Word: Johannes

 

Das Evangelium nach Johannes

 

Einleitung

Der Evangelist Johannes (= Gotthold) war wie sein Vater Zebedäus von Beruf Fischer am See Genesareth. Mit seinem Bruder, dem älteren Jakobus, schloß er sich früh der messianischen Bewegung an und wurde Jünger des Vorläufers, der ihn mit Andreas als die zwei ersten dem Messias zuführte (Jo 1,37-40). Nach vorübergehender Rückkehr zu seinem Gewerbe wurde er mit Jakobus endgültig zur Nachfolge Christi berufen (Mt 4,21-22). Salome, die Mutter der beiden, schloß sich ebenfalls dauernd dem Messias an (Lk 8,1-3; Mt 20,20 ff. Mk 15,40). Der Meister gewann Johannes so lieb, daß er als „der Jünger, den Jesus lieb hatte,“ bekannt war. Ihm hat der Erlöser sterbend die Mutter anvertraut. Nach der Himmelfahrt war er neben Petrus, mit dem ihn treueste Freundschaft verband, eine führende Persönlichkeit in der Urgemeinde. Bis auf seinen Schüler Polykarp geht die Überlieferung zurück, daß Johannes lange in Ephesus gewirkt hat. Unter Kaiser Domitian schrieb er in der Verbannung auf Patmos die Geheime Offenbarung, kehrte unter Nerva nach Ephesus zurück und starb dort zur Zeit Trajans (98-117), also um 100. Sein hohes Alter gab Anlaß zu der Auffassung, er sei unsterblich (Jo 21,23). Die neuesten Ausgrabungen in Ephesus haben unter der Kuppel der ehemaligen gewaltigen Basilika sein Grabmal freigelegt, eine Anlage aus dem 2. Jahrhundert. Vom Johannesevangelium ist 1935 die älteste Bibelhandschrift des Neuen Testamentes entdeckt worden, ein Blatt aus einem Papyruskodex, der nur einige Jahrzehnte jünger ist als die Originalschrift. Das Evangelium spiegelt treu den Charakter des Apostels Johannes wider: Eine innige Liebe und Treue zu Christus, festen Glauben an seine Gottheit und Menschheit, ein kämpferisches, stürmisches Temperament. Kein Apostelbild hat die Kunst so verzeichnet wie das des vierten Evangelisten. Um die Feinde des wahren Christusglaubens abzuwehren, aber auch, um den nach der Wahrheit suchenden Hellenen Christus als den fleischgewordenen Gottessohn, den Weg, die Wahrheit und das Leben zu verkünden, hat Johannes gegen Ende seines Lebens das vierte Evangelium in Ephesus geschrieben. Nach dem wuchtigen Prolog (1,1-18) erzählt er die Täuferzeugnisse und die erste Jüngerberufung (1,19-51), dann Jesu öffentliches Wirken, namentlich in Judäa und Jerusalem (2,1-12,50), endlich das Leiden und Sterben und die Auferstehung (13,1-25).

 

Prolog

1 Jesus, das menschgewordene Wort Gottes. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. 1-18: Aus den ewigen Höhen steigt der Evangelist wie ein Adler in kühnem Kreisflug ins Erdendasein des Gottessohnes herab. Logos, Verbum, Wort nennt er ihn mit einem damals vielgebrauchten Titel. Das ewige Sein des Logos bei Gott (1-2), sein Verhältnis zur Schöpfung, vor allem zur Menschheit (3-5), sein Eintritt in die Welt nach voraufgegangener Ankündigung (6-9), der Kampf zwischen Licht und Finsternis (18-13), die Menschwerdung zur Gnadenvermittlung und Wahrheitsverkündigung (14-18) sind die Leitgedanken dieser unvergleichlichen Sätze. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts geworden, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erfaßt. Ein Mensch trat auf, gesandt von Gott, sein Name war Johannes. Der kam zum Zeugnisse, um Zeugnis zu geben von dem Lichte, damit alle durch ihn glaubten. Er war nicht das Licht, sondern sollte nur von dem Lichte Zeugnis geben. Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 9: Der Lateinische Text lautet: „Er (der Logos) war das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt.“ 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, und doch hat die Welt ihn nicht erkannt. 11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, ihnen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Geblüte noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 12-13: Schärfer kann kaum betont werden, daß nicht Rasse und Blut das Wesen der Religion ausmachen. 14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 15 Johannes legt Zeugnis von ihm ab und ruft: Dieser war es, von dem ich sprach: Der nach mir kommen wird, ist mir voraus, denn er war früher als ich. 16 Und aus seiner Überfülle haben wir alle empfangen Gnade um Gnade. 17 Denn durch Moses wurde das Gesetz gegeben, durch Jesus Christus ist die Gnade und die Wahrheit geworden. 18 Gott hat nie jemand geschaut; der Eingeborene, [der] Gott [ist], der im Schoße des Vaters ist, er hat uns Kunde gebracht.

 

Jesus offenbart sich als Gottessohn im Jüngerkreis

Das erste und das zweite Zeugnis des Täufers. 19 Das ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden von Jerusalem Priester und Leviten mit der Frage zu ihm schickten: Wer bist du? 20 Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Messias. 21 Sie fragten ihn: Was denn? Bist du Elias? Er sagt: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein. 21. Johannes liebt es, in lebhafter Schilderung zur Zeitform der Gegenwart überzuwechseln; die Übersetzung paßt sich dem an. 22 Da sagten sie zu ihm: Wer bist du, damit wir denen eine Antwort bringen, die uns geschickt haben? Was sagst du von dir selbst? 23 Er sprach: Ich bin die Stimme eines [Herolds], der in der Wüste ruft: Bereitet den Weg des Herrn, wie der Prophet Isaias gesprochen (Is 40, 3). 20-23: Nur ganz große Menschen bringen es fertig, so selbstlos zu sein, wenn Volksgunst und Erfolg winken. 24 Die Abgesandten kamen aber von den Pharisäern. 25 Sie fragten ihn weiter: Warum taufst du denn, wenn du nicht der Messias, noch Elias, noch der Prophet bist? 26 Johannes antwortete ihnen: Ich spende die Wassertaufe. In eurer Mitte aber steht der, den ihr nicht kennet, 27 der nach mir kommt [und mir doch voraus ist], dessen Schuhriemen aufzulösen ich nicht würdig bin. 28 Dies geschah in Bethanien jenseits des Jordans, wo Johannes taufte.

 

29 Tags darauf sieht Johannes Jesus auf sich zukommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. 30 Der ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir vorgeht, denn er war eher als ich. 31 Ich kannte ihn nicht, aber damit er in Israel offenbar werde, bin ich gekommen und taufte mit Wasser. 32 Und Johannes bezeugte: Ich habe den Geist in Gestalt einer Taube vom Himmel herabkommen sehen, und er blieb auf ihm. 33 Ich kannte ihn nicht. Der aber, der mich gesandt hat, die Wassertaufe zu spenden, hat mir gesagt: Der, auf den du den Geist herabkommen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit dem Heiligen Geiste tauft. 34 Ich habe es gesehen und habe es bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.

 

Das dritte Zeugnis des Täufers und die ersten Jünger. 35 Tags darauf stand Johannes wieder da mit zweien seiner Jünger. 36 Da erblickt er Jesus, der des Weges kam, und spricht: Seht, das Lamm Gottes! 37 Die zwei Jünger hörten diese Worte und folgten Jesus nach. 38 Jesus aber wandte sich um, sah, wie sie ihm nachkamen und spricht zu ihnen: Was suchet ihr? Sie entgegneten ihm: Rabbi, d. h. Meister, wo wohnst du? 39 Er sagte zu ihnen: Kommt, dann werdet ihr es sehen! Sie kamen und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm. Es war um die zehnte Stunde. 39: Diese Stunde, vier Uhr nachmittags, hat Johannes, der eine von den zwei Erstberufenen, nie vergessen. 40 Der eine von den beiden, die auf das Wort des Johannes hin ihm gefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. 41 Dieser trifft zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias, das heißt übersetzt: Christus, gefunden. 42 Und er führte ihn zu Jesus. Jesus schaute ihn an und sprach: Du bist Simon, der Sohn des Johannes. Du sollst Kephas heißen, das bedeutet Fels. 43 Am folgenden Tage wollte er nach Galiläa ziehen. Da findet er den Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach! 44 Philippus war aus Bethsaida, der Heimat des Andreas und Petrus. 45 Philippus findet den Nathanael und sagt zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Moses im Gesetze und die Propheten geschrieben haben, Jesus, den Sohn Josephs aus Nazareth. 46 Nathanael erwiderte ihm: Kann denn aus Nazareth etwas Gutes kommen? Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh! 47 Jesus sah den Nathanael herankommen und sagt von ihm: Seht da, ein wahrer Israelit, in dem kein Falsch ist. 48 Da spricht Nathanael zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete ihm und sagte: Da du unter dem Feigenbaum warst, ehe Philippus dich rief, habe ich dich gesehen. 49 Nathanael entgegnete ihm: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels. 50 Jesus erwiderte und sagte ihm: Weil ich dir sagte, ich habe dich unter dem Feigenbaum gesehen, glaubst du? Du wirst noch Größeres als dieses sehen. 51 Weiter sagt er zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen und die Engel Gottes über dem Menschensohn auf- und niedersteigen sehen. 51: Die Nähe von Bethel, wo Jakob die Himmelsleiter schaute, gab Anlaß zu dieser Anspielung. 35-51: „Begegnungen mit Jesus“ könnte man diesen Abschnitt überschreiben. Jeden weiß Jesus anders, ganz der Eigenart des einzelnen entsprechend, an sich zu fesseln.

 

2 Hochzeit zu Kana. Und am dritten Tag war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war dabei. Aber auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit geladen. Als der Wein ausging, sagt die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus spricht zu ihr: Frau, was begehrst du da von mir? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 4: Den Vollsinn dieser Antwort vermochte Maria besser zu verstehen als wir, weil sie den Klang der Stimme, den Blick des Auges und das gesamte Verhalten ihres Sohnes mitvernahm. Ihr Auftrag an die Diener beweist, daß sie nicht irgendwie gekränkt war. Jesus spricht als Messias und gibt seiner Mutter zu verstehen, daß nur der Wille des himmlischen Vaters maßgebend ist, wann und wie er sein Amt ausüben soll (vgl. Lk 2,49). Maria gibt in ihrem Verhalten das Beispiel einer klugen und umsichtigen Frau. Da sagt seine Mutter zu den Dienern: Alles, was er euch sagt, das tuet. Es standen aber sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigungen dort, wie sie bei den Juden üblich waren. Jeder von ihnen hielt zwei bis drei Maß. Jesus sagt zu ihnen: Füllet die Krüge mit Wasser, und sie füllten sie bis zum Rande. 7: Ein Maß = 39,3 Liter, zusammen also 471,6-707,4 Liter, ein gutes halbes Fuder. Die Gabe sollte des Spenders würdig sein. Darauf spricht er zu ihnen: Schöpfet nun und bringt es dem Speisemeister. Sie brachten es hin. Der Speisemeister verkostete das Wasser, das zu Wein verwandelt war. Er wußte nicht, woher er gekommen sei. Die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wußten es. Da ruft der Speisemeister dem Bräutigam zu 10 und sagt zu ihm: Jedermann setzt zuerst den guten Wein vor und dann, wenn sie angetrunken sind, den geringeren. Du aber hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. 10: Keine allgemeine Weinregel, sondern ein Hochzeitsscherz! 11 Diesen Anfang der Wunder machte Jesus zu Kana in Galiläa; er offenbarte dadurch seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn. 1-11: Sein erstes Wunder wollte Jesus bei der Feier einer Familiengründung wirken. Von der Heiligung der Familie hängt die sittliche Erneuerung der Menschheit ab.

 

Offenbarung Jesu in Jerusalem, Samaria und Galiläa

 

Jesus in Jerusalem am Osterfeste

Tempelreinigung. 12 Darauf zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und Jüngern nach Kapharnaum hinab. Dort blieben sie nur wenige Tage. 12: Über die „Brüder“ Jesu vgl. die Erklärung zu Mt 12,46 13 Das Osterfest der Juden war nahe, und Jesus ging nach Jerusalem hinauf. 14 Im Tempel traf er Leute, die Ochsen, Schafe und Tauben verkauften, und Geldwechsler, die sich dort niedergelassen hatten. 15 Da machte er eine Geißel aus Stricken und trieb alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Ochsen. Das Geld der Wechsler verstreute er, und ihre Tische stieß er um. 16 Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das von hier fort und macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle. 13-16: Vgl. Mt 21,12-13; Mk 11,15-17; Lk 19,45-46 17 Da erinnerten sich seine Jünger, daß geschrieben steht: Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren. 18 Die Juden aber sprachen zu ihm: Mit welchem Wunderzeichen beweisest du, daß du solches tun darfst? 19 Jesus antwortete ihnen und sagte: Brechet diesen Tempel ab, und ich will in ihn in drei Tagen wieder erstehen lassen. 20 Die Juden sagten: Sechsundvierzig Jahre hat man an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder erstehen lassen? 21 Er meinte aber den Tempel seines Leibes. 22 Nach seiner Auferstehung von den Toten erinnerten sich seine Jünger an dies Wort und glaubten der Schrift und dem Worte, das Jesus gesprochen hatte. 23 Während Jesus beim Osterfeste war, glaubten viele an seinen Namen, da sie seine Wunder sahen, die er wirkte. 24 Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht an, weil er alle kannte 25 und nicht nötig hatte, daß ihm jemand Zeugnis über einen Menschen gebe, denn er wußte selbst, was im Menschen war. 23-25: Auf Massenerfolge hat Jesus nie großen Wert gelegt.

 

3 Nikodemus bei Jesus. Es war ein Mann aus den Pharisäern, namens Nikodemus, ein Ratsherr der Juden. Dieser kam bei Nacht zu ihm und sprach: Rabbi, wir wissen, daß du ein gottgesandter Lehrer bist, denn die Wunder, die du wirkst, kann niemand wirken, außer Gott ist mit ihm. Jesus erwiderte und sagte zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht wiedergeboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus sagt zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt geworden ist? Kann er denn in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und wieder geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht wiedergeboren ist aus dem Wasser und dem Geiste, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen. Was aus dem Fleische geboren ist, das ist Fleisch, und was aus dem Geiste geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht darüber, daß ich dir gesagt habe: Ihr müßt wiedergeboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Brausen. Aber du weißt nicht, woher er kommt, oder wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geiste geboren ist. Nikodemus entgegnete und sagte zu ihm: Wie kann das geschehen? 10 Jesus antwortete und sagte zu ihm: Du bist der Lehrer Israels und verstehst das nicht? 11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Was wir wissen, reden wir, und was wir gesehen haben, bezeugen wir. Ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. 12 Wenn ich von den irdischen Dingen zu euch redete und ihr glaubet nicht, wie werdet ihr glauben, wenn ich von den himmlischen zu euch rede? 13 Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen als der, der vom Himmel herabkam, der Menschensohn, [der im Himmel ist]. 14 Gleichwie Moses die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muß auch der Menschensohn erhöht werden, 15 damit jeder, der an ihn glaubt, [nicht verlorengehe, sondern] ewiges Leben habe. 16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet, wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. 19 Das ist aber das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist und die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht; denn ihre Werke waren böse. 20 Denn jeder, der Böses tut, haßt das Licht und kommt nicht an das Licht, damit seine Werke nicht gerügt werden. 21 Wer aber die Wahrheit übt, der kommt an das Licht, damit seine Werke offenbar werden, weil sie in Gott getan sind. 18-21: Niemand kann ein vorbildlicher Mensch sein, wenn er seiner ersten Pflicht gegen Gott durch den Unglauben untreu wird. Der rechte Glaube aber ist nicht bloßes Fürwahrhalten, sondern „Übung der Wahrheit“ durch ein Leben nach Gottes Gesetz. 1-21: Das Nikodemusgespräch dreht sich um das Wesen der neuen Religion: Nicht die Rasse gibt den Ausschlag, sondern die übernatürliche Wiedergeburt aus Gott, der Glaube an die Offenbarung und das Leben aus dem Glauben. Selbsterlösung gibt es nicht. Gottes Sohn hat uns erlöst. An ihm scheiden sich die Geister wie Licht und Finsternis.

 

Jesus in Judäa

Jesus und der Täufer. 22 Hierauf kam Jesus mit seinen Jüngern in die Landschaft Judäa. Dort hielt er sich mit ihnen auf und taufte. 23 Aber auch Johannes taufte zu Änon bei Salim. Denn dort gab es viel Wasser. Die Leute kamen dorthin und ließen sich taufen. 24 Johannes war nämlich noch nicht eingekerkert. 24: Diese Bemerkung soll Mißverständnisse im Hinblick auf die älteren Evangelien verhüten. 25 Da entstand ein Streit von seiten der Johannesjünger mit einem Juden wegen der Abwaschung. 26 Sie kamen zu Johannes und sagten zu ihm: Rabbi! Der jenseits des Jordan bei dir war und dem du Zeugnis gabst, siehe, der tauft, und alle kommen zu ihm. 27 Johannes antwortete: Ein Mensch kann nicht sich etwas nehmen, es muß ihm vom Himmel gegeben sein. 28 Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe: Ich bin nicht der Messias, sondern ich bin vor ihm hergesandt. 29 Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam. Der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich gar sehr über die Stimme des Bräutigams. So ist auch meine Freude jetzt vollkommen. 30 Er muß wachsen, ich aber abnehmen. Der von oben kommt, steht über allen. Wer von der Erde stammt, ist von der Erde und redet von der Erde. 27-30 Der Vorläufer teilt nicht die kleinliche Eifersucht seiner Jünger. Als Freund des Bräutigams (Jesu) freut er sich, daß das Volk wie eine Braut zu diesem kommt. Selbstlos tritt er zurück, wie der Morgenstern erblaßt wenn die Sonne aufsteigt. Zur Zeit der Sonnenwende im Sommer wird sein Fest gefeiert. 31 Wer vom Himmel kommt, steht über allen. 32 Was er gesehen und gehört hat, das bezeugt er. Doch niemand nimmt sein Zeugnis an. 33 Wer sein Zeugnis annimmt, hat verbürgt, daß Gott wahrhaftig ist. 34 Denn wen Gott gesandt hat, der redet die Worte Gottes, da Gott seinen Geist ungemessen gibt. 35 Der Vater liebt den Sohn und hat ihm alles in die Hand gelegt. 36 Wer an den Sohn glaubt, der hat ewiges Leben; wer aber ungehorsam gegen den Sohn ist, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm. 36: Der Glaube an Christus, nichts anderes, entscheidet über ewiges Leben

 

In Samaria

4 Jesus und die Pharisäer. Als nun der Herr erfuhr, die Pharisäer hätten gehört, daß Jesus mehr Jünger gewinne und mehr taufe als Johannes — und doch taufte Jesus nicht selbst, sondern seine Jünger —, da verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa. Dabei mußte er durch Samaria ziehen. Er kommt an eine Stadt in Samaria, die Sychar heißt, nahe bei dem Felde, das Jakob seinem Sohne Joseph gegeben hatte. Dort war der Brunnen Jakobs. Müde von der Reise, setzte sich Jesus ohne weiteres bei dem Brunnen nieder. Es war ungefähr die sechste Stunde.

 

Gespräch Jesu mit der Samariterin. Da kommt eine Samariterin, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagt zu ihr: Gib mir zu trinken. Seine Jünger waren nämlich in die Stadt gegangen, um Speisen einzukaufen. Die Samariterin erwidert ihm: Wie kannst du, der du doch ein Jude bist, von mir, einer samaritischen Frau, zu trinken wünschen? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern. 10 Jesus antwortete und sagte zu ihr: Würdest du Gottes Gabe kennen und wissen, wer der ist, der zu dir spricht: Gib mir zu trinken, so hättest du ihn wohl gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gereicht. 11 Da sagt sie zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief. Woher hast du da das lebendige Wasser? 11: Der Brunnen ist heute noch 32 Meter tief. 12 Bist du größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat mit seinen Kindern und seinen Herden? 13 Jesus erwiderte und sagte zu ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten, 14 wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, den wird nicht mehr dürsten in Ewigkeit, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm zur Quelle eines Wassers werden, das ins ewige Leben hinüberströmt. 15 Da sagt ihm die Frau: Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nicht mehr dürstet und ich nicht mehr hierherkommen muß, um zu schöpfen. 16 Er sagte zu ihr: Geh, rufe deinen Mann und komm hierher. 17 Die Frau antwortete und sagte zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus sagt zu ihr: Du hast recht gesprochen: Ich habe keinen Mann. 18 Denn fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Da hast du wahr gesprochen. 19 Herr, erwidert die Frau, ich sehe, daß du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei der Ort, wo man anbeten müsse. 20: Gemeint ist der Garizim, der Tempelberg der Samariter. 21 Jesus antwortet ihr: Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berge da noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil kommt von den Juden. 23 Doch es kommt die Stunde, und sie ist schon da, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden, denn solche Anbeter sucht der Vater. 24 Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten. 24: Nicht in veräußerlichten Formen und nicht im Widerspruch zwischen Gesinnung und Tat will Gott verehrt sein. Gemeinsame Gottverehrung im liturgischen Opfer ist eine selbstverständliche Pflicht. 25 Die Frau sagt zu ihm: Ich weiß, daß der Messias kommt, der Christus genannt wird. Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden. 26 Da spricht Jesus zu ihr: Ich bin es, der mit dir redet.

 

Ankunft der Jünger. 27 In diesem Augenblick kamen seine Jünger. Sie wunderten sich, daß er mit einer Frau redete. Doch sagte keiner: Was suchst du, oder was redest du mit ihr? 27: Das Sprechen mit einer Frau in der Öffentlichkeit hielten die Juden damals für eines Mannes unwürdig. 28 Da ließ die Frau ihren Krug stehen, ging in die Stadt und sagt den Leuten: 29 Kommt doch und seht einen Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe; ob der nicht der Christus ist? 30 Da gingen sie aus der Stadt hinaus und kamen zu ihm.

 

32 Die Jünger baten ihn unterdessen: Rabbi, iß! 32 Er aber sprach zu ihnen: Ich habe eine Speise zu essen, die ihr nicht kennt. 33 Die Jünger fragten einander: Hat ihm wohl jemand zu essen gebracht? 34 Jesus spricht zu ihnen: Meine Speise ist, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe. 35 Saget ihr nicht: Es sind noch vier Monate, dann kommt die Ernte? Seht, ich sage euch: Erhebt eure Augen und betrachtet die Felder. Sie sind weiß zur Ernte. 35: Da die Getreideernte in jener hochgelegenen Gegend im Mai stattfindet, hat sich die Szene am Jakobsbrunnen im Januar abgespielt, ein wichtiger Anhaltspunkt für die Dauer des öffentlichen Wirkens Jesu. Die geistige Ernte unter den Samaritern dagegen ist bereits reif. 36 Und der Schnitter bekommt schon seinen Lohn und fährt Frucht ein zum ewigen Leben, damit sich gemeinsam freuen der Sämann und der Schnitter. 37 Denn hier hat das Sprichwort recht: Ein anderer ist es, der sät, und ein anderer, der erntet. 38 Ich habe euch ausgesandt, zu ernten, was ihr nicht angebaut habt. Andere haben gearbeitet, und ihr seid in ihre Arbeit eingetreten.

 

Glaube der Samariter. 39 Aus jener Stadt aber glaubten viele Samariter an ihn, weil die Frau es ihnen bezeugte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe. 40 Die Samariter waren also zu ihm gekommen. Sie baten ihn, bei ihnen zu bleiben, und er blieb zwei Tage dort. 41 Und noch viel mehr glaubten an ihn wegen seines Wortes. 42 Sie sagten zu der Frau: Wir glauben nun nicht mehr um deiner Rede willen, denn wir haben selber gehört und wissen, daß dieser wahrhaftig der Heiland der Welt ist. 7-42: Das Gespräch am Jakobsbrunnen ist ein Musterbeispiel der seelenaufschließenden Erlöserliebe.

 

Wunder in Galiläa

Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten. 43 Nach den zwei Tagen ging er von da weiter nach Galiläa. 44 Denn Jesus selbst bezeugte es, daß kein Prophet in seinem Vaterlande geehrt ist. 45 Er kam also nach Galiläa. Die Galiläer nahmen ihn auf, da sie alles gesehen hatten, was er am Feste zu Jerusalem gewirkt hatte. Sie waren nämlich auch zum Feste gekommen. 46 So kam er wieder nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser in Wein verwandelt hatte. Es war nun ein königlicher Beamter, dessen Sohn in Kapharnaum krank lag. 47 Dieser hatte erfahren, daß Jesus von Judäa nach Galiläa gekommen sei. Darum ging er zu ihm und bat ihn, er möge hinabkommen und seinen Sohn, der schon im Todeskampfe lag, gesund machen. 48 Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. 48: Der Vorwurf gilt mehr dem wundersüchtigen Volk als dem bittenden Vater. Die verachteten Samariter glaubten ohne Wunder, die Juden aber trotz der Wunder in ihrer Mehrheit nicht. 49 Der königliche Beamte spricht zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt. 50 Da sagt Jesus zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt. Der Mann glaubte dem Worte Jesu und ging. 51 Unterwegs kamen seine Knechte ihm entgegen und meldeten ihm, sein Sohn lebe. 52 Er fragte sie, um welche Zeit es mit ihm besser geworden sei. Sie antworteten: Gestern um die siebte Stunde verließ ihn das Fieber. 53 Da erkannte der Vater, daß es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt; und er glaubte mit seinem ganzen Hause. 54 Dieses zweite Wunder wirkte Jesus, als er von Judäa nach Galiläa gekommen war.

 

Offenbarung Jesu vor den Feinden in Judäa und Galiläa

 

Der Unglaube in Judäa

5 Der Kranke am Bethesdateich. Danach war ein [das?] Fest der Juden, und Jesus ging nach Jerusalem hinauf. Zu Jerusalem befindet sich am Schaftor ein Teich, der auf hebräisch Bethesda heißt, mit fünf Säulengängen. 1-2: Welches Fest gemeint ist, läßt sich schwer sagen, wahrscheinlich das zweite Osterfest. Im Lateinischen heißt es in V. 2: Zu Jerusalem ist ein Schafteich, der auf hebräisch Bethsaida heißt. In diesen lag eine Menge von Kranken, Blinden, Lahmen und Abgezehrten, die auf die Bewegung des Wassers warteten. Ein Engel [des Herrn] stieg nämlich von Zeit zu Zeit in den Teich herab und brachte das Wasser in Bewegung. Wer nun nach dem Aufwallen des Wassers als erster hinabstieg, wurde gesund, er mochte eine Krankheit haben, welche er wollte. Dort war ein Mann, der seit achtunddreißig Jahren krank lag. Als Jesus ihn daliegen sah und wußte, daß er schon lange Zeit so daran war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: O Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser aufwallt. Bis ich aber selbst komme, steigt ein anderer vor mir hinab. Da spricht Jesus zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh! Sogleich ward der Mann gesund, nahm sein Bett und ging. Es war aber Sabbat an jenem Tag. 10 Darum sagten die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist Sabbat. Du darfst dein Bett nicht tragen. 11 Er aber erwiderte: Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm dein Bett und geh! 12 Sie fragten ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir sagte: Nimm dein Bett und geh? 13 Der Geheilte aber wußte nicht, wer es war. Jesus hatte sich nämlich entfernt, da eine Menge Volkes an dem Orte war. 14 Später findet ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden. Sündige jetzt nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres begegne. 15 Der Mann ging hin und erzählte den Juden, daß es Jesus war, der ihn gesund gemacht habe. 15: Der Geheilte hatte keine böse Absicht bei der Meldung. 16 Deshalb verfolgten die Juden Jesus, weil er das am Sabbat tat.

 

Jesus über seine Wesenseinheit mit dem Vater. 17 Jesus aber entgegnete ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt. So wirke auch ich. 18 Deshalb suchten die Juden noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat nicht hielt, sondern auch Gott seinen Vater nannte und so sich Gott gleichstellte. 19 Jesus erwiderte ihnen und sagte: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann von sich aus nichts tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht. Was dieser tut, das tut in gleicher Weise auch der Sohn. 17 ff.: Daß Jesus sich für den wahren Sohn Gottes hielt, haben die Gegner richtig verstanden. Aus dem gemeinsamen göttlichen Wesen folgt das gleiche Wirken. 20 Denn der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er selbst tut. Ja noch größere Werke als diese wird er ihm zeigen, damit ihr euch verwundern sollt. 21 Denn wie der Vater die Toten erweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, wen er will. 21: Während hier von geistiger Neubelebung die Rede ist, wird nachher (V. 28-29) die leibliche Auferweckung gelehrt. 22 Der Vater richtet nämlich auch niemand, sondern hat das ganze Gericht dem Sohne übergeben, 23 damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht, der ihn gesandt hat. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern ist vom Tode zum Leben übergegangen. 25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde, ja sie ist schon da, wo die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie hören, werden leben. 26 Denn wie der Vater Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn verliehen, Leben in sich selbst zu haben. 27 Er hat ihm auch die Gewalt gegeben, Gericht zu halten, weil er der Menschensohn ist. 28 Wundert euch nicht darüber. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern liegen, seine Stimme hören 29 und hervorgehen werden; die das Gute getan haben, werden auferstehen zum Leben, die aber das Böse verübten, werden auferstehen zur Verdammung. 30 Ich kann nichts aus mir selbst tun. Wie ich höre, so richte ich, und mein Gericht ist gerecht, weil ich nicht meinen Willen suche, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.

 

Sein göttliches Wesen durch Johannes und den himmlischen Vater bezeugt. 31 Wenn ich über mich selbst Zeugnis gebe, so ist mein Zeugnis nicht wahr. 32 Es ist ein anderer, der über mich Zeugnis gibt, und ich weiß, daß das Zeugnis wahr ist, das er über mich gibt. 33 Ihr habt zu Johannes geschickt, und er hat der Wahrheit Zeugnis gegeben. 34 Ich nehme aber kein Zeugnis von einem Menschen an, sondern ich sage dies, damit ihr gerettet werdet. 35 Er war die brennende, leuchtende Lampe. Ihr aber wolltet nur für eine Stunde euch an seinem Lichte ergötzen. 36 Ich aber habe ein höheres Zeugnis als das des Johannes; denn die Werke, die mir der Vater auszuführen gab, diese Werke, die ich tue, sie geben Zeugnis über mich, daß der Vater mich gesandt hat. 37 Und der Vater, der mich gesandt hat, gibt selbst über mich Zeugnis. Ihr aber habt seine Stimme niemals gehört noch seine Gestalt gesehen 38 noch sein Wort dauernd in euch. Denn ihr glaubt dem nicht, den jener gesandt hat. 39 Ihr forschet in den Schriften, weil ihr glaubt, darin ewiges Leben zu haben, und gerade sie sind es, die Zeugnis über mich geben. 39: Hiermit hat Jesus selbst die hohe Bedeutung der Bibel des Alten Testamentes auch im Neuen Bund anerkannt. Sie enthält göttliche Offenbarung; kein Christ darf sie ablehnen, sonst lehnt er Gott und Christus ab. 40 Aber ihr wollt nicht zu mir kommen, um Leben zu haben. 41 Ich nehme keine Ehre von Menschen an. 42 Aber von euch weiß ich, daß ihr die Liebe Gottes nicht in euch habt. 43 Ich bin im Namen meines Vaters gekommen, aber ihr nehmet mich nicht auf. Wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommen wird, den werdet ihr aufnehmen. 44 Wie könnt ihr gläubig werden, da ihr voneinander Ehre annehmet, aber die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, nicht begehrt. 45 Glaubt nicht, ich werde euch beim Vater anklagen. Der euch anklagt, ist Moses, auf den ihr euch verlasset. 46 Wenn ihr nämlich dem Moses glaubtet, würdet ihr wohl auch mir glauben, denn von mir hat jener geschrieben. 47 Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr dann meinen Worten glauben?

 

Jesus in Galiläa

6 Die Brotvermehrung. Darauf begab sich Jesus auf das andere Ufer des galiläischen Meeres, des [Sees] von Tiberias. Eine große Menge folgte ihm, da sie die Wunder sahen, die er an den Kranken wirkte. Jesus stieg auf den Berg. Dort setzte er sich mit seinen Jüngern nieder. Es war aber das Osterfest der Juden nahe. Da nun Jesus die Augen erhob und eine große Menge zu sich kommen sah, spricht er zu Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen zum Essen für diese? Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen; denn er wußte wohl, was er tun wollte. Philippus antwortete ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht hin, daß jeder nur ein weniges bekomme. Da sagt einer von den Jüngern, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, zu ihm: Es ist ein Knabe hier, der fünf Gerstenbrote und zwei Fische hat. Allein, was ist dies für so viele? 10 Jesus sagte: Lasset die Leute sich setzen. Es gab aber viel Gras an dem Orte. Da ließen sie sich nieder, etwa fünftausend Männer an der Zahl. 11 Jesus nahm nun die Brote, dankte und teilte sie unter die aus, welche sich gelagert hatten, desgleichen von den Fischen, soviel sie wollten. 12 Als sie genug hatten, sagt er zu seinen Jüngern: Sammelt die übriggebliebenen Stücke, damit nichts zugrunde geht. 13 Sie sammelten nun und füllten zwölf Körbe mit den Stücken von den fünf Gerstenbroten, die beim Essen übriggeblieben waren. 14 Da die Leute nun sahen, was für ein Wunder er gewirkt hatte, sprachen sie: Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll. 15 Jesus erkannte, daß sie kommen wollten, um ihn mit Gewalt zum Könige zu machen; darum zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein. 1-15: Vgl. Mt 14,13-21; Mk 6,31-44; Lk 9,10-17. Das Wunder der Brotvermehrung und ebenso das Wandeln Jesu über den See bereitete auf die Verheißung der hl. Eucharistie vor, in der wir unter Brotgestalt den wahren Leib Christi verehren.

 

Jesus wandelt auf dem See. 16 Als es aber Abend geworden war, gingen seine Jünger an den See hinab, 17 stiegen in ein Schiff und fuhren über den See auf Kapharnaum zu. Es war schon Nacht und Jesus war noch nicht zu ihnen gekommen. 18 Es wehte ein starker Wind, und der See ging hoch. 19 Als sie etwa fünfundzwanzig bis dreißig Stadien gefahren waren, sehen sie Jesus auf dem See wandeln und sich dem Schiffe nähern; und sie fürchteten sich. 19: Da der See 10-12 Kilometer breit ist, waren sie also trotz aller Anstrengung erst in der Mitte. 20 Er aber spricht zu ihnen: Ich bin es, fürchtet euch nicht! 21 Bereitwillig nahmen sie ihn in das Schiff, und alsbald war das Schiff am Lande, da, wo sie hinwollten. 16-21: Vgl. Mt l4,22-33; Mk 6;45-52.

 

Das Volk sucht Jesus. 22 Am andern Tag merkte die Menge, die noch jenseits des Sees war, daß kein anderes Schiff dagewesen war als das eine, und daß Jesus nicht mit seinen Jüngern in das Schiff gestiegen war, vielmehr seine Jünger allein abgefahren waren. 23 Von Tiberias her kamen andere Schiffe in die Nähe des Ortes, wo sie das vom Herrn gesegnete Brot gegessen hatten. 24 Als nun das Volk sah, daß Jesus und seine Jünger nicht mehr da waren, stiegen sie selbst in die Schifflein und fuhren nach Kapharnaum, um Jesus zu suchen. 25 Sie fanden ihn jenseits des Sees und sprachen: Rabbi, wann bist du hierhergekommen?

 

Verheißung des allerheiligsten Altarssakramentes

Der Vater gibt das Brot des Lebens. 26 Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr suchet mich, nicht weil ihr Wunder gesehen, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. 27 Bemühet euch nicht um die vergängliche Speise, sondern um die, welche bleibt zum ewigen Leben, die der Menschensohn euch geben wird. Denn ihn hat Gott der Vater durch sein Siegel beglaubigt. 28 Sie sprachen zu ihm: Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu wirken? 29 Jesus erwiderte ihnen und sagte: Das ist das Werk Gottes, daß ihr an den glaubt, den er gesandt hat. 30 Da fragten sie ihn: Welches Wunder wirkst du denn, daß wir es sehen und dir glauben? Nun, was wirkest du? 31 Unsere Vorfahren haben das Manna in der Wüste gegessen, wie geschrieben steht: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen (Ps 78, 24).

 

Jesus das wahre Lebensbrot. 32 Jesus entgegnete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Moses hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. 33 Denn das Brot Gottes ist das, welches vom Himmel herabkommt und der Welt das Leben gibt. 34 Da sagten sie zu ihm: Herr, gib uns für immer dieses Brot. 35 Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, den wird nicht mehr hungern, und wer an mich glaubt, den wird nicht mehr dürsten. 36 Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt mich gesehen und glaubet nicht. 37 Alles, was mir der Vater gibt, wird zu mir kommen, und den, der zu mir kommt, werde ich gewiß nicht hinausweisen. 38 Denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. 39 Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, daß ich nichts von allem, was er mir gegeben hat, verlorengehen lasse, sondern es auferwecke am Jüngsten Tage. 40 Denn dies ist der Wille meines Vaters [der mich gesandt hat], daß jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe und ich ihn auferwecke am Jüngsten Tage. 41 Da murrten die Juden über ihn, weil er gesagt hatte: Ich bin das [lebendige] Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, 42 und sprachen: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josephs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen? 43 Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Murret nicht untereinander. 44 Niemand kann zu mir kommen, wenn ihn der Vater, der mich gesandt hat, nicht zieht, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. 44: Der Glaube an Christus ist Gnade Gottes, die der Mensch durch eigene Schuld verscherzen kann. 45 Bei den Propheten steht geschrieben: Alle werden von Gott unterwiesen sein (Is 54, 13). Jeder, der den Vater gehört und von ihm gelernt hat, kommt zu mir. 46 Nicht als ob jemand den Vater gesehen hätte. Nur der, der von Gott ist, der hat den Vater gesehen. 47 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, hat ewiges Leben. 26-47: Im ersten Teil der Rede verheißt Jesus sich als das Lebensbrot, zu dessen Genuß wir durch den Glauben an seine Person gelangen.

 

Sein Fleisch ist eine Speise, sein Blut ein Trank. 48 Ich bin das Brot des Lebens. 48: Hier beginnt der zweite Teil der Rede: Jesu wahres Fleisch und Blut müssen wir in der Eucharistie als Lebensbrot genießen. 49 Eure Väter haben das Manna in der Wüste gegessen und sind gestorben. 50 Von solcher Art ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, daß jeder, der davon ißt, nicht stirbt. 51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn jemand von diesem Brote ißt, wird er ewig leben. Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. 52 Da stritten die Juden untereinander und sprachen: Wie kann uns dieser sein Fleisch zu essen geben? 53 Jesus sagte zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esset und sein Blut nicht trinket, so habt ihr kein Leben in euch. 53: Der gläubige Empfang der heiligen Eucharistie ist also unerläßliche Pflicht jedes Erwachsenen. Wer selten oder nie zur heiligen Kommunion geht, kann kein guter Christ sein. 54 Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat ewiges Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. 55 Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise, und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. 56 Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. 57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, welcher mich ißt, um meinetwillen leben. 58 Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Nicht wie das [Manna], das eure Väter gegessen haben und gestorben sind. Wer dieses Brot ißt, wird ewig leben. 59 Das sagte er, als er in der Synagoge zu Kapharnaum lehrte.

 

Wirkung seiner Rede. 60 Viele von seinen Jüngern, die dies hörten, sprachen: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? 61 Jesus aber wußte, daß seine Jünger darüber murrten, und sagte zu ihnen: Ärgert euch dieses? 62 Wenn ihr nun den Menschensohn dorthin auffahren sehen werdet, wo er zuvor war? 63 Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützet nichts. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben. 62-63: Der Genuß seines rohen menschlichen Fleisches und Blutes wird nach seiner Verklärung gar nicht möglich sein, könnte auch als tote Speise kein Leben schenken. Sein vom Geiste belebtes und so vergeistigtes Fleisch und Blut reicht er uns im Sakramente. Der v e r k l ä r t e Christus wohnt im Tabernakel. 64 Unter euch sind aber einige, die nicht glauben. Denn Jesus wußte von Anfang an, welche nicht an ihn glaubten und wer ihn verraten würde. 65 Er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist. 66 Von da an zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm. 66: Es ist die sogenannte galiläische Krisis, die hier ausbricht. 67 Nun sagte Jesus zu den Zwölfen: Wollt nicht auch ihr fortgehen? 67: Jesus bettelt nicht. Er fordert klare Entscheidung. 68 Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. 69 Und wir haben geglaubt und erkannt, daß du der Heilige Gottes bist. 69: Im Lateinischen steht: „daß du Christus, der Sohn Gottes, bist.“ 70 Jesus entgegnete ihm: Habe ich nicht euch zwölf auserwählt, und doch ist einer von euch ein Teufel! 71 Er meinte damit den Judas, den Sohn des Simon Iskariot; denn der war es, der ihn verraten sollte, einer aus den Zwölfen.

 

Auf dem Laubhüttenfest in Jerusalem

7 Jesu Reise zum Feste. Hernach wanderte Jesus in Galiläa umher; denn in Judäa wollte er nicht mehr umherziehen, weil die Juden ihn zu töten suchten. Es war gerade das Laubhüttenfest der Juden nahe. Da sagten seine Brüder zu ihm: Geh von hier weg und begib dich nach Judäa, damit auch deine Jünger deine Werke sehen, die du vollbringst. Denn niemand tut etwas im Verborgenen, der selbst öffentlich bekannt zu werden sucht. Wirkst du solche Dinge, so zeige dich offen der Welt. Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn. Jesus sagte zu ihnen: Meine Zeit ist noch nicht gekommen, doch für euch ist die Zeit immer günstig. Euch kann die Welt nicht hassen; mich aber haßt sie, weil ich von ihr Zeugnis gebe, daß ihre Werke böse sind. Geht ihr hinauf zu diesem Feste, ich gehe nicht hinauf zu diesem Feste, weil meine Zeit noch nicht erfüllt ist. 3-8: Die Verwandten Jesu teilten die falschen Messias­erwartungen ihres Volkes. Ihrem Drängen will Jesus nicht entsprechen, geht darum nicht mit den Pilgerscharen zum Fest. So sprach er zu ihnen und blieb in Galiläa. 10 Als aber seine Brüder hinaufgegangen waren zum Fest, ging auch er hinauf, nicht öffentlich, sondern gleichsam im geheimen. 11 Auf dem Feste suchten ihn die Juden und fragten: Wo ist doch jener? 12 Es war viel heimliches Gerede über ihn unter dem Volke. Einige sagten: Er ist gut, andere dagegen: Nein, sondern er verführt das Volk. 13 Niemand aber redete frei heraus von ihm aus Furcht vor den Juden.

 

Jesu Auftreten und Selbstzeugnis auf dem Feste. 14 Als man aber bereits mitten in der Festzeit war, kam Jesus zum Tempel herauf und lehrte. 15 Die Juden sprachen verwundert: Wie versteht dieser die Schrift, da er doch nicht studiert hat? 16 Jesus antwortete ihnen und sagte: Meine Lehre ist nicht mein, sondern dessen, der mich gesandt hat. 17 Wenn jemand dessen Willen tun will, so wird er erkennen, ob diese Lehre von Gott ist oder ob ich aus mir selber rede. 18 Wer aus sich selbst redet, der sucht die eigene Ehre, wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und keine Ungerechtigkeit ist in ihm.

 

Heiligung des Sabbats. 19 Hat nicht Moses euch das Gesetz gegeben? Aber niemand von euch erfüllt das Gesetz. Warum sucht ihr mich zu töten? 20 Die Menge erwiderte: Du bist vom Teufel besessen. Wer will dich denn töten? 21 Jesus entgegnete ihnen: Ein Werk habe ich gewirkt, und ihr alle seid verwundert deshalb. 22 Moses gab euch die Beschneidung — nicht als ob sie von Moses stammte, sondern von den Vätern, — und ihr beschneidet jemand am Sabbat. 23 Wenn nun jemand am Sabbat die Beschneidung empfängt, damit nicht das Gesetz Moses verletzt wird, was seid ihr dann böse über mich, daß ich am Sabbat einen ganzen Menschen gesund gemacht habe? 19 ff.: Jesus spielt auf das am Sabbat gewirkte Wunder am Bethesdateich an (5,1 ff.). Die fremden Pilger kennen diesen Zusammenhang nicht. 24 Urteilt nicht nach dem Scheine, sondern sprechet ein gerechtes Urteil. 25 Da sagten einige aus Jerusalem: Ist das nicht der, den sie töten wollen? 26 Siehe, er redet öffentlich, und sie sagen ihm nichts. Haben die Vorsteher wirklich erkannt, daß dieser der Messias ist? 27 Doch wissen wir ja, woher dieser ist. Wenn aber der Messias kommt, weiß niemand, woher er ist. 27: Nicht der Geburtsort ist gemeint, sondern die Verborgenheit des Messias vor Anbruch seines Reiches. 28 Da rief Jesus, der im Tempel lehrte, laut: Ihr kennt mich und wisset, woher ich bin. Allein von mir selbst bin ich nicht gekommen, sondern der Wahrhaftige, den ihr nicht kennt, ist es, der mich gesandt hat. 29 Ich kenne ihn, denn aus ihm bin ich, und er hat mich gesandt. 30 Nun suchten sie ihn zu ergreifen. Allein niemand legte Hand an ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen. 31 Vom Volke aber glaubten viele an ihn. Sie sagten: Kann wohl der Messias, wenn er kommt, mehr Wunder wirken, als dieser tat? 32 Die Pharisäer hörten, wie im Volke solches Gerede über ihn ging, und die Oberpriester und Pharisäer schickten Diener aus, um ihn zu ergreifen. 33 Da sagte Jesus: Nur noch eine kurze Zeit bin ich bei euch, dann gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. 34 Ihr werdet mich suchen, aber nicht finden, und dahin, wo ich bin, könnt ihr nicht kommen. 35 Da sprachen die Juden untereinander: Wo will denn dieser hingehen, daß wir ihn nicht finden sollen? Will er etwa in die Diaspora der Griechen gehen und die Griechen lehren? 36 Was soll das bedeuten, daß er sagt: Ihr werdet mich suchen und nicht finden, und dahin, wo ich bin, könnt ihr nicht kommen?

 

Der Höhepunkt des Festes. 37 Am letzten, dem großen Tage des Festes, stand Jesus da und rief laut: Wen dürstet, der komme zu mir und trinke. 38 Wer an mich glaubt, aus dessen Innern werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. 37-38: Jesus hat diese bedeutungsvollen Worte während der feierlichen Wasserprozession gesprochen und so ein herrliches Selbstzeugnis für seine messianische Sendung abgelegt. Die Trennung der Satzteile ist umstritten. Einen guten, durch Handschriften bezeugten Sinn ergibt folgende Gliederung: „Wen dürstet, der komme zu mir. Und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift gesagt hat: Ströme lebendigen Wassers werden aus seinem (= Christi) Leibe fließen.“ Dieses lebendige Wasser ist der Heilige Geist. 39 Damit meinte er den Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten. Weil nämlich Jesus noch nicht verherrlicht war, war der Geist noch nicht mitgeteilt. 40 Da das Volk diese seine Reden hörte, sagten einige: Dieser ist wahrhaftig der Prophet. 41 Andere sprachen: Er ist der Messias. Wieder andere aber meinten: Kommt denn der Messias aus Galiläa? 42 Sagt nicht die Schrift: Aus dem Stamme Davids und aus dem Flecken Bethlehem, wo David war, kommt der Messias? 43 So entstand seinetwegen ein Streit unter dem Volke. 44 Einige von ihnen aber wollten ihn ergreifen, aber niemand legte Hand an ihn. 45 So kamen die Diener zu den Oberpriestern und Pharisäern zurück. Diese sagten ihnen: Warum habt ihr ihn nicht hergeführt? 46 Die Diener antworteten: Nie hat ein Mensch so geredet, wie dieser Mensch redet. 47 Darauf erwiderten ihnen die Pharisäer: Habt auch ihr euch verführen lassen? 48 Hat denn von den Vorstehern oder den Pharisäern jemand an ihn geglaubt? 49 Nein, nur dies Volk da, das das Gesetz nicht kennt. Sie sind verflucht! 50 Einer von ihnen, Nikodemus, der früher einmal zu ihm gekommen war, sagt zu ihnen: 51 Verurteilt denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn gehört und sein Tun festgestellt hat? 52 Sie entgegneten ihm: Du bist wohl auch ein Galiläer? Forsche doch nach, dann wirst du sehen, daß aus Galiläa kein Prophet aufsteht. 53 Dann gingen sie auseinander, ein jeder in sein Haus.

 

8 Die Ehebrecherin. Jesus aber ging auf den Ölberg. Am frühen Morgen aber kam er wieder in den Tempel, und das ganze Volk kam zu ihm. Er setzte sich nieder und lehrte sie. Da bringen die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ergriffen worden war. Sie stellen sie in die Mitte und sagen zu ihm: Meister, diese Frau ist beim Ehebruch auf frischer Tat ergriffen worden. Nun hat uns Moses im Gesetze geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du dazu? 5: Es handelt sich also um eine Braut, deren Untreue so bestraft wurde, weil sie rechtlich als Ehefrau galt. Die Untreue einer eigentlichen Ehefrau wurde durch Erdrosselung gesühnt. Da ein jüdisches Mädchen damals mit 13 Jahren verlobt zu werden pflegte, ist die Sünderin nach unseren Begriffen fast noch ein Kind gewesen. So sprachen sie aber nur, um ihn zu versuchen und ihn anklagen zu können. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Da sie nicht nachließen, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe zuerst einen Stein auf sie. Hierauf bückte er sich wieder und schrieb auf die Erde. Da sie dies hörten, ging einer nach dem andern hinaus, die ältesten zuerst, bis zu den letzten. Jesus blieb allein mit der Frau zurück, die in der Mitte stand. 10 Jesus aber richtete sich nun auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie? Hat dich niemand verurteilt? 11 Sie erwiderte: Niemand, Herr! Und Jesus sprach zu ihr: So will auch ich dich nicht verurteilen. Gehe hin und sündige von nun an nicht mehr! 11: Menschliches Sündenelend und göttliche Erlöserliebe stehen sich hier gegenüber. 7,53-8,11: Obgleich diese Erzählung in den meisten ältesten Textzeugen fehlt, gehört sie zum Bibeltext.

 

Selbstzeugnis Jesu vor den Pharisäern. 12 Wiederum sprach Jesus zu ihnen: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wandelt nicht in Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. 12: Das Wort vom Licht der Welt wurde wohl während der festlichen Tempelbeleuchtung gesprochen und mußte dadurch um so tieferen Eindruck machen. 13 Da sagten die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst, dein Zeugnis ist nicht wahr. 14 Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Wenn ich auch Zeugnis von mir selbst gebe, ist mein Zeugnis doch wahr. Denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe. Ihr aber wisset nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe. 15 Ihr richtet nach dem Fleische, ich aber richte niemand. 16 Und wenn ich richte, so ist mein Gericht wahr, denn ich bin nicht allein, sondern ich und der mich gesandt hat, der Vater. 17 Auch in eurem Gesetze steht geschrieben, daß das Zeugnis zweier Menschen wahr ist. 18 Ich bin es, der ich Zeugnis von mir selbst gebe, aber es gibt auch Zeugnis von mir, der mich gesandt hat, der Vater. 19 Darauf sagten sie zu ihm: Wo ist dein Vater? Jesus antwortete: Ihr kennet weder mich noch meinen Vater. Wenn ihr mich kennen würdet, so würdet ihr wohl auch meinen Vater kennen. 20 Diese Worte sprach Jesus bei der Schatzkammer, da er im Tempel lehrte; und niemand ergriff ihn, denn seine Stunde war noch nicht gekommen.

 

Unbußfertigkeit. 21 Wiederum sprach Jesus zu ihnen: Ich gehe hin, und ihr werdet mich suchen, aber in eurer Sünde werdet ihr sterben. Wo ich hingehe, dahin könnet ihr nicht kommen. 22 Da sagten die Juden: Will er sich vielleicht selbst das Leben nehmen, daß er sagt: Wo ich hingehe, dahin könnet ihr nicht kommen? 23 Er entgegnete ihnen: Ihr seid von unten, ich bin von oben. Ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. 24 Ich habe euch ja gesagt: Ihr werdet in euren Sünden sterben. Denn, wenn ihr nicht glaubet, daß ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben. 25 Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du denn? Jesus sagte zu ihnen: Was rede ich überhaupt mit euch! 25: Die Antwort kann auch übersetzt werden: „Das (bin ich), was ich euch von Anfang an gesagt habe.“ 26 Viel habe ich über euch zu sagen und zu richten. Doch der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und ich rede das zur Welt, was ich von ihm gehört habe. 27 Sie erkannten nicht, daß er von seinem Vater zu ihnen sprach. 28 Da sagte Jesus: Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin und nichts von mir selbst tue, sondern rede, wie mich der Vater gelehrt hat. 28: Die Ereignisse beim Tode Jesu brachten viele zur Einsicht, ebenso das Wunder des Pfingstfestes. 29 Der mich gesandt hat, ist bei mir. Er hat mich nicht allein gelassen, weil ich immer das tue, was ihm wohlgefällt. 30 Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

 

Die wahren Söhne Abra­hams. 31 Nun sprach Jesus zu den Juden, die zum Glauben an ihn gelangt waren: Wenn ihr in meinem Worte verharret, dann seid ihr wahrhaftig meine Jünger. 32 Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. 33 Sie entgegneten: Wir sind Abra­hams Nachkommen und sind nie jemandes Sklaven gewesen. Wie kannst du sagen: Ihr werdet frei sein? 34 Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der Sünde tut, ist der Sünde Knecht. 35 Der Knecht bleibt nicht auf immer in dem Hause, der Sohn aber bleibt auf immer. 36 Wenn der Sohn euch frei gemacht hat, dann werdet ihr wahrhaft frei sein. 37 Ich weiß, daß ihr Kinder Abra­hams seid. Allein ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort in euch keinen Boden findet. 38 Ich rede, was ich bei meinem Vater gesehen habe, und so tut auch ihr, was ihr von eurem Vater gehört habt. 39 Da erwiderten sie und sagten zu ihm: Unser Vater ist Abra­ham. Jesus spricht zu ihnen: Wenn ihr Kinder Abra­hams seid, so tuet auch Abra­hams Werke. 40 Nun sucht ihr mich aber zu töten, mich, der ich euch doch die Wahrheit verkündet habe, die ich von Gott gehört. So etwas hat Abra­ham nicht getan. 41 Ihr tut die Werke eures Vaters. Da sprachen sie zu ihm: Wir sind doch keine Hurenkinder! Wir haben Einen Vater, Gott. 42 Jesus sagte zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, so würdet ihr doch mich lieben. Ich bin von Gott ausgegangen und gekommen. Ich bin nämlich nicht von mir selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt. 43 Warum versteht ihr meine Rede nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt. 44 Ihr habt den Teufel zum Vater und die Begierden eures Vaters wollt ihr erfüllen. Er war von Anfang an ein Menschenmörder und steht nicht in der Wahrheit, weil in ihm keine Wahrheit ist. Wenn er Lügen redet, redet er aus seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge. 45 Wenn aber ich die Wahrheit rede, so glaubt ihr mir nicht. 46 Wer aus euch kann mich einer Sünde überführen? Wenn ich die Wahrheit sage, warum glaubt ihr mir nicht? 47 Wer aus Gott ist, der hört Gottes Wort. Darum hört ihr es nicht, weil ihr nicht aus Gott seid. 38-47: Mit fast erschreckender Deutlichkeit offenbarte Jesus hier die tiefsten Ursachen der Feindschaft gegen seine Lehre. Wer die Lüge zum Prinzip erhebt, kann nie ein Jünger Christi werden, der die Wahrheit selber ist. Wenn Jesus den Teufel als Vater seiner Feinde bezeichnet, meint er die Geistesverwandtschaft; denn vorher hat er ja Abra­ham als ihren leiblichen Ahnherrn genannt. 48 Da entgegneten die Juden und sagten zu ihm: Sagen wir nicht mit Recht, daß du ein Samariter bist und vom Teufel besessen? 49 Jesus antwortete: Ich bin nicht vom Teufel besessen, sondern ich ehre meinen Vater, ihr aber verunehrt mich. 50 Doch ich suche meine Ehre nicht. Es ist einer da, der sie sucht und richtet. 51 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn einer mein Wort hält, so wird er den Tod in Ewigkeit nicht schauen. 52 Darauf sagten die Juden zu ihm: Nun erkennen wir, daß du von einem bösen Geiste besessen bist. Abra­ham und die Propheten sind gestorben, und du sagst: Wenn einer mein Wort hält, der wird den Tod nicht verkosten in Ewigkeit. 53 Bist du vielleicht größer als unser Vater Abra­ham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben. Zu was machst du dich selbst? 54 Jesus sagte: Wenn ich mich selbst rühme, so ist meine Ehre nichts. Mein Vater ist es, der mich verherrlicht, von dem ihr saget, er sei euer Gott. 55 Doch ihr habt ihn nicht erkannt. Ich aber kenne ihn. Würde ich sagen, ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner, gleich wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte sein Wort. 56 Abra­ham, euer Vater, hat frohlockt, daß er meinen Tag sehen werde. Er sah ihn und freute sich. 56: Schon bei der Geburt Isaaks begann für Abra­ham das Schauen der messianischen Heilszeit. Vom Jenseits her sah er den menschgewordenen Messias in seinem Amt. 57 Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast den Abra­ham gesehen? 58 Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abra­ham ward, bin ich. 59 Da hoben sie Steine, um nach ihm zu werfen. Jesus aber verbarg sich und ging aus dem Tempel hinweg. 59: Es wurde immer noch an den Nebenbauten des Tempels gebaut, so daß Steine umherlagen.

 

Jesus und der Blindgeborene

9 Heilung des Blindgeborenen. Im Vorübergehen sah er einen Menschen, der von Geburt an blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder dieser noch seine Eltern haben sich versündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. 2-3: Jesus teilt nicht die Auffassung der Juden, jedes Leiden sei Sündenstrafe. Wir müssen die Werke dessen tun, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Nach diesen Worten spuckte er auf den Boden, bereitete mit dem Speichel einen Teig, strich den Teig auf seine Augen und sprach zu ihm: Gehe hin und wasche dich im Teiche Siloe — das heißt übersetzt: Gesandter. Er ging, wusch sich und kam sehend wieder. Da sagten die Nachbarn und die, welche ihn früher gesehen hatten, weil er ein Bettler war: Ist das nicht der, der da saß und bettelte? Die einen sagten: Ja, er ist es, aber andere: Keineswegs, sondern er sieht ihm ähnlich. Er selbst sprach: Ich bin es. 10 Da sagten sie zu ihm: Wie sind dir denn die Augen geöffnet worden? 11 Er entgegnete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sprach zu mir: Gehe an den Siloe und wasche dich. Ich ging, wusch mich und sah. 12 Sie fragten ihn: Wo ist jener? Er erwiderte: Ich weiß es nicht.

 

Verhör des geheilten Blinden durch die Pharisäer. 13 Darauf führten sie den, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. 14 Es war aber Sabbat an dem Tag, an dem Jesus den Teig gemacht und seine Augen geöffnet hatte. 15 Auch die Pharisäer fragten ihn wieder, wie er sehend geworden sei. Er sagte zu ihnen: Er hat mir einen Teig auf die Augen gelegt, ich habe mich gewaschen, und jetzt sehe ich. 16 Da sprachen einige von den Pharisäern: Dieser Mensch, der den Sabbat nicht hält, ist nicht aus Gott. Andere aber meinten: Wie kann ein Sünder solche Wunder tun? So waren die Meinungen geteilt. 17 Darum fragen sie den Blinden aufs neue: Was sagst du von ihm, da er dir doch die Augen geöffnet hat? Er aber antwortete: Daß er ein Prophet ist. 18 Die Juden wollten nun nicht von ihm glauben, daß er blind gewesen und sehend geworden sei. Darum riefen sie die Eltern des geheilten Blinden 18: Wo schlechter Wille ist, kann auch ein offensichtliches Wunder nicht den Glauben wecken. Wie sich die Männer der Behörde drehen und wenden, um an der Wahrheit vorbeizukommen, und wie an dem gesunden Menschenverstand des Geheilten ihre Kunst scheitert, ist köstlich dargestellt. 19 und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, er sei blind geboren? Wie ist er jetzt sehend geworden? 20 Seine Eltern erwiderten und sprachen: Wir wissen, daß dies unser Sohn ist und daß er blind geboren ist. 21 Wie er aber jetzt sehend geworden ist, wissen wir nicht, oder wer ihm die Augen geöffnet hat, wissen wir nicht. Fragt ihn selbst! Er ist alt genug. Er selbst mag über sich Auskunft geben. 22 So sagten seine Eltern aus Furcht vor den Juden. Die Juden hatten es nämlich schon abgemacht, wenn jemand ihn als den Messias bekenne, solle er aus der Synagoge ausgeschlossen werden. 23 Aus diesem Grunde sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst. 24 Nun ließen sie den Mann, der blind gewesen war, ein zweites Mal kommen und sprachen zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist. 25 Jener erwiderte: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Eines weiß ich, daß ich blind war und jetzt sehe. 26 Sie fragten ihn nun: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? 27 Er antwortete: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht darauf gehört. Was wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden? 28 Da beschimpften sie ihn und sprachen: Magst du sein Jünger sein. Wir aber sind des Moses Jünger. 29 Wir wissen, daß Gott mit Moses geredet hat. Von diesem aber wissen wir nicht, woher er ist. 30 Jener Mensch entgegnete ihnen und sagte: Das ist ja gerade das Wunderliche, daß ihr nicht wisset, woher er ist, und er hat doch meine Augen aufgetan. 31 Wir wissen doch, daß Gott Sünder nicht erhört. Wer aber gottesfürchtig ist und Gottes Willen tut, den erhört er. 32 Solange die Welt steht, hat man noch nicht gehört, daß jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. 33 Wenn dieser nicht aus Gott wäre, so hätte er nichts vermocht. 34 Da sagten sie zu ihm: Du bist ganz in Sünden geboren und willst uns belehren? Und sie stießen ihn aus.

 

Der Geheilte wird gläubig. 35 Jesus hörte, daß sie ihn ausgestoßen hatten. Als er ihn traf, fragte er ihn: Glaubst du an den Menschensohn? 36 Jener erwiderte und sagte: Herr, wer ist es, damit ich an ihn glaube? 37 Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn vor Augen. Der mit dir redet, der ist es. 38 Er aber sagte: O Herr, ich glaube, und warf sich vor ihm nieder. 39 Jesus sagte: Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen, damit die, welche nicht sehen, sehen, und die, welche sehen, blind werden. 39: Jesus ist die Sonne der Wahrheit. Das gesunde Auge freut sich ihres Lichtes, das kranke wird geblendet durch eigene Schuld. 40 Das hörten einige Pharisäer, die bei ihm waren, und sagten zu ihm: Sind wir vielleicht auch blind? 41 Jesus erwiderte ihnen: Wäret ihr blind, so hättet ihr keine Sünde. Nun aber sprecht ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

 

Gleichnisse

10 Jesus der gute Hirte. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Türe in den Schafstall eintritt, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Türe eintritt, der ist ein Hirt der Schafe. Dem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, er ruft seine eigenen Schafe mit Namen und führt sie hinaus. Hat er seine Schafe herausgelassen, so geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern vor ihm fliehen, denn die Stimme der Fremden kennen sie nicht. Dieses Gleichnis sprach Jesus zu ihnen. Sie aber verstanden nicht, was er ihnen damit sagen wollte. Darum sprach Jesus wieder zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. 7: Es gibt keinen anderen Zugang zum Reiche Gottes als Christus Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber, und die Schafe hörten nicht auf sie. Ich bin die Tür. Wer durch mich eingeht, dem wird geholfen sein. Er wird eingehen und ausgehen und Weide finden. 10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu töten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es reichlich haben. 11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte setzt sein Leben ein für die Schafe. 12 Der Mietling aber, der kein Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, läßt die Schafe im Stich und flieht, und der Wolf fällt die Schafe an und jagt sie auseinander. Der Mietling aber flieht, 13 weil er Mietling ist und ihm nichts an den Schafen liegt. 14 Ich bin der gute Hirt und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, 15 wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne, und ich gebe mein Leben für die Schafe. 16 Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Schafstalle sind. Auch sie muß ich herführen, sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirt werden. 17 Der Vater liebt mich deshalb, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu gewinnen. 1-17: Das Bild des Hirten und seiner Herde kannten die Hörer aus täglicher Anschauung. 18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich gebe es freiwillig hin, ich habe die Macht, es hinzugeben, und habe die Macht, es wieder zu gewinnen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater erhalten. 18: Erlösungstod ist nicht stumme Ergebung eines Kraftlosen in sein Geschick, sondern ganz freie Liebestat. 19 Wegen dieser Reden wurden die Juden wieder uneins. 20 Viele von ihnen aber sagten: Er ist besessen und wahnsinnig, was hört ihr ihn an? 21 Andere sagten: Das sind nicht die Worte eines Besessenen. Kann denn ein böser Geist Blinden die Augen öffnen?

 

Die Rede am Tempelweihfest

Die Einheit des Sohnes mit dem Vater. 22 Danach fand das Fest der Tempelweihe in Jerusalem statt. Es war Winter. 23 Da ging Jesus im Tempel in der Halle Salomons umher. 24 Die Juden umringten ihn und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns noch in Unsicherheit? Wenn du der Messias bist, so sage es uns offen. 25 Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubet nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters wirke, die geben von mir Zeugnis. 26 Ihr aber glaubet nicht, weil ihr nicht von meinen Schafen seid. 27 Meine Schafe hören meine Stimme, ich kenne sie, und sie folgen mir. 28 Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden in Ewigkeit nicht verlorengehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen. 29 Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alle, und niemand vermag sie der Hand des Vaters zu entreißen. 30 Ich und der Vater sind eins. 31 Da schleppten die Juden wieder Steine herbei, um ihn zu steinigen. 32 Jesus antwortete ihnen: Viele gute Werke habe ich euch von meinem Vater her gezeigt. Für welches dieser Werke steinigt ihr mich? 33 Die Juden erwiderten ihm: Wegen eines guten Werkes steinigen wir dich nicht, sondern wegen der Gotteslästerung, weil du dich selbst zu Gott machst, da du doch ein Mensch bist. 34 Jesus entgegnete ihnen: Steht nicht in eurem Gesetze geschrieben: Ich sprach: Götter seid ihr? (Ps 82,6.) 35 Wenn er also die Götter genannt hat, an welche das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht ungültig werden kann, 36 was sagt ihr dann zu dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst Gott, weil ich sagte: Ich bin Gottes Sohn? 37 Wenn ich die Werke meines Vaters nicht tue, so glaubet mir nicht. 38 Wenn ich sie aber tue und ihr mir nicht glauben wollt, so glaubet doch den Werken, damit ihr erkennet und einsehet, daß der Vater in mir ist und ich im Vater bin. 34-38: Jesus nimmt für sich die Gottessohnschaft im eigentlichen Sinn in Anspruch, nicht nur im moralischen Sinn oder als Adoptivsohn. Er ist gleicher Natur und Wesenheit mit dem Vater. So haben ihn die Gegner verstanden, und so wollte er verstanden sein. 39 Da suchten sie ihn wieder zu ergreifen. Er aber entzog sich ihren Händen.

 

Jesus im Ostjordanland. 40 Und er begab sich wieder über den Jordan an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte. Dort blieb er. 41 Viele kamen zu ihm und sprachen: Johannes hat zwar kein Wunder gewirkt, aber alles, was Johannes von diesem gesagt hat, ist wahr gewesen. 42 Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.

 

Jesus und Lazarus

11 Der Tod des Lazarus. Es war aber einer krank, Lazarus aus Bethanien, dem Dorfe Marias und ihrer Schwester Martha. Das war jene Maria, welche den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihren Haaren getrocknet hat. Ihr Bruder Lazarus war nun krank. 1-2: Wäre Marthas Schwester dieselbe Person wie Maria Magdalena, dann hieße Bethanien bei Jerusalem nicht „Dorf Marias“, weil Maria Magdalena ihren Namen von dem Ort Magdala am See Genesareth hat. Maria von Bethanien ist auch nicht die bekehrte Sünderin (Lk 7,36-50), denn diese lebte in einer Stadt Galiläas. Johannes weist hier auf die in Bethanien erfolgte Salbung Jesu durch Maria hin, weil Matthäus und Markus den Namen Marias nicht genannt hatten. Die Schwestern schickten hin und ließen ihm sagen: Herr, siehe, den du liebhast, der ist krank. Als Jesus es hörte, sagte er: Diese Krankheit führt nicht zum Tode, sondern dient zur Ehre Gottes. Der Sohn Gottes soll durch sie verherrlicht werden. Jesus liebte aber die Martha, ihre Schwester Maria und den Lazarus. Da er nun hörte, er sei krank, blieb er noch zwei Tage an dem Orte, wo er war. Erst als diese um waren, spricht er zu den Jüngern: Wir wollen nach Judäa zurückkehren. Die Jünger sagen zu ihm: Meister, eben wollten dich die Juden steinigen, und nun gehst du wieder hin? Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? 10 Wenn jemand bei Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht; wenn aber einer bei Nacht umhergeht, stößt er an, weil kein Licht in ihm ist. 11 So sprach er, und danach sagt er zu ihnen: Unser Freund Lazarus schläft. Allein ich gehe hin, um ihn aufzuwecken. 12 Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, wird er gesund werden. 13 Jesus hatte jedoch von seinem Tode gesprochen. Sie aber glaubten, er rede von der Ruhe des Schlafes. 14 Darum sprach Jesus jetzt offen zu ihnen: Lazarus ist gestorben. 15 Ich freue mich um euretwillen, daß ich nicht dort war, damit ihr glaubet. Laßt uns nun zu ihm gehen. 16 Da sagte Thomas, der Zwilling genannt wurde, zu seinen Mitjüngern: Laßt auch uns hingehen, um mit ihm zu sterben.

 

Martha und Maria. 17 Als Jesus ankam, fand er ihn bereits vier Tage im Grabe liegen. 18 Bethanien aber lag nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. 18: Der Weg führt über den Ölberg. Fünfzehn Stadien = 2,7 Kilometer. 19 Viele von den Juden waren zu Martha und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten. 20 Als nun Martha von der Ankunft Jesu hörte, ging sie ihm entgegen. Maria dagegen blieb zu Hause sitzen. 21 Martha sprach nun zu Jesus: Herr, wärest du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben. 22 Aber auch jetzt weiß ich, daß Gott dir alles geben wird, um was du ihn bittest. 23 Jesus erwidert ihr: Dein Bruder wird auferstehen. 24 Martha sagt zu ihm: Ich weiß, daß er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage. 25 Jesus sprach zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist. 26 Und jeder, der im Leben an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben. Glaubst du das? 27 Sie sagt zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn [des lebendigen] Gottes, der in die Welt kommen soll. 21-27: Dieses Zwiegespräch voll tiefster Trostgedanken aus dem Glauben an die Auferstehung verwendet die Kirche als Evangelium in der Meßliturgie am Tage der Beerdigung. Was Jesus hier von sich aussagt, setzt die göttliche Wesenheit seiner Person voraus. 28 Nachdem sie das gesagt hatte, ging sie weg und rief heimlich ihre Schwester Maria mit den Worten: Der Meister ist da und ruft dich. 29 Wie aber jene dies hörte, stand sie schnell auf und kam zu ihm. 30 Jesus aber war noch nicht in das Dorf gekommen, sondern war an dem Orte, wo Martha ihn getroffen hatte, geblieben. 31 Als die Juden, die bei ihr im Hause waren und sie trösteten, sahen, daß Maria schnell aufstand und hinausging, meinten sie, sie gehe zum Grabe, um dort zu weinen, und folgten ihr. 32 Wie nun Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füße mit den Worten: Herr, wärest du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben. 33 Da Jesus sie und die Juden in ihrer Begleitung weinen sah, wurde er im Innern erschüttert und tief erregt. 34 Er sprach: Wo habt ihr ihn hingelegt? Sie antworten ihm: Herr, komm und sieh! 35 Und Jesus weinte. 36 Da sagten die Juden: Seht, wie lieb er ihn hatte. 37 Einige aus ihnen aber sprachen: Hätte der, welcher die Augen des Blindgeborenen öffnete, nicht auch machen können, daß dieser nicht starb? 37: Der Haß findet in allem einen Grund zum Nörgeln.

 

Jesus erweckt den Lazarus. 38 Jesus erschauert aufs neue in seinem Innern und geht ans Grab. Dies war eine Höhle, und ein Stein lag davor. 38: Die seelische Erschütterung Jesu ist nicht nur hervorgerufen durch menschliches Mitleid, sondern durch den Gedanken an die Herrschaft des Todes, an das bevorstehende eigene Todesleiden und an den schlimmsten Tod vieler unter den Zeugen, die im Unglauben vorsätzlich verharren. 39 Jesus sagt: Nehmet den Stein weg! Martha, die Schwester des Verstorbenen, entgegnet ihm: Herr, er riecht schon, denn er ist bereits vier Tage tot. 40 Jesus spricht zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt, wenn du glaubst, werdest du die Herrlichkeit Gottes sehen? 41 Nun hoben sie den Stein weg. Jesus aber blickte aufwärts und sagte: Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast. 42 Ich wußte zwar, daß du mich immer erhörst, aber wegen des Volkes, das herumsteht, habe ich es gesagt, damit sie glauben, daß du mich gesandt hast. 43 Und nachdem er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus! 44 Da kam der Verstorbene heraus. Hände und Füße waren ihm mit Tüchern verbunden, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch umwickelt. Jesus sagt zu ihnen: Macht ihn los und laßt ihn gehen.

 

Wirkung dieses Wunders. 45 Viele von den Juden, die zu Maria [und Martha] gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan, glaubten an ihn. 46 Einige aus ihnen aber gingen zu den Pharisäern und erzählten ihnen, was Jesus getan hatte. 47 Die Oberpriester und Pharisäer beriefen darauf den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir, da dieser Mensch viele Wunder wirkt? 48 Wenn wir ihn so gewähren lassen, so werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die [heilige] Stätte und das Volk wegnehmen. 49 Einer aber von ihnen, namens Kaiphas, der in jenem Jahre Hoherpriester war, sagte zu ihnen: 50 Ihr wisset nichts und bedenket nicht, daß es für euch besser ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht. 51 Das sprach er aber nicht aus sich selbst, sondern da er in jenem Jahre Hoherpriester war, weissagte er, daß Jesus für das Volk sterben werde, 52 und nicht allein für das Volk, sondern auch, um die zerstreuten Kinder Gottes zu sammeln und zu vereinigen. 49-52: Gott benutzt den unwürdigen Träger der Hohenpriesterwürde, um die Allgemeinheit der Erlösung verkünden zu lassen. 53 Von jenem Tage an waren sie entschlossen, ihn zu töten. 54 Jesus bewegte sich darum nicht mehr öffentlich unter den Juden, sondern zog sich in die Gegend nahe bei der Wüste zurück, in eine Stadt, die Ephraim heißt. Dort hielt er sich mit den Jüngern auf. 55 Das Osterfest der Juden aber war nahe. Da zogen viele aus dem Lande vor dem Osterfeste nach Jerusalem hinauf, um die Reinigungsgebräuche mitzumachen. 56 Sie suchten nun Jesus, standen im Tempel zusammen und sagten zueinander: Was meint ihr? Er wird wohl nicht zum Feste kommen? 57 Die Oberpriester und Pharisäer aber hatten Befehle erlassen, wer wisse, wo er sei, habe es anzuzeigen, damit man ihn festnehmen könne.

 

12 Salbung Jesu. Sechs Tage vor dem Osterfeste kam nun Jesus nach Bethanien, wo Lazarus wohnte, den Jesus von den Toten auferweckt hatte. Dort bereiteten sie ihm ein Gastmahl, und Martha bediente, Lazarus aber war einer von denen, die mit ihm zu Tische saßen. Da nahm Maria ein Pfund kostbarer Salbe von echter Narde, salbte die Füße Jesu und trocknete seine Füße mit ihren Haaren ab; das Haus aber wurde von dem Duft der Salbe erfüllt. Einer aber aus seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn verraten sollte, sagt: Warum hat man diese Salbe nicht um dreihundert Denare verkauft und den Armen gegeben? Das sagte er aber nicht, weil ihm an den Armen etwas gelegen war, sondern weil er ein Dieb war, den Beutel führte und von dem, was hineingelegt wurde, unterschlug. Jesus erwiderte: Lasset sie, damit sie dies für den Tag meines Begräbnisses verbrauche. 7: Was Maria tat, hatte prophetischen Sinn. Es war eine Vorwegnahm der Salbung des Leichnams Jesu. Auch dieses Wort Jesu beweist, daß Maria von Bethanien nicht Maria Magdalena ist, denn diese nahm an der Grablegung teil und ging am Ostermorgen wieder zum Grabe, um die Salbung des Leichnams zu vollenden. Arme habt ihr nämlich immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer. 1-8: Vgl. Mt 26,6-13; Mk 14, 3-9. Die Veranstaltung des Gastmahls für den Geächteten war ein mutiges Bekenntnis. Die große Menge der Juden erfuhr, daß er dort sei, und sie kamen nicht allein um Jesu willen, sondern auch, um den Lazarus zu sehen, den er von den Toten auferweckt hatte. 10 Die Oberpriester dachten aber daran, auch den Lazarus zu töten. 11 Denn um seinetwillen gingen viele Juden hin und glaubten an Jesus. 10-11: Die einzige Schuld des Lazarus ist sein erfolgreiches Wirken für Jesus.

 

Jesus in Jerusalem

Einzug in Jerusalem. 12 Am andern Tage ging die große Menge, die zum Feste gekommen war und gehört hatte, daß Jesus nach Jerusalem komme, 13 ihm mit den Palmzweigen entgegen und rief. Hosanna! Hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König Israels! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht: 15 Fürchte dich nicht, Tochter Sion! Siehe, dein König kommt, sitzend auf dem Füllen einer Eselin (Zach 9, 9). 16 Dies verstanden seine Jünger anfangs nicht. Aber als Jesus verherrlicht war, da erinnerten sie sich, daß dies von ihm geschrieben war und daß sie dies an ihm getan hatten. 17 Das Volk, das bei ihm gewesen war, als er den Lazarus aus dem Grabe gerufen und ihn von den Toten auferweckt hatte, legte Zeugnis davon ab. 18 Deshalb zog ihm auch die Volksmenge entgegen, weil sie gehört hatte, er habe dieses Wunderzeichen gewirkt. 19 Die Pharisäer aber sprachen zueinander: Da seht ihr, daß ihr nichts ausrichtet; siehe, die [ganze] Welt ist ihm nachgelaufen. 12-19: Vgl. Mt 21,1-11; Mk 11,1-10; Lk 19,29-44.

 

Letzte Rede Jesu im Tempel. 20 Es waren aber unter denen, die hinaufgezogen waren, um am Feste anzubeten, einige Griechen. 21 Diese gingen zu Philippus, der aus Bethsaida in Galiläa war und baten ihn: Herr, wir möchten Jesus sehen. 22 Philippus geht und sagt es dem Andreas, und Andreas und Philippus melden es Jesus. 20-22: Diese Griechen waren Heiden, denen das Heidentum nicht mehr genügte. Als ehrliche Sucher nach der Wahrheit läßt Gott sie den Weg zu Christus finden. 23 Jesus aber erwidert ihnen und sagt: Die Stunde ist gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. 25 Wer sein Leben liebt, verliert es, wer aber sein Leben in dieser Welt haßt, der wird es für das ewige Leben bewahren. 24-25: Was Jesus von sich sagt, gilt auch für die Seinen. 26 Wenn jemand mir dienen will, der folge mir nach, und wo ich bin, da soll auch mein Diener sein. Wenn jemand mir dient, den wird mein Vater ehren. 27 Nun ist meine Seele erschüttert, und was soll ich sagen? Vater, rette mich aus dieser Stunde? Doch deshalb bin ich in diese Stunde eingetreten: 27: Das schwerste Leid nimmt der Erlöser mutig auf sich, weil er dadurch den Vater verherrlicht. 28 Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. 29 Das Volk, das dastand und dies hörte, sprach, es habe gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat mit ihm geredet. 30 Jesus aber antwortete und sagte: Nicht um meinetwillen ist diese Stimme gekommen, sondern um euretwillen. 31 Jetzt ist das Gericht dieser Welt. Jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgestoßen. 32 Ich aber, wenn ich erhöht sein werde von der Erde, werde alle zu mir ziehen. 32: Für niemand schlagen so viele Herzen wie für Christus. Sich bewußt seiner Liebe entziehen, bedeutet schwerste Schuld. 33 Das aber sagte er, um die Art seines Todes anzudeuten. 34 Das Volk erwiderte ihm: Wir haben aus dem Gesetze gehört, daß der Messias ewig bleibe. Wie sagst du nun: Der Menschensohn muß erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? 35 Da sagt Jesus zu ihnen: Noch eine kleine Weile ist das Licht unter euch. Geht euren Weg, solange ihr das Licht habet, damit die Finsternis euch nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, weiß nicht, wo er hingeht. 36 Glaubet an das Licht, solange ihr das Licht habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet. Also sprach Jesus. Dann ging er weg und verbarg sich vor ihnen.

 

Rückblick auf die Wirksamkeit. 37 Obwohl er aber so viele Wunder vor ihnen gewirkt hatte, glaubten sie nicht an ihn. 38 So sollte das Wort des Propheten Isaias in Erfüllung gehen, das er gesprochen hat: O Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt? Und wem ist der Arm des Herrn offenbar gemacht? (Is 53, 1.) 39 Sie konnten nicht glauben, denn wiederum hat Isaias gesagt: 40 Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verhärtet, daß sie nicht sehen mit ihren Augen und nicht einsehen mit ihrem Herzen noch sich bekehren, und ich sie heile (Is 6,9. 10). 41 So sagte Isaias, da er seine Herrlichkeit schaute, und von ihm hat er gesprochen. 42 Doch glaubten selbst viele von den Ratsherren an ihn, nur bekannten sie es der Pharisäer wegen nicht offen, um nicht aus der Synagoge gestoßen zu werden. 43 Denn sie schätzten die Ehre bei den Menschen höher als die Ehre bei Gott. 37-43: Das Geheimnis der Gnade und das Geheimnis der Bosheit hat von jeher die denkenden Menschen beschäftigt. Jedem wird die hinreichende Gnade angeboten (38). Lehnt er sie stolz ab, dann verfällt er durch eigene Schuld in Verstocktheit. Der übernatürliche Lebenskeim stirbt in ihm ab.

 

Jesu göttliche Sendung. 44 Jesus aber rief mit lauter Stimme: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. 45 Und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. 46 Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. 47 Wenn jemand meine Worte hört, aber nicht befolgt, so richte nicht ich ihn. Denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu retten. 48 Wer mich ablehnt und meine Worte nicht annimmt, der hat seinen Richter. Das Wort, das ich gesprochen habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage. 49 Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir geboten, was ich reden und verkünden soll. 50 Und ich weiß, sein Gebot ist ewiges Leben. Was ich also rede, rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat. 44-50: Wer Christus verneint, verneint Gott; denn Christus und der Vater sind eins.

 

Jesu Selbstoffenbarung im Kreise der Seinen

 

Abschiedsfeier

13 Fußwaschung. Das Osterfest war nahe. Jesus wußte, daß seine Stunde gekommen sei, da er aus dieser Welt zum Vater gehen sollte; und da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, so liebte er sie bis ans Ende. Das Abendmahl hatte begonnen, und schon hatte der Teufel dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, ins Herz gegeben, ihn zu verraten. Jesus wußte, daß der Vater alles in seine Hände gegeben hatte, daß er von Gott aus gegangen sei und zu Gott zurückkehre. So steht er vom Mahle auf, legt sein Oberkleid ab, nahm ein Linnentuch und band es sich um. Darauf gießt er Wasser in ein Becken und fing an, die Füße der Jünger zu waschen und mit dem Tuche, womit er umgürtet war, abzutrocknen. So kommt er zu Simon Petrus; der aber sagt ihm: Herr, du willst mir die Füße waschen? Jesus erwiderte und sagte zu ihm: Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht, wirst es aber nachher verstehen. Petrus sagt zu ihm: In Ewigkeit sollst du mir die Füße nicht waschen. Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, wirst du keine Gemeinschaft mit mir haben. Da sagt Simon Petrus zu ihm: Herr, nicht allein meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. 10 Jesus sagt zu ihm: Wer ein Bad genommen, hat nur nötig, die Füße zu waschen, sonst ist er ganz rein. Auch ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Denn er wußte, wer ihn verraten würde, darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. 12 Nachdem er ihnen nun die Füße gewaschen und sein Oberkleid genommen hatte, ließ er sich wieder nieder und sagte zu ihnen: Versteht ihr, was ich euch getan habe? 13 Ihr nennt mich Meister und Herr, und ihr sprecht recht, denn ich bin es. 14 Wenn nun ich, der Herr und der Meister, eure Füße gewaschen habe, dann müsset auch ihr einander die Füße waschen. 15 Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr tuet, wie ich euch getan habe. 14-15: Jesus fordert nicht die Wiederholung der gleichen äußeren Handlung, sondern die Betätigung der gleichen demütigen Liebe. Erst die Gesinnung gibt den „religiösen Übungen“ Wert. 16 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr, noch der Gesandte größer als der ihn gesandt hat. 17 Wenn ihr dies wisset so seid ihr selig, wenn ihr es tut. 17: Christentum ist kein bloßes Wissen um Christus, sondern Christusnachfolge in der Tat. 18 Nicht von euch allen rede ich. Ich weiß, wen ich erwählt habe; allein die Schrift muß erfüllt werden: Der mein Brot ißt, hat seine Ferse gegen mich erhoben. 19 Schon jetzt sage ich es euch, ehe es geschieht, damit ihr glaubet, wenn es geschehen ist, daß ich es bin. 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer einen aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf. Wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.

 

Entlarvung des Verräters. 21 Nachdem Jesus dies gesprochen hatte, wurde er im Geiste erschüttert und beteuerte: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten. 22 Da schauten die Jünger einander an, ratlos, wen er meine. 23 Einer von seinen Jüngern aber, der, den Jesus liebte, ruhte an der Brust Jesu. 24 Diesem winkt Simon Petrus und sagt zu ihm: Frage, wer es ist, den er meint. 25 Darauf lehnte sich dieser so [ohne Umstände] an die Brust Jesu und sagte zu ihm: Herr, wer ist es? 26 Jesus antwortet: Der ist's, dem ich den Bissen eintunken und reichen werde. Darauf tunkt er den Bissen ein und gibt ihn dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sagt Jesus zu ihm: Was du tun willst, das tue gleich. 28 Niemand von den Tischgenossen verstand aber, warum er so zu ihm sagte. 29 Denn einige meinten, weil Judas die Kasse führte, habe Jesus ihm sagen wollen: Kaufe, was wir zum Feste brauchen, oder er solle den Armen etwas geben. 30 Als nun jener den Bissen genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht. 30: Bei der Eucharistiefeier war Judas nicht mehr zugegen 26-30: Beim Ostermahl war eine Tunke aus verschiedenen Früchten vorgeschrieben, Charoset genannt. Wenn der Vorsitzende einem Tischgenossen einen Bissen eintunkte und reichte, galt das als Ehrung wie bei uns das Erheben des Glases und das Zutrinken.

 

Abschiedsreden

Das neue Gebot. 31 Als er hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht. 32 Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, so wird Gott auch ihn in sich selbst verherrlichen, und er wird ihn alsbald verherrlichen. 33 Kindlein, nur noch eine kleine Weile bin ich bei euch. Ihr werdet mich suchen, aber was ich den Juden sagte, das sage ich jetzt auch euch: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. 34 Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebet, so, wie ich euch geliebt habe, sollt auch ihr einander lieben. 34 Die Nächstenliebe ist zwar schon im Gesetz des Alten Bundes vorgeschrieben, aber wegen des weiteren Umfanges, des reicheren Inhaltes. des höheren Grades und der tieferen Begründung kann Christus von einem neuen Gebot, von „seinem Gebot“ sprechen. 35 Daran sollen alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe zueinander habt.

 

Jesus weissagt die Verleugnung des Petrus. 36 Da spricht Simon Petrus zu ihm: Herr, wo gehst du hin? Jesus entgegnete: Wo ich hingehe, kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst aber später folgen. 37 Petrus sagt zu ihm: Herr, weshalb kann ich dir jetzt nicht folgen? Ich will mein Leben für dich hingegeben. 38 Jesus erwidert: Du willst dein Leben für mich hingeben? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, ehe du mich dreimal verleugnet hast.

 

Erste Trostrede

14 Euer Herz erschrecke nicht. Ihr glaubet an Gott, glaubet auch an mich! Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wäre es nicht so, so hätte ich es euch gesagt. Denn ich gehe hin, euch ein Heim zu bereiten. Wenn ich hingegangen bin und euch ein Heim bereitet habe, so komme ich wieder und will euch zu mir nehmen, damit ihr auch seiet, wo ich bin. Wohin ich gehe, wisset ihr und kennt auch den Weg. Da sagt Thomas zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, wie können wir den Weg wissen? Jesus antwortete ihm: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als durch mich. Hättet ihr mich erkannt, so würdet ihr auch meinen Vater kennen. Von nun an kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. Philippus sagt zu ihm: Herr, zeige uns den Vater und es genügt uns. Jesus erwidert ihm: So lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt? Philippus, wer mich gesehen hat, hat auch den Vater gesehen. Wie kannst du da sagen: Zeige uns den Vater? 10 Glaubst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir aus, vielmehr tut der Vater, der in mir bleibt, seine Werke. 11 Glaubet mir, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist. Wenn nicht, dann glaubet doch um der Werke selbst willen. 10-11: Vater und Sohn sind eins in der Wesenheit, die der Vater in ewiger Zeugung dem Sohne schenkt.

 

12 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird auch selber die Werke, die ich wirke, vollbringen, ja er wird noch größere tun als diese; denn ich gehe zum Vater. 12: Nach dem Heimgang des Sohnes zum Vater werden die Jünger das Werk Christi mit wachsendem Erfolg fortsetzen. 13 Und ich werde tun, um was immer ihr [den Vater] in meinem Namen bitten werdet, damit der Vater im Sohne verherrlicht werde. 13: Im Namen Jesu heißt, in der lebendigen Einheit mit Jesus bitten, wie sie durch Gnade geschaffen wird. 14 Ich werde tun, um was ihr mich in meinem Namen bitten werdet. 15 Wenn ihr mich liebet, so haltet meine Gebote. 16 Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen andern Beistand geben, der ewig bei euch bleiben soll, 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 1-17, 26: Die Abschiedsreden Jesu mit dem hohenpriesterlichen Gebet gehören zu den schönsten Teilen der Heiligen Schrift. Sie gewähren uns tiefen Einblick in das Herz des Erlösers und sind eine unerschöpfliche Trostquelle für jedes gläubige Menschenherz. 18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. 19 Noch eine kleine Weile, und die Welt sieht mich nicht mehr. Ihr aber sehet mich, denn ich lebe, und ihr werdet leben. 20 An jenem Tage werdet ihr erkennen, daß ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. 21 Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt. Wer aber mich liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. 22 Da sagt zu ihm Judas, nicht der Iskariot: Herr, was ist geschehen, daß du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt? 23 Jesus erwiderte und sagte zu ihm: Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. 24 Wer mich nicht liebt, hält meine Worte nicht. Das Wort aber, das ihr höret, ist nicht mein, sondern dessen Wort, der mich gesandt hat, des Vaters.

 

Verleihung des Friedens. 25 Dies habe ich zu euch geredet, da ich noch bei euch bin. 26 Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. 27 Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch, nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht! 28 Ihr habt gehört, daß ich euch sagte: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Wenn ihr mich liebtet, so würdet ihr euch freuen, daß ich zum Vater gehe, denn der Vater ist größer als ich. 28 Der Sohn ist Gott wie der Vater; aber als Mensch ist er dem Vater untergeordnet. 29 Nun habe ich es euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr glaubet, wenn es geschieht. 30 Nicht mehr vieles werde ich mit euch reden. Denn es kommt der Fürst dieser Welt, aber an mir hat er keinen Teil. 31 Die Welt aber soll erkennen, daß ich den Vater liebe und tue, wie mir der Vater geboten hat. Stehet auf, laßt uns von hinnen gehen!

 

Zweite Trostrede

15 Jesus der wahre Weinstock. Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er weg, und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibet in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe von sich selbst keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibet. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt viele Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun. Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er wie ein Rebzweig hinausgeworfen, und er verdorrt. Man liest sie auf, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, so möget ihr bitten, um was ihr nun wollt, und es wird euch zuteil werden. Dadurch ist mein Vater verherrlicht, daß ihr viele Frucht bringt und euch als meine Jünger erweist. 1-8 Die absolute Notwendigkeit der gnadenvollen Lebensgemeinft mit Christus wird in diesem Gleichnis klar gelehrt.

 

Das Gebot der Liebe. Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibet in meiner Liebe! 10 Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 11 Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde. 11: Trotz aller Leiden ist die Religion Jesu die reichste Freudenquelle. Für den leiden zu dürfen, mit dem uns innigste Liebe verbindet, beglückt. 12 Das ist mein Gebot, daß ihr einander liebet, wie ich euch geliebt habe. 13 Eine größere Liebe hat niemand, als die, daß er sein Leben für seine Freunde hingibt. 14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch heiße. 15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt, denn ich habe euch alles geoffenbart, was ich von meinem Vater gehört habe. 16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und euch dazu bestellt, daß ihr hingeht und Frucht bringet und eure Frucht daure, damit der Vater euch alles gebe, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 16: Berufung ist Gnade. Auserwähltenstolz ist Torheit. 17 Dies trage ich euch auf: Liebet einander!

 

Schicksal der Jünger. 18 Wenn die Welt euch haßt, so wisset, daß sie mich vor euch gehaßt hat. 19 Wäret ihr von der Welt, so würde die Welt das ihrige lieben. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch von der Welt auserwählt habe, darum haßt euch die Welt. 20 Gedenket des Wortes, das ich zu euch gesprochen habe: Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen; haben sie mein Wort gehalten, so werden sie auch das eure halten. 21 Dies alles aber werden sie euch um meines Namens willen antun, weil sie den, der mich gesandt hat, nicht kennen. 18 ff: Die Leidensgemeinschaft mit Christus gehört notwendig zur Lebensgemeinschaft mit ihm, solange der Kampf zwischen Gut und Böse noch nicht beendet ist. 22 Wäre ich nicht gekommen und hätte nicht zu ihnen geredet, so hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde. 23 Wer mich haßt, der haßt auch meinen Vater. 24 Wenn ich unter ihnen nicht die Werke getan hätte, die kein anderer je tat, so hätten sie keine Sünde. Nun aber haben sie diese gesehen und hassen trotzdem mich und meinen Vater. 25 Aber es mußte das Wort erfüllt werden, das in ihrem Gesetze geschrieben steht: Sie haben mich gehaßt ohne Grund (Ps 25,19). 26 Wenn aber der Beistand kommen wird, den ich vom Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird von mir Zeugnis geben. 27 Und auch ihr gebt Zeugnis, weil ihr von Anfang an bei mir seid.

 

16 Dieses habe ich zu euch geredet, damit ihr keinen Anstoß nehmt. Sie werden euch aus den Synagogen ausstoßen, ja es kommt die Stunde, da jeder, der euch tötet, glaubt, Gott einen [heiligen] Dienst zu leisten. Solches werden sie euch antun, weil sie weder den Vater noch mich kennen. 4a Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr daran denket, daß ich es euch gesagt habe, wenn die Stunde dafür kommt. 4b Von Anfang an habe ich euch das nicht gesagt, weil ich bei euch war. Nun aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du? Sondern die Traurigkeit hat euer Herz erfüllt, weil ich euch dies gesagt habe.

 

Der Trost des Heiligen Geistes. Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, daß ich hingehe; denn, wenn ich nicht hingehe, so wird der Beistand nicht zu euch kommen. Wenn ich aber hingehe, so werde ich ihn zu euch senden. Wenn jener kommt, wird er die Welt überführen von der Sünde und von der Gerechtigkeit und vom Gerichte. Von der Sünde, weil sie nicht an mich geglaubt haben. 10 Von der Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr sehen werdet. 11 Von dem Gerichte aber, weil der Fürst dieser Welt gerichtet ist. 8-11: Der Heilige Geist setzt das Werk Christi fort. In seinem Lichte muß die Welt erkennen, daß es Sünde ist, Christus abzulehnen, der die gerechteste Sache auf Erden vertreten hat und doch gekreuzigt wurde. Ein strenges Gericht ist die notwendige Folge. 12 Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht tragen. 13 Doch wenn jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit einführen. Denn er wird nicht von sich aus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. 14 Er wird mich verherrlichen, denn er wird von dem Meinigen nehmen und es euch verkünden. 15 Alles, was der Vater hat, ist mein. Darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem Meinigen und wird es euch verkünden. 13-15: Der Vater hat die göttliche Wesenheit und damit alle Wahrheit ewig aus sich selbst, der Sohn empfängt sie in der ewigen Zeugung vom Vater, der Heilige Geist durch den ewigen Ausgang aus dem Vater und dem Sohne.

 

Trennung und Wiedersehen. 16 Eine kleine Weile, und ihr seht mich nicht mehr, und wiederum eine kleine Weile, und ihr werdet mich wiedersehen, [denn ich gehe zum Vater.] 17 Da sagten einige Jünger zueinander: Was heißt das, was er zu uns sagt: Eine kleine Weile, und ihr seht mich nicht mehr, und wieder eine kleine Weile, und ihr werdet mich wiedersehen? Und: Ich gehe zum Vater? 18 Sie sprachen also: Was heißt das, was er sagt: Eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet. 19 Jesus merkte, daß sie ihn fragen wollten, und sagte zu ihnen: Ihr fragt euch untereinander darüber, daß ich sprach: Eine kleine Weile, und ihr sehet mich nicht mehr, und wiederum eine kleine Weile, und ihr werdet mich wiedersehen. 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und wehklagen, die Welt aber wird sich freuen. Ihr werdet trauern, aber eure Trauer wird sich in Freude verwandeln. 21 Die Frau ist traurig, wenn sie gebären soll, weil ihre Stunde gekommen ist; hat sie aber das Kind geboren, so denkt sie nicht mehr an die Pein aus Freude darüber, daß ein Mensch zur Welt geboren ward. 21: Jede christliche Frau darf in den Mühen und Beschwerden der Mutterschaft Trost und Kraft aus der Tatsache schöpfen, daß der Sohn Gottes in dieser weihevollen Stunde durch den Hinweis auf ihr Leid und ihre Freude seine Jünger ermutigt hat. 22 Auch ihr seid jetzt traurig, ich werde euch aber wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude wird euch niemand nehmen. 23 An jenem Tage werdet ihr mich nach nichts mehr fragen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bittet, wird er es euch geben in meinem Namen. 23: Das Bitten hört auf, wenn die Stunde der beseligenden Erfüllung anbricht. Dann wird das Beten zum jubelnden Preis und Dank. 24 Bisher habt ihr um nichts in meinem Namen gebeten. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen sei. 25 Dieses habe ich in Bildreden zu euch geredet. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildreden zu euch reden, sondern euch offen vom Vater Kunde geben werde. 26 An jenem Tage werdet ihr in meinem Namen bitten, und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten werde. 27 Denn der Vater selbst liebt euch, weil ihr mich geliebt und geglaubt habt, daß ich von Gott ausgegangen bin.

 

Blick in die Zukunft. 28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen. Ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater. 29 Da sagen seine Jünger: Siehe, jetzt redest du offen und sprichst nicht mehr bildlich. 30 Jetzt wissen wir, daß du alles weißt und nicht nötig hast, daß dich jemand frage. Darum glauben wir, daß du von Gott ausgegangen bist. 31 Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubet ihr? 32 Sehet, es kommt die Stunde, ja, sie ist schon gekommen, daß ihr zerstreut werdet, ein jeder in sein Obdach, und mich allein lasset. Ich aber bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. 33 Das habe ich euch gesagt, auf daß ihr Frieden in mir habet. In der Welt habt ihr Drangsal, doch seid getrost: Ich habe die Welt überwunden.

 

Das hohepriesterliche Gebet

17 Jesu Gebet für sich. Nach diesen Worten erhob Jesus seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche. So wie du ihm Macht gabst über alles Fleisch (= über alle Menschen), damit er allem, was du ihm gegeben hast, ewiges Leben gebe. Das aber ist das ewige Leben, daß sie dich, den allein wahren Gott, erkennen, und den du gesandt hast, Jesus Christus. Ich habe dich auf Erden verherrlicht, indem ich das Werk vollendete, das du mir zu tun aufgetragen hast. Jetzt verherrliche auch du mich, o Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehedem die Welt war.

 

Jesu Gebet für die Jünger. Ich habe deinen Namen den Menschen geoffenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben, und dein Wort haben sie bewahrt. Nun haben sie erkannt, daß alles, was du mir gabst, von dir ist. Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben, und sie nahmen sie an und haben wahrhaftig erkannt, daß ich von dir ausgegangen bin, und geglaubt, daß du mich gesandt hast. Ich bitte für sie. Nicht für die Welt bitte ich, sondern für sie, die du mir gegeben hast, denn sie sind dein. 9: Jesus hat bei vielen Gelegenheiten für die gottentfremdete Welt gebetet, auch noch am Kreuze. Aber in der Abschiedsstunde von den Seinen stehen diese seinem Herzen am nächsten. 10 Und alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein. und ich bin in ihnen verherrlicht. 11 Ich bin nicht mehr in der Welt, sie aber sind in der Welt, während ich zu dir komme. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, auf daß sie eins seien, so wie wir. 12 Solange ich bei ihnen war, habe ich sie bewahrt in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ist verlorengegangen außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde. 13 Jetzt aber komme ich zu dir und spreche dies in der Welt, damit sie meine Freude vollkommen in sich haben. 14 Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehaßt, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin. 15 Ich bitte nicht, du mögest sie von der Welt wegnehmen, sondern daß du sie vor dem Bösen bewahrest. 16 Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin. 17 Heilige sie in der Wahrheit. Dein Wort ist Wahrheit. 18 Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe ich auch sie in die Welt gesandt. 19 Und für sie weihe ich mich selbst, damit auch sie geweiht seien in Wahrheit.

 

Gebet für alle Gläubigen. 20 Doch nicht nur für sie bitte ich, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben, 21 damit alle eins seien, wie du, o Vater, in mir und ich in dir, so sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast. 22 Ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien, wie wir eins sind: 23 Ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien, damit die Welt erkenne, daß du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast. 24 Vater, ich will, daß die, welche du mir gegeben hast, dort bei mir seien, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast. Denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt. 25 Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, aber ich habe dich erkannt, und diese haben erkannt, daß du mich gesandt hast. 26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgemacht und werde ihn kundmachen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen. 20-26: Unsere Einheit mit Christus und untereinander soll jener Einheit des Wesens gleichen, die Gott dem Vater und dem Sohn ewig eigen ist 1-26: Bevor Christus als Hoherpriester sich selbst zum Opfer brachte, hat er diesen unvergleichlichen „Introitus“ gesprochen, zugleich das ergreifende Abendgebet seines Lebens. Der ewige Vater möge die Früchte des Erlösungsopfers dem Erlöser selbst (1-5), den Jüngern (6-19) und allen Erlösten (20-26) zuwenden.

 

Jesu Leiden und Tod

18 Jesu Gefangennahme. Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus über den Winterbach Kedron. Dort war ein Garten, in den er mit seinen Jüngern hineinging. Es kannte aber auch Judas, der Verräter, den Ort, denn Jesus war mit seinen Jüngern dort oft zusammengekommen. Judas hatte nun die Kohorte sowie von den Oberpriestern und Pharisäern Knechte erhalten und geht dorthin mit Laternen, Fackeln und Waffen. Jesus aber, der alles wußte, was über ihn kommen sollte, trat vor und spricht zu ihnen: Wen suchet ihr? Sie erwiderten ihm: Jesus von Nazareth. Er sagt zu ihnen: Ich bin es. Aber auch Judas, sein Verräter, stand bei ihnen. Da er ihnen nun sagte: Ich bin es, wichen sie zurück und fielen zu Boden. Wiederum fragte er sie: Wen suchet ihr? Sie aber sagten: Jesus von Nazareth. Jesus erwiderte: Ich habe euch gesagt, daß ich es bin. Wenn ihr also mich suchet, so lasset diese gehen. So sollte das Wort erfüllt werden, das er gesprochen hatte: Von denen, die du mir gegeben hast, habe ich keinen verlorengehen lassen. 10 Da nun Simon Petrus ein Schwert bei sich hatte, zog er es heraus, schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab. Der Knecht aber hieß Malchus. 11 Da sprach Jesus zu Petrus: Stecke dein Schwert in die Scheide. Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir der Vater gereicht hat?

 

Jesus vor Annas und Kaiphas — Verleugnung des Petrus. 12 Die Kohorte, der Oberst und die Knechte der Juden ergriffen nun Jesus und banden ihn. 13 Sie führten ihn zuerst zu Annas; denn dieser war der Schwiegervater des Kaiphas, des Hohenpriesters in jenem Jahr. 13: Annas war früher ebenfalls Hoherpriester und besaß noch großen Einfluß. 14 Kaiphas aber war es, der den Juden den Rat gegeben hatte, es sei besser, daß ein einzelner Mensch für das Volk sterbe. 1-14: Vgl. Mt 26,36. 47-56; Mk 14,32. 43-52; Lk 22,39. 47-53. 15 Simon Petrus aber und ein anderer Jünger folgten Jesus. Jener Jünger aber war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus in den Vorhof des Hohenpriesters hinein. 15: Der ungenannte Jünger scheint der Evangelist Johannes selbst gewesen zu sein. 16 Petrus aber stand draußen an der Türe. Da ging der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, hinaus, sprach mit der Türhüterin und führte den Petrus hinein. 17 Da sagt die Magd an der Türe zu Petrus: Gehörst nicht auch du zu den Jüngern dieses Menschen? Der sagt: Nein. 18 Die Knechte und Gerichtsdiener aber, die wegen der Kälte ein Kohlenfeuer angezündet hatten, standen da und wärmten sich. Zu ihnen hatte sich auch Petrus hingestellt, um sich zu wärmen. 19 Nun verhörte der Hohepriester Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. 20 Jesus erwiderte ihm: Ich habe öffentlich zur Welt geredet. Ich habe stets in der Synagoge und im Tempel gelehrt, wo alle Juden sich versammeln, und im verborgenen habe ich nichts gesprochen. 21 Was fragst du mich? Frage die, die es gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. Siehe, diese wissen, was ich gesagt habe. 22 Als er aber dies gesagt hatte, gab einer der Knechte, der dabei stand, Jesus einen Backenstreich und sprach: Antwortest du so dem Hohenpriester? 23 Jesus entgegnete ihm: Habe ich unrecht geredet, so beweise es, daß es unrecht war, habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich? 23: Jesu Verhalten zeigt, daß seine Mahnung in der Bergpredigt (Mt 5,39) nicht für alle Fälle gilt. 24 Nun schickte ihn Annas gebunden zum Hohenpriester Kaiphas. 25 Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Nun sprachen sie zu ihm: Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern? Er leugnete und sprach: Ich bin es nicht. 26 Da sagt einer von den Knechten des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: Habe ich dich nicht im Garten bei ihm gesehen? 27 Wiederum leugnete Petrus, und sogleich krähte der Hahn. 12-27: Vgl. Mt 26,57-75; Mk 14,53-72; Lk 22,54-71.

 

Vor dem römischen Richter. 28 Von Kaiphas führen sie dann Jesus in das Gerichtshaus. Es war aber frühmorgens. Sie selber gingen nicht in das Gerichtshaus hinein, damit sie sich nicht verunreinigten, sondern das Ostermahl essen könnten. 28: Da Jesus nach dem Berichte der älteren Evangelien bereits am Abend vorher das rituelle Osterlamm gegessen hat, so ist hier an ein anderes heiliges Festmahl zu denken; oder die Tage des Monates Nisan konnten in jenem Jahre wegen unbestimmter Neumondsbeobachtung verschieden gezählt werden. Vgl. Bemerkung zu 19,31. 29 Darum kam Pilatus zu ihnen heraus und sagt: Welche Anklage habt ihr gegen diesen Menschen vorzubringen? 30 Sie entgegneten und sagten zu ihm: Wenn dieser kein Übeltäter wäre, so hätten wir ihn nicht vor dich gebracht. 31 Pilatus sprach darauf zu ihnen: So nehmet ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetze. Da sagten die Juden zu ihm: Uns ist nicht gestattet, jemanden zu töten. 31: Ein Todesurteil durfte nur mit Genehmigung der römischen Behörde vollstreckt werden. 32 So sollte das Wort erfüllt werden, das Jesus gesprochen hatte, um anzudeuten, welches Todes er sterben werde. 33 Pilatus ging also wieder in das Gerichtshaus hinein, rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der König der Juden? 34 Jesus antwortete: Sagst du dies aus dir selbst, oder haben andere über mich bei dir geredet? 35 Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die Oberpriester haben dich mir überliefert. Was hast du getan? 36 Jesus erwiderte: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so hätten meine Dienstleute gekämpft, damit ich den Juden nicht überliefert würde. Nun aber ist mein Reich nicht von hier. 37 Da sprach Pilatus zu ihm: Also bist du ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren, und dazu bin ich in die Welt gekommen, daß ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme. 38 Pilatus sagt zu ihm: Was ist Wahrheit? Nach diesen Worten ging er wieder zu den Juden hinaus und sagt zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. 37-38: Dieses feierliche Selbstzeugnis für Christi Königtum ist uns ebenso wie die Verse 31-33 durch ein Blatt aus der ältesten bisher entdeckten Bibelhandschrift des Neuen Testamentes erhalten geblieben, noch nicht fünfzig Jahre nach Abfassung des Evangeliums geschrieben, und zwar in Ägypten. 39 Es ist aber bei euch Brauch, daß ich euch auf das Osterfest einen freilasse. Wollt ihr also, daß ich euch den König der Juden freilasse? 40 Da schrien sie wieder und riefen: Nicht diesen, sondern den Barabbas. Barabbas aber war ein Räuber.

 

19 Geißelung und Dornenkrönung. Hierauf nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen, setzten sie ihm aufs Haupt und bekleideten ihn mit einem Purpurmantel. Sie traten zu ihm hin und sagten: Sei gegrüßt, du König der Juden, und schlugen ihm ins Angesicht. Danach trat Pilatus aufs neue hinaus und sagt zu ihnen: Seht, ich führe ihn euch heraus, damit ihr erkennet, daß ich keine Schuld an ihm finde. Jesus kam nun heraus und trug die Dornenkrone und den Purpurmantel. Pilatus sagt zu ihnen: Ecce homo! Sehet, welch ein Mensch! Da die Oberpriester und die Diener ihn erblickten, schrien sie: Kreuzige, kreuzige ihn! Pilatus spricht zu ihnen: So nehmt ihr ihn und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. Da entgegneten ihm die Juden: Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben, denn er hat sich selbst zum Sohne Gottes gemacht. Da nun Pilatus dieses Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr. 8: Die Furcht des Pilatus wächst durch den Aberglauben. Die Heiden erzählten sich von Göttern, die auf Erden erschienen seien und sich an denen rächten, die sie nicht gut aufgenommen hatten. Er ging in das Gerichtshaus zurück und sagt zu Jesus: Wo bist du her? Jesus aber gab ihm keine Antwort. 10 Da sagt Pilatus zu ihm: Du sprichst nicht mit mir? Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich freizusprechen, und Macht, dich zu kreuzigen? 11 Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben worden wäre. Darum hat der, welcher mich überliefert hat, eine größere Sünde. 11: Der Gottessohn bettelt nicht um die Gunst des Richters, sagt ihm sogar, sein Nachgeben sei Sünde, wenn auch die Schuld der Juden größer ist.

 

Todesurteil gegen Jesus. 12 Auf dieses hin suchte ihn Pilatus freizulassen. Die Juden aber schrien: Wenn du diesen freilässest, bist du kein Freund des Kaisers, jeder, der sich zum Könige macht widersetzt sich dem Kaiser. 13 Da nun Pilatus diese Worte hörte, ließ er Jesus herausführen und setzte sich auf den Richterstuhl an dem Platz, der Lithostrotos, auf hebräisch aber Gabbatha heißt. 13: Pilatus war schon früher beim Kaiser verklagt worden wegen unnötiger Verletzung des religiösen Empfindens der Juden. Bei erneuter Klage fürchtet er die kaiserliche Gunst ganz zu verlieren. 14 Es war aber der Rüsttag des Osterfestes, um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Seht, euer König! 15 Da schrien jene: Hinweg, hinweg! Kreuzige ihn! Pilatus entgegnet: Euren König soll ich kreuzigen? Die Oberpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser. 18,28-19,15: Vgl. Mt 27,11-31; Mk 15,1-20, Lk 23,1-25.

 

Kreuzigung Jesu. 16a Jetzt übergab er ihnen Jesus zur Kreuzigung. 16b Sie übernahmen also Jesus, 17 und er ging, indem er sich selbst das Kreuz trug, hinaus zur sogenannten Schädelstätte, die hebräisch Golgotha heißt. 17: Der Golgothahügel lag damals außerhalb der Stadtmauern; heute liegt er fast in der Mitte der später neugebauten Stadt. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere rechts und links von ihm, Jesus aber in der Mitte. 19 Pilatus hatte auch eine Aufschrift abgefaßt und oben am Kreuz anheften lassen. Sie lautete: Jesus von Nazareth, der König der Juden. 20 Diese Aufschrift nun lasen viele von den Juden; denn der Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt, und sie war hebräisch, lateinisch und griechisch geschrieben. 21 Darum sagten die Oberpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern: Er hat gesagt: Ich bin der König der Juden. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. 23 Als nun die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und teilten sie in vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, und dazu den Leib­rock. Der Leib­rock aber war ohne Naht, von oben an ganz durchgewebt. 24 Da sagten sie zueinander: Wir wollen ihn nicht zerschneiden, sondern um ihn losen, wem er gehören soll; damit die Schrift erfüllt würde: Sie haben meine Kleider unter sich verteilt und das Los geworfen über mein Gewand (Ps 22, 19). So taten also die Soldaten. 25 Neben dem Kreuze Jesu aber standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, des Kleophas Frau, und Maria von Magdala. 26 Da nun Jesus seine Mutter und den Jünger, den er liebte, dastehen sah, spricht er zur Mutter: Frau, siehe da, dein Sohn! 27 Darauf spricht er zu dem Jünger: Siehe da, deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger in sein Haus auf. 26- 27: Der Erlöser hat uns allen seine eigene Mutter zur Mutter gegeben. Zur Religion Jesu gehört also auch die Verehrung der Gottesmutter.

 

Tod Jesu. 28 Hierauf sagt Jesus, weil er wußte, daß schon alles vollbracht sei, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet (Ps 69, 22). 29 Es stand nun ein Gefäß voll Essig da; sie nahmen einen Schwamm voll Essig, steckten ihn auf einen Hysopstengel und brachten ihn an seinen Mund. 30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Darauf neigte er sein Haupt und gab den Geist auf. 28-30: Auch diese einzige Bitte um eine Erleichterung in seinen Qualen spricht Jesus vor allem aus, um bis zum letzten den Willen des Vaters zu erfüllen.

 

31 Die Juden baten nun, weil es Rüsttag war, damit die Leichen nicht während des Sabbats am Kreuze blieben — denn jener Sabbat war ein großer Festtag — den Pilatus, er möge ihnen die Schenkel zerschlagen und sie wegschaffen lassen. 31. Diese Zeitbestimmung zeigt, daß der Evangelist auch 18,28 und 19,14 nicht den 14. Nisan als Todestag Jesu nennt. 32 Da kamen die Soldaten und zerschlugen die Schenkel der beiden, die mit ihm gekreuzigt worden waren. 33 Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, daß er schon tot war, zerschlugen sie seine Schenkel nicht, 34 sondern einer von den Soldaten stieß ihm mit der Lanze in die Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus. 31-34: Durch das Zerschmettern der Schenkel mit einer Keule sollte der Tod beschleunigt werden. Der Lanzenstoß in die Seite Jesu war nicht soldatischer Übermut, sondern ein Gnadenstoß für den Fall, daß etwa doch noch Leben da wäre. 35 Und der dies gesehen, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahrhaftig. Er weiß, daß er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubet. 36 Denn dies ist geschehen, damit die Schrift in Erfüllung gehe: Kein Knochen soll an ihm zerbrochen werden (2 Mos 12,46; Ps 34,21). 37 Und wieder eine andere Schriftstelle sagt: Sie werden schauen auf den, den sie durchstochen haben (Zach 12,10). 16-37: Vgl. Mt 27,32-56; Mk 15,21-41; Lk 23,26-49.

 

Grablegung. 38 Joseph von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, und zwar aus Furcht vor den Juden im geheimen, bat danach den Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen. Pilatus gestattete es. Darum ging er hin und nahm den Leichnam Jesu ab. 39 Aber auch Nikodemus, der einst bei Nacht zum erstenmal zu Jesus gekommen war, kam und brachte eine Mischung von Myrrhe und Aloe, gegen hundert Pfund. 40 Nun nahmen sie den Leichnam Jesu und umbanden ihn samt den Spezereien mit Leinenbinden, wie es bei den Juden Brauch ist beim Begraben. 41 An dem Orte aber, wo er gekreuzigt wurde, war ein Garten und in dem Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war. 42 Dorthin legten sie nun Jesus wegen des Rüsttags der Juden, weil das Grab in der Nähe war. 38-42: Vgl. Mt 27,57-61; Mk 15,42-47; Lk 23,50-55. Der am Freitag bei Sonnenuntergang beginnende Sabbat nötigte zur Eile.

 

Der Auferstandene

20 Petrus und Johannes am Grabe. Am ersten Tage der Woche aber in der Morgenfrühe, da es noch finster war, geht Maria Magdalena an das Grab und sieht den Stein vom Grabe weggenommen. Da eilt sie fort und kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus liebte, und sagt zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grabe genommen, und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. Nun gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grabe. Beide liefen miteinander. Jener andere Jünger aber lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grabe. Er beugt sich vor und sieht die Linnentücher daliegen, ging aber nicht hinein. Darauf kommt Simon Petrus ihm nach. Er ging in das Grab hinein und sieht die Linnentücher daliegen, das Schweißtuch aber, das auf seinem Haupte gelegen hatte, lag nicht bei den Tüchern, sondern zusammengewickelt an einem Orte für sich. 7: Aus der Lage der Tücher ergab sich, daß die Leiche nicht fortgeschafft worden war; denn das sorgfältige Lösen und Falten hätte unnötige Zeit gekostet. Auch wäre der Leichnam in den Tüchern leichter zu tragen gewesen. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst ans Grab gekommen war, hinein, sah und glaubte. Sie hatten nämlich die Schrift, daß er von den Toten auferstehen müsse, noch nicht erfaßt. 10 Da gingen die Jünger wieder weg nach Hause.

 

Jesus erscheint der Maria Magdalena. 11 Maria aber stand außen am Grabe und weinte. Während sie nun weinte, beugte sie sich vor ins Grab hinein 12 und sieht zwei Engel in weißen Kleidern da sitzen, wo der Leib Jesu gelegen hatte, den einen zu Häupten, den andern zu Füßen. 13 Und sie sagen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie sagt zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 14 Nach diesen Worten wandte sie sich um und sieht Jesus dastehen. Sie wußte aber nicht, daß es Jesus war. 15 Jesus sagte zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, so sag mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich will ihn holen. 16 Da sagt Jesus zu ihr: Maria! Sie wendet sich um und sagt zu ihm auf hebräisch: Rabbuni, das heißt Meister. 17 Jesus entgegnet ihr: Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren. Geh vielmehr zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich fahre hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. 17: Nicht das Berühren verbietet Jesus, sondern das Festhalten. Die Zeit des ungestörten Zusammenseins kommt erst im Jenseits. 18 Da geht Maria Magdalena hin und meldet den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und dies habe er ihr gesagt. 1-18: Vgl. Mt 28,1-10; Mk 16,1-11; Lk 24,1-12

 

Jesus erscheint den Aposteln. 19 Als es nun Abend geworden war an jenem ersten Wochentage und dort, wo die Jünger sich aufhielten, die Türen aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus, trat mitten unter sie und sagt zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und nach diesen Worten zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Wiederum sprach Jesus zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und nachdem er dies gesagt hatte, hauchte er sie an und spricht zu ihnen: Empfanget den Heiligen Geist. 23 Welchen ihr die Sünden nachlaßt, denen sind sie nachgelassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. 21-23: Aus höchster Machtvollkommenheit verleiht Jesus seinen Aposteln die Gewalt der Sündenvergebung in der Kraft des Heiligen Geistes. Das Bußsakrament ist das Ostergeschenk des auferstandenen Erlösers. Die Unterscheidung von Nachlassen und Behalten fordert, wenn sie nicht zur Willkür werden soll, persönliches und vollständiges Sündenbekenntnis, verbunden mit Reue und Vorsatz. 19-23. Vgl. Mk 16,14; Lk 24,36-49.

 

Jesus erscheint dem Thomas. 24 Thomas aber, der Zwilling genannt wird, einer von den Zwölfen, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die andern Jünger sagten ihm: Wir haben den Herrn gesehen Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meinen Finger in das Mal der Nägel lege und meine Hand in seine Seite lege, werde ich es nie und nimmer glauben. 26 Nach acht Tagen waren seine Jünger wiederum drinnen und Thomas bei ihnen. Da kommt Jesus bei verschlossenen Türen, trat mitten unter sie und sprach: Friede sei mit euch! 27 Darauf sagte er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus spricht zu ihm: Weil du mich gesehen hast, bist du gläubig geworden? Selig sind, die nicht sehen und dennoch glauben.

 

Nachwort. 30 Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die nicht in diesem Buche aufgezeichnet sind. 31 Diese aber sind aufgeschrieben worden, damit ihr glaubet, daß Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habet in seinem Namen. 30-31: Dieser Schluß verrät, daß das letzte Kapitel ein Nachtrag ist.

 

21 Jesus erscheint den Jüngern am See Tiberias. Danach offenbarte sich Jesus den Jüngern wiederum am See von Tiberias, er offenbarte sich aber auf folgende Weise: Simon Petrus und Thomas, der der Zwilling genannt wird, und Nathanael, der aus Kana in Galiläa war, die Söhne des Zebedäus und zwei weitere Jünger waren da beisammen. Simon Petrus sagt zu ihnen. Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir gehen auch mit dir; sie gingen hinaus und bestiegen das Boot. In jener Nacht aber fingen sie nichts. Als der Morgen schon angebrochen war, stand Jesus am Ufer. Aber die Jünger wußten nicht, daß es Jesus war. Da sagt Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr etwas als Zukost? Sie antworteten ihm: Nein. Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz zur Rechten des Bootes aus, so werdet ihr etwas finden. Sie warfen es aus und konnten es nicht mehr einziehen vor der Menge der Fische. Da sagt jener Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr. Als Simon Petrus hörte, daß es der Herr sei, warf er sich sein Oberkleid um — denn er war nicht ganz bekleidet — und sprang in den See. 7: Petrus handelt so, wie bei uns jemand tun würde, der in „Hemdsärmeln“ gearbeitet hat und dann den „Rock“ anzieht, um jemand zu begrüßen. Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht weit, sondern nur etwa zweihundert Ellen vom Land entfernt, und schleppten das Netz mit den Fischen nach. Da sie ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und einen Fisch darauf liegen und Brot. 10 Jesus sagt zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg ein und zog das Netz ans Land. Es war gefüllt mit einhundertdreiundfünfzig großen Fischen. Und obwohl es so viele waren, zerriß das Netz nicht. 12 Jesus spricht zu ihnen: Kommt, frühstückt! Keiner aber von den Jüngern wagte es, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wußten, daß es der Herr war. 13 Jesus kommt, nimmt das Brot und gibt es ihnen, desgleichen auch den Fisch. 14 Dies war bereits das drittemal, daß sich Jesus nach seiner Auferstehung von den Toten seinen Jüngern offenbarte.

 

Jesus bestellt den Petrus zum Oberhirten. 15 Als sie nun gefrühstückt hatten, sagt Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebe. Der sagt zu ihm: Weide meine Lämmer! 16 Wiederum, zum zweitenmal, sagt er zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebe. Der sagt ihm: Weide meine Schafe! 17 Zum dritten Male sagt er zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus betrübt, daß er zum dritten Male sprach: Liebst du mich? und sagte zu ihm: Herr, du weißt alles, dir ist auch bekannt, daß ich dich liebe. Jesus spricht zu ihm: Weide meine Schafe. 18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und bist gegangen, wohin du wolltest; wenn du aber alt sein wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst. 19 Das sagte er aber, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde. Und nach diesen Worten sagt er zu ihm: Folge mir! 15-19: Johannes hat nichts von der Verheißung des Primates an Petrus erzählt. Sie war den Christen aus den älteren Evangelien bekannt. Die Einsetzung aber berichtet er als einziger noch lebender Augenzeuge. Dreimal läßt Jesus feierlich den Apostel seine Liebe bekennen zur Sühne der dreimaligen Verleugnung. Dann überträgt er ihm als guter Hirte die oberste Leitung seiner ganzen Herde, ehe er zum Vater zurückkehrt. Das Papsttum ist also vom Erlöser selbst eingesetzt. 20 Als Petrus sich umwandte, sieht er den Jünger folgen, den Jesus liebte, der auch beim Abendmahle an seiner Brust gelegen und gefragt hatte: Herr, wer ist es, der dich verrät? 21 Bei seinem Anblick sagt Petrus zu Jesus: Herr, was aber wird aus diesem? 22 Jesus sagt zu ihm: Wenn ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht das dich an? Du folge mir! 23 Daher ging das Gerede unter den Brüdern, jener Jünger sterbe nicht. Jesus aber hatte nicht zu ihm gesagt: Er stirbt nicht, sondern: Wenn ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht das dich an? 18-23: Petrus starb für seinen Herrn am Kreuze. Johannes ist, soweit wir wissen, der einzige Apostel, der eines natürlichen Todes starb.

 

Zeugnis über den Verfasser des Evangeliums. 24 Das ist der Jünger, der Zeugnis gibt von diesen Dingen und dies geschrieben hat, und wir wissen, daß sein Zeugnis wahr ist. 25 Jesus aber hat noch viele andere Dinge getan. Wenn man diese einzeln aufschreiben wollte, so glaube ich, nicht einmal die [ganze] Welt würde die Bücher fassen, die geschrieben werden müßten. 24-25: Die Schüler des Evangelisten widmen ihrem verehrten Lehrer diesen Nachruf.