die Erwachsenen Kinder bleiben. Die „Großen“ sind oft sehr klein in seinen Augen.

 

Der reiche Jüngling. 18 Ein Vornehmer fragte ihn: Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? 19 Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. 20 Du kennst die Gebote: Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht stehlen! Du sollst kein falsches Zeugnis geben! Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren! 21 Jener erwiderte: Das alles habe ich von Jugend auf beobachtet. 22 Da Jesus das hörte, sagte er zu ihm: Eines fehlt dir noch: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben. Dann komm und folge mir! 22: Der Vollkommene begnügt sich nicht mit dem, was geboten und verboten ist; er strebt in gänzlicher Hingabe nach dem Höchsten. 23 Da er aber das hörte, ward er sehr traurig, denn er war überaus reich. 24 Als Jesus ihn [so traurig] sah, sagte er: Wie schwer ist es für die, welche viel Besitz haben, ins Reich Gottes einzugehen! 25 Denn leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in das Reich Gottes. 25: Diese sprichwörtliche Redensart bezeichnet eine besonders schwierige oder fast unmögliche Sache. Oft hat der Reiche nicht das Geld, sondern das Geld hat ihn und läßt ihn nicht mehr los. 26 Da fragten die Zuhörer: Wer kann da gerettet werden? 27 Er antwortete: Was bei Menschen unmöglich ist, ist möglich bei Gott. 28 Petrus aber sprach: Siehe, wir haben unser Eigentum verlassen und sind dir nachgefolgt. 29 Er sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es gibt keinen, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder um des Reiches Gottes willen verläßt, 30 ohne daß er viel mehr empfängt in dieser Welt und in der künftigen ewiges Leben. 15-30: Vgl. Mt 19,l3-30; Mk 10,13-31.

 

Leidensweissagung. 31 Er nahm die Zwölf beiseite und sprach zu ihnen: Siehe, wir gehen nach Jerusalem hinauf. Nunmehr wird alles in Erfüllung gehen, was durch die Propheten über den Menschensohn geschrieben ist. 32 Er wird nämlich den Heiden übergeben, verspottet, mißhandelt und angespien werden. 33 Man wird ihn geißeln und dann töten, aber am dritten Tage wird er auferstehen. 34 Sie aber verstanden nichts davon; diese Rede blieb ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

 

Von Jericho nach Jerusalem

Heilung des Blinden. 35 Es begab sich aber, als er sich Jericho näherte, saß ein Blinder am Weg und bettelte. 36 Er hörte die Volksmenge vorüberziehen und fragte, was das bedeute. 37 Man sagte ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. 38 Da rief er: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die Vorausgehenden fuhren ihn an und hießen ihn schweigen. Er aber rief nur noch lauter: Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40 Da blieb Jesus stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er herangekommen war, fragte er ihn: 41 Was willst du, daß ich dir tue? Jener sagte: Herr, daß ich wieder sehe! 42 Jesus sagte zu ihm: sei wieder sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43 Sogleich konnte er wieder sehen und folgte ihm nach und pries Gott. Auch alles Volk, das zugesehen hatte, lobte Gott. 35-43: Vgl. Mt 20,29-34; Mk 10,46-52.

 

19 Der Zöllner Zachäus. Er kam dann nach Jericho hinein und ging hindurch. Daselbst war ein Mann namens Zachäus. Dieser war ein Oberzöllner und war reich. Er wollte Jesus in Person sehen; aber es war ihm wegen der Volksmenge nicht möglich, denn er war klein von Gestalt. Er lief deswegen voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort mußte er vorbeikommen. Als Jesus an die Stelle kam, blickte er auf und sprach zu ihm: Zachäus, schnell steig herab! Denn heute muß ich in deinem Hause bleiben. Er stieg schnell herab und nahm ihn mit Freuden auf. Alle, die es sahen, murrten und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt, um Herberge zu nehmen. Zachäus aber trat vor den Herrn hin und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen; und wenn ich jemand übervorteilt habe, so erstatte ich es vierfach. Jesus erwiderte ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, weil auch er ein Sohn Abra­hams ist. 10 Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren war. 1-10. Auch dieses Zeugnis der Sünderliebe Jesu hat nur Lukas überliefert. Die große Masse will Jesus sehen aus Sensationslust, den Zöllner aber treibt wahre Heilsbegierde. Soll Jesus bei uns Einkehr halten, so dürfen wir nicht mit der Masse laufen.

 

Gleichnis von den anvertrauten Pfunden. 11 Vor jenen Zuhörern fügte er auch ein Gleichnis an, weil er nahe bei Jerusalem war, und sie meinten, jetzt müsse gleich das Reich Gottes erscheinen. 12 Er sagte also: Ein vornehmer Mann zog in ein fernes Land, um die Königswürde zu erlangen und dann zurückzukehren. 13 Er rief zehn von seinen Knechten zu sich, gab ihnen zehn Minen und sagte zu ihnen: Treibt Handel damit, bis ich komme! 14 Seine Mitbürger aber haßten ihn, sie schickten ihm eine Gesandtschaft nach, die erklären sollte: Wir wollen nicht, daß dieser über uns König sei. 15 Und es geschah, als er im Besitze der Königskrone zurückkam, ließ er die Knechte rufen, denen er das Geld gegeben hatte, um zu erfahren, was jeder durch seinen Handel gewonnen habe. 16 Der erste erschien und sagte: Herr, deine Mine hat zehn Minen dazu eingebracht. 17 Er sprach zu ihm: Recht so, du guter Knecht! Weil du im Geringsten treu gewesen bist, sollst du Herrscher über zehn Städte sein. 18 Der zweite kam und sagte: Herr, deine Mine hat fünf Minen getragen. 19 Diesem sagte er: Auch du sollst über fünf Städte gesetzt sein. 20 Da kam der dritte und sagte: Herr, hier hast du deine Mine, ich habe sie im Schweißtuch aufgehoben, 21 denn ich fürchtete mich vor dir, weil du ein strenger Mann bist. Du nimmst, was du nicht angelegt, und erntest, was du nicht gesät hast. 22 Er entgegnete ihm: Aus deinem eigenen Munde will ich dir das Urteil sprechen, du nichtsnutziger Knecht. Du wußtest, daß ich ein strenger Mann bin und nehme, was ich nicht angelegt, und ernte, was ich nicht gesät habe. 23 Warum hast du mein Geld nicht auf die Bank gegeben, daß ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen wieder hätte erheben können? 23: Jede Gottesgabe stellt uns vor eine Aufgabe; sie zu vernachlässigen, ist Sünde. 24 Dann sagte er zu den Umstehenden: Nehmt ihm die Mine und gebt sie dem, der die zehn Minen hat! 25 Sie entgegneten ihm: Herr, er hat ja schon zehn Minen. 26 Ich sage euch: Jedem, der etwas hat, wird noch gegeben werden [und er wird Überfluß haben]; dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen, was er hat. 27 Meine Feinde aber, die mich nicht zum König über sich haben wollten, bringt hierher und macht sie vor mir nieder. 11-27: Ob das Gleichnis von den Pfunden oder Minen nur eine andere Wiedergabe des Gleichnisses von den Talenten (Mt 25,14-30) ist, ist umstritten. Trotz einiger Ähnlichkeiten ist die Verschiedenheit sehr groß. Der Wert einer Mine betrug etwa 80 Mark.

 

Einzug in Jerusalem. 28 Nach diesen Worten schritt Jesus voran, hinauf nach Jerusalem. Und es begab sich, 29 als er in die Nähe von Bethphage und Bethanien am Ölberg kam, sandte er zwei seiner Jünger ab 30 mit dem Auftrag: Geht in das Dorf, das vor euch liegt. Wenn ihr hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch niemand gesessen hat. Bindet es los und führet es her! 31 Wenn jemand euch fragt: Warum bindet ihr es los? sollt ihr antworten: Der Herr braucht es. 32 Die Abgesandten gingen hin und fanden es, wie er ihnen gesagt hatte. 33 Als sie das Füllen losbanden, sagten seine Eigentümer zu ihnen: Was bindet ihr das Füllen los? 34 Sie antworteten: Der Herr braucht es. 35 Sie führten es nun zu Jesus, legten ihre Kleider auf das Füllen und ließen Jesus aufsitzen. 36 Während er dahinzog, breiteten sie ihre Kleider auf dem Wege aus. 37 Als er sich schon dem Abstieg des Ölbergs näherte, begann die ganze Jüngerschar voll Freude mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Wundertaten, die sie gesehen hatten. 38 Sie riefen: Hochgelobt sei der König, der da kommt im Namen des Herrn! Friede im Himmel und Ehre in der Höhe! 39 Einige Pharisäer, die unter der Volksmenge waren, sprachen zu ihm: Meister, verweise es deinen Jüngern! 40 Er entgegnete ihnen: Ich sage euch, wenn diese schweigen, werden die Steine rufen. 28-40: Mt 21,1-9; Mk 11,1-10; Jo 12,12-19

 

Jesu Klage über Jerusalem. 41 Als er der Stadt näher gekommen war und sie vor sich sah, weinte er über sie 42 und sprach: Wenn doch auch du an diesem deinem Tage erkannt hättest, was dir zum Heile dient! Nun aber ist es vor deinen Augen verborgen. 43 Es werden nämlich Tage über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall gegen dich aufwerfen, dich einschließen und von allen Seiten bedrängen. 44 Sie werden dich und deine Kinder, die in dir wohnen, zu Boden schmettern und keinen Stein in dir auf dem andern lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast. 41-44: Nur bei Lukas lesen wir diesen erschütternden Klageruf des Herrn. Der Grundakkord des Evangeliums klingt wuchtig darin wider. Jedes Volk und jeder Mensch hat solche Stunden der Entscheidung.

 

Tempelreinigung. 45 Dann ging er in den Tempel und trieb die Verkäufer [und Käufer] hinaus mit den Worten: 46 Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Bethaus sein. Ihr aber habt es zu einer Räuberhöhle gemacht. 47 Er lehrte dann täglich im Tempel. Die Oberpriester aber und die Schriftgelehrten sowie die Führer des Volkes suchten ihn ums Leben zu bringen, 48 wußten aber nicht, was sie machen sollten; denn das ganze Volk war gespannt, ihn zu hören. 45-48: Vgl. Mt 21,12-13; Mk 11,15-17; Jo 2,13-16.

 

Streitreden Jesu im Tempel

20 Die Frage nach Jesu Vollmacht. Und es geschah an einem der Tage, als er das Volk im Tempel lehrte und die frohe Botschaft verkündete, traten die Oberpriester und Schriftgelehrten mit den Ältesten an ihn heran und legten ihm die Frage vor: Sag uns, welche Vollmacht du hast, dies zu tun, oder wer ist es, der dir diese Vollmacht verlieh? Jesus gab ihnen zur Antwort: Auch ich möchte euch eine Frage vorlegen, beantwortet sie mir! Stammte die Taufe des Johannes vom Himmel oder von Menschen? Sie dachten nun bei sich: Sagen wir „vom Himmel“, so wird er uns entgegnen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? Sagen wir aber „von Menschen“, so wird das ganze Volk uns steinigen; denn es ist überzeugt, daß Johannes ein Prophet war. Sie antworteten daher, sie wüßten nicht, woher sie stamme. 7: Auf eine Lüge kommt es ihnen nicht an, weil ihnen das Geständnis der Wahrheit unbequem ist. Darauf erwiderte Jesus: Dann sag ich euch auch nicht, mit welcher Vollmacht ich dies tue. 1-8: Vgl. Mt 21, 23-77: Mk 11,27-33.

 

Gleichnis von den Winzern. Er trug aber dem Volke folgendes Gleichnis vor: Ein Mann pflanzte einen Weinberg und verpachtete ihn an Winzer. Dann verreiste er auf lange Zeit außer Landes. 10 Als es Zeit war, ließ er durch einen Knecht die Winzer auffordern, ihm seinen Teil vom Ertrag des Weinbergs abzuliefern. Doch die Winzer schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. 11 Er schickte noch einen zweiten Knecht. Auch ihn schlugen sie, beschimpften ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. 12 Er schickte noch einen dritten: Diesen verwundeten sie sogar und stießen ihn hinaus. 13 Da sprach der Eigentümer des Weinbergs: Was soll ich tun? Ich will meinen geliebten Sohn schicken; vor ihm werden sie doch wohl Achtung haben. 14 Als aber die Winzer ihn erblickten, berieten sie miteinander und sagten: Das ist der Erbe; wir wollen ihn umbringen; dann ist das Erbe unser. 14: Vielleicht lautete der Pachtvertrag entsprechend für den Todesfall des einzigen Erben. 15 Und sie stießen ihn aus dem Weinberg hinaus und töteten ihn. Was wird nun der Eigentümer des Weinbergs ihnen antun? 16 Er wird kommen, die Winzer umbringen lassen und den Weinberg andern geben. Als sie das hörten, entgegneten sie: Das sei ferne! 17 Er aber blickte sie an und sprach: Was bedeutet denn die Stelle der Schrift: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist der Eckstein geworden? 18 Jeder, der auf jenen Stein fällt, wird zerschmettert werden; auf wen er aber fällt, den wird er zermalmen? 19 Die Oberpriester und Schriftgelehrten suchten noch in der gleichen Stunde Hand an ihn zu legen; doch fürchteten sie sich vor dem Volk. Sie hatten nämlich gemerkt, daß er mit diesem Gleichnis sie gemeint hatte. 9-19: Vgl. Mt 21,33-46; Mk 12,1-12.

 

Die Steuerfrage. 20 So beobachteten sie ihn denn scharf und sandten Aufpasser aus, welche sich den Anschein rechtschaffener Leute geben sollten, um ihn in einer Rede zu fangen. Dann wollten sie ihn der Obrigkeit und der Gewalt des Landpflegers ausliefern. 20: Diese Methode findet immer noch Anwendung. 21 So fragten sie ihn denn: Meister, wir wissen, daß du recht redest und lehrst und nicht auf die Person schaust, sondern den Weg Gottes nach der Wahrheit lehrst. 22 Ist es uns erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht? 23 Er durchschaute aber ihre Bosheit und entgegnete ihnen: [Was versucht ihr mich?] 24 Zeigt mir einen Denar! Wessen Bild und Aufschrift trägt er? Sie antworteten ihm: Des Kaisers. 25 Da sprach er zu ihnen: Gebt also dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. 24-25 Indem sie kaiserliches Geld annehmen, erkennen sie die Oberhoheit des Kaisers an, müssen also auch Steuern zahlen. 26 Und sie waren nicht imstande, ihn vor dem Volke bei einem Wort zu fassen, und voll Verwunderung über seine Antwort schwiegen sie.

 

Über die Auferstehung. 27 Dann kamen einige Sadduzäer, welche die Auferstehung leugnen. Sie fragten ihn: 28 Meister, Moses hat uns vorgeschrieben: Wenn jemandes Bruder kinderlos stirbt und eine Witwe hinterläßt, so soll sein Bruder die Frau heiraten und das Geschlecht seines Bruders fortpflanzen. 29 Nun waren einmal sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau und starb kinderlos. 30 Nun heiratete sie der zweite [auch er starb kinderlos]; 31 dann nahm sie der dritte und so alle sieben. Sie starben aber, ohne Nachkommen zu hinterlassen. 32 Zuletzt von allen starb auch die Frau. 33 Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Haben ja doch alle sieben sie zur Frau gehabt. 34 Jesus erwiderte ihnen: Die Kinder dieser Welt heiraten und lassen sich heiraten. 35 Diejenigen aber, die jener Welt und der Auferstehung von den Toten für würdig erachtet werden, heiraten nicht, noch lassen sie sich heiraten. 36 Denn sie können auch nicht mehr sterben; sie sind den Engeln gleich und Kinder Gottes, da sie Kinder der Auferstehung sind. 37 Daß aber die Toten auferstehen, hat auch Moses angedeutet an der Stelle vom Dornbusch, wo er den Herrn „den Gott Abra­hams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs“ nennt. 38 Er ist aber nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Denn ihm leben alle. 39 Einige von den Schriftgelehrten sagten hierauf zu ihm: Meister, du hast gut gesprochen. 40 Von jetzt an wagten sie nicht mehr, ihn über etwas zu fragen. 20-40: Vgl. Mt 22,15-33, Mk 12,13-27.

 

Christus, der Gottessohn. 41 Er aber sprach zu ihnen: Wie kann man sagen, der Messias sei Davids Sohn? 42 Sagt doch David selbst im Buch der Psalmen: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, 43 bis ich deine Feinde dir als Schemel unter die Füße lege. 44 David nennt ihn also „Herr“ Wie ist er dann sein Sohn? 41-44: Vgl. Mt 22,41-46; Mk 12,35-37. Jesus will nicht etwa „arische“ Abstammung beanspruchen, sondern dartun, daß er als Mensch zwar leiblicher Nachkomme Davids, aber als Person der Sohn Gottes sei.

 

Warnung vor den Schriftgelehrten. 45 Während das ganze Volk zuhörte, sprach er zu seinen Jüngern: 46 Hütet euch vor den Schriftgelehrten! Sie gehen gern in langen Gewändern einher, lieben es, auf Marktplätzen gegrüßt zu werden und in den Synagogen die ersten Sitze und bei den Gastmählern die ersten Plätze einzunehmen. 47 Sie verzehren die Häuser der Witwen und sagen zum Schein lange Gebete her. Sie werden ein sehr strenges Gericht zu gewärtigen haben. 45-47: Vgl. Mt 23; Mk 12,38-40.

 

21 Das Scherflein der Witwe. Als er aufblickte sah er, wie reiche Leute ihre Gaben in die Schatzkammer einlegten. Er sah aber auch eine arme Witwe dort zwei Heller einlegen. Da sagte er: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr als alle eingelegt. Denn all diese haben von ihrem Überfluß zu den Gaben Gottes hineingelegt, diese aber hat von ihrer geringen Habe alles, was sie zum Lebensunterhalt brauchte, eingelegt. 1-4: Vgl. die Erklärung zu Mk 12,41-44.

 

Vom Untergang Jerusalems und der Welt

Allgemeine Vorzeichen. Als einige vom Tempel sagten, er sei mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt, sprach er: Es werden Tage kommen, da von dem, was ihr da seht, kein Stein auf dem andern gelassen wird; alles wird zerstört werden. Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen, und an welchem Zeichen wird man den Beginn dieser Ereignisse erkennen? Er sprach: Sehet zu, daß ihr euch nicht irreführen lasset! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es, und: Die Zeit ist gekommen. Lauft ihnen nicht nach! Wenn ihr aber von Kämpfen und Aufständen hört, laßt euch nicht schrecken! Denn das muß zuvor kommen, aber das Ende ist noch nicht gleich da. 10 Alsdann sprach er zu ihnen: Es wird sich Volk gegen Volk und Reich gegen Reich erheben, 11 starke Erdbeben wird es mancherorts geben, Pest, Hungersnot, Schrecknisse am Himmel und gewaltige Zeichen. 12 Aber bevor all dies geschieht, wird man Hand an euch legen, euch verfolgen, den Synagogen und Gefängnissen übergeben, vor Könige und Statthalter schleppen um meines Namens willen. 13 Der Ausgang aber wird für euch ein Ruhmeszeugnis sein. 14 Nehmt es euch also zu Herzen und denkt nicht zuvor darüber nach, wie ihr euch verantworten sollt. 15 Denn ich werde euch Beredsamkeit und Weisheit verleihen, der alle eure Gegner nicht zu widerstehen und zu widersprechen vermögen. 16 Ihr werdet sogar von Eltern, Brüdern, Verwandten und Freunden ausgeliefert werden, und manche aus euch wird man ums Leben bringen; 17 ihr werdet von allen gehaßt sein um meines Namens willen; 18 aber kein Haar soll von eurem Haupt verlorengehen. 19 Durch euer standhaftes Ausharren werdet ihr eure Seelen gewinnen.

 

Untergang Jerusalems. 20 Wenn ihr aber Jerusalem von Heeren umlagert seht, dann wisset, daß seine Verwüstung nahe ist. 21 Dann sollen die, welche in Judäa sind, ins Gebirge fliehen, die in der Stadt sind, sollen wegziehen, und die auf dem Land sind, nicht in die Stadt ziehen. 21: Die Christen Jerusalems zogen vor der Belagerung nach Pella im Ostjordanland. 22 Denn das sind Tage der Rache, an denen sich alles erfüllt, was geschrieben steht. 23 Wehe aber den hoffenden und stillenden Frauen in jenen Tagen! Denn es wird eine große Drangsal im Lande herrschen und ein Zorngericht dieses Volk treffen. 24 Sie werden unter dem scharfen Schwert fallen und als Gefangene unter alle Völker verschleppt werden, und Jerusalem wird von den Heiden zertreten werden, bis die Zeiten der Heiden abgelaufen sind. 24: Die Zeiten der Heiden laufen ab, wenn der Weltenrichter naht.

 

Untergang der Welt. 25 Es werden Zeichen erscheinen an Sonne, Mond und Sternen; auf der Erde wird unter den Völkern Angst und Hilflosigkeit herrschen wegen des Brausens des Meeres und der Brandung. 26 Die Menschen werden vergehen aus Furcht in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen werden. Denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. 27 Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen mit großer Macht und Herrlichkeit. 28 Wenn das aber im Anzug ist, dann richtet euch auf und erhebet eure Häupter, denn eure Erlösung naht. 29 Er trug ihnen ein Gleichnis vor: Seht den Feigenbaum und alle anderen Bäume! 30 Wenn sie zu treiben beginnen, wißt ihr von selbst, sobald ihr es seht, daß der Sommer nahe ist. 31 So sollt ihr auch, wenn ihr diese Ereignisse eintreten sehet, erkennen, daß das Reich Gottes nahe ist. 32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht soll nicht vergehen, bis all das geschieht. 33 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.

 

Vorsicht und Ausdauer. 34 Nehmt euch in acht, daß eure Herzen nicht durch Völlerei, Trunkenheit und Sorgen um den Lebensunterhalt beschwert werden und jener Tag nicht unvermutet über euch hereinbreche 35 wie eine Schlinge; denn er wird über alle kommen, die auf der ganzen Erde wohnen. 36 Wachet daher allezeit und betet, damit ihr imstande seid, all dem, was bevorsteht, zu entgehen und vor den Menschensohn zu treten. 34-36: Christen müssen ihr Sinnen und Trachten auf das Jenseits einstellen. 5-36: Vgl. Mt 24-25; Mk 13. 37 Bei Tag lehrte er im Tempel, bei Nacht aber ging er hinaus und hielt sich auf dem Berg auf, der Ölberg heißt. 38 In der Frühe kam alles Volk zu ihm in den Tempel, ihn zu hören.

 

Leiden und Sterben Jesu

 

Verrat und Abendmahl

22 Verrat des Judas. Das Fest der ungesäuerten Brote, Ostern genannt, war nahe. Die Oberpriester und Schriftgelehrten sannen darauf, wie sie ihn töten könnten; sie fürchteten jedoch das Volk. 1-2: Vgl. Mt 26,1-5, Mk 14,1-2 In Judas aber, der Iskariot genannt wurde, einen von den Zwölfen, fuhr der Satan. Er ging hin und besprach sich mit den Oberpriestern und Befehlshabern, wie er ihnen Jesus ausliefern könnte. Sie freuten sich und kamen mit ihm überein, ihm Geld zu geben. Er sagte zu und wartete auf eine günstige Gelegenheit, ihn ohne Aufsehen beim Volk an sie auszuliefern. 3-6: Vgl.. Mt 6,14-16; Mk 14,10-11; Jo 13,2. 27. Judas hat die Feinde Jesu aus großer Verlegenheit befreit. Trotzdem bieten sie ihm nur einen Schacherlohn an.

 

Abendmahlsfeier. Es kam aber der Tag der ungesäuerten Brote, an dem man das Osterlamm schlachten mußte. Er sandte deswegen den Petrus und Johannes fort mit dem Auftrag: Geht und richtet uns das Osterlamm zum Genuß her! Sie fragten: Wo sollen wir es bereiten? 10 Er sagte zu ihnen: Seht, wenn ihr in die Stadt hineinkommt, wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt; folgt ihm in das Haus, in das er hineingeht, 11 und sagt dem Hausherrn: Der Meister läßt dich fragen: Wo ist das Gemach, in dem ich mit meinen Jüngern das Osterlamm essen kann? 12 Er wird euch ein großes, mit Polstern ausgestattetes Obergemach zeigen; dort bereitet es zu! 13 Sie gingen hin und fanden es, wie er es ihnen gesagt hatte, dann bereiteten sie das Ostermahl.

 

14 Als die Stunde da war, setzte er sich mit den zwölf Aposteln zu Tische. 15 Dann sprach er zu ihnen: Gar sehnlich habe ich danach verlangt, dieses Ostermahl mit euch zu essen, bevor ich leide. 16 Denn ich sage euch: Ich werde es von jetzt an nicht mehr essen, bis es seine Erfüllung erhält im Reiche Gottes. 17 Da nahm er einen Kelch, dankte und sprach: Nehmet ihn und teilet ihn unter euch! 18 Denn ich sage euch: Ich werde vom Gewächs des Weinstocks von nun an nicht mehr trinken, bis das Reich Gottes kommt. 16-18: Das Ostermahl erhält seine vollkommene Erfüllung erst in den Freuden des Himmels. 19 Alsdann nahm er Brot, dankte, brach es, gab es ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Andenken! 20 Ebenso nahm er nach dem Mahle den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blute, das für euch vergossen wird. 19-20: Die Einsetzungsworte im Lukasevangelium stimmen am meisten mit denen überein, die der hl. Paulus überliefert hat. 21 Doch seht, die Hand meines Verräters ist mit mir auf dem Tisch. 22 Der Menschensohn geht zwar hin, wie es bestimmt ist. Indes wehe dem Menschen, durch den er verraten wird. 23 Da fingen sie an, einander zu fragen, wer von ihnen so etwas tun würde.

 

Streit der Jünger. 24 Es entstand auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen wohl der größte sei. 25 Er aber sprach zu ihnen: Die Könige der Völker herrschen über sie, und ihre Gewalthaber lassen sich „gnädige Herren“ nennen. 26 Bei euch darf es nicht so sein, sondern der Größte unter euch sei wie der Geringste und der Vorsteher wie der Diener. 27 Denn wer ist größer, der zu Tisch sitzt oder der bedient? Doch der, welcher zu Tisch sitzt! Ich aber bin unter euch wie der Diener. 28 Ihr aber habt mit mir in meinen Anfechtungen ausgeharrt; 29 so vermache ich euch denn das Reich, wie mein Vater es mir vermacht hat. 30 Ihr sollt in meinem Reiche an meinem Tische essen und trinken und auf Thronen sitzen, die zwölf Stämme Israels zu richten. 7-30: Vgl. Mt 26,17-29; Mk 14,12-29; Jo 13,1-35; 1 Kor 11,23-26.

 

Voraussage der Verleugnung Petri. 31 [Der Herr sprach]: Simon, Simon, siehe, der Satan hat verlangt, euch sieben zu dürfen wie den Weizen. 32 Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht schwinde; und wenn du dich dereinst zurückgefunden hast, so stärke deine Brüder! 33 Der aber erwiderte ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir in Kerker und Tod zu gehen. 34 Doch er entgegnete ihm: Ich sage dir, Petrus, der Hahn wird heute nicht krähen, bis du dreimal geleugnet hast, mich zu kennen. 35 Er sagte ihnen auch: Als ich euch ohne Geldbeutel, ohne Tasche und Schuhe aussandte, hat euch da irgend etwas gemangelt? Sie antworteten: Nichts. 36 Da sprach er zu ihnen: Nun aber soll, wer einen Beutel hat, ihn an sich nehmen, ebenso, wer eine Tasche hat, und wer kein Schwert hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich dafür eines kaufen. 37 Denn ich sage euch: An mir muß noch in Erfüllung gehen, was geschrieben steht: Er ist unter die Übeltäter gerechnet worden. Es geht ja mit mir zu Ende. 38 Sie sagten zu ihm: Herr, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte ihnen: Genug jetzt! 31-38: Vgl. Mt 26,31-35; Mk 14,27-31; Jo 13,36-38. Nicht aus sich, sondern nur durch besondere Gnade vermag Petrus seinen Führerposten zu bekleiden.

 

Am Ölberg

Todesangst Jesu. 39 Darauf ging er hinaus und begab sich nach seiner Gewohnheit an den Ölberg. Die Jünger folgten ihm. 40 Als er an den Ort kam, sprach er zu ihnen: Betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet! 41 Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf weit und betete auf den Knien: 42 Vater, wenn du willst, laß diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! 43 Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. 44 Als ihn Todeskampf befiel, betete er noch inständiger, und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde rannen. 43-44: Dem Arzt Lukas, der allein die Stärkung durch den Engel und den Blutschweiß erwähnt, sind wir für diese Mitteilung dankbar. Nicht aus Angst hat der Herr Blut geschwitzt, weil die Angst das Blut stocken läßt, sondern wegen der Heftigkeit des Kampfes seiner menschlichen Natur gegen das Todesleiden. 45 Er erhob sich nun vom Gebet und ging zu seinen Jüngern; er fand sie vor Traurigkeit schlafend. 46 Da sprach er zu ihnen: Warum schlafet ihr? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet!

 

Gefangennahme Jesu. 47 Noch redete er; da kam eine Rotte. Einer von den Zwölfen, Judas mit Namen, ging ihnen voraus; er trat zu Jesus hin, ihn zu küssen. 48 Jesus aber sprach zu ihm: Judas, mit einem Kusse verrätst du den Menschensohn? 49 Als seine Begleiter sahen, was kommen würde, sagten sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? 50 Einer von ihnen schlug wirklich nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab. 51 Jesus sagte darauf: Laßt das! Nicht weiter! Dann berührte er das Ohr und heilte ihn. 52 Zu den Oberpriestern aber und den Befehlshabern der Tempelwache und den Ältesten, die gegen ihn angerückt waren, sprach Jesus: Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit Schwertern und Prügeln. 52: Die Vorsteher der 24 Priesterklassen sowie die obersten Tempelbeamten aus der priesterlichen Aristokratie werden meist „Hohepriester“ genannt. Um sie von den eigentlichen Trägern dieses Titels, dem jeweiligen Inhaber des höchsten Amtes in Israel und von seinen noch lebenden Vorgängern zu unterscheiden, würden jene besser als „Oberpriester“ bezeichnet. 53 Als ich Tag für Tag bei euch im Tempel war, habt ihr nicht Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis. 39-53: Vgl. Mt 26,30. 36-56; Mk 14. 26. 32-57; Jo 18,1-11.

 

Jesus vor dem Hohen Rate

Verleugnung des Petrus. 54 Sie führten ihn gefangen weg und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters; Petrus aber folgte von ferne. 55 Die Leute hatten mitten im Hof ein Feuer angezündet und sich dazu gesetzt; auch Petrus setzte sich mitten unter sie. 56 Da sah ihn eine Magd im Lichtschein sitzen, faßte ihn ins Auge und sagte dann: Der war auch bei ihm. 57 Er aber leugnete es, indem er sagte: Weib, ich kenne ihn nicht. 58 Ein wenig später erblickte ihn ein anderer und sagte: Auch du gehörst zu ihnen! Petrus entgegnete: Nein, Mensch. 59 Nach etwa einer Stunde versicherte ein anderer ganz bestimmt: Wahrlich, der war auch bei ihm, er ist ja ein Galiläer. 60 Petrus entgegnete: Mensch, ich weiß nicht, was du da sagen willst. Noch redete er, da krähte auch schon der Hahn. 61 Da wandte der Herr sich um und sah Petrus an. Jetzt erinnerte sich Petrus der Worte des Herrn, wie er ihm gesagt hatte: Bevor der Hahn heute kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und er ging hinaus und weinte bitterlich. 63 Die Männer, die Jesus bewachten, verspotteten und mißhandelten ihn; 64 sie verhüllten sein Gesicht, [schlugen ihn] und fragten: Weissage! Wer ist's, der dich geschlagen hat? 65 Noch viele andere Schmähungen stießen sie gegen ihn aus. 54-65: Vgl. Mt 26,57-58; 67-75; Mk 14,53-54. 65-72; Jo 18,15-18. 25-27.

 

Gerichtssitzung des Synedriums. 66 Als es Tag geworden war, versammelten sich die Ältesten des Volkes, die Oberpriester und Schriftgelehrten, ließen ihn in ihren Sitzungssaal führen 67 und sprachen: Bist du der Messias, so sage es uns! Er entgegnete ihnen: Wenn ich es euch sage, so glaubt ihr mir nicht, 68 und wenn ich euch frage, so antwortet ihr mir nicht [und laßt mich nicht frei]. 69 Aber von nun an wird der Menschensohn zur Rechten des allmächtigen Gottes sitzen. 70 Da sprachen alle: Du bist also der Sohn Gottes? Er antwortete: Ihr sagt es; ich bin es. 71 Da sprachen sie: Was brauchen wir noch ein Zeugnis? Wir haben es ja selbst aus seinem eigenen Mund gehört. 66-71: vgl. Mt 26,59-66; 27,1; Mk 14,55-64; 15,1; Jo 18,24. In majestätischer Ruhe und Würde steht der Angeklagte vor seinen ungerechten Richtern.

 

Jesus vor Pilatus und Herodes

23 Verhandlung vor Pilatus. Die ganze Versammlung erhob sich nun, und sie führten ihn zu Pilatus. Sie begannen mit folgender Anklage gegen ihn: Wir haben gefunden, daß dieser unser Volk aufwiegelt; er verbietet, dem Kaiser Steuer zu zahlen, und sagt, er sei der Messiaskönig. Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete: Ja, ich bin es. Pilatus erklärte den Oberpriestern und Volksscharen: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. Sie aber riefen ihm noch ungestümer zu: Durch seine Lehre bringt er das ganze Judenland in Aufruhr, angefangen von Galiläa bis hierher. Als Pilatus dies hörte, fragte er, ob der Mann aus Galiläa sei. Als er vernahm, daß er zum Machtgebiete des Herodes gehöre, schickte er ihn zu Herodes, der in jenen Tagen gleichfalls in Jerusalem war. 7: So glaubte Pilatus, sich aus der Sache ziehen zu können, die ihm lästig und heikel war. 1-7: vgl. Mt 27,2. 11-14; Mk 15, 1-5; Jo 18,28-38.7

 

Jesus vor Herodes. Herodes freute sich sehr, als er Jesus sah, denn schon lange hatte er gewünscht, ihn zu sehen, weil er viel über ihn gehört hatte, und er hoffte, eine Wundertat von ihm zu sehen. So stellte er denn viele Fragen an ihn; Jesus aber gab ihm keine Antwort. 10 Unterdessen standen die Oberpriester und Schriftgelehrten da und klagten ihn heftig an. 11 Da verachtete ihn Herodes mit seinem Gefolge, verspottete ihn, ließ ihm ein Prunkkleid anziehen und schickte ihn zu Pilatus zurück. 12 An eben diesem Tage wurden Herodes und Pilatus miteinander befreundet, während sie vorher sich feind gewesen waren. 8-12: Herodes hatte einen Palast in Jerusalem. Jesus tut diesem Ehebrecher nicht die Ehre an, ein Wort zu erwidern, obschon er sich so hätte die Freiheit erwirken können.

 

Jesus wieder vor Pilatus. 13 Pilatus ließ nun die Oberpriester, die Ratsmitglieder und das Volk zusammenkommen 14 und sagte zu ihnen: Ihr habt diesen Mann da zu mir gebracht, weil er das Volk aufwiegle; ich habe ihn in eurer Gegenwart verhört, habe aber keine der Anklagen, die ihr wider diesen Mann vorbringt, für begründet gefunden. 15 Aber auch Herodes nicht; denn er hat ihn zu uns zurückgeschickt. Wahrlich, er hat nichts getan, was den Tod verdiente. 16 Ich werde ihn also züchtigen lassen und dann freigeben.

 

Jesus und Barabbas. 17 Auf den Festtag mußte er ihnen einen Gefangenen freilassen. 18 Da schrie der ganze Haufe zusammen: Hinweg mit diesem! Gib uns den Barabbas frei! 19 Dieser war wegen eines Aufruhrs in der Stadt und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden. 19: Wenn es sich um einen politischen Aufruhr gehandelt hat, galt Barabbas als Patriot, und das Vorgehen des Pilatus war höchst ungeschickt. 20 Abermals redete ihnen Pilatus zu, da er Jesus freigeben wollte. 21 Doch sie schrien: Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm! 22 Zum dritten Male sagte er zu ihnen: Was hat er denn Böses getan? Ich habe keine Todesschuld an ihm gefunden; ich will ihn also züchtigen lassen und dann freigeben. 23 Sie aber setzten ihm mit lautem Geschrei zu und forderten seine Kreuzigung; ihr Geschrei drang auch durch. 24 Pilatus entschied, daß ihrem Verlangen willfahren werde. 25 Er ließ also den frei, der wegen Aufruhrs und Mordes im Kerker lag und den sie verlangten. Jesus aber gab er ihrem Willen preis. 13-25: Vgl. Mt 27,15-26; Mk 15,6-15; Jo 18,39-19,16.

 

Golgotha

Auf dem Kreuzweg. 26 Als sie ihn dann abführten, hielten sie einen gewissen Simon von Cyrene an, der gerade vom Felde kam, und luden ihm das Kreuz auf, damit er es Jesus nachtrage. 27 Eine große Menge Volkes folgte ihm, auch Frauen, die über ihn weinten und klagten. 28 Jesus wandte sich zu ihnen um und sprach: Ihr Töchter Jerusalems, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder! 29 Denn seht, es kommen Tage, da man sagen wird: Selig die Unfruchtbaren und die Frauen, die nicht Mutter wurden und deren Brust nicht nährte. 30 Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallet über uns! Und zu den Hügeln: Bedecket uns! 31 Denn wenn man das am grünen Holz tut, was wird dann mit dem dürren geschehen? 32 Mit ihm wurden aber auch noch zwei Missetäter zur Hinrichtung geführt. 26-32: Vgl. Mt 27,31-32; Mk 15,20-21, Jo 19; Jo 16-17. Die Begegnung mit den weinenden Frauen erzählt nur Lukas. Ihnen hält der Herr seine letzte Predigt. Das lebensfrische Holz ist der unschuldige Erlöser, das dürre sind die des Gnadenlebens beraubten Juden.

 

Kreuzigung. 33 Als man an den Ort gelangte, der „Schädel“ heißt, kreuzigte man ihn dort und die Verbrecher, den einen zu seiner Rechten, den andern zu seiner Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Sie verteilten dann seine Kleider, indem sie das Los warfen. 35 Das Volk stand da und schaute zu. Die Ratsmitglieder aber verspotteten ihn: Andern hat er geholfen, er mag sich selbst helfen, wenn er der Gesalbte Gottes, der Auserwählte, ist. 36 Auch die Soldaten verhöhnten ihn. Sie traten hinzu und boten ihm Essig an 37 mit den Worten: Wenn du der König der Juden bist, so hilf dir selbst! 38 Über ihm war eine Inschrift angebracht [in griechischer, lateinischer und hebräischer Sprache]: Das ist der König der Juden. 39 Einer von den gehenkten Verbrechern lästerte ihn: Bist du nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und uns! 40 Der andere aber wies ihn zurecht mit den Worten: Fürchtest auch du Gott nicht, da du doch die gleiche Strafe erleidest? 41 Wir freilich leiden mit Recht; denn wir empfangen die gerechte Strafe für unsere Taten; dieser aber hat nichts Böses getan. 42 Dann sprach er: Jesus gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst! 43 Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein. 33-43: Vgl. Mt 27,33-49; Mk 15,22-36; Jo 19,18-30. Das Gebet Jesu für seine Todfeinde (V. 34) und das Gnadenwort an den reuigen Schächer gehören zum Sondergut des Lukasevangeliums.

 

Tod Jesu. 44 Es war bereits etwa um die sechste Stunde, da brach eine Finsternis über das ganze Land herein, die bis zur neunten Stunde dauerte, 45 weil die Sonne ihren Schein verlor. Der Vorhang des Tempels riß mitten entzwei. 46 Da rief Jesus mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist. Nach diesen Worten verschied er. 47 Als aber der Hauptmann sah, was geschehen war, pries er Gott und sprach: Wahrlich, dieser Mensch war gerecht. 48 Und all die Volksscharen, die zu diesem Schauspiel zusammengekommen waren und die Ereignisse sahen, schlugen an ihre Brust und kehrten heim. 49 Alle seine Bekannten aber, auch die Frauen, die ihm von Galiläa her gefolgt waren, standen von ferne, um zu sehen, was vorging. 49: Es ist also falsch, zu behaupten, von den Jüngern Jesu sei nur Johannes dem Meister nach Golgotha gefolgt. Gerade Lukas, der soviel Rühmendes von den Frauen im Gefolge des Herrn zu sagen weiß, nennt hier die Männer zuerst. 44-49: Vgl. Mt 27,50-56; Mk 15,37-41; Jo 19,30.

 

Begräbnis Jesu. 50 Und siehe, ein Mann namens Joseph, ein Mitglied des Hohen Rates, ein guter und gerechter Mann, 51 von Arimathäa, einer Stadt Judäas, der selbst auf das Reich Gottes wartete, hatte ihrem Beschluß und ihrem Vorgehen nicht zugestimmt. 52 Dieser ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. 53 Er nahm ihn (vom Kreuze) ab, hüllte ihn in Leinwand und legte ihn in ein Felsengrab, in das noch niemand gelegt worden war. 54 Es war Rüsttag, und der Sabbat brach schon an. 54: Der Sabbat begann beim Sonnenuntergang am Freitag. 55 Die Frauen aber, die mit ihm aus Galiläa gekommen waren, waren mitgegangen und hatten das Grab und die Bestattung seines Leichnams mit angesehen. 56 Sie kehrten darauf zurück und bereiteten Spezereien und Salben zu; am Sabbat aber ruhten sie nach dem Gesetz. 50-56: Vgl. Mt 27,57-61; Mk 15,42-47; Jo 19,38-42.

 

Jesu Auferstehung und Himmelfahrt

24 Die Frauen beim Grabe. Am ersten Wochentage aber gingen sie in aller Frühe zum Grabe mit den Spezereien, die sie zubereitet hatten. Sie fanden den Stein vom Grabe weggewälzt und gingen hinein, fanden aber den Leichnam des Herrn Jesus nicht. Und es geschah, während sie noch bestürzt waren, siehe, da standen zwei Männer in glänzendem Gewande vor ihnen. Sie erschraken und senkten den Blick zu Boden. Diese aber sprachen zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden. Erinnert euch daran, wie er zu euch sagte, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muß in die Hände der Sünder ausgeliefert und gekreuzigt werden, aber am dritten Tage auferstehen. Da erinnerten sie sich wieder an seine Worte. Sie kehrten vom Grabe zurück und meldeten all das den Elfen und allen übrigen. 10 Es waren aber Maria Magdalena, Johanna, Maria, die Mutter des Jakobus, und noch andere mit ihnen, die den Aposteln diese Nachricht brachten. 11 Ihre Worte kamen ihnen aber wie törichtes Gerede vor, und sie glaubten ihnen nicht. 12 Petrus aber machte sich auf und eilte zum Grabe. Er neigte sich vor und sah nur die Leinentücher daliegen. Voll Staunen über das Geschehene ging er weg.

 

Die Emmausjünger. 13 Und siehe, am gleichen Tage gingen zwei von ihnen nach einem Flecken namens Emmaus, der sechzig Stadien von Jerusalem entfernt war. 14 Sie sprachen miteinander von all dem, was sich zugetragen hatte. 15 Und es geschah, als sie so miteinander sich unterhielten und besprachen, nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Ihre Augen aber waren gehalten, so daß sie ihn nicht erkannten. 17 Er fragte sie: Was sind das für Reden, die ihr miteinander auf dem Weg führt? Da blieben sie traurig stehen. 17: Im lateinischen Text fragt Jesus weiter: „Und warum seid ihr traurig?“ 18 Der eine, mit Namen Kleophas antwortete ihm: Bist du der einzige Fremdling in Jerusalem, der nicht weiß, was dort in diesen Tagen geschehen ist? 19 Er fragte sie: Was denn? Sie sagten: Das mit Jesus von Nazareth. Er war doch ein Prophet, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk. 20 Ihn haben unsere Oberpriester und Ratsherrn der Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt. 21 Wir freilich hofften, er sei es, der Israel erlösen werde; nun ist aber bei all dem heute schon der dritte Tag, seitdem dies geschehen ist. 22 Zwar haben uns einige Frauen aus unserm Kreis in Aufregung versetzt. Sie waren vor Sonnenaufgang beim Grab, 23 fanden aber den Leichnam nicht. Sie kamen mit der Kunde, sie hätten eine Erscheinung von Engeln gehabt, die sagten, er lebe. 24 Darauf gingen einige von den Unsrigen zum Grabe; sie fanden es so, wie die Frauen gesagt haben, ihn selbst aber sahen sie nicht. 25 Da entgegnete er ihnen: O ihr Unverständigen! Wie schwer wird es eurem Herzen, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben! 26 Mußte nicht der Messias das leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Dann erklärte er ihnen, von Moses und allen Propheten angefangen, die Stellen, die in allen Schriften von ihm handelten. 28 So kamen sie nahe an den Flecken, wohin sie gehen wollten. Jesus tat so, Als wollte er weitergehen. 29 Doch sie nötigten ihn mit den Worten: Bleibe bei uns, denn es wird Abend, und der Tag hat sich schon geneigt! Da trat er ein und blieb bei ihnen. 30 Und es geschah, während er mit ihnen zu Tische saß, nahm er das Brot, segnete es, brach es und reichte es ihnen. 30: Die Art, wie Jesus betete und segnete, war unnachahmlich. 31 Da wurden ihre Augen aufgetan, und sie erkannten ihn; er aber entschwand ihren Blicken. 32 Da sagten sie zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns die Schriften erschloß? 33 Noch in derselben Stunde machten sie sich auf den Weg und kehrten nach Jerusalem zurück. Dort trafen sie die Elf und ihre Gefährten beisammen. 34 Diese sprachen: Der Herr ist wahrhaft auferstanden und dem Simon erschienen. 35 Nun erzählten sie, was sich auf dem Weg zugetragen hatte, und wie sie ihn beim Brotbrechen erkannt hätten. 1-35: Vgl. Mt 28,1-10; Mk 16,1-13; Jo 20,1-18. Wer die Berichte vorurteilsfrei liest, erkennt, daß bei den Jüngern und Jüngerinnen jede Voraussetzung für eine nur in der Einbildung erlebte Erscheinung des Auferstandenen fehlt.

 

Erscheinung Jesu vor den Aposteln. 36 Noch redeten sie davon, da stand er selbst mitten unter ihnen und grüßte sie: Friede sei mit euch! [Ich bin es, fürchtet euch nicht!] 37 Verwirrt und erschrocken meinten sie, einen Geist zu sehen. 38 Er sprach zu ihnen: Was seid ihr bestürzt, und warum steigen Zweifel in euren Herzen auf? 39 Seht doch meine Hände und meine Füße! Ich bin es! Betastet mich und schaut mich an! Ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr es an mir sehet. 40 Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße. 41 Da sie aber vor Freude immer noch nicht glaubten und sich verwunderten, fragte er: Habt ihr etwas zu essen da? 42 Sie reichten ihm ein Stück gebratenen Fisch [und eine Honigscheibe]. 43 Er nahm es und aß es vor ihren Augen [und gab ihnen, was übrig blieb]. 36-43: Vgl. Jo 20,19-23.

 

Abschiedsrede Jesu. 44 Dann sprach er zu ihnen: Das besagten meine Worte, die ich zu euch gesprochen habe, als ich noch bei euch weilte: Alles muß sich erfüllen, was im Gesetze des Moses, in den Propheten und den Psalmen von mir geschrieben steht. 45 Darauf erschloß er ihnen den Sinn für das Verständnis der Schriften 45: Nur wenn Gott uns erleuchtet, verstehen wir den Sinn der Heiligen Schrift. Das Lehramt der Kirche ist die von Christus gesetzte Auslegerin. 46 und sprach zu ihnen: So steht es geschrieben, der Messias werde leiden und am dritten Tage von den Toten auferstehen, 47 und in seinem Namen werde bei allen Völkern, angefangen von Jerusalem, die Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden. 48 Ihr seid Zeugen hiervon. 49 Siehe, ich sende die Verheißung meines Vaters auf euch herab. Bleibet in der Stadt, bis ihr mit der Kraft von oben ausgerüstet werdet!

 

Himmelfahrt Jesu. 50 Hierauf führte er sie hinaus, Bethanien zu, erhob seine Hände und segnete sie. 51 Und es geschah, während er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr in den Himmel hinauf. 52 Sie beteten ihn an, dann kehrten sie mit großer Freude nach Jerusalem zurück. 53 Sie hielten sich beständig im Tempel auf und lobten und priesen Gott. 50-53: Vgl. Mk 16,19; Apg 1,6-12. Die Stätte der Himmelfahrt wird auf der mittleren Höhe des Ölbergs am Wege nach Bethanien verehrt.

 

 

Das Evangelium nach Johannes

 

Einleitung

Der Evangelist Johannes (= Gotthold) war wie sein Vater Zebedäus von Beruf Fischer am See Genesareth. Mit seinem Bruder, dem älteren Jakobus, schloß er sich früh der messianischen Bewegung an und wurde Jünger des Vorläufers, der ihn mit Andreas als die zwei ersten dem Messias zuführte (Jo 1,37-40). Nach vorübergehender Rückkehr zu seinem Gewerbe wurde er mit Jakobus endgültig zur Nachfolge Christi berufen (Mt 4,21-22). Salome, die Mutter der beiden, schloß sich ebenfalls dauernd dem Messias an (Lk 8,1-3; Mt 20,20 ff. Mk 15,40). Der Meister gewann Johannes so lieb, daß er als „der Jünger, den Jesus lieb hatte,“ bekannt war. Ihm hat der Erlöser sterbend die Mutter anvertraut. Nach der Himmelfahrt war er neben Petrus, mit dem ihn treueste Freundschaft verband, eine führende Persönlichkeit in der Urgemeinde. Bis auf seinen Schüler Polykarp geht die Überlieferung zurück, daß Johannes lange in Ephesus gewirkt hat. Unter Kaiser Domitian schrieb er in der Verbannung auf Patmos die Geheime Offenbarung, kehrte unter Nerva nach Ephesus zurück und starb dort zur Zeit Trajans (98-117), also um 100. Sein hohes Alter gab Anlaß zu der Auffassung, er sei unsterblich (Jo 21,23). Die neuesten Ausgrabungen in Ephesus haben unter der Kuppel der ehemaligen gewaltigen Basilika sein Grabmal freigelegt, eine Anlage aus dem 2. Jahrhundert. Vom Johannesevangelium ist 1935 die älteste Bibelhandschrift des Neuen Testamentes entdeckt worden, ein Blatt aus einem Papyruskodex, der nur einige Jahrzehnte jünger ist als die Originalschrift. Das Evangelium spiegelt treu den Charakter des Apostels Johannes wider: Eine innige Liebe und Treue zu Christus, festen Glauben an seine Gottheit und Menschheit, ein kämpferisches, stürmisches Temperament. Kein Apostelbild hat die Kunst so verzeichnet wie das des vierten Evangelisten. Um die Feinde des wahren Christusglaubens abzuwehren, aber auch, um den nach der Wahrheit suchenden Hellenen Christus als den fleischgewordenen Gottessohn, den Weg, die Wahrheit und das Leben zu verkünden, hat Johannes gegen Ende seines Lebens das vierte Evangelium in Ephesus geschrieben. Nach dem wuchtigen Prolog (1,1-18) erzählt er die Täuferzeugnisse und die erste Jüngerberufung (1,19-51), dann Jesu öffentliches Wirken, namentlich in Judäa und Jerusalem (2,1-12,50), endlich das Leiden und Sterben und die Auferstehung (13,1-25).

 

Prolog

1 Jesus, das menschgewordene Wort Gottes.Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. 1-18: Aus den ewigen Höhen steigt der Evangelist wie ein Adler in kühnem Kreisflug ins Erdendasein des Gottessohnes herab. Logos, Verbum, Wort nennt er ihn mit einem damals vielgebrauchten Titel. Das ewige Sein des Logos bei Gott (1-2), sein Verhältnis zur Schöpfung, vor allem zur Menschheit (3-5), sein Eintritt in die Welt nach voraufgegangener Ankündigung (6-9), der Kampf zwischen Licht und Finsternis (18-13), die Menschwerdung zur Gnadenvermittlung und Wahrheitsverkündigung (14-18) sind die Leitgedanken dieser unvergleichlichen Sätze. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts geworden, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erfaßt. Ein Mensch trat auf, gesandt von Gott, sein Name war Johannes.Der kam zum Zeugnisse, um Zeugnis zu geben von dem Lichte, damit alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern sollte nur von dem Lichte Zeugnis geben. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 9: Der Lateinische Text lautet: „Er (der Logos) war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt.“ 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, und doch hat die Welt ihn nicht erkannt. 11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, ihnen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Geblüte noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 12-13: Schärfer kann kaum betont werden, daß nicht Rasse und Blut das Wesen der Religion ausmachen. 14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 15 Johannes legt Zeugnis von ihm ab und ruft: Dieser war es, von dem ich sprach: Der nach mir kommen wird, ist mir voraus, denn er war früher als ich. 16 Und aus seiner Überfülle haben wir alle empfangen Gnade um Gnade. 17 Denn durch Moses wurde das Gesetz gegeben, durch Jesus Christus ist die Gnade und die Wahrheit geworden. 18 Gott hat nie jemand geschaut; der Eingeborene, [der] Gott [ist], der im Schoße des Vaters ist, er hat uns Kunde gebracht.

 

Jesus offenbart sich als Gottessohn im Jüngerkreis

Das erste und das zweite Zeugnis des Täufers. 19 Das ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden von Jerusalem Priester und Leviten mit der Frage zu ihm schickten: Wer bist du? 20 Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Messias. 21 Sie fragten ihn: Was denn? Bist du Elias? Er sagt: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein. 21. Johannes liebt es, in lebhafter Schilderung zur Zeitform der Gegenwart überzuwechseln; die Übersetzung paßt sich dem an. 22 Da sagten sie zu ihm: Wer bist du, damit wir denen eine Antwort bringen, die uns geschickt haben? Was sagst du von dir selbst? 23 Er sprach: Ich bin die Stimme eines [Herolds], der in der Wüste ruft: Bereitet den Weg des Herrn, wie der Prophet Isaias gesprochen(Is 40, 3). 20-23: Nur ganz große Menschen bringen es fertig, so selbstlos zu sein, wenn Volksgunst und Erfolg winken.24 Die Abgesandten kamen aber von den Pharisäern. 25 Sie fragten ihn weiter: Warum taufst du denn, wenn du nicht der Messias, noch Elias, noch der Prophet bist? 26 Johannes antwortete ihnen: Ich spende die Wassertaufe. In eurer Mitte aber steht der, den ihr nicht kennet, 27 der nach mir kommt [und mir doch voraus ist], dessen Schuhriemen aufzulösen ich nicht würdig bin. 28 Dies geschah in Bethanien jenseits des Jordans, wo Johannes taufte.

 

29 Tags darauf sieht Johannes Jesus auf sich zukommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. 30 Der ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir vorgeht, denn er war eher als ich. 31 Ich kannte ihn nicht, aber damit er in Israel offenbar werde, bin ich gekommen und taufte mit Wasser. 32 Und Johannes bezeugte: Ich habe den Geist in Gestalt einer Taube vom Himmel herabkommen sehen, und er blieb auf ihm. 33 Ich kannte ihn nicht. Der aber, der mich gesandt hat, die Wassertaufe zu spenden, hat mir gesagt: Der, auf den du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geiste tauft. 34 Ich habe es gesehen und habe es bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.

 

Das dritte Zeugnis des Täufers und die ersten Jünger. 35 Tags darauf stand Johannes wieder da mit zweien seiner Jünger. 36 Da erblickt er Jesus, der des Weges kam, und spricht: Seht, das Lamm Gottes! 37 Die zwei Jünger hörten diese Worte und folgten Jesus nach. 38 Jesus aber wandte sich um, sah, wie sie ihm nachkamen und spricht zu ihnen: Was suchet ihr? Sie entgegneten ihm: Rabbi, d. h. Meister, wo wohnst du? 39 Er sagte zu ihnen: Kommt, dann werdet ihr es sehen! Sie kamen und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm. Es war um die zehnte Stunde. 39: Diese Stunde, vier Uhr nachmittags, hat Johannes, der eine von den zwei Erstberufenen, nie vergessen. 40 Der eine von den beiden, die auf das Wort des Johannes hin ihm gefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. 41 Dieser trifft zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias, das heißt übersetzt: Christus, gefunden. 42 Und er führte ihn zu Jesus. Jesus schaute ihn an und sprach: Du bist Simon, der Sohn des Johannes. Du sollst Kephas heißen, das bedeutet Fels. 43 Am folgenden Tage wollte er nach Galiläa ziehen. Da findet er den Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! 44 Philippus war aus Bethsaida, der Heimat des Andreas und Petrus. 45 Philippus findet den Nathanael und sagt zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Moses im Gesetze und die Propheten geschrieben haben, Jesus, den Sohn Josephs aus Nazareth. 46 Nathanael erwiderte ihm: Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh! 47 Jesus sah den Nathanael herankommen und sagt von ihm: Seht da, ein wahrer Israelit, in dem kein Falsch ist. 48 Da spricht Nathanael zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete ihm und sagte: Da du unter dem Feigenbaum warst, ehe Philippus dich rief, habe ich dich gesehen. 49 Nathanael entgegnete ihm: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels. 50 Jesus erwiderte und sagte ihm: Weil ich dir sagte, ich habe dich unter dem Feigenbaum gesehen, glaubst du? Du wirst noch Größeres als dieses sehen. 51 Weiter sagt er zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen und die Engel Gottes über dem Menschensohn auf- und niedersteigen sehen. 51: Die Nähe von Bethel, wo Jakob die Himmelsleiter schaute, gab Anlaß zu dieser Anspielung. 35-51: „Begegnungen mit Jesus“ könnte man diesen Abschnitt überschreiben. Jeden weiß Jesus anders, ganz der Eigenart des einzelnen entsprechend, an sich zu fesseln.

 

2 Hochzeit zu Kana. Und am dritten Tag war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war dabei. Aber auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit geladen. Als der Wein ausging, sagt die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Frau, was begehrst du da von mir? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 4: Den Vollsinn dieser Antwort vermochte Maria besser zu verstehen als wir, weil sie den Klang der Stimme, den Blick des Auges und das gesamte Verhalten ihres Sohnes mitvernahm. Ihr Auftrag an die Diener beweist, daß sie nicht irgendwie gekränkt war. Jesus spricht als Messias und gibt seiner Mutter zu verstehen, daß nur der Wille des himmlischen Vaters maßgebend ist, wann und wie er sein Amt ausüben soll (vgl. Lk 2,49). Maria gibt in ihrem Verhalten das Beispiel einer klugen und umsichtigen Frau. Da sagt seine Mutter zu den Dienern: Alles, was er euch sagt, das tuet. Es standen aber sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigungen dort, wie sie bei den Juden üblich waren. Jeder von ihnen hielt zwei bis drei Maß. Jesus sagt zu ihnen: Füllet die Krüge mit Wasser, und sie füllten sie bis zum Rande. 7: Ein Maß = 39,3 Liter, zusammen also 471,6-707,4 Liter, ein gutes halbes Fuder. Die Gabe sollte des Spenders würdig sein. Darauf spricht er zu ihnen: Schöpfet nun und bringt es dem Speisemeister. Sie brachten es hin. Der Speisemeister verkostete das Wasser, das zu Wein verwandelt war. Er wußte nicht, woher er gekommen sei. Die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wußten es. Da ruft der Speisemeister dem Bräutigam zu 10 und sagt zu ihm: Jedermann setzt zuerst den guten Wein vor und dann, wenn sie angetrunken sind, den geringeren. Du aber hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. 10: Keine allgemeine Weinregel, sondern ein Hochzeitsscherz! 11 Diesen Anfang der Wunder machte Jesus zu Kana in Galiläa; er offenbarte dadurch seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn. 1-11: Sein erstes Wunder wollte Jesus bei der Feier einer Familiengründung wirken. Von der Heiligung der Familie hängt die sittliche Erneuerung der Menschheit ab.

 

Offenbarung Jesu in Jerusalem, Samaria und Galiläa

 

Jesus in Jerusalem am Osterfeste

Tempelreinigung. 12 Darauf zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und Jüngern nach Kapharnaum hinab. Dort blieben sie nur wenige Tage. 12: Über die „Brüder“ Jesu vgl. die Erklärung zu Mt 12,46 13 Das Osterfest der Juden war nahe, und Jesus ging nach Jerusalem hinauf. 14 Im Tempel traf er Leute, die Ochsen, Schafe und Tauben verkauften, und Geldwechsler, die sich dort niedergelassen hatten. 15 Da machte er eine Geißel aus Stricken und trieb alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Ochsen. Das Geld der Wechsler verstreute er, und ihre Tische stieß er um. 16 Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das von hier fort und macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle. 13-16: Vgl. Mt 21,12-13; Mk 11,15-17; Lk 19,45-46 17 Da erinnerten sich seine Jünger, daß geschrieben steht: Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren. 18 Die Juden aber sprachen zu ihm: Mit welchem Wunderzeichen beweisest du, daß du solches tun darfst? 19 Jesus antwortete ihnen und sagte: Brechet diesen Tempel ab, und ich will in ihn in drei Tagen wieder erstehen lassen. 20 Die Juden sagten: Sechsundvierzig Jahre hat man an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder erstehen lassen? 21 Er meinte aber den Tempel seines Leibes. 22 Nach seiner Auferstehung von den Toten erinnerten sich seine Jünger an dies Wort und glaubten der Schrift und dem Worte, das Jesus gesprochen hatte. 23 Während Jesus beim Osterfeste war, glaubten viele an seinen Namen, da sie seine Wunder sahen, die er wirkte. 24 Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte 25 und nicht nötig hatte, daß ihm jemand Zeugnis über einen Menschen gebe, denn er wußte selbst, was im Menschen war. 23-25: Auf Massenerfolge hat Jesus nie großen Wert gelegt.

 

3 Nikodemus bei Jesus. Es war ein Mann aus den Pharisäern, namens Nikodemus, ein Ratsherr der Juden. Dieser kam bei Nacht zu ihm und sprach: Rabbi, wir wissen, daß du ein gottgesandter Lehrer bist, denn die Wunder, die du wirkst, kann niemand wirken, außer Gott ist mit ihm. Jesus erwiderte und sagte zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht wiedergeboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus sagt zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt geworden ist? Kann er denn in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und wieder geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht wiedergeboren ist aus dem Wasser und dem Geiste, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen. Was aus dem Fleische geboren ist, das ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht darüber, daß ich dir gesagt habe: Ihr müßt wiedergeboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Brausen. Aber du weißt nicht, woher er kommt, oder wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geiste geboren ist. Nikodemus entgegnete und sagte zu ihm: Wie kann das geschehen? 10 Jesus antwortete und sagte zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht? 11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Was wir wissen, reden wir, und was wir gesehen haben, bezeugen wir. Ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. 12 Wenn ich von den irdischen Dingen zu euch redete und ihr glaubet nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich von den himmlischen zu euch rede? 13 Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen als der, der vom Himmel herabkam, der Menschensohn, [der im Himmel ist]. 14 Gleichwie Moses die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muß auch der Menschensohn erhöht werden, 15 damit jeder, der an ihn glaubt, [nicht verlorengehe, sondern] ewiges Leben habe. 16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet, wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. 19 Das ist aber das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist und die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht; denn ihre Werke waren böse. 20 Denn jeder, der Böses tut, haßt das Licht und kommt nicht an das Licht, damit seine Werke nicht gerügt werden. 21 Wer aber die Wahrheit übt, der kommt an das Licht, damit seine Werke offenbar werden, weil sie in Gott getan sind. 18-21: Niemand kann ein vorbildlicher Mensch sein, wenn er seiner ersten Pflicht gegen Gott durch den Unglauben untreu wird. Der rechte Glaube aber ist nicht bloßes Fürwahrhalten, sondern „Übung der Wahrheit“ durch ein Leben nach Gottes Gesetz. 1-21: Das Nikodemusgespräch dreht sich um das Wesen der neuen Religion: Nicht die Rasse gibt den Ausschlag, sondern die übernatürliche Wiedergeburt aus Gott, der Glaube an die Offenbarung und das Leben aus dem Glauben. Selbsterlösung gibt es nicht. Gottes Sohn hat uns erlöst. An ihm scheiden sich die Geister wie Licht und Finsternis.

 

Jesus in Judäa

Jesus und der Täufer. 22 Hierauf kam Jesus mit seinen Jüngern in die Landschaft Judäa. Dort hielt er sich mit ihnen auf und taufte. 23 Aber auch Johannes taufte zu Änon bei Salim. Denn dort gab es viel Wasser. Die Leute kamen dorthin und ließen sich taufen. 24 Johannes war nämlich noch nicht eingekerkert. 24: Diese Bemerkung soll Mißverständnisse im Hinblick auf die älteren Evangelien verhüten. 25 Da entstand ein Streit von seiten der Johannesjünger mit einem Juden wegen der Abwaschung. 26 Sie kamen zu Johannes und sagten zu ihm: Rabbi! Der jenseits des Jordan bei dir war und dem du Zeugnis gabst, siehe, der tauft, und alle kommen zu ihm. 27 Johannes antwortete: Ein Mensch kann nicht sich etwas nehmen, es muß ihm vom Himmel gegeben sein. 28 Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe: Ich bin nicht der Messias, sondern ich bin vor ihm hergesandt. 29 Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam. Der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich gar sehr über die Stimme des Bräutigams. So ist auch meine Freude jetzt vollkommen. 30 Er muß wachsen, ich aber abnehmen. Der von oben kommt, steht über allen. Wer von der Erde stammt, ist von der Erde und redet von der Erde. 27-30 Der Vorläufer teilt nicht die kleinliche Eifersucht seiner Jünger. Als Freund des Bräutigams (Jesu) freut er sich, daß das Volk wie eine Braut zu diesem kommt. Selbstlos tritt er zurück, wie der Morgenstern erblaßt wenn die Sonne aufsteigt. Zur Zeit der Sonnenwende im Sommer wird sein Fest gefeiert. 31 Wer vom Himmel kommt, steht über allen. 32 Was er gesehen und gehört hat, das bezeugt er. Doch niemand nimmt sein Zeugnis an. 33 Wer sein Zeugnis annimmt, hat verbürgt, daß Gott wahrhaftig ist. 34 Denn wen Gott gesandt hat, der redet die Worte Gottes, da Gott seinen Geist ungemessen gibt. 35 Der Vater liebt den Sohn und hat ihm alles in die Hand gelegt. 36 Wer an den Sohn glaubt, der hat ewiges Leben; wer aber ungehorsam gegen den Sohn ist, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm. 36: Der Glaube an Christus, nichts anderes, entscheidet über ewiges Leben

 

In Samaria

4 Jesus und die Pharisäer. Als nun der Herr erfuhr, die Pharisäer hätten gehört, daß Jesus mehr Jünger gewinne und mehr taufe als Johannes — und doch taufte Jesus nicht selbst, sondern seine Jünger —, da verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.Dabei mußte er durch Samaria ziehen. Er kommt an eine Stadt in Samaria, die Sychar heißt, nahe bei dem Felde, das Jakob seinem Sohne Joseph gegeben hatte. Dort war der Brunnen Jakobs. Müde von der Reise, setzte sich Jesus ohne weiteres bei dem Brunnen nieder. Es war ungefähr die sechste Stunde.

 

Gespräch Jesu mit der Samariterin. Da kommt eine Samariterin, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagt zu ihr: Gib mir zu trinken. Seine Jünger waren nämlich in die Stadt gegangen, um Speisen einzukaufen. Die Samariterin erwidert ihm: Wie kannst du, der du doch ein Jude bist, von mir, einer samaritischen Frau, zu trinken wünschen? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern. 10 Jesus antwortete und sagte zu ihr: Würdest du Gottes Gabe kennen und wissen, wer der ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken, so hättest du ihn wohl gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gereicht. 11 Da sagt sie zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief. Woher hast du da das lebendige Wasser? 11: Der Brunnen ist heute noch 32 Meter tief. 12 Bist du größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat mit seinen Kindern und seinen Herden? 13 Jesus erwiderte und sagte zu ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten, 14 wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht mehr dürsten in Ewigkeit, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zur Quelle eines Wassers werden, das ins ewige Leben hinüberströmt. 15 Da sagt ihm die Frau: Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nicht mehr dürstet und ich nicht mehr hierherkommen muß, um zu schöpfen. 16 Er sagte zu ihr: Geh, rufe deinen Mann und komm hierher. 17 Die Frau antwortete und sagte zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus sagt zu ihr: Du hast recht gesprochen: Ich habe keinen Mann. 18 Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Da hast du wahr gesprochen. 19 Herr, erwidert die Frau, ich sehe, daß du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei der Ort, wo man anbeten müsse. 20: Gemeint ist der Garizim, der Tempelberg der Samariter. 21 Jesus antwortet ihr: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berge da noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil kommt von den Juden. 23 Doch es kommt die Stunde, und sie ist schon da, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden, denn solche Anbeter sucht der Vater. 24 Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten. 24: Nicht in veräußerlichten Formen und nicht im Widerspruch zwischen Gesinnung und Tat will Gott verehrt sein. Gemeinsame Gottverehrung im liturgischen Opfer ist eine selbstverständliche Pflicht. 25 Die Frau sagt zu ihm: Ich weiß, daß der Messias kommt, der Christus genannt wird. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. 26 Da spricht Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir redet.

 

Ankunft der Jünger. 27 In diesem Augenblick kamen seine Jünger. Sie wunderten sich, daß er mit einer Frau redete. Doch sagte keiner: Was suchst du, oder was redest du mit ihr? 27: Das Sprechen mit einer Frau in der Öffentlichkeit hielten die Juden damals für eines Mannes unwürdig.28 Da ließ die Frau ihren Krug stehen, ging in die Stadt und sagt den Leuten: 29 Kommt doch und seht einen Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe; ob der nicht der Christus ist? 30 Da gingen sie aus der Stadt hinaus und kamen zu ihm.

 

32 Die Jünger baten ihn unterdessen: Rabbi, iß! 32 Er aber sprach zu ihnen: Ich habe eine Speise zu essen, die ihr nicht kennt. 33 Die Jünger fragten einander: Hat ihm wohl jemand zu essen gebracht? 34 Jesus spricht zu ihnen: Meine Speise ist, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe. 35 Saget ihr nicht: Es sind noch vier Monate, dann kommt die Ernte? Seht, ich sage euch: Erhebt eure Augen und betrachtet die Felder. Sie sind weiß zur Ernte. 35: Da die Getreideernte in jener hochgelegenen Gegend im Mai stattfindet, hat sich die Szene am Jakobsbrunnen im Januar abgespielt, ein wichtiger Anhaltspunkt für die Dauer des öffentlichen Wirkens Jesu. Die geistige Ernte unter den Samaritern dagegen ist bereits reif. 36 Und der Schnitter bekommt schon seinen Lohn und fährt Frucht ein zum ewigen Leben, damit sich gemeinsam freuen der Sämann und der Schnitter. 37 Denn hier hat das Sprichwort recht: Ein anderer ist es, der sät, und ein anderer, der erntet. 38 Ich habe euch ausgesandt, zu ernten, was ihr nicht angebaut habt. Andere haben gearbeitet, und ihr seid in ihre Arbeit eingetreten.

 

Glaube der Samariter. 39 Aus jener Stadt aber glaubten viele Samariter an ihn, weil die Frau es ihnen bezeugte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe. 40 Die Samariter waren also zu ihm gekommen. Sie baten ihn, bei ihnen zu bleiben, und er blieb zwei Tage dort. 41 Und noch viel mehr glaubten an ihn wegen seines Wortes. 42 Sie sagten zu der Frau: Wir glauben nun nicht mehr um deiner Rede willen, denn wir haben selber gehört und wissen, daß dieser wahrhaftig der Heiland der Welt ist. 7-42: Das Gespräch am Jakobsbrunnen ist ein Musterbeispiel der seelenaufschließenden Erlöserliebe.

 

Wunder in Galiläa

Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten. 43 Nach den zwei Tagen ging er von da weiter nach Galiläa. 44 Denn Jesus selbst bezeugte es, daß kein Prophet in seinem Vaterlande geehrt ist. 45 Er kam also nach Galiläa. Die Galiläer nahmen ihn auf, da sie alles gesehen hatten, was er am Feste zu Jerusalem gewirkt hatte. Sie waren nämlich auch zum Feste gekommen. 46 So kam er wieder nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser in Wein verwandelt hatte. Es war nun ein königlicher Beamter, dessen Sohn in Kapharnaum krank lag. 47 Dieser hatte erfahren, daß Jesus von Judäa nach Galiläa gekommen sei. Darum ging er zu ihm und bat ihn, er möge hinabkommen und seinen Sohn, der schon im Todeskampfe lag, gesund machen. 48 Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. 48: Der Vorwurf gilt mehr dem wundersüchtigen Volk als dem bittenden Vater. Die verachteten Samariter glaubten ohne Wunder, die Juden aber trotz der Wunder in ihrer Mehrheit nicht. 49 Der königliche Beamte spricht zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt. 50 Da sagt Jesus zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt. Der Mann glaubte dem Worte Jesu und ging. 51 Unterwegs kamen seine Knechte ihm entgegen und meldeten ihm, sein Sohn lebe. 52 Er fragte sie, um welche Zeit es mit ihm besser geworden sei. Sie antworteten: Gestern um die siebte Stunde verließ ihn das Fieber. 53 Da erkannte der Vater, daß es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt; und er glaubte mit seinem ganzen Hause. 54 Dieses zweite Wunder wirkte Jesus, als er von Judäa nach Galiläa gekommen war.

 

Offenbarung Jesu vor den Feinden in Judäa und Galiläa

 

Der Unglaube in Judäa

5 Der Kranke am Bethesdateich. Danach war ein [das?] Fest der Juden, und Jesus ging nach Jerusalem hinauf. Zu Jerusalem befindet sich am Schaftor ein Teich, der auf hebräisch Bethesda heißt, mit fünf Säulengängen. 1-2: Welches Fest gemeint ist, läßt sich schwer sagen, wahrscheinlich das zweite Osterfest. Im Lateinischen heißt es in V. 2: Zu Jerusalem ist ein Schafteich, der auf hebräisch Bethsaida heißt. In diesen lag eine Menge von Kranken, Blinden, Lahmen und Abgezehrten, die auf die Bewegung des Wassers warteten. Ein Engel [des Herrn] stieg nämlich von Zeit zu Zeit in den Teich herab und brachte das Wasser in Bewegung. Wer nun nach dem Aufwallen des Wassers als erster hinabstieg, wurde gesund, er mochte eine Krankheit haben, welche er wollte. Dort war ein Mann, der seit achtunddreißig Jahren krank lag. Als Jesus ihn daliegen sah und wußte, daß er schon lange Zeit so daran war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: O Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser aufwallt. Bis ich aber selbst komme, steigt ein anderer vor mir hinab. Da spricht Jesus zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh! Sogleich ward der Mann gesund, nahm sein Bett und ging. Es war aber Sabbat an jenem Tag. 10 Darum sagten die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist Sabbat. Du darfst dein Bett nicht tragen. 11 Er aber erwiderte: Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm dein Bett und geh! 12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir sagte: Nimm dein Bett und geh? 13 Der Geheilte aber wußte nicht, wer es war. Jesus hatte sich nämlich entfernt, da eine Menge Volkes an dem Orte war. 14 Später findet ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden. Sündige jetzt nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres begegne. 15 Der Mann ging hin und erzählte den Juden, daß es Jesus war, der ihn gesund gemacht habe. 15: Der Geheilte hatte keine böse Absicht bei der Meldung. 16 Deshalb verfolgten die Juden Jesus, weil er das am Sabbat tat.

 

Jesus über seine Wesenseinheit mit dem Vater. 17 Jesus aber entgegnete ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt. So wirke auch ich. 18 Deshalb suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat nicht hielt, sondern auch Gott seinen Vater nannte und so sich Gott gleichstellte. 19 Jesus erwiderte ihnen und sagte: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann von sich aus nichts tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht. Was dieser tut, das tut in gleicher Weise auch der Sohn. 17 ff.: Daß Jesus sich für den wahren Sohn Gottes hielt, haben die Gegner richtig verstanden. Aus dem gemeinsamen göttlichen Wesen folgt das gleiche Wirken.20 Denn der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er selbst tut. Ja noch größere Werke als diese wird er ihm zeigen, damit ihr euch verwundern sollt. 21 Denn wie der Vater die Toten erweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, wen er will. 21: Während hier von geistiger Neubelebung die Rede ist, wird nachher (V. 28-29) die leibliche Auferweckung gelehrt. 22 Der Vater richtet nämlich auch niemand, sondern hat das ganze Gericht dem Sohne übergeben, 23 damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist vom Tode zum Leben übergegangen. 25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde, ja sie ist schon da, wo die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie hören, werden leben. 26 Denn wie der Vater Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn verliehen, Leben in sich selbst zu haben. 27 Er hat ihm auch die Gewalt gegeben, Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. 28 Wundert euch nicht darüber. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern liegen, seine Stimme hören 29 und hervorgehen werden; die das Gute getan haben, werden auferstehen zum Leben, die aber das Böse verübten, werden auferstehen zur Verdammung. 30 Ich kann nichts aus mir selbst tun. Wie ich höre, so richte ich, und mein Gericht ist gerecht, weil ich nicht meinen Willen suche, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.

 

Sein göttliches Wesen durch Johannes und den himmlischen Vater bezeugt. 31 Wenn ich über mich selbst Zeugnis gebe, so ist mein Zeugnis nicht wahr. 32 Es ist ein anderer, der über mich Zeugnis gibt, und ich weiß, daß das Zeugnis wahr ist, das er über mich gibt. 33 Ihr habt zu Johannes geschickt, und er hat der Wahrheit Zeugnis gegeben. 34 Ich nehme aber kein Zeugnis von einem Menschen an, sondern ich sage dies, damit ihr gerettet werdet. 35 Er war die brennende, leuchtende Lampe. Ihr aber wolltet nur für eine Stunde euch an seinem Lichte ergötzen. 36 Ich aber habe ein höheres Zeugnis als das des Johannes; denn die Werke, die mir der Vater auszuführen gab, diese Werke, die ich tue, sie geben Zeugnis über mich, daß der Vater mich gesandt hat. 37 Und der Vater, der mich gesandt hat, gibt selbst über mich Zeugnis. Ihr aber habt seine Stimme niemals gehört noch seine Gestalt gesehen 38 noch sein Wort dauernd in euch. Denn ihr glaubt dem nicht, den jener gesandt hat. 39 Ihr forschet in den Schriften, weil ihr glaubt, darin ewiges Leben zu haben, und gerade sie sind es, die Zeugnis über mich geben. 39: Hiermit hat Jesus selbst die hohe Bedeutung der Bibel des Alten Testamentes auch im Neuen Bund anerkannt. Sie enthält göttliche Offenbarung; kein Christ darf sie ablehnen, sonst lehnt er Gott und Christus ab. 40 Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, um Leben zu haben. 41 Ich nehme keine Ehre von Menschen an. 42 Aber von euch weiß ich, daß ihr die Liebe Gottes nicht in euch habt. 43 Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, aber ihr nehmet mich nicht auf. Wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommen wird, den werdet ihr aufnehmen. 44 Wie könnt ihr gläubig werden, da ihr voneinander Ehre annehmet, aber die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, nicht begehrt. 45 Glaubt nicht, ich werde euch beim Vater anklagen. Der euch anklagt, ist Moses, auf den ihr euch verlasset. 46 Wenn ihr nämlich dem Moses glaubtet, würdet ihr wohl auch mir glauben, denn von mir hat jener geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr dann meinen Worten glauben?

 

Jesus in Galiläa

6 Die Brotvermehrung. Darauf begab sich Jesus auf das andere Ufer des galiläischen Meeres, des [Sees] von Tiberias. Eine große Menge folgte ihm, da sie die Wunder sahen, die er an den Kranken wirkte.Jesus stieg auf den Berg. Dort setzte er sich mit seinen Jüngern nieder. Es war aber das Osterfest der Juden nahe. Da nun Jesus die Augen erhob und eine große Menge zu sich kommen sah, spricht er zu Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen zum Essen für diese? Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen; denn er wußte wohl, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht hin, daß jeder nur ein weniges bekomme. Da sagt einer von den Jüngern, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, zu ihm: Es ist ein Knabe hier, der fünf Gerstenbrote und zwei Fische hat. Allein, was ist dies für so viele? 10 Jesus sagte: Lasset die Leute sich setzen. Es gab aber viel Gras an dem Orte. Da ließen sie sich nieder, etwa fünftausend Männer an der Zahl. 11 Jesus nahm nun die Brote, dankte und teilte sie unter die aus, welche sich gelagert hatten, desgleichen von den Fischen, soviel sie wollten. 12 Als sie genug hatten, sagt er zu seinen Jüngern: Sammelt die übriggebliebenen Stücke, damit nichts zugrunde geht. 13 Sie sammelten nun und füllten zwölf Körbe mit den Stücken von den fünf Gerstenbroten, die beim Essen übriggeblieben waren. 14 Da die Leute nun sahen, was für ein Wunder er gewirkt hatte, sprachen sie: Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll. 15 Jesus erkannte, daß sie kommen wollten, um ihn mit Gewalt zum Könige zu machen; darum zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein. 1-15: Vgl. Mt 14,13-21; Mk 6,31-44; Lk 9,10-17. Das Wunder der Brotvermehrung und ebenso das Wandeln Jesu über den See bereitete auf die Verheißung der hl. Eucharistie vor, in der wir unter Brotgestalt den wahren Leib Christi verehren.

 

Jesus wandelt auf dem See. 16 Als es aber Abend geworden war, gingen seine Jünger an den See hinab, 17 stiegen in ein Schiff und fuhren über den See auf Kapharnaum zu. Es war schon Nacht und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen. 18 Es wehte ein starker Wind, und der See ging hoch. 19 Als sie etwa fünfundzwanzig bis dreißig Stadien gefahren waren, sehen sie Jesus auf dem See wandeln und sich dem Schiffe nähern; und sie fürchteten sich. 19: Da der See 10-12 Kilometer breit ist, waren sie also trotz aller Anstrengung erst in der Mitte. 20 Er aber spricht zu ihnen: Ich bin es, fürchtet euch nicht! 21 Bereitwillig nahmen sie ihn in das Schiff, und alsbald war das Schiff am Lande, da, wo sie hinwollten. 16-21: Vgl. Mt l4,22-33; Mk 6;45-52.

 

Das Volk sucht Jesus. 22 Am andern Tag merkte die Menge, die noch jenseits des Sees war, daß kein anderes Schiff dagewesen war als das eine, und daß Jesus nicht mit seinen Jüngern in das Schiff gestiegen war, vielmehr seine Jünger allein abgefahren waren. 23 Von Tiberias her kamen andere Schiffe in die Nähe des Ortes, wo sie das vom Herrn gesegnete Brot gegessen hatten. 24 Als nun das Volk sah, daß Jesus und seine Jünger nicht mehr da waren, stiegen sie selbst in die Schifflein und fuhren nach Kapharnaum, um Jesus zu suchen. 25 Sie fanden ihn jenseits des Sees und sprachen: Rabbi, wann bist du hierhergekommen?

 

Verheißung des allerheiligsten Altarssakramentes

Der Vater gibt das Brot des Lebens. 26 Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr suchet mich, nicht weil ihr Wunder gesehen, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. 27 Bemühet euch nicht um die vergängliche Speise, sondern um die, welche bleibt zum ewigen Leben, die der Menschensohn euch geben wird. Denn ihn hat Gott der Vater durch sein Siegel beglaubigt. 28 Sie sprachen zu ihm: Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu wirken? 29 Jesus erwiderte ihnen und sagte: Das ist das Werk Gottes, daß ihr an den glaubt, den er gesandt hat. 30 Da fragten sie ihn: Welches Wunder wirkst du denn, daß wir es sehen und dir glauben? Nun, was wirkest du? 31 Unsere Vorfahren haben das Manna in der Wüste gegessen, wie geschrieben steht: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen (Ps 78, 24).

 

Jesus das wahre Lebensbrot. 32 Jesus entgegnete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Moses hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 33 Denn das Brot Gottes ist das, welches vom Himmel herabkommt und der Welt das Leben gibt. 34 Da sagten sie zu ihm: Herr, gib uns für immer dieses Brot. 35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, den wird nicht mehr hungern, und wer an mich glaubt, den wird nicht mehr dürsten. 36 Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt mich gesehen und glaubet nicht. 37 Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und den, der zu mir kommt, werde ich gewiß nicht hinausweisen. 38 Denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. 39 Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, daß ich nichts von allem, was er mir gegeben hat, verlorengehen lasse, sondern es auferwecke am Jüngsten Tage. 40 Denn dies ist der Wille meines Vaters [der mich gesandt hat], daß jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe und ich ihn auferwecke am Jüngsten Tage. 41 Da murrten die Juden über ihn, weil er gesagt hatte: Ich bin das [lebendige] Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, 42 und sprachen: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen? 43 Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Murret nicht untereinander. 44 Niemand kann zu mir kommen, wenn ihn der Vater, der mich gesandt hat, nicht zieht, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. 44: Der Glaube an Christus ist Gnade Gottes, die der Mensch durch eigene Schuld verscherzen kann. 45 Bei den Propheten steht geschrieben: Alle werden von Gott unterwiesen sein (Is 54, 13). Jeder, der den Vater gehört und von ihm gelernt hat, kommt zu mir.46 Nicht als ob jemand den Vater gesehen hätte. Nur der, der von Gott ist, der hat den Vater gesehen. 47 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, hat ewiges Leben. 26-47: Im ersten Teil der Rede verheißt Jesus sich als das Lebensbrot, zu dessen Genuß wir durch den Glauben an seine Person gelangen.

 

Sein Fleisch ist eine Speise, sein Blut ein Trank. 48 Ich bin das Brot des Lebens. 48: Hier beginnt der zweite Teil der Rede: Jesu wahres Fleisch und Blut müssen wir in der Eucharistie als Lebensbrot genießen. 49 Eure Väter haben das Manna in der Wüste gegessen und sind gestorben. 50 Von solcher Art ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, daß jeder, der davon ißt, nicht stirbt. 51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn jemand von diesem Brote ißt, wird er ewig leben. Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. 52 Da stritten die Juden untereinander und sprachen: Wie kann uns dieser sein Fleisch zu essen geben? 53 Jesus sagte zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esset und sein Blut nicht trinket, so habt ihr kein Leben in euch. 53: Der gläubige Empfang der heiligen Eucharistie ist also unerläßliche Pflicht jedes Erwachsenen. Wer selten oder nie zur heiligen Kommunion geht, kann kein guter Christ sein. 54 Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat ewiges Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. 55 Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise, und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. 56 Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. 57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, welcher mich ißt, um meinetwillen leben. 58 Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Nicht wie das [Manna], das eure Väter gegessen haben und gestorben sind. Wer dieses Brot ißt, wird ewig leben. 59 Das sagte er, als er in der Synagoge zu Kapharnaum lehrte.

 

Wirkung seiner Rede. 60 Viele von seinen Jüngern, die dies hörten, sprachen: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? 61 Jesus aber wußte, daß seine Jünger darüber murrten, und sagte zu ihnen: Ärgert euch dieses? 62 Wenn ihr nun den Menschensohn dorthin auffahren sehen werdet, wo er zuvor war? 63 Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützet nichts. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben. 62-63: Der Genuß seines rohen menschlichen Fleisches und Blutes wird nach seiner Verklärung gar nicht möglich sein, könnte auch als tote Speise kein Leben schenken. Sein vom Geiste belebtes und so vergeistigtes Fleisch und Blut reicht er uns im Sakramente. Der v e r k l ä r t e Christus wohnt im Tabernakel. 64 Unter euch sind aber einige, die nicht glauben. Denn Jesus wußte von Anfang an, welche nicht an ihn glaubten und wer ihn verraten würde. 65 Er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist. 66 Von da an zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm. 66: Es ist die sogenannte galiläische Krisis, die hier ausbricht. 67 Nun sagte Jesus zu den Zwölfen: Wollt nicht auch ihr fortgehen? 67: Jesus bettelt nicht. Er fordert klare Entscheidung. 68 Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. 69 Und wir haben geglaubt und erkannt, daß du der Heilige Gottes bist. 69: Im Lateinischen steht: „daß du Christus, der Sohn Gottes, bist.“ 70 Jesus entgegnete ihm: Habe ich nicht euch zwölf auserwählt, und doch ist einer von euch ein Teufel! 71 Er meinte damit den Judas, den Sohn des Simon Iskariot; denn der war es, der ihn verraten sollte, einer aus den Zwölfen.

 

Auf dem Laubhüttenfest in Jerusalem

7 Jesu Reise zum Feste. Hernach wanderte Jesus in Galiläa umher; denn in Judäa wollte er nicht mehr umherziehen, weil die Juden ihn zu töten suchten. Es war gerade das Laubhüttenfest der Juden nahe. Da sagten seine Brüder zu ihm: Geh von hier weg und begib dich nach Judäa, damit auch deine Jünger deine Werke sehen, die du vollbringst. Denn niemand tut etwas im Verborgenen, der selbst öffentlich bekannt zu werden sucht. Wirkst du solche Dinge, so zeige dich offen der Welt. Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn. Jesus sagte zu ihnen: Meine Zeit ist noch nicht gekommen, doch für euch ist die Zeit immer günstig. Euch kann die Welt nicht hassen; mich aber haßt sie, weil ich von ihr Zeugnis gebe, daß ihre Werke böse sind. Geht ihr hinauf zu diesem Feste, ich gehe nicht hinauf zu diesem Feste, weil meine Zeit noch nicht erfüllt ist.3-8: Die Verwandten Jesu teilten die falschen Messias­erwartungen ihres Volkes. Ihrem Drängen will Jesus nicht entsprechen, geht darum nicht mit den Pilgerscharen zum Fest. So sprach er zu ihnen und blieb in Galiläa. 10 Als aber seine Brüder hinaufgegangen waren zum Fest, ging auch er hinauf, nicht öffentlich, sondern gleichsam im geheimen. 11 Auf dem Feste suchten ihn die Juden und fragten: Wo ist doch jener? 12 Es war viel heimliches Gerede über ihn unter dem Volke. Einige sagten: Er ist gut, andere dagegen: Nein, sondern er verführt das Volk. 13 Niemand aber redete frei heraus von ihm aus Furcht vor den Juden.

 

Jesu Auftreten und Selbstzeugnis auf dem Feste. 14 Als man aber bereits mitten in der Festzeit war, kam Jesus zum Tempel herauf und lehrte.15 Die Juden sprachen verwundert: Wie versteht dieser die Schrift, da er doch nicht studiert hat? 16 Jesus antwortete ihnen und sagte: Meine Lehre ist nicht mein, sondern dessen, der mich gesandt hat. 17 Wenn jemand dessen Willen tun will, so wird er erkennen, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich aus mir selber rede. 18 Wer aus sich selbst redet, der sucht die eigene Ehre, wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und keine Ungerechtigkeit ist in ihm.

 

Heiligung des Sabbats. 19 Hat nicht Moses euch das Gesetz gegeben? Aber niemand von euch erfüllt das Gesetz. Warum sucht ihr mich zu töten? 20 Die Menge erwiderte: Du bist vom Teufel besessen. Wer will dich denn töten? 21 Jesus entgegnete ihnen: Ein Werk habe ich gewirkt, und ihr alle seid verwundert deshalb. 22 Moses gab euch die Beschneidung — nicht als ob sie von Moses stammte, sondern von den Vätern, — und ihr beschneidet jemand am Sabbat. 23 Wenn nun jemand am Sabbat die Beschneidung empfängt, damit nicht das Gesetz Moses verletzt wird, was seid ihr dann böse über mich, daß ich am Sabbat einen ganzen Menschen gesund gemacht habe? 19 ff.: Jesus spielt auf das am Sabbat gewirkte Wunder am Bethesdateich an (5,1 ff.). Die fremden Pilger kennen diesen Zusammenhang nicht. 24 Urteilt nicht nach dem Scheine, sondern sprechet ein gerechtes Urteil. 25 Da sagten einige aus Jerusalem: Ist das nicht der, den sie töten wollen? 26 Siehe, er redet öffentlich, und sie sagen ihm nichts. Haben die Vorsteher wirklich erkannt, daß dieser der Messias ist? 27 Doch wissen wir ja, woher dieser ist. Wenn aber der Messias kommt, weiß niemand, woher er ist. 27: Nicht der Geburtsort ist gemeint, sondern die Verborgenheit des Messias vor Anbruch seines Reiches. 28 Da rief Jesus, der im Tempel lehrte, laut: Ihr kennt mich und wisset, woher ich bin. Allein von mir selbst bin ich nicht gekommen, sondern der Wahrhaftige, den ihr nicht kennt, ist es, der mich gesandt hat. 29 Ich kenne ihn, denn aus ihm bin ich, und er hat mich gesandt. 30 Nun suchten sie ihn zu ergreifen. Allein niemand legte Hand an ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen. 31 Vom Volke aber glaubten viele an ihn. Sie sagten: Kann wohl der Messias, wenn er kommt, mehr Wunder wirken, als dieser tat? 32 Die Pharisäer hörten, wie im Volke solches Gerede über ihn ging, und die Oberpriester und Pharisäer schickten Diener aus, um ihn zu ergreifen. 33 Da sagte Jesus: Nur noch eine kurze Zeit bin ich bei euch, dann gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. 34 Ihr werdet mich suchen, aber nicht finden, und dahin, wo ich bin, könnt ihr nicht kommen. 35 Da sprachen die Juden untereinander: Wo will denn dieser hingehen, daß wir ihn nicht finden sollen? Will er etwa in die Diaspora der Griechen gehen und die Griechen lehren? 36 Was soll das bedeuten, daß er sagt: Ihr werdet mich suchen und nicht finden, und dahin, wo ich bin, könnt ihr nicht kommen?

 

Der Höhepunkt des Festes. 37 Am letzten, dem großen Tage des Festes, stand Jesus da und rief laut: Wen dürstet, der komme zu mir und trinke. 38 Wer an mich glaubt, aus dessen Innern werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. 37-38: Jesus hat diese bedeutungsvollen Worte während der feierlichen Wasserprozession gesprochen und so ein herrliches Selbstzeugnis für seine messianische Sendung abgelegt. Die Trennung der Satzteile ist umstritten. Einen guten, durch Handschriften bezeugten Sinn ergibt folgende Gliederung: „Wen dürstet, der komme zu mir. Und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift gesagt hat: Ströme lebendigen Wassers werden aus seinem (= Christi) Leibe fließen.“ Dieses lebendige Wasser ist der Heilige Geist. 39 Damit meinte er den Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten. Weil nämlich Jesus noch nicht verherrlicht war, war der Geist noch nicht mitgeteilt. 40 Da das Volk diese seine Reden hörte, sagten einige: Dieser ist wahrhaftig der Prophet. 41 Andere sprachen: Er ist der Messias. Wieder andere aber meinten: Kommt denn der Messias aus Galiläa? 42 Sagt nicht die Schrift: Aus dem Stamme Davids und aus dem Flecken Bethlehem, wo David war, kommt der Messias? 43 So entstand seinetwegen ein Streit unter dem Volke. 44 Einige von ihnen aber wollten ihn ergreifen, aber niemand legte Hand an ihn. 45 So kamen die Diener zu den Oberpriestern und Pharisäern zurück. Diese sagten ihnen: Warum habt ihr ihn nicht hergeführt? 46 Die Diener antworteten: Nie hat ein Mensch so geredet, wie dieser Mensch redet. 47 Darauf erwiderten ihnen die Pharisäer: Habt auch ihr euch verführen lassen? 48 Hat denn von den Vorstehern oder den Pharisäern jemand an ihn geglaubt? 49 Nein, nur dies Volk da, das das Gesetz nicht kennt. Sie sind verflucht! 50 Einer von ihnen, Nikodemus, der früher einmal zu ihm gekommen war, sagt zu ihnen: 51 Verurteilt denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn gehört und sein Tun festgestellt hat? 52 Sie entgegneten ihm: Du bist wohl auch ein Galiläer? Forsche doch nach, dann wirst du sehen, daß aus Galiläa kein Prophet aufsteht. 53 Dann gingen sie auseinander, ein jeder in sein Haus.

 

8 Die Ehebrecherin. Jesus aber ging auf den Ölberg.Am frühen Morgen aber kam er wieder in den Tempel, und das ganze Volk kam zu ihm. Er setzte sich nieder und lehrte sie. Da bringen die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ergriffen worden war. Sie stellen sie in die Mitte und sagen zu ihm: Meister, diese Frau ist beim Ehebruch auf frischer Tat ergriffen worden.Nun hat uns Moses im Gesetze geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu? 5: Es handelt sich also um eine Braut, deren Untreue so bestraft wurde, weil sie rechtlich als Ehefrau galt. Die Untreue einer eigentlichen Ehefrau wurde durch Erdrosselung gesühnt. Da ein jüdisches Mädchen damals mit 13 Jahren verlobt zu werden pflegte, ist die Sünderin nach unseren Begriffen fast noch ein Kind gewesen. So sprachen sie aber nur, um ihn zu versuchen und ihn anklagen zu können. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Da sie nicht nachließen, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe zuerst einen Stein auf sie. Hierauf bückte er sich wieder und schrieb auf die Erde. Da sie dies hörten, ging einer nach dem andern hinaus, die ältesten zuerst, bis zu den letzten. Jesus blieb allein mit der Frau zurück, die in der Mitte stand. 10 Jesus aber richtete sich nun auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie? Hat dich niemand verurteilt? 11 Sie erwiderte: Niemand, Herr! Und Jesus sprach zu ihr: So will auch ich dich nicht verurteilen. Gehe hin und sündige von nun an nicht mehr! 11: Menschliches Sündenelend und göttliche Erlöserliebe stehen sich hier gegenüber. 7,53-8,11: Obgleich diese Erzählung in den meisten ältesten Textzeugen fehlt, gehört sie zum Bibeltext.

 

Selbstzeugnis Jesu vor den Pharisäern.12 Wiederum sprach Jesus zu ihnen: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wandelt nicht in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. 12: Das Wort vom Licht der Welt wurde wohl während der festlichen Tempelbeleuchtung gesprochen und mußte dadurch um so tieferen Eindruck machen. 13 Da sagten die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst, dein Zeugnis ist nicht wahr. 14 Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Wenn ich auch Zeugnis von mir selbst gebe, ist mein Zeugnis doch wahr. Denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe. Ihr aber wisset nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe. 15 Ihr richtet nach dem Fleische, ich aber richte niemand. 16 Und wenn ich richte, so ist mein Gericht wahr, denn ich bin nicht allein, sondern ich und der mich gesandt hat, der Vater. 17 Auch in eurem Gesetze steht geschrieben, daß das Zeugnis zweier Menschen wahr ist. 18 Ich bin es, der ich Zeugnis von mir selbst gebe, aber es gibt auch Zeugnis von mir, der mich gesandt hat, der Vater. 19 Darauf sagten sie zu ihm: Wo ist dein Vater? Jesus antwortete: Ihr kennet weder mich noch meinen Vater. Wenn ihr mich kennen würdet, so würdet ihr wohl auch meinen Vater kennen. 20 Diese Worte sprach Jesus bei der Schatzkammer, da er im Tempel lehrte; und niemand ergriff ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen.

 

Unbußfertigkeit. 21 Wiederum sprach Jesus zu ihnen: Ich gehe hin, und ihr werdet mich suchen, aber in eurer Sünde werdet ihr sterben. Wo ich hingehe, dahin könnet ihr nicht kommen. 22 Da sagten die Juden: Will er sich vielleicht selbst das Leben nehmen, daß er sagt: Wo ich hingehe, dahin könnet ihr nicht kommen? 23 Er entgegnete ihnen: Ihr seid von unten, ich bin von oben. Ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. 24 Ich habe euch ja gesagt: Ihr werdet in euren Sünden sterben. Denn, wenn ihr nicht glaubet, daß ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben. 25 Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du denn? Jesus sagte zu ihnen: Was rede ich überhaupt mit euch! 25: Die Antwort kann auch übersetzt werden: „Das (bin ich), was ich euch von Anfang an gesagt habe.“ 26 Viel habe ich über euch zu sagen und zu richten. Doch der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und ich rede das zur Welt, was ich von ihm gehört habe. 27 Sie erkannten nicht, daß er von seinem Vater zu ihnen sprach. 28 Da sagte Jesus: Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin und nichts von mir selbst tue, sondern rede, wie mich der Vater gelehrt hat. 28: Die Ereignisse beim Tode Jesu brachten viele zur Einsicht, ebenso das Wunder des Pfingstfestes. 29 Der mich gesandt hat, ist bei mir. Er hat mich nicht allein gelassen, weil ich immer das tue, was ihm wohlgefällt. 30 Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

 

Die wahren Söhne Abra­hams. 31 Nun sprach Jesus zu den Juden, die zum Glauben an ihn gelangt waren: Wenn ihr in meinem Worte verharret, dann seid ihr wahrhaftig meine Jünger. 32 Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. 33 Sie entgegneten: Wir sind Abra­hams Nachkommen und sind nie jemandes Sklaven gewesen. Wie kannst du sagen: Ihr werdet frei sein? 34 Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der Sünde tut, ist der Sünde Knecht. 35 Der Knecht bleibt nicht auf immer in dem Hause, der Sohn aber bleibt auf immer. 36 Wenn der Sohn euch frei gemacht hat, dann werdet ihr wahrhaft frei sein. 37 Ich weiß, daß ihr Kinder Abra­hams seid. Allein ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort in euch keinen Boden findet. 38 Ich rede, was ich bei meinem Vater gesehen habe, und so tut auch ihr, was ihr von eurem Vater gehört habt. 39 Da erwiderten sie und sagten zu ihm: Unser Vater ist Abra­ham. Jesus spricht zu ihnen: Wenn ihr Kinder Abra­hams seid, so tuet auch Abra­hams Werke. 40 Nun sucht ihr mich aber zu töten, mich, der ich euch doch die Wahrheit verkündet habe, die ich von Gott gehört. So etwas hat Abra­ham nicht getan. 41 Ihr tut die Werke eures Vaters. Da sprachen sie zu ihm: Wir sind doch keine Hurenkinder! Wir haben Einen Vater, Gott. 42 Jesus sagte zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, so würdet ihr doch mich lieben. Ich bin von Gott ausgegangen und gekommen. Ich bin nämlich nicht von mir selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt. 43 Warum versteht ihr meine Rede nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt. 44 Ihr habt den Teufel zum Vater und die Begierden eures Vaters wollt ihr erfüllen. Er war von Anfang an ein Menschenmörder und steht nicht in der Wahrheit, weil in ihm keine Wahrheit ist. Wenn er Lügen redet, redet er aus seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge. 45 Wenn aber ich die Wahrheit rede, so glaubt ihr mir nicht. 46 Wer aus euch kann mich einer Sünde überführen? Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? 47 Wer aus Gott ist, der hört Gottes Wort. Darum hört ihr es nicht, weil ihr nicht aus Gott seid. 38-47: Mit fast erschreckender Deutlichkeit offenbarte Jesus hier die tiefsten Ursachen der Feindschaft gegen seine Lehre. Wer die Lüge zum Prinzip erhebt, kann nie ein Jünger Christi werden, der die Wahrheit selber ist. Wenn Jesus den Teufel als Vater seiner Feinde bezeichnet, meint er die Geistesverwandtschaft; denn vorher hat er ja Abra­ham als ihren leiblichen Ahnherrn genannt. 48 Da entgegneten die Juden und sagten zu ihm: Sagen wir nicht mit Recht, daß du ein Samariter bist und vom Teufel besessen? 49 Jesus antwortete: Ich bin nicht vom Teufel besessen, sondern ich ehre meinen Vater, ihr aber verunehrt mich. 50 Doch ich suche meine Ehre nicht. Es ist einer da, der sie sucht und richtet. 51 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn einer mein Wort hält, so wird er den Tod in Ewigkeit nicht schauen. 52 Darauf sagten die Juden zu ihm: Nun erkennen wir, daß du von einem bösen Geiste besessen bist. Abra­ham und die Propheten sind gestorben, und du sagst: Wenn einer mein Wort hält, der wird den Tod nicht verkosten in Ewigkeit. 53 Bist du vielleicht größer als unser Vater Abra­ham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben. Zu was machst du dich selbst? 54 Jesus sagte: Wenn ich mich selbst rühme, so ist meine Ehre nichts. Mein Vater ist es, der mich verherrlicht, von dem ihr saget, er sei euer Gott. 55 Doch ihr habt ihn nicht erkannt. Ich aber kenne ihn. Würde ich sagen, ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner, gleich wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte sein Wort. 56 Abra­ham, euer Vater, hat frohlockt, daß er meinen Tag sehen werde. Er sah ihn und freute sich. 56: Schon bei der Geburt Isaaks begann für Abra­ham das Schauen der messianischen Heilszeit. Vom Jenseits her sah er den menschgewordenen Messias in seinem Amt. 57 Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast den Abra­ham gesehen? 58 Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abra­ham ward, bin ich.59 Da hoben sie Steine, um nach ihm zu werfen. Jesus aber verbarg sich und ging aus dem Tempel hinweg. 59: Es wurde immer noch an den Nebenbauten des Tempels gebaut, so daß Steine umherlagen.

 

Jesus und der Blindgeborene

9 Heilung des Blindgeborenen. Im Vorübergehen sah er einen Menschen, der von Geburt an blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder dieser noch seine Eltern haben sich versündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.2-3: Jesus teilt nicht die Auffassung der Juden, jedes Leiden sei Sündenstrafe. Wir müssen die Werke dessen tun, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Nach diesen Worten spuckte er auf den Boden, bereitete mit dem Speichel einen Teig, strich den Teig auf seine Augen und sprach zu ihm: Gehe hin und wasche dich im Teiche Siloe — das heißt übersetzt: Gesandter. Er ging, wusch sich und kam sehend wieder. Da sagten die Nachbarn und die, welche ihn früher gesehen hatten, weil er ein Bettler war: Ist das nicht der, der da saß und bettelte? Die einen sagten: Ja, er ist es, aber andere: Keineswegs, sondern er sieht ihm ähnlich. Er selbst sprach: Ich bin es. 10 Da sagten sie zu ihm: Wie sind dir denn die Augen geöffnet worden? 11 Er entgegnete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sprach zu mir: Gehe an den Siloe und wasche dich. Ich ging, wusch mich und sah. 12 Sie fragten ihn: Wo ist jener? Er erwiderte: Ich weiß es nicht.

 

Verhör des geheilten Blinden durch die Pharisäer. 13 Darauf führten sie den, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. 14 Es war aber Sabbat an dem Tag, an dem Jesus den Teig gemacht und seine Augen geöffnet hatte. 15 Auch die Pharisäer fragten ihn wieder, wie er sehend geworden sei. Er sagte zu ihnen: Er hat mir einen Teig auf die Augen gelegt, ich habe mich gewaschen, und jetzt sehe ich. 16 Da sprachen einige von den Pharisäern: Dieser Mensch, der den Sabbat nicht hält, ist nicht aus Gott. Andere aber meinten: Wie kann ein Sünder solche Wunder tun? So waren die Meinungen geteilt. 17 Darum fragen sie den Blinden aufs neue: Was sagst du von ihm, da er dir doch die Augen geöffnet hat? Er aber antwortete: Daß er ein Prophet ist. 18 Die Juden wollten nun nicht von ihm glauben, daß er blind gewesen und sehend geworden sei. Darum riefen sie die Eltern des geheilten Blinden 18: Wo schlechter Wille ist, kann auch ein offensichtliches Wunder nicht den Glauben wecken. Wie sich die Männer der Behörde drehen und wenden, um an der Wahrheit vorbeizukommen, und wie an dem gesunden Menschenverstand des Geheilten ihre Kunst scheitert, ist köstlich dargestellt. 19 und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, er sei blind geboren? Wie ist er jetzt sehend geworden?20 Seine Eltern erwiderten und sprachen: Wir wissen, daß dies unser Sohn ist und daß er blind geboren ist. 21 Wie er aber jetzt sehend geworden ist, wissen wir nicht, oder wer ihm die Augen geöffnet hat, wissen wir nicht. Fragt ihn selbst! Er ist alt genug. Er selbst mag über sich Auskunft geben. 22 So sagten seine Eltern aus Furcht vor den Juden. Die Juden hatten es nämlich schon abgemacht, wenn jemand ihn als den Messias bekenne, solle er aus der Synagoge ausgeschlossen werden. 23 Aus diesem Grunde sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst. 24 Nun ließen sie den Mann, der blind gewesen war, ein zweites Mal kommen und sprachen zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist. 25 Jener erwiderte: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Eines weiß ich, daß ich blind war und jetzt sehe. 26 Sie fragten ihn nun: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? 27 Er antwortete: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht darauf gehört. Was wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden? 28 Da beschimpften sie ihn und sprachen: Magst du sein Jünger sein. Wir aber sind des Moses Jünger. 29 Wir wissen, daß Gott mit Moses geredet hat. Von diesem aber wissen wir nicht, woher er ist. 30 Jener Mensch entgegnete ihnen und sagte: Das ist ja gerade das Wunderliche, daß ihr nicht wisset, woher er ist, und er hat doch meine Augen aufgetan. 31 Wir wissen doch, daß Gott Sünder nicht erhört. Wer aber gottesfürchtig ist und Gottes Willen tut, den erhört er.32 Solange die Welt steht, hat man noch nicht gehört, daß jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. 33 Wenn dieser nicht aus Gott wäre, so hätte er nichts vermocht. 34 Da sagten sie zu ihm: Du bist ganz in Sünden geboren und willst uns belehren? Und sie stießen ihn aus.

 

Der Geheilte wird gläubig. 35 Jesus hörte, daß sie ihn ausgestoßen hatten. Als er ihn traf, fragte er ihn: Glaubst du an den Menschensohn? 36 Jener erwiderte und sagte: Herr, wer ist es, damit ich an ihn glaube? 37 Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn vor Augen. Der mit dir redet, der ist es. 38 Er aber sagte: O Herr, ich glaube, und warf sich vor ihm nieder. 39 Jesus sagte: Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen, damit die, welche nicht sehen, sehen, und die, welche sehen, blind werden. 39: Jesus ist die Sonne der Wahrheit. Das gesunde Auge freut sich ihres Lichtes, das kranke wird geblendet durch eigene Schuld. 40 Das hörten einige Pharisäer, die bei ihm waren, und sagten zu ihm: Sind wir vielleicht auch blind?41 Jesus erwiderte ihnen: Wäret ihr blind, so hättet ihr keine Sünde. Nun aber sprecht ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

 

Gleichnisse

10 Jesus der gute Hirte. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Türe in den Schafstall eintritt, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Türe eintritt, der ist ein Hirt der Schafe. Dem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, er ruft seine eigenen Schafe mit Namen und führt sie hinaus. Hat er seine Schafe herausgelassen, so geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern vor ihm fliehen, denn die Stimme der Fremden kennen sie nicht.Dieses Gleichnis sprach Jesus zu ihnen. Sie aber verstanden nicht, was er ihnen damit sagen wollte. Darum sprach Jesus wieder zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. 7: Es gibt keinen anderen Zugang zum Reiche Gottes als ChristusAlle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber, und die Schafe hörten nicht auf sie. Ich bin die Tür. Wer durch mich eingeht, dem wird geholfen sein. Er wird eingehen und ausgehen und Weide finden.10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu töten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es reichlich haben. 11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte setzt sein Leben ein für die Schafe. 12 Der Mietling aber, der kein Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, läßt die Schafe im Stich und flieht, und der Wolf fällt die Schafe an und jagt sie auseinander. Der Mietling aber flieht, 13 weil er Mietling ist und ihm nichts an den Schafen liegt. 14 Ich bin der gute Hirt und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, 15 wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne, und ich gebe mein Leben für die Schafe. 16 Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Schafstalle sind. Auch sie muß ich herführen, sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirt werden. 17 Der Vater liebt mich deshalb, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu gewinnen. 1-17: Das Bild des Hirten und seiner Herde kannten die Hörer aus täglicher Anschauung. 18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich gebe es freiwillig hin, ich habe die Macht, es hinzugeben, und habe die Macht, es wieder zu gewinnen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater erhalten. 18: Erlösungstod ist nicht stumme Ergebung eines Kraftlosen in sein Geschick, sondern ganz freie Liebestat. 19 Wegen dieser Reden wurden die Juden wieder uneins. 20 Viele von ihnen aber sagten: Er ist besessen und wahnsinnig, was hört ihr ihn an? 21 Andere sagten: Das sind nicht die Worte eines Besessenen. Kann denn ein böser Geist Blinden die Augen öffnen?

 

Die Rede am Tempelweihfest

Die Einheit des Sohnes mit dem Vater.22 Danach fand das Fest der Tempelweihe in Jerusalem statt. Es war Winter. 23 Da ging Jesus im Tempel in der Halle Salomons umher. 24 Die Juden umringten ihn und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns noch in Unsicherheit? Wenn du der Messias bist, so sage es uns offen. 25 Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubet nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters wirke, die geben von mir Zeugnis. 26 Ihr aber glaubet nicht, weil ihr nicht von meinen Schafen seid. 27 Meine Schafe hören meine Stimme, ich kenne sie, und sie folgen mir. 28 Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden in Ewigkeit nicht verlorengehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen. 29 Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand vermag sie der Hand des Vaters zu entreißen. 30 Ich und der Vater sind eins. 31 Da schleppten die Juden wieder Steine herbei, um ihn zu steinigen. 32 Jesus antwortete ihnen: Viele gute Werke habe ich euch von meinem Vater her gezeigt. Für welches dieser Werke steinigt ihr mich? 33 Die Juden erwiderten ihm: Wegen eines guten Werkes steinigen wir dich nicht, sondern wegen der Gotteslästerung, weil du dich selbst zu Gott machst, da du doch ein Mensch bist. 34 Jesus entgegnete ihnen: Steht nicht in eurem Gesetze geschrieben: Ich sprach: Götter seid ihr? (Ps 82,6.) 35 Wenn er also die Götter genannt hat, an welche das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht ungültig werden kann, 36 was sagt ihr dann zu dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst Gott, weil ich sagte: Ich bin Gottes Sohn? 37 Wenn ich die Werke meines Vaters nicht tue, so glaubet mir nicht. 38 Wenn ich sie aber tue und ihr mir nicht glauben wollt, so glaubet doch den Werken, damit ihr erkennet und einsehet, daß der Vater in mir ist und ich im Vater bin. 34-38: Jesus nimmt für sich die Gottessohnschaft im eigentlichen Sinn in Anspruch, nicht nur im moralischen Sinn oder als Adoptivsohn. Er ist gleicher Natur und Wesenheit mit dem Vater. So haben ihn die Gegner verstanden, und so wollte er verstanden sein. 39 Da suchten sie ihn wieder zu ergreifen. Er aber entzog sich ihren Händen.

 

Jesus im Ostjordanland. 40 Und er begab sich wieder über den Jordan an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte. Dort blieb er. 41 Viele kamen zu ihm und sprachen: Johannes hat zwar kein Wunder gewirkt, aber alles, was Johannes von diesem gesagt hat, ist wahr gewesen. 42 Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.

 

Jesus und Lazarus

11 Der Tod des Lazarus. Es war aber einer krank, Lazarus aus Bethanien, dem Dorfe Marias und ihrer Schwester Martha. Das war jene Maria, welche den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihren Haaren getrocknet hat. Ihr Bruder Lazarus war nun krank. 1-2: Wäre Marthas Schwester dieselbe Person wie Maria Magdalena, dann hieße Bethanien bei Jerusalem nicht „Dorf Marias“, weil Maria Magdalena ihren Namen von dem Ort Magdala am See Genesareth hat. Maria von Bethanien ist auch nicht die bekehrte Sünderin (Lk 7,36-50), denn diese lebte in einer Stadt Galiläas. Johannes weist hier auf die in Bethanien erfolgte Salbung Jesu durch Maria hin, weil Matthäus und Markus den Namen Marias nicht genannt hatten. Die Schwestern schickten hin und ließen ihm sagen: Herr, siehe, den du liebhast, der ist krank. Als Jesus es hörte, sagte er: Diese Krankheit führt nicht zum Tode, sondern dient zur Ehre Gottes. Der Sohn Gottes soll durch sie verherrlicht werden. Jesus liebte aber die Martha, ihre Schwester Maria und den Lazarus. Da er nun hörte, er sei krank, blieb er noch zwei Tage an dem Orte, wo er war. Erst als diese um waren, spricht er zu den Jüngern: Wir wollen nach Judäa zurückkehren. Die Jünger sagen zu ihm: Meister, eben wollten dich die Juden steinigen, und nun gehst du wieder hin? Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? 10 Wenn jemand bei Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; wenn aber einer bei Nacht umhergeht, stößt er an, weil kein Licht in ihm ist. 11 So sprach er, und danach sagt er zu ihnen: Unser Freund Lazarus schläft. Allein ich gehe hin, um ihn aufzuwecken. 12 Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, wird er gesund werden. 13 Jesus hatte jedoch von seinem Tode gesprochen. Sie aber glaubten, er rede von der Ruhe des Schlafes. 14 Darum sprach Jesus jetzt offen zu ihnen: Lazarus ist gestorben. 15 Ich freue mich um euretwillen, daß ich nicht dort war, damit ihr glaubet. Laßt uns nun zu ihm gehen. 16 Da sagte Thomas, der Zwilling genannt wurde, zu seinen Mitjüngern: Laßt auch uns hingehen, um mit ihm zu sterben.

 

Martha und Maria. 17 Als Jesus ankam, fand er ihn bereits vier Tage im Grabe liegen. 18 Bethanien aber lag nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. 18: Der Weg führt über den Ölberg. Fünfzehn Stadien = 2,7 Kilometer. 19 Viele von den Juden waren zu Martha und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.20 Als nun Martha von der Ankunft Jesu hörte, ging sie ihm entgegen. Maria dagegen blieb zu Hause sitzen. 21 Martha sprach nun zu Jesus: Herr, wärest du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben. 22 Aber auch jetzt weiß ich, daß Gott dir alles geben wird, um was du ihn bittest. 23 Jesus erwidert ihr: Dein Bruder wird auferstehen. 24 Martha sagt zu ihm: Ich weiß, daß er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. 25 Jesus sprach zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist. 26 Und jeder, der im Leben an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Glaubst du das? 27 Sie sagt zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn [des lebendigen] Gottes, der in die Welt kommen soll. 21-27: Dieses Zwiegespräch voll tiefster Trostgedanken aus dem Glauben an die Auferstehung verwendet die Kirche als Evangelium in der Meßliturgie am Tage der Beerdigung. Was Jesus hier von sich aussagt, setzt die göttliche Wesenheit seiner Person voraus. 28 Nachdem sie das gesagt hatte, ging sie weg und rief heimlich ihre Schwester Maria mit den Worten: Der Meister ist da und ruft dich. 29 Wie aber jene dies hörte, stand sie schnell auf und kam zu ihm. 30 Jesus aber war noch nicht in das Dorf gekommen, sondern war an dem Orte, wo Martha ihn getroffen hatte, geblieben. 31 Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, daß Maria schnell aufstand und hinausging, meinten sie, sie gehe zum Grabe, um dort zu weinen, und folgten ihr. 32 Wie nun Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füße mit den Worten: Herr, wärest du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben. 33 Da Jesus sie und die Juden in ihrer Begleitung weinen sah, wurde er im Innern erschüttert und tief erregt. 34 Er sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie antworten ihm: Herr, komm und sieh! 35 Und Jesus weinte. 36 Da sagten die Juden: Seht, wie lieb er ihn hatte. 37 Einige aus ihnen aber sprachen: Hätte der, welcher die Augen des Blindgeborenen öffnete, nicht auch machen können, daß dieser nicht starb? 37: Der Haß findet in allem einen Grund zum Nörgeln.

 

Jesus erweckt den Lazarus. 38 Jesus erschauert aufs neue in seinem Innern und geht ans Grab. Dies war eine Höhle, und ein Stein lag davor.38: Die seelische Erschütterung Jesu ist nicht nur hervorgerufen durch menschliches Mitleid, sondern durch den Gedanken an die Herrschaft des Todes, an das bevorstehende eigene Todesleiden und an den schlimmsten Tod vieler unter den Zeugen, die im Unglauben vorsätzlich verharren. 39 Jesus sagt: Nehmet den Stein weg! Martha, die Schwester des Verstorbenen, entgegnet ihm: Herr, er riecht schon, denn er ist bereits vier Tage tot. 40 Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, wenn du glaubst, werdest du die Herrlichkeit Gottes sehen? 41 Nun hoben sie den Stein weg. Jesus aber blickte aufwärts und sagte: Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast. 42 Ich wußte zwar, daß du mich immer erhörst, aber wegen des Volkes, das herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, daß du mich gesandt hast. 43 Und nachdem er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44 Da kam der Verstorbene heraus. Hände und Füße waren ihm mit Tüchern verbunden, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umwickelt. Jesus sagt zu ihnen: Macht ihn los und laßt ihn gehen.

 

Wirkung dieses Wunders. 45 Viele von den Juden, die zu Maria [und Martha] gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan, glaubten an ihn. 46 Einige aus ihnen aber gingen zu den Pharisäern und erzählten ihnen, was Jesus getan hatte. 47 Die Oberpriester und Pharisäer beriefen darauf den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir, da dieser Mensch viele Wunder wirkt? 48 Wenn wir ihn so gewähren lassen, so werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die [heilige] Stätte und das Volk wegnehmen. 49 Einer aber von ihnen, namens Kaiphas, der in jenem Jahre Hoherpriester war, sagte zu ihnen: 50 Ihr wisset nichts und bedenket nicht, daß es für euch besser ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht. 51 Das sprach er aber nicht aus sich selbst, sondern da er in jenem Jahre Hoherpriester war, weissagte er, daß Jesus für das Volk sterben werde, 52 und nicht allein für das Volk, sondern auch, um die zerstreuten Kinder Gottes zu sammeln und zu vereinigen. 49-52: Gott benutzt den unwürdigen Träger der Hohenpriesterwürde, um die Allgemeinheit der Erlösung verkünden zu lassen. 53 Von jenem Tage an waren sie entschlossen, ihn zu töten. 54 Jesus bewegte sich darum nicht mehr öffentlich unter den Juden, sondern zog sich in die Gegend nahe bei der Wüste zurück, in eine Stadt, die Ephraim heißt. Dort hielt er sich mit den Jüngern auf. 55 Das Osterfest der Juden aber war nahe. Da zogen viele aus dem Lande vor dem Osterfeste nach Jerusalem hinauf, um die Reinigungsgebräuche mitzumachen. 56 Sie suchten nun Jesus, standen im Tempel zusammen und sagten zueinander: Was meint ihr? Er wird wohl nicht zum Feste kommen? 57 Die Oberpriester und Pharisäer aber hatten Befehle erlassen, wer wisse, wo er sei, habe es anzuzeigen, damit man ihn festnehmen könne.

 

12 Salbung Jesu. Sechs Tage vor dem Osterfeste kam nun Jesus nach Bethanien, wo Lazarus wohnte, den Jesus von den Toten auferweckt hatte. Dort bereiteten sie ihm ein Gastmahl, und Martha bediente, Lazarus aber war einer von denen, die mit ihm zu Tische saßen.Da nahm Maria ein Pfund kostbarer Salbe von echter Narde, salbte die Füße Jesu und trocknete seine Füße mit ihren Haaren ab; das Haus aber wurde von dem Duft der Salbe erfüllt. Einer aber aus seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn verraten sollte, sagt: Warum hat man diese Salbe nicht um dreihundert Denare verkauft und den Armen gegeben?Das sagte er aber nicht, weil ihm an den Armen etwas gelegen war, sondern weil er ein Dieb war, den Beutel führte und von dem, was hineingelegt wurde, unterschlug. Jesus erwiderte: Lasset sie, damit sie dies für den Tag meines Begräbnisses verbrauche. 7: Was Maria tat, hatte prophetischen Sinn. Es war eine Vorwegnahm der Salbung des Leichnams Jesu. Auch dieses Wort Jesu beweist, daß Maria von Bethanien nicht Maria Magdalena ist, denn diese nahm an der Grablegung teil und ging am Ostermorgen wieder zum Grabe, um die Salbung des Leichnams zu vollenden. Arme habt ihr nämlich immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer. 1-8: Vgl. Mt 26,6-13; Mk 14, 3-9. Die Veranstaltung des Gastmahls für den Geächteten war ein mutiges Bekenntnis. Die große Menge der Juden erfuhr, daß er dort sei, und sie kamen nicht allein um Jesu willen, sondern auch, um den Lazarus zu sehen, den er von den Toten auferweckt hatte. 10 Die Oberpriester dachten aber daran, auch den Lazarus zu töten. 11 Denn um seinetwillen gingen viele Juden hin und glaubten an Jesus. 10-11: Die einzige Schuld des Lazarus ist sein erfolgreiches Wirken für Jesus.

 

Jesus in Jerusalem

Einzug in Jerusalem. 12 Am andern Tage ging die große Menge, die zum Feste gekommen war und gehört hatte, daß Jesus nach Jerusalem komme, 13 ihm mit den Palmzweigen entgegen und rief. Hosanna! Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht: 15 Fürchte dich nicht, Tochter Sion! Siehe, dein König kommt, sitzend auf dem Füllen einer Eselin (Zach 9, 9). 16 Dies verstanden seine Jünger anfangs nicht. Aber als Jesus verherrlicht war, da erinnerten sie sich, daß dies von ihm geschrieben war und daß sie dies an ihm getan hatten. 17 Das Volk, das bei ihm gewesen war, als er den Lazarus aus dem Grabe gerufen und ihn von den Toten auferweckt hatte, legte Zeugnis davon ab. 18 Deshalb zog ihm auch die Volksmenge entgegen, weil sie gehört hatte, er habe dieses Wunderzeichen gewirkt. 19 Die Pharisäer aber sprachen zueinander: Da seht ihr, daß ihr nichts ausrichtet; siehe, die [ganze] Welt ist ihm nachgelaufen. 12-19: Vgl. Mt 21,1-11; Mk 11,1-10; Lk 19,29-44.

 

Letzte Rede Jesu im Tempel. 20 Es waren aber unter denen, die hinaufgezogen waren, um am Feste anzubeten, einige Griechen. 21 Diese gingen zu Philippus, der aus Bethsaida in Galiläa war und baten ihn: Herr, wir möchten Jesus sehen. 22 Philippus geht und sagt es dem Andreas, und Andreas und Philippus melden es Jesus. 20-22: Diese Griechen waren Heiden, denen das Heidentum nicht mehr genügte. Als ehrliche Sucher nach der Wahrheit läßt Gott sie den Weg zu Christus finden. 23 Jesus aber erwidert ihnen und sagt: Die Stunde ist gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. 25 Wer sein Leben liebt, verliert es, wer aber sein Leben in dieser Welt haßt, der wird es für das ewige Leben bewahren. 24-25: Was Jesus von sich sagt, gilt auch für die Seinen.26 Wenn jemand mir dienen will, der folge mir nach, und wo ich bin, da soll auch mein Diener sein. Wenn jemand mir dient, den wird mein Vater ehren. 27 Nun ist meine Seele erschüttert, und was soll ich sagen? Vater, rette mich aus dieser Stunde? Doch deshalb bin ich in diese Stunde eingetreten: 27: Das schwerste Leid nimmt der Erlöser mutig auf sich, weil er dadurch den Vater verherrlicht. 28 Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. 29 Das Volk, das dastand und dies hörte, sprach, es habe gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat mit ihm geredet.30 Jesus aber antwortete und sagte: Nicht um meinetwillen ist diese Stimme gekommen, sondern um euretwillen. 31 Jetzt ist das Gericht dieser Welt. Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen. 32 Ich aber, wenn ich erhöht sein werde von der Erde, werde alle zu mir ziehen. 32: Für niemand schlagen so viele Herzen wie für Christus. Sich bewußt seiner Liebe entziehen, bedeutet schwerste Schuld. 33 Das aber sagte er, um die Art seines Todes anzudeuten. 34 Das Volk erwiderte ihm: Wir haben aus dem Gesetze gehört, daß der Messias ewig bleibe. Wie sagst du nun: Der Menschensohn muß erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? 35 Da sagt Jesus zu ihnen: Noch eine kleine Weile ist das Licht unter euch. Geht euren Weg, solange ihr das Licht habet, damit die Finsternis euch nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, weiß nicht, wo er hingeht. 36 Glaubet an das Licht, solange ihr das Licht habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Also sprach Jesus. Dann ging er weg und verbarg sich vor ihnen.

 

Rückblick auf die Wirksamkeit. 37 Obwohl er aber so viele Wunder vor ihnen gewirkt hatte, glaubten sie nicht an ihn. 38 So sollte das Wort des Propheten Isaias in Erfüllung gehen, das er gesprochen hat: O Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt? Und wem ist der Arm des Herrn offenbar gemacht? (Is 53, 1.) 39 Sie konnten nicht glauben, denn wiederum hat Isaias gesagt: 40 Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verhärtet, daß sie nicht sehen mit ihren Augen und nicht einsehen mit ihrem Herzen noch sich bekehren, und ich sie heile (Is 6,9. 10).41 So sagte Isaias, da er seine Herrlichkeit schaute, und von ihm hat er gesprochen. 42 Doch glaubten selbst viele von den Ratsherren an ihn, nur bekannten sie es der Pharisäer wegen nicht offen, um nicht aus der Synagoge gestoßen zu werden. 43 Denn sie schätzten die Ehre bei den Menschen höher als die Ehre bei Gott. 37-43: Das Geheimnis der Gnade und das Geheimnis der Bosheit hat von jeher die denkenden Menschen beschäftigt. Jedem wird die hinreichende Gnade angeboten (38). Lehnt er sie stolz ab, dann verfällt er durch eigene Schuld in Verstocktheit. Der übernatürliche Lebenskeim stirbt in ihm ab.

 

Jesu göttliche Sendung. 44 Jesus aber rief mit lauter Stimme: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. 45 Und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. 46 Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. 47 Wenn jemand meine Worte hört, aber nicht befolgt, so richte nicht ich ihn. Denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu retten. 48 Wer mich ablehnt und meine Worte nicht annimmt, der hat seinen Richter. Das Wort, das ich gesprochen habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage. 49 Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir geboten, was ich reden und verkünden soll. 50 Und ich weiß, sein Gebot ist ewiges Leben. Was ich also rede, rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat. 44-50: Wer Christus verneint, verneint Gott; denn Christus und der Vater sind eins.

 

Jesu Selbstoffenbarung im Kreise der Seinen

 

Abschiedsfeier

13 Fußwaschung. Das Osterfest war nahe. Jesus wußte, daß seine Stunde gekommen sei, da er aus dieser Welt zum Vater gehen sollte; und da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, so liebte er sie bis ans Ende. Das Abendmahl hatte begonnen, und schon hatte der Teufel dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, ins Herz gegeben, ihn zu verraten. Jesus wußte, daß der Vater alles in seine Hände gegeben hatte, daß er von Gott aus gegangen sei und zu Gott zurückkehre. So steht er vom Mahle auf, legt sein Oberkleid ab, nahm ein Linnentuch und band es sich um. Darauf gießt er Wasser in ein Becken und fing an, die Füße der Jünger zu waschen und mit dem Tuche, womit er umgürtet war, abzutrocknen. So kommt er zu Simon Petrus; der aber sagt ihm: Herr, du willst mir die Füße waschen? Jesus erwiderte und sagte zu ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht, wirst es aber nachher verstehen. Petrus sagt zu ihm: In Ewigkeit sollst du mir die Füße nicht waschen. Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, wirst du keine Gemeinschaft mit mir haben. Da sagt Simon Petrus zu ihm: Herr, nicht allein meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. 10 Jesus sagt zu ihm: Wer ein Bad genommen, hat nur nötig, die Füße zu waschen, sonst ist er ganz rein. Auch ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Denn er wußte, wer ihn verraten würde, darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. 12 Nachdem er ihnen nun die Füße gewaschen und sein Oberkleid genommen hatte, ließ er sich wieder nieder und sagte zu ihnen: Versteht ihr, was ich euch getan habe? 13 Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sprecht recht, denn ich bin es. 14 Wenn nun ich, der Herr und der Meister, eure Füße gewaschen habe, dann müsset auch ihr einander die Füße waschen. 15 Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr tuet, wie ich euch getan habe. 14-15: Jesus fordert nicht die Wiederholung der gleichen äußeren Handlung, sondern die Betätigung der gleichen demütigen Liebe. Erst die Gesinnung gibt den „religiösen Übungen“ Wert. 16 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr, noch der Gesandte größer als der ihn gesandt hat. 17 Wenn ihr dies wisset so seid ihr selig, wenn ihr es tut. 17: Christentum ist kein bloßes Wissen um Christus, sondern Christusnachfolge in der Tat. 18 Nicht von euch allen rede ich. Ich weiß, wen ich erwählt habe; allein die Schrift muß erfüllt werden: Der mein Brot ißt, hat seine Ferse gegen mich erhoben. 19 Schon jetzt sage ich es euch, ehe es geschieht, damit ihr glaubet, wenn es geschehen ist, daß ich es bin. 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer einen aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf. Wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.

 

Entlarvung des Verräters. 21 Nachdem Jesus dies gesprochen hatte, wurde er im Geiste erschüttert und beteuerte: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten. 22 Da schauten die Jünger einander an, ratlos, wen er meine. 23 Einer von seinen Jüngern aber, der, den Jesus liebte, ruhte an der Brust Jesu. 24 Diesem winkt Simon Petrus und sagt zu ihm: Frage, wer es ist, den er meint. 25 Darauf lehnte sich dieser so [ohne Umstände] an die Brust Jesu und sagte zu ihm: Herr, wer ist es? 26 Jesus antwortet: Der ist's, dem ich den Bissen eintunken und reichen werde. Darauf tunkt er den Bissen ein und gibt ihn dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sagt Jesus zu ihm: Was du tun willst, das tue gleich.28 Niemand von den Tischgenossen verstand aber, warum er so zu ihm sagte. 29 Denn einige meinten, weil Judas die Kasse führte, habe Jesus ihm sagen wollen: Kaufe, was wir zum Feste brauchen, oder er solle den Armen etwas geben. 30 Als nun jener den Bissen genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht. 30: Bei der Eucharistiefeier war Judas nicht mehr zugegen 26-30: Beim Ostermahl war eine Tunke aus verschiedenen Früchten vorgeschrieben, Charoset genannt. Wenn der Vorsitzende einem Tischgenossen einen Bissen eintunkte und reichte, galt das als Ehrung wie bei uns das Erheben des Glases und das Zutrinken.

 

Abschiedsreden

Das neue Gebot. 31 Als er hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. 32 Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, so wird Gott auch ihn in sich selbst verherrlichen, und er wird ihn alsbald verherrlichen. 33 Kindlein, nur noch eine kleine Weile bin ich bei euch. Ihr werdet mich suchen, aber was ich den Juden sagte, das sage ich jetzt auch euch: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. 34 Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebet, so, wie ich euch geliebt habe, sollt auch ihr einander lieben.34 Die Nächstenliebe ist zwar schon im Gesetz des Alten Bundes vorgeschrieben, aber wegen des weiteren Umfanges, des reicheren Inhaltes. des höheren Grades und der tieferen Begründung kann Christus von einem neuen Gebot, von „seinem Gebot“ sprechen. 35 Daran sollen alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe zueinander habt.

 

Jesus weissagt die Verleugnung des Petrus.36 Da spricht Simon Petrus zu ihm: Herr, wo gehst du hin? Jesus entgegnete: Wo ich hingehe, kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst aber später folgen. 37 Petrus sagt zu ihm: Herr, weshalb kann ich dir jetzt nicht folgen? Ich will mein Leben für dich hingegeben. 38 Jesus erwidert: Du willst dein Leben für mich hingeben? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, ehe du mich dreimal verleugnet hast.

 

Erste Trostrede

14 Euer Herz erschrecke nicht. Ihr glaubet an Gott, glaubet auch an mich! Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wäre es nicht so, so hätte ich es euch gesagt. Denn ich gehe hin, euch ein Heim zu bereiten. Wenn ich hingegangen bin und euch ein Heim bereitet habe, so komme ich wieder und will euch zu mir nehmen, damit ihr auch seiet, wo ich bin. Wohin ich gehe, wisset ihr und kennt auch den Weg. Da sagt Thomas zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, wie können wir den Weg wissen?Jesus antwortete ihm: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als durch mich. Hättet ihr mich erkannt, so würdet ihr auch meinen Vater kennen. Von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. Philippus sagt zu ihm: Herr, zeige uns den Vater und es genügt uns. Jesus erwidert ihm: So lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt? Philippus, wer mich gesehen hat, hat auch den Vater gesehen. Wie kannst du da sagen: Zeige uns den Vater? 10 Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir aus, vielmehr tut der Vater, der in mir bleibt, seine Werke. 11 Glaubet mir, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist. Wenn nicht, dann glaubet doch um der Werke selbst willen. 10-11: Vater und Sohn sind eins in der Wesenheit, die der Vater in ewiger Zeugung dem Sohne schenkt.

 

12 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird auch selber die Werke, die ich wirke, vollbringen, ja er wird noch größere tun als diese; denn ich gehe zum Vater. 12: Nach dem Heimgang des Sohnes zum Vater werden die Jünger das Werk Christi mit wachsendem Erfolg fortsetzen. 13 Und ich werde tun, um was immer ihr [den Vater] in meinem Namen bitten werdet, damit der Vater im Sohne verherrlicht werde. 13: Im Namen Jesu heißt, in der lebendigen Einheit mit Jesus bitten, wie sie durch Gnade geschaffen wird. 14 Ich werde tun, um was ihr mich in meinem Namen bitten werdet. 15 Wenn ihr mich liebet, so haltet meine Gebote. 16 Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen andern Beistand geben, der ewig bei euch bleiben soll, 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 1-17, 26: Die Abschiedsreden Jesu mit dem hohenpriesterlichen Gebet gehören zu den schönsten Teilen der Heiligen Schrift. Sie gewähren uns tiefen Einblick in das Herz des Erlösers und sind eine unerschöpfliche Trostquelle für jedes gläubige Menschenherz. 18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. 19 Noch eine kleine Weile, und die Welt sieht mich nicht mehr. Ihr aber sehet mich, denn ich lebe, und ihr werdet leben. 20 An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. 21 Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. Wer aber mich liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. 22 Da sagt zu ihm Judas, nicht der Iskariot: Herr, was ist geschehen, daß du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt? 23 Jesus erwiderte und sagte zu ihm: Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. 24 Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht. Das Wort aber, das ihr höret, ist nicht mein, sondern dessen Wort, der mich gesandt hat, des Vaters.

 

Verleihung des Friedens. 25 Dies habe ich zu euch geredet, da ich noch bei euch bin. 26 Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. 27 Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht! 28 Ihr habt gehört, daß ich euch sagte: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Wenn ihr mich liebtet, so würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe, denn der Vater ist größer als ich. 28 Der Sohn ist Gott wie der Vater; aber als Mensch ist er dem Vater untergeordnet. 29 Nun habe ich es euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr glaubet, wenn es geschieht. 30 Nicht mehr vieles werde ich mit euch reden. Denn es kommt der Fürst dieser Welt, aber an mir hat er keinen Teil. 31 Die Welt aber soll erkennen, daß ich den Vater liebe und tue, wie mir der Vater geboten hat. Stehet auf, laßt uns von hinnen gehen!

 

Zweite Trostrede

15 Jesus der wahre Weinstock. Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibet in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe von sich selbst keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibet. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt viele Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun. Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er wie ein Rebzweig hinausgeworfen, und er verdorrt. Man liest sie auf, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, so möget ihr bitten, um was ihr nun wollt, und es wird euch zuteil werden. Dadurch ist mein Vater verherrlicht, daß ihr viele Frucht bringt und euch als meine Jünger erweist. 1-8 Die absolute Notwendigkeit der gnadenvollen Lebensgemeinft mit Christus wird in diesem Gleichnis klar gelehrt.

 

Das Gebot der Liebe. Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibet in meiner Liebe! 10 Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 11 Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde. 11: Trotz aller Leiden ist die Religion Jesu die reichste Freudenquelle. Für den leiden zu dürfen, mit dem uns innigste Liebe verbindet, beglückt. 12 Das ist mein Gebot, daß ihr einander liebet, wie ich euch geliebt habe. 13 Eine größere Liebe hat niemand, als die, daß er sein Leben für seine Freunde hingibt. 14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch heiße. 15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles geoffenbart, was ich von meinem Vater gehört habe. 16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestellt, daß ihr hingeht und Frucht bringet und eure Frucht daure, damit der Vater euch alles gebe, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 16: Berufung ist Gnade. Auserwähltenstolz ist Torheit. 17 Dies trage ich euch auf: Liebet einander!

 

Schicksal der Jünger. 18 Wenn die Welt euch haßt, so wisset, daß sie mich vor euch gehaßt hat. 19 Wäret ihr von der Welt, so würde die Welt das ihrige lieben. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch von der Welt auserwählt habe, darum haßt euch die Welt.20 Gedenket des Wortes, das ich zu euch gesprochen habe: Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie auch das eure halten. 21 Dies alles aber werden sie euch um meines Namens willen antun, weil sie den, der mich gesandt hat, nicht kennen. 18 ff: Die Leidensgemeinschaft mit Christus gehört notwendig zur Lebensgemeinschaft mit ihm, solange der Kampf zwischen Gut und Böse noch nicht beendet ist. 22 Wäre ich nicht gekommen und hätte nicht zu ihnen geredet, so hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde.23 Wer mich haßt, der haßt auch meinen Vater. 24 Wenn ich unter ihnen nicht die Werke getan hätte, die kein anderer je tat, so hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie diese gesehen und hassen trotzdem mich und meinen Vater. 25 Aber es mußte das Wort erfüllt werden, das in ihrem Gesetze geschrieben steht: Sie haben mich gehaßt ohne Grund (Ps 25,19).26 Wenn aber der Beistand kommen wird, den ich vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird von mir Zeugnis geben. 27 Und auch ihr gebt Zeugnis, weil ihr von Anfang an bei mir seid.

 

16 Dieses habe ich zu euch geredet, damit ihr keinen Anstoß nehmt. Sie werden euch aus den Synagogen ausstoßen, ja es kommt die Stunde, da jeder, der euch tötet, glaubt, Gott einen [heiligen] Dienst zu leisten. Solches werden sie euch antun, weil sie weder den Vater noch mich kennen. 4a Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr daran denket, daß ich es euch gesagt habe, wenn die Stunde dafür kommt. 4b Von Anfang an habe ich euch das nicht gesagt, weil ich bei euch war. Nun aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du? Sondern die Traurigkeit hat euer Herz erfüllt, weil ich euch dies gesagt habe.

 

Der Trost des Heiligen Geistes. Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich hingehe; denn, wenn ich nicht hingehe, so wird der Beistand nicht zu euch kommen. Wenn ich aber hingehe, so werde ich ihn zu euch senden. Wenn jener kommt, wird er die Welt überführen von der Sünde und von der Gerechtigkeit und vom Gerichte. Von der Sünde, weil sie nicht an mich geglaubt haben. 10 Von der Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr sehen werdet. 11 Von dem Gerichte aber, weil der Fürst dieser Welt gerichtet ist. 8-11: Der Heilige Geist setzt das Werk Christi fort. In seinem Lichte muß die Welt erkennen, daß es Sünde ist, Christus abzulehnen, der die gerechteste Sache auf Erden vertreten hat und doch gekreuzigt wurde. Ein strenges Gericht ist die notwendige Folge. 12 Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. 13 Doch wenn jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit einführen. Denn er wird nicht von sich aus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. 14 Er wird mich verherrlichen, denn er wird von dem Meinigen nehmen und es euch verkünden. 15 Alles, was der Vater hat, ist mein. Darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem Meinigen und wird es euch verkünden. 13-15: Der Vater hat die göttliche Wesenheit und damit alle Wahrheit ewig aus sich selbst, der Sohn empfängt sie in der ewigen Zeugung vom Vater, der Heilige Geist durch den ewigen Ausgang aus dem Vater und dem Sohne.

 

Trennung und Wiedersehen. 16 Eine kleine Weile, und ihr seht mich nicht mehr, und wiederum eine kleine Weile, und ihr werdet mich wiedersehen, [denn ich gehe zum Vater.] 17 Da sagten einige Jünger zueinander: Was heißt das, was er zu uns sagt: Eine kleine Weile, und ihr seht mich nicht mehr, und wieder eine kleine Weile, und ihr werdet mich wiedersehen? Und: Ich gehe zum Vater? 18 Sie sprachen also: Was heißt das, was er sagt: Eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.19 Jesus merkte, daß sie ihn fragen wollten, und sagte zu ihnen: Ihr fragt euch untereinander darüber, daß ich sprach: Eine kleine Weile, und ihr sehet mich nicht mehr, und wiederum eine kleine Weile, und ihr werdet mich wiedersehen. 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und wehklagen, die Welt aber wird sich freuen. Ihr werdet trauern, aber eure Trauer wird sich in Freude verwandeln. 21 Die Frau ist traurig, wenn sie gebären soll, weil ihre Stunde gekommen ist; hat sie aber das Kind geboren, so denkt sie nicht mehr an die Pein aus Freude darüber, daß ein Mensch zur Welt geboren ward. 21: Jede christliche Frau darf in den Mühen und Beschwerden der Mutterschaft Trost und Kraft aus der Tatsache schöpfen, daß der Sohn Gottes in dieser weihevollen Stunde durch den Hinweis auf ihr Leid und ihre Freude seine Jünger ermutigt hat. 22 Auch ihr seid jetzt traurig, ich werde euch aber wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude wird euch niemand nehmen. 23 An jenem Tage werdet ihr mich nach nichts mehr fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bittet, wird er es euch geben in meinem Namen. 23: Das Bitten hört auf, wenn die Stunde der beseligenden Erfüllung anbricht. Dann wird das Beten zum jubelnden Preis und Dank. 24 Bisher habt ihr um nichts in meinem Namen gebeten. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen sei. 25 Dieses habe ich in Bildreden zu euch geredet. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildreden zu euch reden, sondern euch offen vom Vater Kunde geben werde. 26 An jenem Tage werdet ihr in meinem Namen bitten, und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten werde. 27 Denn der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und geglaubt habt, daß ich von Gott ausgegangen bin.

 

Blick in die Zukunft. 28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen. Ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater. 29 Da sagen seine Jünger: Siehe, jetzt redest du offen und sprichst nicht mehr bildlich. 30 Jetzt wissen wir, daß du alles weißt und nicht nötig hast, daß dich jemand frage. Darum glauben wir, daß du von Gott ausgegangen bist. 31 Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubet ihr? 32 Sehet, es kommt die Stunde, ja, sie ist schon gekommen, daß ihr zerstreut werdet, ein jeder in sein Obdach, und mich allein lasset. Ich aber bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. 33 Das habe ich euch gesagt, auf daß ihr Frieden in mir habet. In der Welt habt ihr Drangsal, doch seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.

 

Das hohepriesterliche Gebet

17 Jesu Gebet für sich. Nach diesen Worten erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche. So wie du ihm Macht gabst über alles Fleisch (= über alle Menschen), damit er allem, was du ihm gegeben hast, ewiges Leben gebe. Das aber ist das ewige Leben, daß sie dich, den allein wahren Gott, erkennen, und den du gesandt hast, Jesus Christus. Ich habe dich auf Erden verherrlicht, indem ich das Werk vollendete, das du mir zu tun aufgetragen hast. Jetzt verherrliche auch du mich, o Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehedem die Welt war.

 

Jesu Gebet für die Jünger. Ich habe deinen Namen den Menschen geoffenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben, und dein Wort haben sie bewahrt. Nun haben sie erkannt, daß alles, was du mir gabst, von dir ist. Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben, und sie nahmen sie an und haben wahrhaftig erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und geglaubt, daß du mich gesandt hast. Ich bitte für sie. Nicht für die Welt bitte ich, sondern für sie, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein. 9: Jesus hat bei vielen Gelegenheiten für die gottentfremdete Welt gebetet, auch noch am Kreuze. Aber in der Abschiedsstunde von den Seinen stehen diese seinem Herzen am nächsten. 10 Und alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein. und ich bin in ihnen verherrlicht. 11 Ich bin nicht mehr in der Welt, sie aber sind in der Welt, während ich zu dir komme. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, auf daß sie eins seien, so wie wir. 12 Solange ich bei ihnen war, habe ich sie bewahrt in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ist verlorengegangen außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde. 13 Jetzt aber komme ich zu dir und spreche dies in der Welt, damit sie meine Freude vollkommen in sich haben. 14 Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehaßt, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. 15 Ich bitte nicht, du mögest sie von der Welt wegnehmen, sondern daß du sie vor dem Bösen bewahrest. 16 Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. 17 Heilige sie in der Wahrheit. Dein Wort ist Wahrheit. 18 Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich auch sie in die Welt gesandt. 19 Und für sie weihe ich mich selbst, damit auch sie geweiht seien in Wahrheit.

 

Gebet für alle Gläubigen. 20 Doch nicht nur für sie bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben, 21 damit alle eins seien, wie du, o Vater, in mir und ich in dir, so sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast. 22 Ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien, wie wir eins sind: 23 Ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien, damit die Welt erkenne, daß du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast. 24 Vater, ich will, daß die, welche du mir gegeben hast, dort bei mir seien, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. Denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt. 25 Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, aber ich habe dich erkannt, und diese haben erkannt, daß du mich gesandt hast. 26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgemacht und werde ihn kundmachen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen. 20-26: Unsere Einheit mit Christus und untereinander soll jener Einheit des Wesens gleichen, die Gott dem Vater und dem Sohn ewig eigen ist 1-26: Bevor Christus als Hoherpriester sich selbst zum Opfer brachte, hat er diesen unvergleichlichen „Introitus“ gesprochen, zugleich das ergreifende Abendgebet seines Lebens. Der ewige Vater möge die Früchte des Erlösungsopfers dem Erlöser selbst (1-5), den Jüngern (6-19) und allen Erlösten (20-26) zuwenden.

 

Jesu Leiden und Tod

18 Jesu Gefangennahme. Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus über den Winterbach Kedron. Dort war ein Garten, in den er mit seinen Jüngern hineinging. Es kannte aber auch Judas, der Verräter, den Ort, denn Jesus war mit seinen Jüngern dort oft zusammengekommen. Judas hatte nun die Kohorte sowie von den Oberpriestern und Pharisäern Knechte erhalten und geht dorthin mit Laternen, Fackeln und Waffen. Jesus aber, der alles wußte, was über ihn kommen sollte, trat vor und spricht zu ihnen: Wen suchet ihr? Sie erwiderten ihm: Jesus von Nazareth. Er sagt zu ihnen: Ich bin es. Aber auch Judas, sein Verräter, stand bei ihnen. Da er ihnen nun sagte: Ich bin es, wichen sie zurück und fielen zu Boden. Wiederum fragte er sie: Wen suchet ihr? Sie aber sagten: Jesus von Nazareth. Jesus erwiderte: Ich habe euch gesagt, daß ich es bin. Wenn ihr also mich suchet, so lasset diese gehen. So sollte das Wort erfüllt werden, das er gesprochen hatte: Von denen, die du mir gegeben hast, habe ich keinen verlorengehen lassen. 10 Da nun Simon Petrus ein Schwert bei sich hatte, zog er es heraus, schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab. Der Knecht aber hieß Malchus. 11 Da sprach Jesus zu Petrus: Stecke dein Schwert in die Scheide. Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir der Vater gereicht hat?

 

Jesus vor Annas und Kaiphas — Verleugnung des Petrus. 12 Die Kohorte, der Oberst und die Knechte der Juden ergriffen nun Jesus und banden ihn. 13 Sie führten ihn zuerst zu Annas; denn dieser war der Schwiegervater des Kaiphas, des Hohenpriesters in jenem Jahr. 13: Annas war früher ebenfalls Hoherpriester und besaß noch großen Einfluß. 14 Kaiphas aber war es, der den Juden den Rat gegeben hatte, es sei besser, daß ein einzelner Mensch für das Volk sterbe. 1-14: Vgl. Mt 26,36. 47-56; Mk 14,32. 43-52; Lk 22,39. 47-53. 15 Simon Petrus aber und ein anderer Jünger folgten Jesus. Jener Jünger aber war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus in den Vorhof des Hohenpriesters hinein. 15: Der ungenannte Jünger scheint der Evangelist Johannes selbst gewesen zu sein. 16 Petrus aber stand draußen an der Türe. Da ging der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus, sprach mit der Türhüterin und führte den Petrus hinein. 17 Da sagt die Magd an der Türe zu Petrus: Gehörst nicht auch du zu den Jüngern dieses Menschen? Der sagt: Nein. 18 Die Knechte und Gerichtsdiener aber, die wegen der Kälte ein Kohlenfeuer angezündet hatten, standen da und wärmten sich. Zu ihnen hatte sich auch Petrus hingestellt, um sich zu wärmen. 19 Nun verhörte der Hohepriester Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. 20 Jesus erwiderte ihm: Ich habe öffentlich zur Welt geredet. Ich habe stets in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden sich versammeln, und im verborgenen habe ich nichts gesprochen. 21 Was fragst du mich? Frage die, die es gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. Siehe, diese wissen, was ich gesagt habe. 22 Als er aber dies gesagt hatte, gab einer der Knechte, der dabei stand, Jesus einen Backenstreich und sprach: Antwortest du so dem Hohenpriester? 23 Jesus entgegnete ihm: Habe ich unrecht geredet, so beweise es, daß es unrecht war, habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich? 23: Jesu Verhalten zeigt, daß seine Mahnung in der Bergpredigt (Mt 5,39) nicht für alle Fälle gilt. 24 Nun schickte ihn Annas gebunden zum Hohenpriester Kaiphas. 25 Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Nun sprachen sie zu ihm: Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern? Er leugnete und sprach: Ich bin es nicht. 26 Da sagt einer von den Knechten des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: Habe ich dich nicht im Garten bei ihm gesehen? 27 Wiederum leugnete Petrus, und sogleich krähte der Hahn. 12-27: Vgl. Mt 26,57-75; Mk 14,53-72; Lk 22,54-71.

 

Vor dem römischen Richter. 28 Von Kaiphas führen sie dann Jesus in das Gerichtshaus. Es war aber frühmorgens. Sie selber gingen nicht in das Gerichtshaus hinein, damit sie sich nicht verunreinigten, sondern das Ostermahl essen könnten. 28: Da Jesus nach dem Berichte der älteren Evangelien bereits am Abend vorher das rituelle Osterlamm gegessen hat, so ist hier an ein anderes heiliges Festmahl zu denken; oder die Tage des Monates Nisan konnten in jenem Jahre wegen unbestimmter Neumondsbeobachtung verschieden gezählt werden. Vgl. Bemerkung zu 19,31. 29 Darum kam Pilatus zu ihnen heraus und sagt: Welche Anklage habt ihr gegen diesen Menschen vorzubringen? 30 Sie entgegneten und sagten zu ihm: Wenn dieser kein Übeltäter wäre, so hätten wir ihn nicht vor dich gebracht. 31 Pilatus sprach darauf zu ihnen: So nehmet ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetze. Da sagten die Juden zu ihm: Uns ist nicht gestattet, jemanden zu töten. 31: Ein Todesurteil durfte nur mit Genehmigung der römischen Behörde vollstreckt werden. 32 So sollte das Wort erfüllt werden, das Jesus gesprochen hatte, um anzudeuten, welches Todes er sterben werde. 33 Pilatus ging also wieder in das Gerichtshaus hinein, rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der König der Juden? 34 Jesus antwortete: Sagst du dies aus dir selbst, oder haben andere über mich bei dir geredet? 35 Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die Oberpriester haben dich mir überliefert. Was hast du getan? 36 Jesus erwiderte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Dienstleute gekämpft, damit ich den Juden nicht überliefert würde. Nun aber ist mein Reich nicht von hier. 37 Da sprach Pilatus zu ihm: Also bist du ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren, und dazu bin ich in die Welt gekommen, daß ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme. 38 Pilatus sagt zu ihm: Was ist Wahrheit? Nach diesen Worten ging er wieder zu den Juden hinaus und sagt zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. 37-38: Dieses feierliche Selbstzeugnis für Christi Königtum ist uns ebenso wie die Verse 31-33 durch ein Blatt aus der ältesten bisher entdeckten Bibelhandschrift des Neuen Testamentes erhalten geblieben, noch nicht fünfzig Jahre nach Abfassung des Evangeliums geschrieben, und zwar in Ägypten. 39 Es ist aber bei euch Brauch, daß ich euch auf das Osterfest einen freilasse. Wollt ihr also, daß ich euch den König der Juden freilasse? 40 Da schrien sie wieder und riefen: Nicht diesen, sondern den Barabbas. Barabbas aber war ein Räuber.

 

19 Geißelung und Dornenkrönung. Hierauf nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen, setzten sie ihm aufs Haupt und bekleideten ihn mit einem Purpurmantel. Sie traten zu ihm hin und sagten: Sei gegrüßt, du König der Juden, und schlugen ihm ins Angesicht. Danach trat Pilatus aufs neue hinaus und sagt zu ihnen: Seht, ich führe ihn euch heraus, damit ihr erkennet, daß ich keine Schuld an ihm finde. Jesus kam nun heraus und trug die Dornenkrone und den Purpurmantel. Pilatus sagt zu ihnen: Ecce homo! Sehet, welch ein Mensch! Da die Oberpriester und die Diener ihn erblickten, schrien sie: Kreuzige, kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: So nehmt ihr ihn und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. Da entgegneten ihm die Juden: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben, denn er hat sich selbst zum Sohne Gottes gemacht. Da nun Pilatus dieses Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr. 8: Die Furcht des Pilatus wächst durch den Aberglauben. Die Heiden erzählten sich von Göttern, die auf Erden erschienen seien und sich an denen rächten, die sie nicht gut aufgenommen hatten. Er ging in das Gerichtshaus zurück und sagt zu Jesus: Wo bist du her? Jesus aber gab ihm keine Antwort. 10 Da sagt Pilatus zu ihm: Du sprichst nicht mit mir? Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich freizusprechen, und Macht, dich zu kreuzigen? 11 Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben worden wäre. Darum hat der, welcher mich überliefert hat, eine größere Sünde. 11: Der Gottessohn bettelt nicht um die Gunst des Richters, sagt ihm sogar, sein Nachgeben sei Sünde, wenn auch die Schuld der Juden größer ist.

 

Todesurteil gegen Jesus. 12 Auf dieses hin suchte ihn Pilatus freizulassen. Die Juden aber schrien: Wenn du diesen freilässest, bist du kein Freund des Kaisers, jeder, der sich zum Könige macht widersetzt sich dem Kaiser. 13 Da nun Pilatus diese Worte hörte, ließ er Jesus herausführen und setzte sich auf den Richterstuhl an dem Platz, der Lithostrotos, auf hebräisch aber Gabbatha heißt. 13: Pilatus war schon früher beim Kaiser verklagt worden wegen unnötiger Verletzung des religiösen Empfindens der Juden. Bei erneuter Klage fürchtet er die kaiserliche Gunst ganz zu verlieren. 14 Es war aber der Rüsttag des Osterfestes, um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Seht, euer König! 15 Da schrien jene: Hinweg, hinweg! Kreuzige ihn! Pilatus entgegnet: Euren König soll ich kreuzigen? Die Oberpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser. 18,28-19,15: Vgl. Mt 27,11-31; Mk 15,1-20, Lk 23,1-25.

 

Kreuzigung Jesu. 16a Jetzt übergab er ihnen Jesus zur Kreuzigung. 16b Sie übernahmen also Jesus, 17 und er ging, indem er sich selbst das Kreuz trug, hinaus zur sogenannten Schädelstätte, die hebräisch Golgotha heißt. 17: Der Golgothahügel lag damals außerhalb der Stadtmauern; heute liegt er fast in der Mitte der später neugebauten Stadt. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere rechts und links von ihm, Jesus aber in der Mitte. 19 Pilatus hatte auch eine Aufschrift abgefaßt und oben am Kreuz anheften lassen. Sie lautete: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 20 Diese Aufschrift nun lasen viele von den Juden; denn der Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt, und sie war hebräisch, lateinisch und griechisch geschrieben. 21 Darum sagten die Oberpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern: Er hat gesagt: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. 23 Als nun die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und teilten sie in vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, und dazu den Leib­rock. Der Leib­rock aber war ohne Naht, von oben an ganz durchgewebt. 24 Da sagten sie zueinander: Wir wollen ihn nicht zerschneiden, sondern um ihn losen, wem er gehören soll; damit die Schrift erfüllt würde: Sie haben meine Kleider unter sich verteilt und das Los geworfen über mein Gewand (Ps 22, 19). So taten also die Soldaten. 25 Neben dem Kreuze Jesu aber standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, des Kleophas Frau, und Maria von Magdala. 26 Da nun Jesus seine Mutter und den Jünger, den er liebte, dastehen sah, spricht er zur Mutter: Frau, siehe da, dein Sohn! 27 Darauf spricht er zu dem Jünger: Siehe da, deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger in sein Haus auf. 26- 27: Der Erlöser hat uns allen seine eigene Mutter zur Mutter gegeben. Zur Religion Jesu gehört also auch die Verehrung der Gottesmutter.

 

Tod Jesu. 28 Hierauf sagt Jesus, weil er wußte, daß schon alles vollbracht sei, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet (Ps 69, 22). 29 Es stand nun ein Gefäß voll Essig da; sie nahmen einen Schwamm voll Essig, steckten ihn auf einen Hysopstengel und brachten ihn an seinen Mund. 30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Darauf neigte er sein Haupt und gab den Geist auf. 28-30: Auch diese einzige Bitte um eine Erleichterung in seinen Qualen spricht Jesus vor allem aus, um bis zum letzten den Willen des Vaters zu erfüllen.

 

31 Die Juden baten nun, weil es Rüsttag war, damit die Leichen nicht während des Sabbats am Kreuze blieben — denn jener Sabbat war ein großer Festtag — den Pilatus, er möge ihnen die Schenkel zerschlagen und sie wegschaffen lassen. 31. Diese Zeitbestimmung zeigt, daß der Evangelist auch 18,28 und 19,14 nicht den 14. Nisan als Todestag Jesu nennt. 32 Da kamen die Soldaten und zerschlugen die Schenkel der beiden, die mit ihm gekreuzigt worden waren. 33 Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, daß er schon tot war, zerschlugen sie seine Schenkel nicht, 34 sondern einer von den Soldaten stieß ihm mit der Lanze in die Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus. 31-34: Durch das Zerschmettern der Schenkel mit einer Keule sollte der Tod beschleunigt werden. Der Lanzenstoß in die Seite Jesu war nicht soldatischer Übermut, sondern ein Gnadenstoß für den Fall, daß etwa doch noch Leben da wäre. 35 Und der dies gesehen, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahrhaftig. Er weiß, daß er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubet. 36 Denn dies ist geschehen, damit die Schrift in Erfüllung gehe: Kein Knochen soll an ihm zerbrochen werden (2 Mos 12,46; Ps 34,21). 37 Und wieder eine andere Schriftstelle sagt: Sie werden schauen auf den, den sie durchstochen haben (Zach 12,10).16-37: Vgl. Mt 27,32-56; Mk 15,21-41; Lk 23,26-49.

 

Grablegung. 38 Joseph von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, und zwar aus Furcht vor den Juden im geheimen, bat danach den Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen. Pilatus gestattete es. Darum ging er hin und nahm den Leichnam Jesu ab. 39 Aber auch Nikodemus, der einst bei Nacht zum erstenmal zu Jesus gekommen war, kam und brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, gegen hundert Pfund. 40 Nun nahmen sie den Leichnam Jesu und umbanden ihn samt den Spezereien mit Leinenbinden, wie es bei den Juden Brauch ist beim Begraben. 41 An dem Orte aber, wo er gekreuzigt wurde, war ein Garten und in dem Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war. 42 Dorthin legten sie nun Jesus wegen des Rüsttags der Juden, weil das Grab in der Nähe war. 38-42: Vgl. Mt 27,57-61; Mk 15,42-47; Lk 23,50-55. Der am Freitag bei Sonnenuntergang beginnende Sabbat nötigte zur Eile.

 

Der Auferstandene

20 Petrus und Johannes am Grabe. Am ersten Tage der Woche aber in der Morgenfrühe, da es noch finster war, geht Maria Magdalena an das Grab und sieht den Stein vom Grabe weggenommen. Da eilt sie fort und kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus liebte, und sagt zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grabe genommen, und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Nun gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grabe. Beide liefen miteinander. Jener andere Jünger aber lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grabe. Er beugt sich vor und sieht die Linnentücher daliegen, ging aber nicht hinein. Darauf kommt Simon Petrus ihm nach. Er ging in das Grab hinein und sieht die Linnentücher daliegen, das Schweißtuch aber, das auf seinem Haupte gelegen hatte, lag nicht bei den Tüchern, sondern zusammengewickelt an einem Orte für sich. 7: Aus der Lage der Tücher ergab sich, daß die Leiche nicht fortgeschafft worden war; denn das sorgfältige Lösen und Falten hätte unnötige Zeit gekostet. Auch wäre der Leichnam in den Tüchern leichter zu tragen gewesen. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst ans Grab gekommen war, hinein, sah und glaubte. Sie hatten nämlich die Schrift, daß er von den Toten auferstehen müsse, noch nicht erfaßt. 10 Da gingen die Jünger wieder weg nach Hause.

 

Jesus erscheint der Maria Magdalena. 11 Maria aber stand außen am Grabe und weinte. Während sie nun weinte, beugte sie sich vor ins Grab hinein 12 und sieht zwei Engel in weißen Kleidern da sitzen, wo der Leib Jesu gelegen hatte, den einen zu Häupten, den andern zu Füßen. 13 Und sie sagen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie sagt zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 14 Nach diesen Worten wandte sie sich um und sieht Jesus dastehen. Sie wußte aber nicht, daß es Jesus war. 15 Jesus sagte zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, so sag mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich will ihn holen. 16 Da sagt Jesus zu ihr: Maria! Sie wendet sich um und sagt zu ihm auf hebräisch: Rabbuni, das heißt Meister. 17 Jesus entgegnet ihr: Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren. Geh vielmehr zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich fahre hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. 17: Nicht das Berühren verbietet Jesus, sondern das Festhalten. Die Zeit des ungestörten Zusammenseins kommt erst im Jenseits. 18 Da geht Maria Magdalena hin und meldet den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und dies habe er ihr gesagt. 1-18: Vgl. Mt 28,1-10; Mk 16,1-11; Lk 24,1-12

 

Jesus erscheint den Aposteln. 19 Als es nun Abend geworden war an jenem ersten Wochentage und dort, wo die Jünger sich aufhielten, die Türen aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus, trat mitten unter sie und sagt zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und nach diesen Worten zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Wiederum sprach Jesus zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und nachdem er dies gesagt hatte, hauchte er sie an und spricht zu ihnen: Empfanget den Heiligen Geist. 23 Welchen ihr die Sünden nachlaßt, denen sind sie nachgelassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. 21-23: Aus höchster Machtvollkommenheit verleiht Jesus seinen Aposteln die Gewalt der Sündenvergebung in der Kraft des Heiligen Geistes. Das Bußsakrament ist das Ostergeschenk des auferstandenen Erlösers. Die Unterscheidung von Nachlassen und Behalten fordert, wenn sie nicht zur Willkür werden soll, persönliches und vollständiges Sündenbekenntnis, verbunden mit Reue und Vorsatz. 19-23. Vgl. Mk 16,14; Lk 24,36-49.

 

Jesus erscheint dem Thomas. 24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer von den Zwölfen, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die andern Jünger sagten ihm: Wir haben den Herrn gesehen Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meinen Finger in das Mal der Nägel lege und meine Hand in seine Seite lege, werde ich es nie und nimmer glauben. 26 Nach acht Tagen waren seine Jünger wiederum drinnen und Thomas bei ihnen. Da kommt Jesus bei verschlossenen Türen, trat mitten unter sie und sprach: Friede sei mit euch! 27 Darauf sagte er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus spricht zu ihm: Weil du mich gesehen hast, bist du gläubig geworden? Selig sind, die nicht sehen und dennoch glauben.

 

Nachwort. 30 Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die nicht in diesem Buche aufgezeichnet sind. 31 Diese aber sind aufgeschrieben worden, damit ihr glaubet, daß Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habet in seinem Namen. 30-31: Dieser Schluß verrät, daß das letzte Kapitel ein Nachtrag ist.

 

21 Jesus erscheint den Jüngern am See Tiberias. Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern wiederum am See von Tiberias, er offenbarte sich aber auf folgende Weise: Simon Petrus und Thomas, der der Zwilling genannt wird, und Nathanael, der aus Kana in Galiläa war, die Söhne des Zebedäus und zwei weitere Jünger waren da beisammen. Simon Petrus sagt zu ihnen. Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir gehen auch mit dir; sie gingen hinaus und bestiegen das Boot. In jener Nacht aber fingen sie nichts. Als der Morgen schon angebrochen war, stand Jesus am Ufer. Aber die Jünger wußten nicht, daß es Jesus war. Da sagt Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr etwas als Zukost? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz zur Rechten des Bootes aus, so werdet ihr etwas finden. Sie warfen es aus und konnten es nicht mehr einziehen vor der Menge der Fische. Da sagt jener Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr. Als Simon Petrus hörte, daß es der Herr sei, warf er sich sein Oberkleid um — denn er war nicht ganz bekleidet — und sprang in den See. 7: Petrus handelt so, wie bei uns jemand tun würde, der in „Hemdsärmeln“ gearbeitet hat und dann den „Rock“ anzieht, um jemand zu begrüßen. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht weit, sondern nur etwa zweihundert Ellen vom Land entfernt, und schleppten das Netz mit den Fischen nach. Da sie ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und einen Fisch darauf liegen und Brot. 10 Jesus sagt zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg ein und zog das Netz ans Land. Es war gefüllt mit einhundertdreiundfünfzig großen Fischen. Und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht. 12 Jesus spricht zu ihnen: Kommt, frühstückt! Keiner aber von den Jüngern wagte es, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wußten, daß es der Herr war. 13 Jesus kommt, nimmt das Brot und gibt es ihnen, desgleichen auch den Fisch. 14 Dies war bereits das drittemal, daß sich Jesus nach seiner Auferstehung von den Toten seinen Jüngern offenbarte.

 

Jesus bestellt den Petrus zum Oberhirten.15 Als sie nun gefrühstückt hatten, sagt Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebe. Der sagt zu ihm: Weide meine Lämmer! 16 Wiederum, zum zweitenmal, sagt er zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebe. Der sagt ihm: Weide meine Schafe! 17 Zum dritten Male sagt er zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus betrübt, daß er zum dritten Male sprach: Liebst du mich? und sagte zu ihm: Herr, du weißt alles, dir ist auch bekannt, daß ich dich liebe. Jesus spricht zu ihm: Weide meine Schafe. 18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und bist gegangen, wohin du wolltest; wenn du aber alt sein wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst. 19 Das sagte er aber, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Und nach diesen Worten sagt er zu ihm: Folge mir! 15-19: Johannes hat nichts von der Verheißung des Primates an Petrus erzählt. Sie war den Christen aus den älteren Evangelien bekannt. Die Einsetzung aber berichtet er als einziger noch lebender Augenzeuge. Dreimal läßt Jesus feierlich den Apostel seine Liebe bekennen zur Sühne der dreimaligen Verleugnung. Dann überträgt er ihm als guter Hirte die oberste Leitung seiner ganzen Herde, ehe er zum Vater zurückkehrt. Das Papsttum ist also vom Erlöser selbst eingesetzt.20 Als Petrus sich umwandte, sieht er den Jünger folgen, den Jesus liebte, der auch beim Abendmahle an seiner Brust gelegen und gefragt hatte: Herr, wer ist es, der dich verrät? 21 Bei seinem Anblick sagt Petrus zu Jesus: Herr, was aber wird aus diesem? 22 Jesus sagt zu ihm: Wenn ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht das dich an? Du folge mir! 23 Daher ging das Gerede unter den Brüdern, jener Jünger sterbe nicht. Jesus aber hatte nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht das dich an? 18-23: Petrus starb für seinen Herrn am Kreuze. Johannes ist, soweit wir wissen, der einzige Apostel, der eines natürlichen Todes starb.

 

Zeugnis über den Verfasser des Evangeliums.24 Das ist der Jünger, der Zeugnis gibt von diesen Dingen und dies geschrieben hat, und wir wissen, daß sein Zeugnis wahr ist. 25 Jesus aber hat noch viele andere Dinge getan. Wenn man diese einzeln aufschreiben wollte, so glaube ich, nicht einmal die [ganze] Welt würde die Bücher fassen, die geschrieben werden müßten. 24-25: Die Schüler des Evangelisten widmen ihrem verehrten Lehrer diesen Nachruf.