11 April 2017

Warum man eine andere Kirche will – und warum das nicht funktioniert

Ist das Projekt „Wo Glaube Raum gewinnt“ eine neue Theologie? Oder eine alte Ideologie? Gastkommentar von Pfarrer Michael Theuerl

Teltow (kath.net) Im Herbst 2015 lädt das Erzbistum Berlin „Ehren- und Hauptamtliche“ zu einem Bibelseminar ein, in dem man lernen soll, was das II. Vatikanische Konzil und die Bibel lehren: „Kirche als gleichrangige, von Gott berufene Mitglieder des einen Gottesvolkes auf dem Weg“.

Im Frühjahr 2016 schreibt uns unser Erzbischof: „Heute erreicht Sie die Ausschreibung für ein Modellprojekt des Erzbistums, dem die geistliche Überzeugung zu Grunde liegt, dass Gott jeder Pfarrei bereits alle Gaben gegeben hat, die sie für eine zeit- und raumgemäße Verkündigung in ihrem jeweiligen Gebiet nötig hat.“

Die „Stabsstelle“ für die Umgestaltung der Pastoral verkündet bei allen Auftritten, dass es bei den zu gründenden Großpfarreien und auf dem Weg dorthin in den Pastoralausschüssen einen Leiter / Moderator gibt und alle anderen in den Gremien – bestehend aus wenigen Priestern und vielen Laien – jeder eine gleichberechtigte Stimme hat: Eine klare Absage an Hierarchie.

In einer Auseinandersetzung zwischen einem verantwortlichen Pastoralreferenten der „Stabsstelle“ und einem aus unserer Kolpingfamilie wird uns gesagt: „Es kann ja sein, dass in Teltow später noch ein Pfarrer sitzt – aber es ist nicht gesagt, dass der dann auch am Sonntag dort die Messe hält; er hat schließlich noch andere Aufgaben. Und wenn ein Wortgottesdienst gehalten wird, ist das genauso viel wert.“

Die Reihe der Beispiele ließe sich beliebig fortsetzen. Man muss nicht viel von Theologie verstehen, um zu sehen, dass hier etwas nicht stimmt: Allen Irrtümern liegt eine Idee, eine Ideologie, zugrunde, nämlich dass in der Kirche alle gleich sind und folglich auch alle das gleiche zu sagen haben – eine Leugnung des wesentlichen Unterschiedes zwischen dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen und dem Weihepriestertum, eine Leugnung der sakramental-hierarchischen Grundverfassung der Kirche, die wir eine apostolische nennen. Diese Ideologie durchzieht das ganze Projekt „Wo Glaube Raum gewinnt“. Es ist eine alte Ideologie, die Kirche an ein weltliches System anpassen zu wollen, z. Zt. Demokratie – zuletzt gefordert vom sog. „Kirchenvolksbegehren“, „Kirche von unten“, BdKJ, ZdK u.a. („mitbestimmen“ lautete das vom Diözesanrat herausgegebene Motto für die letzten Pfarrgemeinderatswahlen). Jahrelang sahen sich die deutschen Bischöfe zu einem vom ZdK geforderten „Dialogprozess“ gezwungen, bei dem es keineswegs nur um ein neues Miteinander zwischen Klerikern und Laien ging, sondern um handfeste Forderungen, Glaubensinhalte einer demokratischen Mehrheitsmeinung zu unterwerfen (z. B. Anerkennung von homosexuellen Verbindungen, Kommunionzulassung für evangelische Christen, demokratische Leitungsstrukturen …). Positive Worte wie „Wertschätzung“, „auf Augenhöhe“, „ohne Denkverbote“, „angstfrei“, „ergebnisoffen“ werden benutzt, um vorgegebene Glaubensinhalte zu diskreditieren und Demokratisierung zu fordern.